Behandlung: ja oder nein?

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clara1

Behandlung: ja oder nein?

Beitrag von clara1 » 9. Februar 2010 23:58

Hallo,

ich bin völlig ratlos und bitte um Ihren Rat!!!!!

Unser Sohn wird in drei Monaten 6 Jahre alt und dieses Jahr eingeschult. Seit er 4 ist, stottert er, indem er einzelne Wörter gelegentlich mehrfach wiederholt. Dies störte bisher niemanden (am allerwenigsten ihn selbst). Er ist ein äußerst temperamentvolles, fröhliches, mitteilungsfreudiges Kind. In seiner Sprachentwicklung war und ist er bezgl. Wortschatz, Grammtik, Syntax seinem Alter weit voraus (bestätigt von Erzieherin und Kinderarzt). Da der Kinderarzt sagte, das Stottern verwachse sich, haben wir uns darüber keinen Kopf gemacht. Außerdem wiederholt unser Sohn die Worte besonders dann, wenn er unterbrochen wird oder wenn er begeistert von etwas berichten möchte. Wir dachten daher, das Stottern sei Ausdruck seines Temperaments und daher nicht weiter schlimm.

Wegen zweier Sprechfehler (tr/kr und ein leichtes Lispeln), die bei der Einschulungsuntersuchung festgestellt wurden, haben wir eine logopäd. Behandlung begonnen (bisher 9 Sitzungen). Die tr/kr-Verwechslung hörte sofort auf, als das Kind darauf aufmerksam gemacht wurde. Am Lispeln arbeiten wir noch.
Die Logopädin thematisierte auch das Stottern und betonte, dass eine Therapie dringend geboten sei. Gleichzeitig bekam ich von der Erzieherin den Hinweis, dass das Stottern sich im Laufe des Jahres verschlimmert habe. Sie stellte fest, dass es besonders am Wochenbeginn und nach dem Urlaub auftritt und äußerte die These, dass unser familiäres Freizeitverhalten das Kind womöglich überfordere. Dem kann ich zum Teil zustimmen (bei uns ist am Wochende immer Action, erst recht im Urlaub, aber unser Kind genießt das - also EUSTRESS, kein DISTRESS). Die Logopädin hingegen sagt, hier gebe es keinen kausalen Zusammenhang, sondern das Stottern sei ein Fehlfunktion der Sprechwerkzeuge. Insbesondere Lippen und Backen seien zu schwach (kann ich bestätigen, denn schon das Stillen klappte nicht, weil das Kind zu wenig saugte). Deshalb sollen wir nun mit dem "Face Former" trainieren.

Mein Sohn geht überhaupt nicht gern zur Logopädin, verweigert sich oft (völlig untypisch für ihn!). Daheim übt er zwar täglich mit mir, aber eher widerstrebend. ER SCHÄMT SICH (möchte z.B. nicht mit der Oma über die Therapie reden und will nicht, dass seine Freunde davon erfahren). Spreche ich ihn auf das Stottern an, sagt er "sei still!".

Nun meine Frage:
Einserseits scheint ja der Fokus der Stotter-Therapie darauf zu liegen, Sprechhemmungen abzubauen. Mein Kind HAT ABER BISHER KEINE SPRECHHEMMUNGEN. Im Gegenteil: Ich glaube, durch die Therapie würden bei meinem Sohn Sprechhemmungen aufgebaut werden!!!!
Auch meine Intuition als Mutter (Kind nicht unnötig quälen) tendiert dazu, die Therapie abzubrechen.
Andererseits heisst es, nur durch eine frühzeitige Therapie könne man das Stottern heilen. Und ich möchte natürlich, dass mein Kind bis zum Schuleintritt diese Behinderung (für die er bestimmt gehänselt wird) los ist.
WAS TUN?????!!!

Herzlichen Dank
von einer besorgten Mutter!

Bettina
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Re: Behandlung: ja oder nein?

Beitrag von Bettina » 10. Februar 2010 18:55

Sehr geehrte Ratsuchende,

ich habe Ihre Anfrage gelesen und werde heute, am Mittwochabend antworten. Weil ich in der Nacht in Ruhe daran arbeite, haben Sie die Antwort spätestens am Donnerstagmorgen hier im Forum stehen.

Mit besten Grüßen,
Bettina

Bettina
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Re: Behandlung: ja oder nein?

Beitrag von Bettina » 11. Februar 2010 05:32

Sehr geehrte Ratsuchende,

Ihr „Hilferuf“ bezüglich Ihres Sohnes spricht verschiedene Themen an. Da geht es um sein Stottern, um logopädische Therapie, um das Zusammenleben als Familie und um Ihre konkreten Fragen zum weiteren Vorgehen.
Lassen Sie uns mit dem Stottern beginnen. Ich möchte zu Beginn in eigenen Worten zusammenfassen, wie Ihr Sohn stottert, damit Sie genau wissen, von welchen Bedingungen ich bei Ihrer Beratung ausgehe.
Seit ungefähr 2 Jahren wiederholt Ihr Sohn einzelne Wörter gelegentlich mehrfach. Ich verstehe das so, dass er immer mal wieder ein ganzes Wort mehrmals spricht. Zum Beispiel: „Und und und und dann sind wir alle noch rausgegangen.“ Oder: „Ich ich ich ich bin jetzt dran.“ Diese Wortwiederholungen häufen sich, wenn der Sprechdruck steigt und/oder Emotionen mit im Spiel sind. Dem Kindergarten ist das bekannt, der Familie auch. Die Familie und er selbst machten sich bisher darüber keine Sorgen, weil der Junge seine Sprechfreude behielt und keine negativen Reaktionen wie Abbruch der Kommunikation, Umbauen der Sätze, genervtes Verhalten oder übertriebene körperliche Bewegungen auf seine Wiederholungen zeigte. Der Kinderarzt spricht davon, das sich das von alleine verwächst.
Dies alles hat Sie als Familie dazu bewogen, wegen dieser Sprechprobleme keinen Fachmann zu Rate zu ziehen. Soviel zur Zusammenfassung der Stottersituation wie sie sich mir anhand Ihrer Beschreibungen darstellt.
Nun zu meinen Gedanken dazu.
Streng genommen zählen Wiederholungen ganzer Wörter erst einmal nicht zum klassischen Bild von Stottern. Von Stottern spricht man dann, wenn Silben oder Laute von Wörtern wiederholt werden (z.B. „U-u-u-und dann sind wir alle noch ra-ra-ra-rausgegangen.“), wenn diese gedehnt werden (z.B. „Uuuuuuuund dann siiiiiind wir alle noch rausgegangen“) oder wenn Blockaden das Kind vollständig verstummen lassen (z.B. „-----------und dann sind wir alle noch r---------------------ausgegangen.“).
Ihre beschriebenen Wortwiederholungen passen auf den ersten Blick (im Laufe der Zeilen werde ich noch einen zweiten Blick ansprechen) nicht zum klassischen Bild der Sprechstörung Stottern.
Im Laufe ihrer Sprachentwicklung zeigen alle Kinder phasenweise bestimmte Formen von Unflüssigkeiten. Und zwar spannungsfreie Wiederholungen ganzer Wörter im Satz. Diese Art von Unflüssigkeiten nennen sich „Entwicklungsunflüssigkeiten“ und sie gehören in verschiedener Intensität zur Sprachentwicklung eines jeden Kindes auf diesem Erdball. Für mich stellt sich also nun zuerst einmal die Frage: stottert Ihr Sohn überhaupt? Oder steckt er nur sehr intensiv in diesen Entwicklungsunflüssigkeiten? Es wäre unprofessionell, an dieser Stelle eine Diagnose zu formulieren. Für eine gute Diagnose (Stottern oder Entwicklungsunflüssigkeiten?) muss man das Kind erleben, es in verschiedenen Situationen sprechen hören, eine ausführliche Anamnese durch Elterngespräche erstellen, das Umfeld (z.B. Kindergarten, Tagesmutter) befragen und die Belastungsintensität, die durch das Sprechen des Kindes in ihm selbst und in der Familie entsteht, ermitteln. All das ist mir über das Forum nicht möglich. Aber ich kann Informationen geben und verschiedene Situationen gedanklich durchgehen, um Ihr Wissen zu steigern und um Ihr Handeln in eine gute und sinnvolle Richtung zu lenken.
Vorhin habe ich davon geschrieben, dass auf den ersten Blick die von Ihnen beschriebenen Wortwiederholungen nicht zum klassischen Stottern passen sondern eher für entwicklungsbedingte Unflüssigkeiten sprechen. Wenn man sich über Entwicklungsunflüssigkeiten genauer informiert, findet man auch Zeitangaben. Diese Forum der Unflüssigkeiten tritt klassischerweise nicht länger als für einen Zeitraum von höchstens acht Monaten auf. Nun hat Ihr Sohn schon zwei Jahre mit diesen Wortwiederholungen zu tun, was für die klassische Form entwicklungsbedingter Unflüssigkeiten ungewöhnlich lang ist. Dies veranlasst mich zu einem zweiten, etwas anderen Blick auf seine Symptome. Ich denke dabei jetzt praktisch laut nach…denn wie schon gesagt kann ich hier keine Diagnose stellen.
Wenn Menschen stottern, bemerken sie ganz ganz kurz vor dem unflüssigen Wort, dass sie jetzt gleich stottern werden. Kinder tun das also auch, nur können sie es nicht so explizit beschreiben oder ausdrücken, wenn man sie danach fragt. Es liegt in der Natur der meisten Menschen, dass sie ihr Stottern ungut finden und somit möchten sie es vermeiden. Jeder Mensch findet zur Vermeidung der Unflüssigkeiten andere Wege. Ein Weg kann sein, das Wort vor dem eigentlich „gefährlichen“ Wort mehrfach zu wiederholen. Anstatt offensichtlich stottern zu müssen „Und da-da-da-da-dann sind wir alle noch rausgegangen.“ Entscheidet sich der Sprecher für „Und und und dann sind wir alle noch rausgegangen.“. Das kleinere Übel also….die (sich oft angespannt anhörenden) Wortwiederholung als „Starter“ oder „Zeitbeschaffer“, um das eigentlich schwierige Wort flüssig aussprechen zu können….Mittels Überlegungen in diese Richtung muss ein Stottertherapeut, der Ihren Sohn umfassend diagnostiziert feststellen: Stottern (der Kindergarten spricht von einer „Verschlimmerung“…) mit Vermeideverhalten oder eine besonders hartnäckige Form von Entwicklungsunflüssigkeiten oder (auf den dritten Blick) eine sprecherische Angewohnheit, sich gegen Unterbrechungen zu wehren oder im Redefluss zu bleiben, auch wenn man noch gar nicht fertig überlegt hat, was man eigentlich als nächstes sagen möchte….?
Ihr Kinderarzt spricht von „Verwachsen“. Tatsächlich hat er damit gar nicht so Unrecht. Wie schon erwähnt, verschwinden die entwicklungsbedingten Unflüssigkeiten innerhalb von mehreren Monaten. Echtes Stottern verwächst sich in 60 bis 80% aller Fälle auch wieder. Mädchen tun sich mit dem „Verwachsen“ leichter als Jungen (das liegt am Aufbau des Gehirns). Im Kindesalter kommt auf einen stotternden Jungen ein stotterndes Mädchen. Im Erwachsenenalter kommt auf drei bis vier stotternde Männer eine Frau. Niemand weiß, welches Kind sein Stottern verliert. Mit einer guten (!!!) Therapie steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind mit dem Stottern aufhört auf bis zu 87%. Das heißt: ein Kind das angespannt stottert und Vermeideverhalten zeigt und das von seinem Stottern genervt ist und wo die Eltern sich Sorgen machen, profitiert von einer intensiven Elternberatung und (wenn der Sottertherapeut das als nötig erachtet und die Eltern dabei ein gutes Gefühl haben und das Kind einigermaßen motiviert ist) einer (guten!!!) Therapie.
Dies waren nun die Punkte, die ich bezüglich der Beschreibung des Sprechens Ihres Sohnes loswerden wollte. Sie haben nun mehr Informationen und können damit hoffentlich die Gedanken, die Sie zum Sprechen Ihres Sohnes von anderer Seite vermittelt bekommen, sinnvoll verarbeiten und bewerten, indem Sie sie mit meinen Gedanken abgleichen und verbinden.

Zur Logopädie sind Sie eigentlich wegen einer ganz anderen Sache gekommen. Nämlich wegen der Lautvertauschungen und wegen des Lispelns. Gerade bei den Lautvertauschungen ist es auf jeden Fall sinnvoll, diese bis zum Schulbeginn behoben zu haben. Lesen und Schreibenlernen gelingen dann etwas einfacher.
Das Lispeln kann auf jeden Fall auch schon mitbehandelt werden. Wenn es sich wirklich nur um ein Lispeln handelt (das Kind kann aufgrund fehlender Zungen- und Lippenmuskelkraft die Zunge beim Aussprechen des „s“ nicht hinter den Zähnen halten, es schluckt vielleicht auch so, dass es beim Schlucken die Zunge nach vorn drückt und damit auch die Zähne verschieben kann – was wiederum das Hintenhalten der Zungen beim „s“ erschwert und später vielleicht eine Zahnspange erforderlich macht) und das Kind kann „sch“ und „ch“ gut aussprechen und vom „s“ unterscheiden, dann kann man sich mit der Behandlung aber auch noch bis zum Ende der zweiten Klasse Zeit lassen. Dann sind die zweiten Zähne da und die Kinder verstehen besser, dass sie wirklich auch Zungenkraft üben müssen, was die Sache manchmal für die Kinder vereinfacht. Wenn es um eine Spange geht, sollte vor der Spangenbehandlung die Zunge für die Bildung des „s“ hinter den Zähnen und für das korrekte Schlucken kräftig genug sein – sonst zieht die Spange die Zähne in die richtige Richtung und die Zunge drückt sie wieder in die falsche Richtung…Viele Kinder schaffen die Lispeltherapie gut im Alter Ihres Sohnes – aber wenn er Probleme damit hat kann man die Therapie wahrscheinlich auch noch verschieben.
Wenn ich das richtig verstehe, hat die Logopädin im Zuge ihrer Arbeit an der Aussprache auch das Stottern thematisiert und nun wirken Sie als Mutter verunsichert. Sie möchten nichts übertreiben – aber auch nichts versäumen. Was ich als nächstes tun möchte, ist, die Informationen/Aussagen der Erzieherinnen und der Logopädin zum Thema Stottern zu ergänzen.
Die Erzieherinnen sprechen von einer Überforderungssituation in der Familie. Zu viel Stress im Freizeitverhalten. Wenn ein echtes Stottern vorliegt, ist am Entstehen des Stotterns niemand schuld, weil die Anlage für diese Sprechbehinderung auf einer winzigen Fehlfunktion im Gehirn beruht und diese ist angeboren. Bei der Aufrechterhaltung und bei der Intensität des Stotterns kann die familiäre Umgebung eine Rolle spielen. Jede Art von Druck, jede Art von Emotion (negativ und positiv) kann das Stottern beeinflussen. In manchen Fällen und Situationen kann die Familie darauf Rücksicht nehmen und den Stress (egal welcher) reduzieren, ohne dass das Familiensystem dabei ins Wanken gerät. Viele Faktoren, die Stress in der Familie bedeuten können, kann man aber nicht beeinflussen: viel Arbeit der Berufstätigen, Geschwisterkinder, Charakter des Kindes, Charakter der Eltern,…. Das Kind wird in eine Familie hineingeboren und muss sich einfach mit bestimmten Konstanten dort auseinandersetzen…das bedeutet manchmal einfach Stress – aber ist auch nicht zu ändern. Die Familie sollte sich nicht künstlich verbiegen, um Stress zu reduzieren. Man kann schauen, wo sich Dinge leicht und unkompliziert verändern lassen – aber der Rest ist einfach so wie er ist und das Kind wird darin schon seinen Weg finden, finden müssen. Wenn also die Logopädin sagt, dass sie zwischen einem Stottern und dem Familienstress keinen kausalen Zusammenhang sieht, würde ich dem aus der Ferne mal zustimmen….
Worüber ich auch noch nicht ausführlich geschrieben habe ist, was Stottern eigentlich ist.
Das Stotterereignis beginnt im Gehirn. Das Gehirn muss für ein gelingendes Sprechen feinmotorische Höchstleistungen befehligen und kontrollieren und synchronisieren. An die 150 Muskeln sind beim Sprechen aktiv. Beim Stottern unterläuft dem Gehirn ein Befehlsfehler. Es sendet die falschen Bewegungsimpulse in den Hals, genauer gesagt in die Muskulatur der Stimmlippen (Stimmbänder) oder die diese unterstützenden Halsmuskeln. Es kommt zu einer Verkrampfung der Stimmlippenmuskulatur, der Luftstrom stockt, das Stottern ist da. Ob bei einem Menschen die Lippen- und Wangenmuskulatur stark oder schwach ausgeprägt ist, kann das Stillen und die Aussprache des „s“ beeinflussen, aber dem Stottern ist das egal. Ein „Face-Former“ kann die Muskulaturleistung der Sprechwerkzeuge aufbauen, aber dadurch alleine lässt sich therapeutisch kein Stottern beeinflussen. Begleitend vielleicht unter dem Gesichtspunkt, dass alles was mit dem Sprechen zu tun hat und was das Kind gut kann, den Sprechdruck allgemein verringern hilft, aber ein „Face-Former“ alleine beeinflusst meiner Meinung nach das Stottern nicht.

Ihr Sohn verweigert manchmal in der Logopädie, möchte nicht über die Therapie und auch nicht über das Stottern sprechen.
Scham kann dabei durchaus eine Rolle spielen. Es ist nicht einfach, über Dinge zu sprechen, die man nicht so gut kann. Das macht kein Kind besonders gerne. Kinder mit sehr hohem Perfektheitsanspruch tun sich dabei besonders schwer. Ihr Sohn weiß sicherlich, dass mit seinem Sprechen etwas nicht stimmt und möchte das vielleicht gar nicht wahrhaben. Das Problem hat eine gewisse Wucht, der er sich nicht aussetzen möchte. Dies könnte ein Grund sein, warum er sich verweigert. Er „kämpft“ gegen das Stottern so gut er kann, zeigt auch Selbstvertrauen, aber zum Thematisieren reicht die Kraft nicht im Moment. Nun schreiben Sie, dass er gerne und viel spricht und sich von den Wiederholungen nicht unterkriegen lässt sondern sich seinem Charakter und seinen Bedürfnissen entsprechen mitteilt (das sind wichtige Ressourcen – bitte immer darauf achten, ob sich diesbezüglich in seinem Verhalten etwas ändert). Dann sind die Unflüssigkeiten für ihn vielleicht im Moment einfach kein so großes Thema und er springt deshalb nicht auf den Zug auf. Aus der Ferne möchte ich mich nicht auf die eine oder andere Möglichkeit festlegen…

Nun zu Ihren ganz konkreten Fragen, was sie tun können.
Aus der Ferne denke ich, dass eine sofortige Stottertherapie Ihres Sohnes momentan nicht im Vordergrund steht. Er sagt was er will, scheint ein gutes Selbstvertrauen zu haben, hat ein gutes Gefühl für seine Sprechwerkzeuge und wie Sie sagen keine offensichtliche Sprechhemmung.
Eine gute Stottertherapeutin muss sich zur Therapie des Stotterns bei Kindern fortbilden oder fortgebildet haben. Nur das Wissen aus der Ausbildung ist meiner Meinung nach zu wenig. Die wichtigsten Fortbildungen zu den wichtigsten und momentan anerkanntesten Therapiekonzepten bei Kindern ist Patricia Sandriesers KIDS-Konzept und Tina Lattermanns Lidcombe.
Es gibt noch andere gute Sachen, aber der Grundstock sollte die Kenntnis einer dieser beiden Konzepte sein.
In diesen Fortbildungen wird auch angesprochen, dass Stottertherapie viele Möglichkeiten des Umgangs mit Kind und Familie bedeuten kann. Es muss nicht die Therapie des Kindes einmal die Woche sein. Man kann auch nur mit den Eltern arbeiten und schauen, was sich tut. Die Intervalle dafür bestimmen die Bedürfnisse der Familie. Sind Sie als Eltern unsicher im Umgang mit Ihrem unflüssigen Kind, gilt es durch Information der Eltern diese sicher zu machen, weil sie Ihrem Kind nur dann eine gute Stütze und Hilfe sein können. All diese Informationen können von der Stottertherapeutin kommen und werden bestenfalls durch die Infoflyer oder andere Literatur der BVSS unterstützt sein. Bestellen Sie sich Infoflyer bei der BVSS und rufen Sie doch auch noch mal bei der Telefonfachberatung an. Je mehr gute Infos Sie haben, umso besser für die ganze Familie.
Wenn die Familie nun durch die Stottertherapeutin (Logopädin oder Sprachheilpädagogin) individuell und sinnvoll begleitet wird, ist das Kind gut diagnostiziert, lernen Eltern und andere Bezugspersonen alles Wichtige zum Stottern und wenn das Kind nicht direkt behandelt wird, muss die Familie wissen, bei welchen Anzeichen man sich vielleicht doch mal mit dem Kind therapeutisch näher auseinandersetzen muss. So etwas kann sich ja eben auch mal ändern. Im Moment beschreiben sie Ihren Sohn so, dass er keine Therapie zu brauchen scheint, aber wenn er verstärkt offensichtlich verweigert, sich zurückzieht, mehr und anders stottert oder ungute Erfahrungen in der Schule macht, gegen die er sich nicht selbstbewusst stellen kann, dann kann die Sache schon anders aussehen.
Zur frühzeitigen Therapie möchte ich sagen, dass es natürlich gut ist, so früh wie möglich die richtigen Impulse zu setzen – aber wenn sich ein Kind bei einer direkten Therapie komplett und vehement verweigert, dann muss man als Therapeut mit Phantasie andere Wege finden und gehen. Die Möglichkeiten hatte ich oben ja beschrieben. Bevor man ein Kind mit zu viel Druck und gegen seinen Willen behandelt, sollte man lieber andere Wege gehen. Das Kind braucht gute Erinnerungen an die Logopädie, damit es zu einem späteren Zeitpunkt gerne dort hin geht. Wenn man nämlich eine Stottertherapie dann wirklich braucht, ist eine positive Erinnerung von Vorteil.

So, jetzt habe ich viel geschrieben und hoffe, Ihren „Nerv“ getroffen zu haben.
Bei weiteren Fragen können Sie sich gerne mit einer weiteren Anfrage im Forum an mich wenden. Nutzen Sie auch die anderen Informationsmöglichkeiten der BVSS, wie z.B. die Flyer, gute Bücher und die Telefonfachberatung.

Ihnen und Ihrer Familie wünsche ich alle Gute!
Mit besten Grüßen,
Bettina

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