Meine Redeflussstörung

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Samoht

Meine Redeflussstörung

Beitrag von Samoht » 28. April 2010 00:16

Hallo zusammen,

Schon von klein auf redete ich sehr schnell, wenn ich mich nicht zusammenriss und überschlug mich dabei des öfteren. Meine Mutter sagte immer, ich würde schneller reden als ich denken kann. Damit hatte ich überhaupt kein Problem, es war eben eine Eigenheit, die nicht weiter dramatisch und Teil meiner Persönlichkeit war und ich verschwendete keinen Gedanken daran, dass etwas mit mir nicht stimmen könnte.

In letzter Zeit hat sich das geändert. Immer wieder kommt es vor, dass ich beim Reden ins Stocken komme oder nach Ersatzwörtern suche, wenn ich merke, dass ich ein Wort nicht herausbekommen werde. Komischerweise ist das nur in bestimmten Situationen so.

Der alltägliche Smalltalk mit der Familie oder Freunden läuft absolut problemlos. Auch wenn ich mit fremden Leuten, zum Beispiel einem Bäcker oder einer Kassiererin rede, trete ich meiner Meinung nach völlig selbstbewusst auf und habe nicht mehr Störungen im Redefluss als jeder normale Mensch. Schwieriger wird es, wenn ich mich in einer unangenehmen Lage befinde, zum Beispiel, wenn ich mich mit jemandem streite. Aber auch da hält es sich in Grenzen. Bis hierhin erachte ich das alles auch als völlig normal.

Richtig schlimm wird es, wenn ich Bekannten oder Freunden etwas erzählen oder in einer Diskussion meine eigene Meinung darlegen möchte. Ich verunsichere mich dann selbst des öfteren so weit, dass ich hektisch werde und es so nur noch schlimmer mache. Meine Gesprächspartner fühlen sich neuerdings auch manchmal dazu geneigt, Wörter für mich "einzusetzen". Das macht es natürlich nicht besser, weil ich merke, dass es ihnen auch auffällt.

Generell würde ich sagen: Je besser ich meinen Gesprächspartner kenne (Familie ausgeschlossen) und je persönlicher das Gesprächsthema, desto mehr stottere ich.

Trotzdem gehe ich der Konversation nicht aus dem Weg. Wie soll ich das ganze schließlich in den Griff bekommen, wenn nicht durch Übung? Aber es ist doch ein Teufelskreis: Ich denke mir immer "Denke nicht darüber nach, wie du etwas sagst, sondern denke daran, was du sagst!", doch genauso wie man nicht "nicht" an einen rosa Elefanten denken kann, wenn man dazu aufgefordert wird, kann ich diese Gedanken und Bedenken einfach nicht ausschalten.

Es ist einfach so frustrierend, nicht das sagen zu können, was man sich im Kopf zurecht gelegt hat. Ich bin nicht eingebildet oder dergleichen, aber ich halte mich für einen sehr intelligenten Kerl. Ich hätte so viel zu sagen und zu erzählen, wenn mich mein Kopf nicht ständig daran hindern würde. Ich will diese Barriere unbedingt durchbrechen, um für die anderen endlich wieder den Menschen zum Vorschein zu bringen, der ich bin - aber zu versuchen, diese Ungezwungenheit zu erzwingen, ist wohl der falsche Ansatz.

Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit einem guten Freund und er beschrieb mir, wie er mich als Menschen sieht: "Ich weiss nicht woran es liegt, aber du bist einer der verschlossensten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Aber wenn du dann mal etwas sagst, komme ich mir immer so verdammt dumm vor."

Bettina
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Re: Meine Redeflussstörung

Beitrag von Bettina » 30. April 2010 03:00

Guten Tag Samoht,

vielen Dank für die ausführliche Schilderung Ihrer momentanen Lage. Ihrem Schreibstil nach zu urteilen sind Sie kein Schüler mehr…vielleicht in irgendeiner Art von Ausbildung oder in jüngster Zeit mit dem Beruf begonnen oder diesen gewechselt?
Ihr Freund hat Ihnen ja wirklich ein bemerkenswertes Kompliment gemacht. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, verhalten Sie sich also in letzter Zeit weitaus verschlossener als Sie das eigentlich sein möchten. Das heißt, wie auch immer Ihr Sprechproblem gelagert ist, es beeinträchtigt Ihr Verhalten und die gesamte Kommunikation. Es wird ihnen also im Moment eigentlich zu „mächtig“…Ihre Gedanken kreisen für Ihr Empfinden viel zu oft um das Sprechen und Reden – was doch eigentlich „einfach“ die natürlichste Sache der Welt sein sollte…und das bereitet Ihnen schon Sorgen. Dass Sie das so nicht hinnehmen möchten, kann ich gut verstehen.
Nicht umsonst habe ich einige Zeilen vorher geschrieben: „wie auch immer Ihr Sprechproblem gelagert ist…“, denn wie Sie das Sprechen Ihrer Kindheit und Jugend beschreiben, hat in den hörbaren Redeanteilen nichts auf Unflüssigkeiten oder Stottern hingedeutet. Das bedeutet für mich, in meiner Antwort neben dem Wesen der Unflüssigkeiten noch auf weitere Aspekte einzugehen.
Was Sie in Ihrer Anfrage anfangs beschreiben, könnte ein so genanntes Poltern sein. Beim Poltern wird das Gesprochene oft unverständlich, weil neben einem phasenweise sehr hohen Sprechtempo Silben verschmolzen oder ausgelassen werden. Dann kommt beim Poltern auch das ins Spiel, was Sie vielleicht meinen, wenn Sie beschreiben, dass Sie sich beim Sprechen oft „überschlagen“ haben. Hörte sich das dann unflüssig an? Waren das Wiederholungen von Satzteilen, Wörtern, Silben oder Buchstaben? Fiel das einfach nicht so sehr auf, weil diese Wiederholungen absolut spannungsfrei abliefen? Auch diese spannungsfreien Wiederholungen sind Teil eines Polterns. Man sagt auch, dass es Teil der Persönlichkeit ist und dass man sich bei hoher Konzentration auf langsames Sprechen für einige Sätze „zusammenreißen“ kann. Beides beschreiben Sie ähnlich in Ihrer Anfrage.
Mir geht es mit diesen „Vermutungen“ überhaupt nicht darum, Sie diagnostisch in eine Schublade zu stecken und/oder Ihnen etwas „anzuhängen“. Vielmehr möchte ich verschiedene Blickwinkel und Erklärungsmöglichkeiten „durchspielen“, um eine höhere Chance zu erreichen, Ihnen den einen oder anderen wertvollen Tipp zu geben.
Vielleicht fragen Sie sich auch, warum ich von Poltern spreche, wenn Sie doch aktuell von sich sagen, dass Sie stottern.
Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass weitaus mehr unflüssig sprechende Menschen eine kombinierte Stotter-Polter-Problematik haben als angenommen. Dabei werden die Polterkomponenten vom Sprecher selbst weniger bewusst erlebt, oder ein polterndes Sprechen wird als hilfreich gegen ein drohendes Stottern angesehen (lieber „verwasche“ ich jetzt den Wortanfang als dass ich hängen bleibe…), oder mal ist das Stottern deutlicher hörbar, mal das Poltern, oder es gibt während der Pubertät Verschiebungen von mehr Poltern zu mehr Stottern oder anders herum.
Ich überlege auch deshalb in Richtung einer vielleicht schon seit der Kindheit bestehenden Polter-Stotter-Problematik, weil es faktisch nicht möglich ist, dass sich nach dem dreizehnten Lebensjahr noch ein Stottern „aus heiterem Himmel“ im Menschen manifestiert. Der Beginn eines Stotterns liegt im Alter zwischen 2 und höchstens 12 Jahren – und kann eben manchmal vom Poltern überlagert werden, so dass das Stottern nicht hörbar ist.
Viele Menschen haben eine mehr oder weniger stark hörbare Stotterproblematik, mit der sie aber im großen und ganzen gut zurecht kommen…in der Kindheit wurde versäumt, etwas dagegen zu tun…man wurschtelte sich so durch die Schulzeit….Frust- und Verzweiflungsphasen wechselten sich mit Hochphasen ab…man glänzte zwar nicht immer beim Sprechen, dafür in anderen Disziplinen, was einem Bewunderung einbrachte…das Selbstvertrauen stimmte…
Doch plötzlich gerät diese Situation aus dem Gleichgewicht, plötzlich hat man sein Sprechen nicht mehr im Griff, sondern das Stottern hat einen im Griff. Irgendeine außergewöhnlich intensive emotionale Situation kann so etwas beispielsweise auslösen (nicht verursachen). Man könnte so etwas „Rückfall“ nennen. Nahezu alle stotternden Menschen kennen das. Bei einem Rückfall verschlechtert sich das Sprechen und somit auch die allgemeine emotionale Befindlichkeit. Man ist betroffen, erschrocken, macht sich Sorgen, denkt viel mehr ans Sprechen und sucht nach Lösungen.
„Lösungen“ ist ein wichtiges Stichwort für die nächsten Zeilen. Es gibt sie! Wenn Sie für sich selbst keine finden, wie Sie zu Ihrer Wunschsprechweise zurückkommen können, dann holen Sie sich gute professionelle Hilfe. Steckt man in einem Rückfall drin, kommt spätestens mit der fachlichen Hilfe der Wendepunkt, an dem es wieder aufwärts und dann auch vollständig raus aus dem Rückfall geht.
Sie bemerken, dass Sie verstärkt nach Ersatzwörtern suchen, wenn Sie bei einem Wort ins Stocken geraten oder kurz davor sind. Sie möchten z.B. „Auto“ sagen, sprechen aber „Wagen“ aus. Dieses Verwenden von Ersatzwörtern ist auf lange Sicht eher kein guter Weg raus aus den Blockaden, weil das immer mehr wird, immer anstrengender wird.
Sie beschreiben, dass Sie nur in bestimmten Situationen und mit bestimmten Personen heftig mit Unflüssigkeiten zu kämpfen haben. Das geht vielen Betroffenen so. Wann und wie stark die Unflüssigkeiten einschießen, ist tatsächlich von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation verschieden – jede Person hat da ihre eigene Schwelle. Ihr Anspannungsgrad beim Sprechen steigt, wenn Ihnen die Themen und Personen wichtig und eher nahe sind. Je höher der Anspannungsgrad, desto leichter hat es die Sprechproblematik, das empfindliche System des reibungslosen Sprechablaufs zu stören.
Dass Sie der Konversation nicht aus dem Weg gehen, ist gut – so gut es geht in Übung zu bleiben bringt Vorteile.
Aber was, wenn zu viele Konversationsversuche im Misserfolg enden? Wenn Sie immer mehr an das „Wie“ beim Sprechen denken? Wenn immer mehr Ersatzworte kommen? Wenn Sie sich eher noch mehr zurückziehen?
Sie werden es spüren, wenn Sie alleine keinen Weg aus dieser Abwärtsspirale sehen. Dann wäre es Zeit für fachliche Hilfe.
Erbitten Sie bei der BVSS (www.bvss.de) Infoflyer zum Stottern (zu Poltern gibt es leider noch keinen), kontakten Sie vielleicht auch die telefonische Fachberatung der BVSS oder mailen Sie mir, wenn Sie sich noch nicht vollständig gut verstanden fühlen, besuchen Sie eine Stotterer-Selbsthilfegruppe in Ihrer Nähe und nutzen Sie deren Erfahrung bei Rückfällen oder zu guten Therapeuten, nehmen sie zu einem Therapeuten Kontakt auf (nicht jeder Logopäde oder Sprachtherapeut ist ein guter Stotter-Poltertherapeut, es gibt bei der BVSS eine Therapeutenlist, die jeder anfordern kann). Ich könnte mir gut vorstellen, dass Inhalte aus dem Behandlungskonzept „non avoidance“ (Nicht-Vermeidungs-Ansatz) nach Charles van Riper ganz passend für Sie wären.

Sie scheinen auf langen Strecken Ihres Lebens gut mit Ihrer wie auch immer genau gelagerten Sprechproblematik klar gekommen zu sein. Ich erachte das als eine wichtige und gute Ressource. Vielleicht ist es gar keine umfassende Therapie, die Sie brauchen, vielleicht genügt der eine oder andere professionelle Impuls eines erfahrenen und Ihnen sympathischen Therapeuten. Wichtig ist: Sie kommen da wieder raus, Sie können aktiv etwas tun und mit Ihrer Anfrage haben Sie das ja auch schon begonnen.

Nun hoffe ich, meine Zeilen bringen Sie weiter. Wenn noch Fragen oder Unklarheiten bestehen, dann können Sie mich über das Forum gerne nochmals kontakten.

Mit besten Grüßen,

Bettina

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