Stottern, Job und Behinderung

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Gast

Stottern, Job und Behinderung

Beitrag von Gast » 2. August 2010 17:41

Hi Ihr,

ich bin gut ausgebildeter Akademiker (29, Historiker, Promotion Dr. phil.) und stottere seit über 20 Jahren, habe auch schon x-Therapien (u.a. Logopädie, DellFerro, Greifenhofer, Kreuels) hinter mir. Auch wenn ich die Arbeit an meinem Sprechen in den letzten Jahren vernachlässigt habe, hat sich im Laufe der Zeit das Sprechen insgesamt verbessert.
Nun zu meinem Anliegen. Vor etwa einem Monat habe ich mich auf ein Stelle im öffentlichen Dienst (2-jähriges Referendariat im Bereich Archivwesen) beworben und wurde abgelehnt. Danach wurden mir gegenüber Vermutungen von "Insidern" (die aber niemals verifizierbar wären) geäußert, ein Ablehnungsgrund müsse das Stottern gewesen sein. Was mich nun beschäftigt, ist folgendes: Wie kann es sein, dass man als Stotterer einen Schwerbehindertenstatus nicht bekommt (bzw. nur, wenn man sich kaum noch verständlich machen kann), aber trotzdem Stellen aufgrund seines Stotterns eben auch nicht bekommt? Wie sehen denn Eurer Erfahrung nach die Chancen aus, dass man zumindest 25% Behinderung bekommt, mit der man sich bei Bewerbungen Schwerbehinderten gleichstellen lassen kann?
Versteht mich nicht falsch, ich will mich weder stigmatisieren lassen noch will ich an meinem Stottern nicht mehr arbeiten. Es ist nur schlichtweg so, dass ich es als ungerecht empfinde, als Stotterer - der auch an seinem Sprechen arbeitet, es aber gerade in Stresssituationen wie einem Vorstellungsgespräch immer noch nicht gut im Griff hat - in einer Art "Grauzone" zu sein .

Danke für Eure Antwort!

Viele Grüße,
Matthi

Bettina
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Re: Stottern, Job und Behinderung

Beitrag von Bettina » 4. August 2010 15:59

Erste Teilantwort:
Sehr geehrter Matthi,

obwohl es im Grundgesetz verankert steht, dass kein Mensch wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf, hören wir von Zeit zu Zeit leider immer mal wieder von solchen Vorkommnissen. Und Sie haben vollkommen recht, wenn Sie schreiben, Sie fühlen sich in einer gewissen „Grauzone“ gefangen. Diese liegt auch in der Nachweisbarkeit, dass es die Sprechbehinderung war, wegen der man den Job nicht bekommen hat – das lässt sich für einen Arbeitgeber recht leicht verschleiern. Manchmal ist die Situation echt verzwickt und ich habe gerade auch in der Antwort an Mario geschrieben, dass man schon seinen Weg gehen kann und - so wie Sie das bisher auch geschafft haben – seine Erfolge haben kann, dass es aber nicht von der Hand zu weisen ist, dass die Sache mit der Berufsfindung sich manchmal etwas komplizierter gestaltet oder länger dauert. Und natürlich ist das ungerecht.
Es gibt in diesem Forum immer mal wieder Anfragen zu Stottern und einem Behindertenausweis.
Weil die organisatorischen Fakten zur Beantragung immer noch die gleichen sind, kopiere ich Ihnen die Infos in Ihre Antwort hinein und hebe sie farblich ab (sorry, ich wollte das farblich abheben, aber das kann ich an dieser Stelle scheinbar nicht, nicht mal kursiv machen...verzeihung!). Falls Sie das schon alles wissen, kann hoffentlich der eine oder andere Mitlesende daraus wertvolle Informationen schöpfen. Nach diesem kopierten Text geht es dann mit der persönlicheren Beantwortung für Sie weiter.



Einen Ausweis für Menschen mit Behinderung/Schwerbehindertenausweis
beantragen Sie beim zuständigen Versorgungsamt - in manchen Bundesländern trägt dieses Amt inzwischen aber auch einen anderen Namen.
Am besten fragen Sie einmal bei Ihrer Stadtverwaltung nach, wohin Sie sich wenden müssen. Meist gibt es auch eine kleine Broschüre, die Ihnen die weiteren Schritte für den Antrag erläutern.

Gut ist auch, wenn Sie zuvor schon mit Ihrem behandelnden Arzt/Therapeuten über den Antrag sprechen, da in der Regel ein Gutachten beigelegt werden muss. Es kann auch sein, dass Sie für den Antrag die Stellungnahme eines Phoniaters einholen müssen. Das Versorgungsamt bzw.
die für Ihren Wohnort zuständige Behörde wird Sie aber über die konkret notwendigen Schritte gerne informieren.

Nach der Antragsabgabe prüft das Amt dann die von Ihnen eingereichten Unterlagen und legt für Sie einen "Grad der Behinderung (GdB)" fest. Von dieser Einstufung hängt auch ab, ob und welche Vorteile bzw. Regelungen für Sie durch den Ausweis gelten.

Einen Pauschbetrag für behinderte Menschen, der auch in der Lohnsteuerkarte eingetragen werden kann, bekommt man laut § 33b des Einkommensteuergesetzes z.B. generell erst ab einem Grad der Behinderung von 50, also erst bei Vorliegen einer "Schwerbehinderung". Bei einem GdB von 30 oder 40 gibt es nur dann einen Steuervorteil über einen jährlichen Pauschbetrag, wenn der Betreffende eine Rente aufgrund der Behinderung bekommt, wenn die Behinderung zu einer dauernden Einbuße der körperlichen Beweglichkeit geführt hat oder wenn sie auf einer Berufskrankheit beruht.

Ein anerkannter GdB von 30 oder 40 bringt also in der Regel nur dann Vorteile, wenn sich der Behinderte einem Schwerbehinderten gleichstellen lässt. Die Vorteile sind dann: erweiterter Kündigungsschutz, mehr Urlaub. Auf der anderen Seite kann der Arbeitgeber dann die Ausgleichsabgabe einsparen, die er zahlen muss, wenn er zu wenig Schwerbehinderte beschäftigt. Das hat aber nur für Betriebe ab 20 Arbeitsplätzen Bedeutung, denn kleinere Betriebe müssen keine Schwerbehinderten beschäftigen.

Ein GdB von 30 oder 40 muss zwar beim Arbeitgeber nicht unbedingt angegeben werden. Aber er bringt dann in der Regel auch niemandem einen Vorteil.
Wer jedoch einen GdB von 50 hat, der muss z.B. bei Einstellungsgesprächen auf Nachfrage wahrheitsgemäß antworten, dass er einen Schwerbehindertenausweis hat. Das darf zwar eigentlich nicht zu einer Benachteiligung führen, aber trotzdem könnte eine Einstellung zumindest bei einem privaten Arbeitgeber daran scheitern. Nur im öffentlichen Dienst gilt etwas anderes, weil die Behörden verpflichtet sind, schwerbehinderte Bewerber bevorzugt zu berücksichtigen.



Es gibt unter den stotternden Menschen zwei große Themen, über die in regelmäßigen Abständen gesprochen wird. Das sind Medikamente gegen das Stottern und das ist der Behindertenausweis. Selten bekommen wir Fachberater allerdings mit, wie diese Sachen ausgehen und ob ein Betroffener dann auch wirklich einen Behindertenausweis bekommen hat und ob es ihm Vorteile verschafft hat.
Ihre Anfrage ist für mich Motivation, diesbezüglich bei der BVSS direkt einige in den letzten Monaten vielleicht neu entstandene Fakten abzufragen. Dies werde ich im Verlauf der Woche tun und mich dann in einer zweiten Antwort für Sie im Forum wieder melden.

Mit den besten Grüßen und alles Gute,

Bettina

Bettina
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Re: Stottern, Job und Behinderung

Beitrag von Bettina » 8. August 2010 16:29

Zweite Teilantwort

Hallo Matthi,

nach Rücksprache mit den entsprechenden Fachleuten der BVSS, habe ich Ihnen in meiner zweiten Antwort noch einige hoffentlich wissenswerte Informationen zusammengestellt.

1. Der neu erschienene Rechtsratgeber hilft Ihnen in Ihrer Situation leider nicht weiter, denn er bezieht sich lediglich auf die Rechte stotternder Menschen in Schule, Ausbildung und Studium.

2. Wie ich es schon erwähnte: Eine Diskriminierung wegen Stottern verstößt gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG).
Natürlich gibt es die Möglichkeit, einen Prozess anzustrengen. Dies muss sich jeder Betroffene gut überlegen. Ein solcher Prozess bedeutet immer auch einen großen nervlichen Stress, und die Diskriminierung aufgrund des Stotterns ist in den meisten Fällen sehr schwer nachweisbar. Letztlich muss man sich dabei auch immer überlegen, welchen Nutzen eine solche Klage hätte: Sich auf den gewünschten Arbeitsplatz einzuklagen, ist generell nicht möglich, man erreicht allenfalls die Zahlung eines Schadensersatzes.
Der BVSS sind bislang keine Fälle bekannt, in denen ein Betroffener geklagt hat, es fehlen hier die Rückmeldungen.

3. Die Vor- und Nachteile eines Behindertenausweises sind ja im Rahmen meiner ersten Teilantwort bereits geschildert worden. Es kann von Vorteil sein, weil im Öffentlichen Dienst schwerbehinderte Bewerber bei gleicher Eignung (dies ist leider wieder Auslegungssache!!) bevorzugt berücksichtigt werden müssen bzw. weil private Arbeitgeber ab einer bestimmten Betriebsgröße eine bestimmte Anzahl Schwerbehinderter beschäftigen müssen, andernfalls müssen Sie eine Ausgleichsabgabe zahlen. Es kann aber in vielen Fällen auch von Nachteil sein, weil Arbeitnehmer mit einem Schwerbehindertenausweis einen erweiterten Kündigungsschutz haben und mehr Urlaub erhalten. Dies kann Arbeitgeber also auch davon abhalten, jemanden mit einem Schwerbehindertenausweis zu beschäftigen.

4. Persönliche Erfahrungen von Betroffenen mit einem solchen Ausweis sind der BVSS leider nicht bekannt, dazu hat sie bislang keine Rückmeldungen erhalten.

5. Was könnten Sie, Matthi, nun tun, um sich gegen die vermutete Diskriminierung zu wehren:
Sie könnten sich zunächst einmal an den Behindertenbeauftragten der Institution wenden, bei der Sie sich für das Referendariat im Archivwesen beworben hatten; genau für solche Situationen sind diese Ämter ja geschaffen worden.
Eine andere Möglichkeit wäre, sich an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes zu wenden. Hier kann man Ihnen Informationen zu dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz geben; außerdem gibt es dort die Möglichkeit, sich bei Diskriminierung beraten zu lassen. Die Internetseite: www.antidiskriminierungsstelle.de
Eine andere hilfreiche Internetseite könnte www.einfach-teilhaben.de sein. Dies ist ein Webportal, bei dem Menschen mit Behinderung umfassende Informationen zu den verschiedenen Lebensphasen erhalten können, also auch für die Berufswelt.

6. Auch an die Zukunft lässt sich denken. Was könnten Sie, Matthi, bei Bewerbungen tun, damit diese gleich von Anfang an mehr Erfolg haben? Viele Arbeitgeber wissen absolut nichts über die Sprechbehinderung Stottern, sind in einem Vorstellungsgespräch mit einem stotternden Bewerber möglicherweise überfordert und reagieren daher ablehnend. Sinnvoll kann also sein, "offensiver" mit dem Stottern umzugehen: im Bewerbungsschreiben das Stottern offen erwähnen, dem Arbeitgeber schon bei der Bewerbung das Informationsfaltblatt "Stottern und Arbeit" der BVSS beilegen, um ihm erste Infos über das Stottern an die Hand zu geben (und damit mit Vorurteilen aufzuräumen), selbstbewusst und selbstsicher zu seinem Stottern stehen. Diese Vorgehensweise hat sich unserer Erfahrung nach bewährt. Vielleicht denken Sie oder andere Mitlesende jetzt: „Leichter gesagt als getan!“. Das kann ich durchaus verstehen. Nutzen Sie das Forum oder die Telefonberatung, um konkrete Fragen zu stellen oder kontakten Sie sich z.B. über Selbsthilfegruppen oder über soziale Netzwerke im Internet mit anderen stotternden Erwerbssuchenden oder Erwerbstätigen und tauschen Sie Erfahrungen aus.

Nun denke ich, eine gewisse Vollständigkeit in meiner Antwort erreicht zu haben. Alles Gute für Sie und für die nächsten Bewerbungen viel Erfolg wünscht Ihnen das Team der Fachberatung.

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