Sohn2,5jahre vermeidet alle Wörter mit Vokalen am Anfang

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schluri

Sohn2,5jahre vermeidet alle Wörter mit Vokalen am Anfang

Beitrag von schluri » 23. Oktober 2010 11:42

Hallo, mein Sohn (2,5 Jahre) stottert seit 2 Wochen. Zunächst begann es mit starker Verkrampfung/Blockierung am Wortanfang. Er litt sehr darunter, rief "Nein, Nein!" und wollte schaute weg. Innerhalb von 4 Tagen steigerte sich das von 3 Wörtern am Tag auf "in jedem Satz ein Wort". Inzwischen spricht er KEIN Wort mit Vokal am Anfang mehr um das Blockieren zu verrmeiden. Vorher sprach er manchmal Sätze mit 10 Wörtern und redete den ganzen Tag. Nun spricht er viel weniger, deutet auf Dinge und sagt "dasda".
z,B, sagt er "Rühr" anstatt "Rührei" und auch "Oma" sagt er garnicht mehr. Wir waren bei einem Logopäden der riet dazu, in der Therapie mit Pseudostottern zu beginnen.

Sehen Sie das auch als die richtige Therapieform an?
Wie sollen wir uns verhalten? Ich frage bisher schon nach wenn er den Satz abbricht, damit er weiß ich will wissen was er sagen will. Allerdings habe icha auch Angst, ihn unter Druck zu setzten. Einmal sagt er "kann ich nicht sagen" Ich habe große Angst, dass er bald nichts mehr redet! Bei Wörtern mit Konsonant am Anfang bleibt er abundzu hängen "ma-ma-ma-machen" "je je je je jetzt

Viele Grüße Miriam

Bettina
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Re: Sohn2,5jahre vermeidet alle Wörter mit Vokalen am Anfang

Beitrag von Bettina » 23. Oktober 2010 13:52

Liebe Miriam,

gerade habe ich Ihre Anfrage gelesen und werde noch an diesem Wochenende antworten. Sonntag Abend spätestens können Sie die Antwort hier im Forum lesen.

Mit besten Grüßen,
Bettina

Bettina
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Re: Sohn2,5jahre vermeidet alle Wörter mit Vokalen am Anfang

Beitrag von Bettina » 24. Oktober 2010 21:28

Liebe Miriam,

gut, dass Sie sich wegen Ihres Sohnes schon so schnell um Vieles gekümmert haben. Er schein ja im Moment auch wirklich große Probleme zu haben und Sie tun für ihn im Moment genau das Richtige: sich umfassend informieren und schnell professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.
Das Ziel meiner Antwort für Sie für den heutigen Tag wäre: Sicherheit für das weitere Vorgehen in der Hilfe für Ihren Sohn und die Vermittlung einiger wichtiger „Eckinformationen“ zum kindlichen Stottern.
Mit dem zweiten Punkt möchte ich beginnen und Ihnen sagen: niemand ist schuld daran, dass Ihr Sohn im Moment stottert. Kein Verhalten von Eltern, Großeltern oder anderen Bezugspersonen kann ein kindliches Stottern verursachen, weil die Wissenschaft stark davon ausgeht, dass die Anlage zum Ausbilden eines Stotterns angeboren ist. Manche Kinder kommen mit einer gewissen Sensibilität, einmal ein manifestes Stottern zu zeigen, auf die Welt. Manchmal geht mit dem Stotterbeginn ein sehr emotionales Ereignis einher (Geburt Geschwisterkind, Tod eines Verwandten, große Freude über ein Geschenk, Kindergartenbeginn, Wohnortwechsel,…) – das wirkt aber dann „nur noch“ als Auslöser und ist nicht die Ursache. 60% bis etwas über 80% aller stotternden Kinder hören wieder damit auf.
Was Sie bei Ihrem Sohn beschreiben, ist eine sehr rasche Verstärkung der Symptome – umso besser, dass Sie so schnell reagieren. Auch wenn er noch klein ist: er weiß sicher ganz genau, was mit ihm geschieht, er scheint sichtlich geschockt und durcheinander – und er ist aktiv: er sucht nach Möglichkeiten, das Stottern und damit den Frust zu vermeiden. Dies tut er auf seine eigene Weise und weil es ihn so schnell und so „kalt“ erwischt hat, geht er in die Vermeidung: bestimmte Wörter vermeiden, zeigen, keine vollständigen Sätze mehr bilden, Rückzug,…
Die Tatsache, dass sich Ihr Sohn aktiv und bewusst mit seinem Sprechproblem auseinandersetzt, können Sie nutzen und es gibt viele Möglichkeiten, wie Sie ihm praktisch ab morgen schon helfen können.
1. Zeigen Sie ihm, dass Sie sein Stottern wahrnehmen, dass Sie seine Hilflosigkeit selbst genau spüren und verstehen können, zeigen Sie Empathie, also Mitgefühl. Teilen sie ihm (je nach Aufnahmefähigkeit auch in mehreren Sequenzen) mit:
- „Mensch, das war ja gerade wieder schwer mit dem Sprechen. Das Wort wollte einfach nicht aus deinem Mund raus. Weißt Du, das haben viele Kinder manchmal, dass die Wörter einfach so ganz dolle im Hals stecken bleiben“ Information für das Kind: Meine Eltern bemerken meine Not und kennen sie, sie lassen mich damit nicht allein und ich bin damit auch nicht allein, weil andere Kinder das auch haben. Trotz des veränderten Sprechens haben mich meine Eltern noch genauso lieb wie immer.
- „Deine Eltern und auch andere Leute können dir dabei helfen, dass das mit dem Sprechen wieder besser werden kann“ Information für das Kind: es wird etwas für meine Hilfe getan, nicht nur ich muss mir selbst helfen, auch meine Eltern und andere können dazu etwas beitragen.
2. Wiederholen sie das gestotterte Wort noch mal flüssig oder sprechen Sie das Wort, das er vermieden hat noch mal aus:
- Kind: „…Will zur …gehen.“ Elternteil: „Du möchtest gerne die Oma besuchen? Nach dem Mittagsschlaf besuchen wir die Oma.“
- Kind: „Rühr haben.“ Elternteil: „Weißt du was, ich möchte heute auch gerne Rührei essen. Wenn wir nachher Hunger haben, mache ich uns ganz viel Rührei.“
Es heißt nicht, dass Sie ergänzen sollen, was Ihr Sohn meint. Sie sollten möglichst wenig für ihn sprechen (ganz wird es sich bei seinen momentan großen Problemen nicht vermeiden lassen – was ich als nicht schlimm empfinde, denn er braucht jetzt auch Menschen, die hinter ihm stehen und manchmal durch Hilfen für andere verständlich machen, was er meint – aber das nicht zur unreflektierten Gewohnheit werden lassen). Es handelt sich vielmehr um eine korrigierende Rückmeldung. Ihrem Sohn wird im Kontext der Kommunikation ohne Druck und ohne Fingerzeig rückgemeldet, wie das gestotterte / vermiedene Wort flüssig gesprochen wird. Dadurch bleibt nicht nur der Eindruck seines Stotterns in seinem Gehirn haften, sondern auch der Eindruck, wie das Wort flüssig ausgesprochen wird. Das hat den positiven Effekt, dass nicht nur der „Stottereindruck“, sondern auch der „flüssige Eindruck“ vom kindlichen Gehirn aufgenommen und verarbeitet wird.
3. Halten Sie beim Sprechen natürlichen Blickkontakt – so wie früher auch. Wenn er wegschauen muss, ist das ok.
4. Bitte keine gut gemeinten Hilfen wie „Sprich langsamer“, „Versuch´s noch mal“, „Atme erst mal tief durch“, „das heißt aber nicht >Rühr<, sondern >Rührei<. Sag´s noch mal richtig“ Selbst wenn das Kind kurzfristig besser spricht, machen diese Hilfen zu viel negativen Druck und ziehen das Kind eher noch tiefer in den Schlamassel.

Des Weiteren halte ich noch folgende Eckinformationen für wichtig:
Ihr Kind ist von seinem Sprechproblem tief beeindruckt und verstört, es belastet ihn sehr. Sie als Mutter (und sicher auch weitere Bezugspersonen) machen sich größte Sorgen, möchten helfen und sind unsicher, wie. Diese Fakten sagen: Erst einmal Sie als Mutter oder Sie als Eltern und dann vielleicht auch Ihr Sohn brauchen die Hilfe eines guten Stottertherapeuten.
Nicht jeder Logopäde oder jeder Sprachheilpädagoge ist auch ein guter Therapeut für kindliches Stottern. Suchen Sie sich jemanden mit Erfahrung. Dabei hilft Ihnen die BVSS und die telefonische Fachberatung der BVSS mit Therapeutenlisten. Diese geben Ihnen eine gewisse Vorauswahl in Wohnortnähe. Dennoch sollten Sie sich beim Therapeuten informieren, wie erfahren oder motiviert er für eine Therapie ist. Sie oder er sollte mit dem Konzept „MINI-Kids“ von Patricia Sandrieser gut vertraut sein, auch das Konzept „Lidcombe“ wird in Deutschland immer mehr angewendet.
Da Ihr Sohn noch sehr klein ist, würde zu Beginn einer Therapie die Elternberatung und ein ausführliches Elterntraining im Vordergrund stehen. Sie würden erst mal sehr viel lernen, das Gelernte im Alltag mit Ihrem Sohn anwenden, vielleicht Videos machen, die dann vom Stottertherapeuten analysiert und besprochen werden und man würde Sie zum Thema kindliches Stottern richtig fit machen – denn Eltern, die viel wissen sind sichere Eltern, die Ihren Kindern sicher beistehen und helfen können. Vielleicht sieht der Therapeut Ihren Sohn in der ersten Zeit nicht oder nur wenig, sondern geht die Therapie fast ausschließlich über die Eltern an. Je nach dem dann erzielten Effekt (hoffentlich Erfolg in dem Sinne, dass Ihr Sohn wieder mehr Mut zum Sprechen zeigt oder seltener unflüssig ist) entscheidet sich, ob im Moment und wenn ja wie intensiv direkt mit Ihrem Sohn gearbeitet werden kann. Möglich ist das in dem Alter schon, das Setting (Kind alleine oder Eltern dabei) muss individuell entschieden werden. Dann wäre auch irgendwann im Programm MINI-Kids das von Ihnen erwähnte Pseudostottern mit dabei. Also absichtliches leichtes Stottern, das der Therapeut im Spiel mit dem Kind einbaut. Oft ist nämlich für die Kinder der Sprung vom harten, anstrengenden Stottern hin zum flüssigen Sprechen schlicht zu groß – sie schaffen es nur mit gewissen Zwischenschritten – und das absichtliche leichte Stottern als Sprechvorbild bietet diese Zwischenschritte an. Das hat der Logopäde ihnen ja vielleicht auch schon so oder ähnlich erklärt. Immer noch Kindertherapie der ersten Wahl ist für mich das Konzept MINI-Kids von Sandrieser, durchgeführt von einem erfahrenen oder motivierten und gut informierten Therapeuten.


Was können Sie nun des Weiteren noch tun? Besorgen Sie sich alles relevante Infomaterial zum kindlichen Stottern, über die BVSS können Sie sich auch mit vernünftiger Literatur eindecken – es gibt z.B. einen neu überarbeiteten Elternratgeber. Über die BVSS können Sie sich auch über Eltern-Kind-Wochenenden informieren – manchmal ist der Austausch mit anderen betroffenen Eltern sehr wertvoll.
Und natürlich gibt es jederzeit die Möglichkeit, sich nochmals hier im Forum auszutauschen – vielleicht gibt es noch weitere Fragen? Dann scheuen Sie sich nicht, uns wieder zu kontakten.

Ihrem Sohn wünsche ich alles Gute!

Mit besten Grüßen,

Bettina Helten

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