Nicht Stottern oder Poltern sondern Stocken

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Lacarlalazar

Nicht Stottern oder Poltern sondern Stocken

Beitrag von Lacarlalazar » 14. März 2011 10:48

Hallo,

mein Sohn,10, hat früh angefangen zu sprechen. Er war schon am 2. Geburtstag auch für Fremde gut verständlich und hat Sätze mit mehreren Wörtern gebildet. In der Kindergartenzeit hat er geplaudert wie ein Wasserfall, deutlich, mit ausgesprochen großem Wortschatz ohne irgendwelche Auffälligkeiten. Mit der Einschulung trat nach einiger Zeit ein Problem auf: Er stockt beim reden, d.h. er kann die Wörter klar aussprechen, er nuschelt nicht, verschluckt keine Buchstaben oder Silben. Er beginnt den Satz und als ob er erst überlegen müßte, was jetzt oder auch später noch wichtig ist, macht er ein Geräusch so ähnlich wie wenn man ohne zu sprechen nein sagt "- m-m-", das dann 3 - 5 mal, dann spricht er weiter. Besonders fällt es auf, wenn er uns etwas erzählen will, er unbekannte Texte vorlesen soll. Gar nicht tritt dieses Phänomen auf, wenn er ein Gedicht, also einen feststehenden Text auswendig runterrattert. Auch beim Singen ist uns nichts aufgefallen. Er hatte eine Zeit einen Freund, der sehr langsam und bedächtigt spricht. Mein Sohn hat ihn unbewußt imitiert, auch da war es besser.

Eine Logopädin hat ihn während einer Therapiestunde für seinen Bruder beobachtet und meinte, es läge nur am mangelden Selbstbewußtsein. Eine Heilpraktikerin gab uns homöophatische Tropfen, um das Selbstbewußsein zu stärken, daraufhin war es tatsächlich für eine Zeit verschwunden, ist aber wieder aufgetaucht.


Unser Sohn gilt als weit überdurschschnittlich begabt und ist ein sehr nachdenkliches Kind. Er sieht gut aus und ist sehr sportlich, gilt auch beim Handball als Super-Talent,, hat also eigentlich keinen Grund für irgendwelche Selbstzweifel.
Allerdings ist es so, daß er in seiner Klasse niemanden hat, mit dem er sich wirklich gut versteht, was nicht an ihm sondern an einer wirklich schwierigen Klassenzusammensetzung liegt.
Jetzt steht der Übergang zum Gymnasium an, und wir machen uns doch Sorgen, weil so recht keiner weiterweiß.

Haben Sie vielleicht eine Idee, was dahinter stecken könnte?

Claudia Tasch
Fachberatung der BVSS
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Re: Nicht Stottern oder Poltern sondern Stocken

Beitrag von Claudia Tasch » 14. März 2011 22:53

Hallo,
wir, die Fachberaterinnen, haben Ihre Anfrage erhalten. Wir bemühen uns, möglichst schnell zu anworten, so dass spätestens die Antwort Ende der Woche die Antwort eingestellt sein wird.
Mit besten Grüßen
Claudia Tasch

Bettina
Fachberatung der BVSS
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Re: Nicht Stottern oder Poltern sondern Stocken

Beitrag von Bettina » 17. März 2011 09:46

Sehr geehrte/r Ratsuchende/r,

sowohl als Mutter als auch als Logopädin kann ich Ihr Problem gut nachvollziehen und ich denke, es war ein guter Schritt, sich an unsere Fachberatung zu wenden. Ich hoffe, Sie sehen das nach dem Lesen der Antwort auch so.
Ein besonders ausdrucksstarkes Kind, welches eine bilderbuchhafte Sprachentwicklung durchlaufen hat, bekommt mit dem Eintritt in die erste Klasse Schwierigkeiten beim Sprechen. Natürlich macht man sich als Eltern Gedanken und vielleicht auch Sorgen.
Wäre ich mit Ihnen in einem Beratungsgespräch, hätte ich zur Situation Ihres Sohnes noch einige Fragen, die über die Schilderungen in Ihrer Onlinefrage hinausgehen.
Ihr Sohn ist nun in der vierten Klasse und wenn ich es richtig verstanden habe, benutzt er dieses „-m-m“ am Satzanfang seit der ersten Klasse.
Hat das „ –m-m“ sich in dieser Zeit verändert?
Hat er vielleicht damit begonnen, es 1x vor den Satz zu stellen und hat sich das peu a peu auf nun 3-5x gesteigert?
Hat er im Durchschnitt im Laufe der Zeit immer mehr Sätze mit dem „-m-m“ begonnen?
Klang das „-m-m“ früher locker / weich und spricht er es heute vielleicht angestrengter / härter aus? Also mit mehr Druck im Hals?
Hat sich sein Bewegungsmuster verändert, kurz bevor oder während er das „-m-m“ an den Satzanfang stellt? Ballt er die Fäuste dabei? Nickt er mit dem Kopf? Zwinkert er mit den Augen? Verkrampft er sich irgendwie irgendwo körperlich?
Ihm fehlt ein guter Klassenkamerad. Berichtet er von übermäßigen Hänseleien im Klassenverbund wegen der Hochbegabung oder wegen des Sprechens? Hat er bessere Kontakte zu den Kindern, die mit ihm gemeinsam Sport machen?
Was sagt er selbst, wenn Sie ihn nach dem „-m-m“ fragen? Dass er manchmal anders spricht hat er sicherlich sehr schnell nach Beginn selbst bemerkt und sicher hat er dazu auch eigene Ideen und Erklärungsmuster.

Auch ohne eine Information über eben diese Details kann ich Ihnen dennoch im Folgenden wissenswerte Fakten geben.

Ein echtes Stottern beginnt in der Regel im Alter zwischen 2 und 12 Jahren.
Es gibt stotternde Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die stottern, aber man hört kein Stottern. Wie ist das möglich?
Wenn man stottert, verkrampft sich die Muskulatur im Kehlkopf und an den Stimmlippen (Stimmbändern). Sie verkrampft sich durch falsche vom Gehirn in diese Muskulatur abgegebene Impulse. Durch das Verkrampfen „stockt“ der Ausatemfluss – und wenn dieser stockt, „stockt“ auch das Sprechen. Stottern ist also erst mal eine rein körperliche Sache, nämlich eine neuromuskuläre Koordinationsstörung. Gestottert wird in Form von Dehnungen („Aaaaaaaaauto“), in Form von Wiederholungen („A-a-a-auto“) oder in Form von Blockierungen, wo der Ausatemfluss zeitweise komplett blockiert („---------Auto“ oder „A--------uto“).
Fast alle stotternden Menschen erahnen einen kommenden falschen Muskelbefehl ganz kurz bevor er sich beim Sprechen bemerkbar macht. Das macht Reaktionen und Vermeidungsstrategien möglich. Ist das der Fall, verändert sich das Stottern. Da niemand gerne unflüssig spricht, zielen die Vermeidungsstrategien darauf ab, das Stottern in Form von Dehnungen, Wiederholungen oder Blockierungen zu vermeiden. Das geht unter anderem eben auch dadurch, dass man vor den Satzanfang, bei dem man ein Stottern erwartet, einen so genannten „Starter“ setzt. Dies kann ein „ähm“ sein oder eine Floskel wie „ja also“ oder eben manchmal auch ein Buchstabe wie das „m“. Der Starter ersetzt die Unflüssigkeiten und Stotternde nehmen ihn in Kauf, weil sie mit allen Mitteln ein hörbares Stottern vermeiden möchten. Der Nachteil: Stottervermeidungsstrategien dieser Art nutzen sich immer wieder ab und verlangen mehr und mehr Aktionen. Nach einer gewissen Zeit reicht ein „ähm“ nicht mehr und man muss ein zweites und dann ein drittes dazunehmen – oder zu dem einen „ähm“ gewöhnt man sich noch ein Kopfnicken an, weil eben auch motorische Bewegungen ein hörbares Stottern verhindern.
Es kann also sein, dass Ihr Sohn mit der Neigung zu einer neuromuskulären Koordinationsstörung auf die Welt gekommen ist und die Schulsituation als große emotionale Herausforderung der Auslöser (nicht die Ursache!) für ein Stottern ist.
Aus Ihren Beschreibungen würde dazu passen, dass auswendig gelernte Texte und vor allem das Singen nicht betroffen sind. Kein stotternder Mensch stottert beim Singen, das liegt in der Gehirnfunktion begründet. Oft zeigt sich auch kein Stottern, wenn der Betroffene in eine andere Rolle schlüpft – z.B. beim Theaterspielen – oder wenn er seine Sprechweise grundlegend verändert, also besonders langsam und bedächtig spricht – wie Ihr Sohn mit einem Freund.
Sie beschreiben, dass er das „-m-m“ beim Vorlesen fremder Texte gebraucht. Versuchen Sie doch mal folgendes: lesen Sie einen ihm fremden Text mit ihm gemeinsam „im Chor“. Sie setzen sich nebeneinander so dass beide den Text gut sehen können und dann beginnen Sie, diesen gemeinsam laut vorzulesen. Mit der Zeit werden Sie sich einfinden und einen guten gemeinsamen Rhythmus und ein gutes gemeinsames Tempo finden. Setzt Ihr Sohn dabei noch „-m-m“s vor die Sätze? Wahrscheinlich nicht.
Dahinter steckt ein Phänomen, das „Lee-Effekt“ heißt. Beim „Chorlesen“ stottert man nicht, auch wenn man Stotternder ist. Selbst wenn 2 Stotternde einen Text im Chor vorlesen, bleiben sie nicht hängen und müssen auch keine Vermeidungsstrategien einsetzen.

Was ich Ihnen aus der Ferne ohne Sie und Ihren Sohn zu kennen berichten und erklären kann, sind im Grunde genommen nur Stichpunkte und Impulse. Ich kann natürlich keine Diagnose stellen – das wäre unprofessionell. In Ihrem Bericht deuten manche Sachen auf ein eventuelles Stottern hin, aber das kann ich über den Kontakt im Forum überhaupt nicht in Stein meißeln.

Würde es sich um mein Kind handeln, würde ich folgende Dinge in die Wege leiten:

 Bei der weiterführenden Schule bleiben, die Sie sich gemeinsam mit Ihrem Sohn ausgesucht haben. Überlegen Sie gemeinsam, ob man den Klassenlehrer vielleicht über das Sprechproblem informiert. Es ist dann für die Pädagogen einfacher, dem Kind in Drucksituationen beizustehen. Vielleicht möchte die Schule auch wissen, was sie tun kann, um Ihrem Sohn in der Eingewöhnung und sicher auch danach helfen zu können.
 Sich über die www.bvss.de genauer zum kindlichen Stottern informieren, indem Sie dort Infoflyer anfordern oder vielleicht auch den Elternratgeber „Mein Kind stottert – was nun?“ lesen. Nur durch gutes Infomaterial können Sie die dort erklärten Fakten zum Stottern mit den Dingen vergleichen, die Ihr Sohn zeigt. Das Wissen, welches Sie sich dadurch anlesen, gibt Ihnen Sicherheit, die richtigen weiteren Dinge für Ihren Sohn in die Wege zu leiten. Das Durchlesen älterer Antworten im Forum gibt Ihnen auch einen ergänzenden guten Wissensstand.
 Wenn Sie sich informiert haben und meinen, Ihr Sohn hat vielleicht doch ein Sprechproblem, das ein Stottern sein könnte, möchten Sie vielleicht professionelle Hilfe und / oder Beratung und / oder Therapie in Anspruch nehmen. Dann ist es sehr wichtig, eine Stottertherapeutin zu finden, die sich wirklich gut mit dem Spezialfach der Behandlung stotternder Kinder und Jugendlicher auskennt. Dieses Wissen eigenen wir uns weniger in der Ausbildung an – das geschieht über Fortbildungen, z.B. bei Patricia Sandrieser oder Andreas Starke. Eine Therapie wird dann individuell auf Ihre Bedürfnisse zugeschnitten – vielleicht werden nur Sie als Eltern beraten und dann wird abgewartet, vielleicht wünscht sich Ihr Sohn aus sich heraus therapeutische Hilfe.
 Die BVSS gibt Therapeutenlisten bezogen auf die Umgebung Ihres Wohnortes heraus. So haben Sie schon mal eine gewisse Vorauswahl – dennoch ist es wichtig, die Erfahrung im Umgang mit stotternden Kindern zu erfragen.
 Auch unter http://www.ivs-online.de, auf der Homepage der Interdisziplinären Vereinigung der Stottertherapeuten e.V., finden Sie eine Therapeutenliste. Bei der ivs können sich Therapeuten unter bestimmten Kriterien zum Stottertherapeuten (ivs) zertifizieren lassen.
 Generell können Sie von der Beratung eines guten Stottertherapeuten nur profitieren – auch wenn dieser feststellt, dass Ihr Sohn ein anderes Problem hat und kein echtes Stottern, das er mit dem „-m-m“ vermeiden möchte, zeigt.
 Wie Sie Ihren Sohn beschreiben, scheint es so zu sein, dass ein Mangel an Selbstvertrauen nicht das primäre Problem ist. Ich denke nicht, dass er durch einen Mangel an Selbstvertrauen so spricht wie er spricht. Wobei man natürlich immer wieder feststellt, dass es Menschen durch ein Stottern dann im nächsten Schritt auch an Selbstvertrauen mangeln kann. Durchaus nachvollziehbar, denke ich. Auch sehr konsequente Vermeider sind durch das ständige Verstecken der eigentlichen Unflüssigkeiten oft erschöpft und angespannt. Ich hatte mal mit einer Jugendlichen zu tun, die die Klasse wechseln wollte, weil sie doch manchmal trotz aufwendiger Vermeidungsstrategien ins Stottern kam, aber partout nicht wollte, dass sie als Stotternde entlarvt wird. Das sind ungünstige Verhaltensweisen und solche Kinder brauchen Hilfe und deren Selbstvertrauen sollte auf jeden Fall in die Richtung gestärkt werden, dass sie sich trauen, auch mal in Wiederholungen oder Dehnungen zu stottern. Das geht dann am besten mit guter Therapie.

So, ich hoffe sehr, das getroffen zu haben, was Ihnen weiterhilft. Wenn das nicht der Fall ist oder wenn durch diese Informationen weitere Fragen auftauchen, bitte ich Sie herzlich, sich gerne wieder im Forum zu melden, die BVSS zu kontakten oder unsere telefonische Fachberatung anzurufen. Diese erreichen Sie Donnerstags von 17 bis 20 Uhr und Freitags von 12 bis 14 Uhr unter der Nummer: 02211391108.

Ihnen alles Gute und herzliche Grüße von

Bettina

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