Stottern - Therapie ja/nein?

Erst informieren - dann therapieren: Die telefonische Fachberatung der BVSS:
- donnerstags 17-20 Uhr und freitags 12-14 Uhr
- Durchwahl 0221 / 139 1106 (Festnetzgebühr)
Für Stotterer ist auch eine Beratung per E-Mail möglich (info@bvss.de), welche aber längere Bearbeitungszeiten haben kann.
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DM1984
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Stottern - Therapie ja/nein?

Beitrag von DM1984 » 5. Mai 2011 21:03

Hallo zusammen!

Mein Sohn ist drei Jahre alt und stottert seit ca Ende letzten Jahres. Das hat plötzlich begonnen und ohne erkennbaren Auslöser. Er war bis jetzt in seiner Entwicklung etwas "gemütlich" (auch was die sprachliche Entwicklung angeht); insgesamt aber unauffällig. Sein Stottern äußert sich durch häufiges Wiederholen von Silben (bis zu 7, 8 mal: i-i-i-i-i-ich will...) und Dehnen von Vokalen (Kaaaaaaaaaaaaanst Du mir helfen? bis zu ~ 2,3 sec). Ich habe mich telefonisch beraten lassen und lese jetzt mit großem Interesse den Ratgeber "Mein Kind stottert - was nun?". Die ersten Kapitel und die darin beschriebenen Merkmale lassen mich befürchten, dass es sich eher um Stottern als um entwicklungsbedingte Redeunflüssigkeiten handelt.

Unsere Reaktion auf das Stottern unseres Sohnes war von Anfang an so, dass wir ihm konsequent unsere ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt haben, wenn er versuchte, etwas zu sagen - egal wie lange das dauert. Wir haben auch unser direktes Umfeld und den Kindergarten gebeten, es ebenso zu handhaben.

Bis jetzt hat er (vielleicht deswegen) keinerlei Begleitsymptomatik entwickelt. Ich hatte bis jetzt auch nicht den Eindruck, dass ihm in irgendeiner Weise bewusst ist, dass er etwas anders spricht als andere Kinder, oder dass er zumindest nicht darunter leidet. In den letzten beiden Wochen habe ich es allerdings zwei Mal erlebt, dass er einen Satz frustriert abgebrochen hat. ("Ach, mann..." und "es geht nicht"). Ich habe ihn dann ermutigt, und er hat den angefangenen Satz gut beendet. Es tut mir aber sehr leid, zu sehen, dass er mit zunehmender sprachlicher Kompetenz offensichtlich sein unflüssiges Sprechen mehr und mehr bemerkt. Er ist ein ganz fröhliches und unkompliziertes Kind, ein "Sonnenschein", den jeder sofort ins Herz schließt. Er hat ein ganz freundliches und ausgeglichenes Wesen; er "ruht in sich selbst" wie man so schön sagt. Ich befürchte sehr, dass das Stottern ihn hemmen oder unsicher und traurig machen könnte.

Ich frage mich jetzt vor allem: Ist es ratsam, einen Logopäden / Sprachtherapeuten zu diesem Zeitpunkt zu Rate zu ziehen? Mir kommt es vor, als würde das die Situation erst wirklich zu einem Problem werden lassen. (Würde ich meinem Sohn damit evtl. erst signalisieren: Ja, es gibt ein Problem. Ja, Deine Art zu sprechen ist unnormal?) Andererseits möchte ich ihm natürlich so gut helfen, wie ich kann; auch oder vor allem weil ich mir wünsche, dass er so fröhlich und selbstsicher bleibt, wie er ist. Wenn ich mich entscheiden würde, noch abzuwarten - könnte sich das negativ auswirken? Er steckt noch mitten in der Sprachentwicklung; lernt täglich neue Wörter und baut immer längere Sätze. Könnte eine Therapie schaden, wenn es sich doch um entwicklungsbedingte Schwierigkeiten handelt?

Ich hoffe, Sie verstehen meine etwas wirren Fragen. Mein Vorsatz ist es, Ihm alle Zeit zu geben, die er für eine gesunde und freie Entwicklung benötigt, und trotzdem nicht zu versäumen, ihm dabei so zu helfen, wie er es braucht.

Herzlichen Dank schon jetzt für Ihre Antwort.

Bettina
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Re: Stottern - Therapie ja/nein?

Beitrag von Bettina » 8. Mai 2011 05:39

Sehr geehrte/r Ratsuchende/r,

wir vom Fachberaterteam haben Ihre Anfrage gelesen und bereiten die Antwort bis kommenden Dienstag vor.

Mit freundlichen Grüßen,

Bettina

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Re: Stottern - Therapie ja/nein?

Beitrag von Bettina » 10. Mai 2011 02:33

Sehr geehrte/r Ratsuchende/r,

Sie haben Ihre Situation wirklich einfühlsam beschrieben und Ihre keinesweg wirren Gedanken kreisen um all die Dinge, die Eltern bedenken möchten, wenn sie ihrem Kind bestmöglich helfen möchten. Mein Ziel in dieser Antwort für Sie ist, dass ich Ihnen mit passenden Informationen Ihre Entscheidungen leichter machen möchte und dass Sie über möglichst viele Infos eine Handlungssicherheit aufbauen können, die nicht nur Sie als Eltern tragen können, sondern die auch Ihr Sohn mittragen kann, weil er sich durch Ihre Sicherheit auch sicherer fühlen wird.

Wahrscheinlich haben Sie mit der Annahme, dass Ihr Sohn im Moment ein Stottern zeigt, recht. Natürlich kann ich aus der Ferne keine Diagnose stellen, aber wenn er Wiederholungen und Dehnungen so einsetzt, wie Sie beschrieben haben, lässt sich das tatsächlich nicht mehr in den Bereich „Entwicklungsunflüssigkeiten“ einordnen.

Nun ist Ihr Ziel, Ihrem Kind die bestmögliche Betreuung zu geben bzw. zukommen zu lassen, damit sich das Stottern im besten Falle wieder legt. Sie bauen das gut auf: Kontakt zur Fachberatung und Infomationssammlung zum Thema Stottern über den Ratgeber und vielleicht auch den einen oder anderen Flyer der BVSS. Es ist wichtig, dass Sie als Eltern gut bescheid wissen, sich zum Thema „kindliches Stottern“ informieren und somit sicher im Umgang mit den Unflüssigkeiten Ihres Sohnes werden – und das tun Sie im Moment wahrscheinlich von Tag zu Tag besser.
Haben Sie das Gefühl, dass der Ratgeber für Ihre individuelle Situation Ideen und Tipps bereitstellt, wie Sie Ihrem Sohn helfen können, wenn er die Sätze nicht heraus bringt? Sie möchten ja verständlicherweise gerne Hilfe für den sprecherischen Alltag, Hilfe, wie Sie ganz konkret mit Ihrem Sohn umgehen, wenn er stottert. Wenn Ihnen Anregungen aus dem Ratgeber passend erscheinen, können Sie diese ausprobieren und anwenden – dann einfach mal schauen und beobachten, ob und wie es hilft. Horchen Sie dabei auch immer wieder auf Ihr Bauchgefühl. Sie werden spüren, ob Ihnen die Inhalte aus dem Ratgeber genügen, oder ob Sie das Gefühl haben: wir brauchen mehr Hilfe, damit wir unserem Kind noch besser helfen können.
Fachleute sagen beim kindlichen Stottern: Therapie ist dann angebracht, wenn das Kind stottert (das scheint im Moment bei Ihrem Sohn der Fall zu sein), wenn das Kind sich darüber ärgert, frustriert oder traurig ist (auch das beschreiben Sie in Ihrer Anfrage) – und wenn die Eltern unsicher sind und sich Sorgen machen.
Außerdem ist ja Therapie nicht gleich Therapie. Ein guter und erfahrener Stottertherapeut erstellt eine ausführliche Anamnese und Diagnose und entscheidet dann erst das weitere Vorgehen – und zwar individuell auf das Kind und seine Familie zugeschnitten. Dann kann eine Therapie auch erst mal „nur“ die Beratung und Schulung der Eltern sein, vielleicht gekoppelt mit Analysen von Videoaufnahmen(die Sie als Eltern zuhause machen), des stotternden Kindes und seiner kommunikativen Interaktion mit den Eltern, Geschwistern und vielleicht mit anderen Bezugspersonen um genau auf die bestehende Problematik einzugehen. Sie als Eltern und vielleicht auch weitere Erziehungsberechtigte realisieren dann die Impulse aus einer solchen Beratung im Familienalltag. Dann wird sich wieder getroffen, die Ergebnisse besprochen, man bekommt vom Therapeuten weitere Infos und Handlungsmöglichkeiten / Umgangsmöglichkeiten, es wird abgewartet, ob dem Kind damit geholfen werden kann und nach einiger Zeit wieder auf`s neue entschieden, ob diese indirekte Therapie des Kindes (indirekt in diesem Fall deshalb, weil das Kind selbst keinen Kontakt zum Stottertherapeuten hat) einen positiven Effekt hat. Falls Ihr Sohn auf Dauer mehr und konkretere Hilfe benötigt, werden Sie das gemeinsam mit dem Therapeuten erkennen und dann auch ohne innere Zweifel angehen können. Auch für sehr kleine Kinder – und Ihr Sohn ist für eine Stottertherapie noch sehr klein – gibt es mittlerweile gute Therapiekonzepte. Die beiden wichtigsten sind „Mini-KIDS“ von Dr. Patricia Sandrieser und das „Lidcombe-Programm“ von Tina Lattermann. Gute Stottertherapeuten kennen diese Programme und haben sich in mindestens einer dieser Richtungen speziell fortgebildet. Wenn Sie einen Therapeuten gefunden haben, dem Sie vertrauen, wird dieser mit Ihnen gemeinsam die individuell passenden Schritte erarbeiten. Eine direkte Therapie z.B. nach Lidcombe oder Mini-KIDS kann für Ihren Sohn individuell zugeschnitten sein, Sie sind als Eltern dabei recht eng dabei, lernen praktisch mit Ihrem Kind mit, um die Inhalte ebenso gut wie Ihr Sohn zu lernen und sie zuhause im Alltag umzusetzen. Wenn diese Dinge beachtet werden, kann eine gute Therapie etwas nicht: Ihrem Kind schaden oder das Stottern auf lange Sicht verschlimmern (also: keine Verschlimmerung der Symptome wegen einer Therapie, was aber leider nicht heißt, dass sich das Stottern nicht auch intensivieren kann – dann liegt das aber nicht an der therapeutischen Arbeit, sondern an der Natur dieser Sprechstörung – und wäre vielleicht ohne Therapie noch intensiver ausgefallen). Sie wirkt für das Kind entweder positiv oder „neutral“.
Die BVSS führt Therapeutenlisten, die Ihnen für die Therapeutensuche an Ihrem Wohnort eine gute Orientierung bieten können – außerdem hat die BVSS dazu auch einen lesenswerten Flyer und ein neu erschienenes Buch „Therapie des Stotterns“. Darin werden u.a. auch die verschiedenen Behandlungsansätze für Kinder beschrieben.

Sicher ist: ihr Sohn weiß genau, dass mit seinem Sprechen etwas nicht stimmt. Er spürt genau, wenn er hängen bleibt und dass sich vieles im Hals beim unflüssigen Sprechen anders anfühlt. Er verspürt sicher auch Frust dabei – manchmal sagt er es auch, Sie haben es ja in Ihrer Anfrage beschrieben. Wichtig ist, dass Sie als Eltern die Unflüssigkeiten nicht tabuisieren oder „unter den Teppich kehren“ wollen. Sie können ganz offen mit ihm darüber sprechen, das wird ihn erleichtern und gibt ihm das Gefühl, dass er mit diesem Problem nicht alleine ist. Kommentiert Ihr Sohn sein Hängenbleiben, dann fangen Sie ihn emotional auf, signalisieren Sie ihm in einem guten Moment, wenn er gerade hängen geblieben ist, dass auch Sie das unflüssige Sprechen bemerken: „Ja, da sind deine Worte gerade im Hals gehüpft wie ein Ball, die wollten gar nicht gut rauskommen. Das geht vielen Kindern manchmal so.“ Und vielleicht auch noch: „Wir werden vielleicht jemanden suchen, der Dir helfen kann, dass die Wörter wieder leichter aus dem Hals herauskommen können.“
Sie signalisieren Ihrem Sohn damit:
- auch wir haben bemerkt, dass sich dein Sprechen verändert hat
- du bist damit nicht alleine, andere Kinder haben das auch
- wir haben dich trotzdem noch genauso lieb
- wir werden uns gegebenenfalls Hilfe holen.

Das unflüssige Sprechen kann Ihren Sohn tatsächlich hemmen oder unsicher machen – eine gute Beratung bzw. Therapie fängt das Kind aber auf und achtet gut darauf, dass das Selbstvertrauen bleibt bzw. gestärkt wird. Je sicherer und aufgefangen sich Ihr Sohn in dieser Phase des unflüssigen Sprechens erlebt, desto weniger kann das Stottern an seiner Fröhlichkeit und Ausgeglichenheit nagen. Ermutigen Sie ihn im Alltag weiterhin so positiv, wie Sie es beschrieben haben. Sprechen Sie nicht die Sätze für ihn fertig, singen Sie viel mit ihm, denn beim Singen stottert man nie, sprechen Sie Gedichte und Reime mit ihm, denn auch in diesen immer wiederkehrenden Worten fühlen sich die Kinder oft gut geborgen und sprechen sie sicherer. Wenn Ihr Sohn schon Rollenspiele mag, dann lassen Sie ihn viel in andere Rollen schlüpfen – die Erfahrung zeigt, dass Kinder dabei viel weniger hängen bleiben und somit gute Erfahrungen bezüglich eines flüssigen Sprechens machen können.
Wohl wissend, dass ich mich jetzt gut ausdrücken muss, damit kein Leser den folgenden Tipp missversteht, möchte ich noch die ungeteilte Aufmerksamkeit ansprechen. Das gute Hinwenden zum Kind und ein sensiblerer Umgang mit Zuhören und auch Unterbrechen etc. ist immer wieder in Familien mit unflüssigen Kindern zu beobachten und macht auch ganz sicher großen Sinn. Bitte achten Sie aber darauf, dass nicht erst durch einen unflüssigen Satz diese Aufmerksamkeit zuteil wird. Beispiel: das Kind spricht flüssig und möchte der Mutter etwas mitteilen, die Mutter ist gerade mit anderem beschäftigt und reagiert nicht prompt – das Kind stottert und die Mutter unterbricht ihre Tätigkeit und wendet sich ihm daraufhin voll zu. Bei manchen Kindern könnte (muss nicht) das unabsichtlich zu einer Zunahme der Unflüssigkeiten führen. Auch für unflüssig sprechende Kinder gelten die in ihrer Familie wichtigen Kommunikationsregeln.

Am Ende ihrer Anfrage schreiben Sie so toll: „Mein Vorsatz ist es, Ihm alle Zeit zu geben, die er für eine gesunde und freie Entwicklung benötigt, und trotzdem nicht zu versäumen, ihm dabei so zu helfen, wie er es braucht.“ Wenn Sie sich für therapeutische Hilfe entscheiden, dann wünsche ich mir für Ihren Sohn und seine Famile einen Therapeuten, der das genauso sieht! Dann werden Sie sicher ein gutes Team!


Nun hoffe ich sehr, Ihnen mit meinen Zeilen geholfen zu haben. Sollte es noch Fragen geben, dann scheuen Sie sich nicht, uns nochmals zu kontakten- dafür sind wir von der Fachberatung ja da.

Mit den besten Grüßen,

Bettina

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