Spätes Stottern

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Tomy

Spätes Stottern

Beitrag von Tomy » 10. Mai 2011 11:54

Hallo,
wollte mich jetzt doch mal informieren. Ein Psychotherapeut hat zwar auch mal gemeint, ich würde gar nicht stottern, aber ein Sprachproblem ist nun mal da. Was mich wundert ist vor allem die Tatsache, daß mein Stottern (oder was es ist) so spät angefangen hat, nämlich erst mit dem Schulwechsel aufs Gymnasium. In der Grundschule hatte ich zwar einen r-Sprachfehler, der wurde aber problemlos behoben, und da wäre ja ein Stottern auch erkannt worden. Erst im Gymnasium begann ich dann, manchmal beim Reden steckenzubleben oder mich zu verhaspeln, oder eben manche Wörter (besonders mit I-Anfang) nicht herauszubekommen. Ich war aber auch ein ziemlich sensibles Kind und hatte zwar keine Probleme mit der Schule, aber mit den Mitschülern (Mobbing usw.). Heute (mit 31) habe ich oft (nicht immer) ein Problem, flüssig zu reden, besonders Probleme habe ich beim Telefonieren, wobei vor allem das Anfangen schwierig ist.
Was meinen Sie zu meinem Fall?

Bettina
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Re: Spätes Stottern

Beitrag von Bettina » 11. Mai 2011 11:25

Hallo Tomy,

wir vom Fachberaterteam haben Ihre Anfrage gelesen und werden Ihnen bis zum Freitag dieser Woche eine Antwort ins Forum stellen.

Beste Grüße bis dahin,
Bettina

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Re: Spätes Stottern

Beitrag von Bettina » 12. Mai 2011 02:39

Guten Tag Tomy,

gerne möchte ich Ihnen mit einigen Fakten, Ideen und Impulsen weiterhelfen.
Sie berichten von Problemen beim Sprechen, die mit dem Eintritt in die weiterführende Schule begonnen haben und bis heute andauern. Ob Ihr Sprechproblem nun wirklich ein Stottern ist, kann ich natürlich anhand der Beschreibung in Ihrer Anfrage nicht beurteilen. Für die Diagnose einer wie auch immer gearteten Sprechproblematik sind der persönliche Kontakt und mindestens eine Stunde Zeit nötig. Jedoch hörte es sich für mich bei Ihnen so an, als hätten Sie sich schon intensiver über Stottern informiert und scheinen der Meinung zu sein, dass Sie betroffen sind.

Stottern kann im Alter zwischen 2 und 12 Jahren erstmalig auftreten. Die meisten Kinder beginnen zwar im Kindergartenalter, aber mir selbst sind mehrere Menschen bekannt, die erst spät begonnen haben zu stottern. Meist ist der Stotterbeginn an einen Auslöser gekoppelt, meist an emotional positiv oder negativ besonders aufregende Ereignisse. Z.B. die Geburt eines Geschwisterkindes, Beginn Kindergarten, Umzug,…das könnte bei Ihnen der Eintritt in die weiterführende Schule gewesen sein.
„Auslöser“ ist nicht mit „Ursache“ zu verwechseln. Man wird mit der Veranlagung, irgendwann zwischen 2 und 12 mit Stottern zu beginnen, geboren. Die Ursache ist also angeboren: eine winzige Funktionsstörung im Gehirn, die mit der Feinsteuerung der Sprechmuskulatur zu tun hat. Irgendwann kommt dann der Auslöser, bei Ihnen der Schulwechsel. Wenn das Stottern kommen soll, dann kommt es irgendwann. Wäre es bei Ihnen der Schulwechsel nicht gewesen, dann vielleicht einige Wochen später das erste Referat oder der erste ernste Schulpausenkonflikt.
Hut ab, wie Sie sich scheinbar ohne professionelle Hilfe bis zum Abschluss durchgebissen haben!

Sie schreiben, dass ein Psychotherapeut einmal sagte, Sie würden nicht stottern. Immer wieder habe ich Kontakt zu wirklich guten Psychotherapeuten, aber wenn diese sich nicht explizit zum Thema Stottern weiter- und fortgebildet haben, ist ihr Wissen zu dieser Thematik oft nicht umfangreich. Was ich damit sagen möchte: hören Sie ruhig auf Ihr Gefühl und wenn Sie meinen, Sie müssen immer wieder mit Unflüssigkeiten kämpfen, dann wird das auch so sein.

Sie beschreiben auch besondere Schwierigkeiten beim Telefonieren. Viele stotternde Menschen telefonieren nicht gerne. Man ist bei diesem Medium sehr auf das gesprochene Wort beschränkt. Kommunikation besteht ja neben dem gesprochenen Wort noch aus vielen Elementen der Gestik, der Mimik, der Körpersprache, der Umgebung und des Blickkontakts. All das fällt beim Telefonieren weg, nur das Sprechen zählt noch – und wenn einem das schwer fällt, ist natürlich die Anspannung vor einem Telefonat sehr hoch. Man hat Angst zu stottern, das wiederum verstärkt die Gefahr, tatsächlich hängen zu bleiben. All das wissen Sie und vielleicht fällt Ihnen deshalb der Beginn eines Telefonats so schwer.

Haben Sie denn das Gefühl, etwas dagegen machen zu wollen?
Vielleicht gibt es ja bei Ihnen in Wohnortnähe eine Selbsthilfegruppe stotternder Menschen. Ein Besuch dort lohnt sich. Man kann sich austauschen, wird aufgefangen und merkt: ich bin ja mit meinen Problemen nicht alleine und kann eine Menge von den anderen lernen.
Sie könnten sich auch von einem Phoniater oder Hals-Nasen-Ohren-Arzt eine Verordnung besorgen und sich von einem guten Stottertherapeuten (in der Regel sind das Logopäden oder Sprachheilpädagogen, die sich auf die Behandlung stotternder Menschen spezialisiert haben – eine entsprechende Therapeutenliste bekommen Sie über die BVSS) untersuchen lassen, sich beraten lassen oder auch eine Therapie beginnen. Stottern ist in jedem Alter veränderbar und verbesserbar, geben Sie dem Stottern nicht zu viel Macht und wenn es Sie zu sehr nervt, dann haben Sie Möglichkeiten, sich zu helfen oder sich helfen zu lassen.

Nun hoffe ich, Ihnen weiter geholfen zu haben. Gerne können Sie sich bei weiteren Fragen wieder an uns wenden.

Alles Gute wünscht Ihnen

Bettina

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