stottern vor freunden?

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girlyany

stottern vor freunden?

Beitrag von girlyany » 5. Juli 2011 22:38

Hallo,

ich hab schon immer etwas gestottert, schon im Kindergarten. Seit ca. 2 Jahren ist es viel schlimmer geworden, keine Ahnung warum. Es ist kein richtiges Stottern, ich habe eher Sprachblokaend. Ich spüre schon bevor ich etwas sagen möchte, dass es nicht gehen würd und versuch ich es trotzdem muss ich die wörter ganz oft wiederholen "es ist ist ist ist ist.." Das komische ist, dass es in der Schule vor der Klasse kein Problem ist, aber vor meinen besten freundinnen, wenn ich mit ihnen über ganz alltägliche dinge rede und vor allem, wenn ich versuche etwas wiederzugeben , ist es ganz schlimm.
Wie kann das sein? Meinen besten Freundinnen vertraue ich doch total. Ich versteh das nicht, und weiß langsam echt nicht mehr weiter. Ich möchte so vieles erzählen, doch es geht einfach nicht! :(

Bettina
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Re: stottern vor freunden?

Beitrag von Bettina » 6. Juli 2011 22:29

Guten Abend girlyany,

wir vom Fachberaterteam haben Deine Anfrage gelesen und arbeiten an einer Antwort, die wir bis zum Wochenende hier im Forum eingestellt haben werden.

Mit besten Grüßen,
die Fachberatung

Bettina
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Re: stottern vor freunden?

Beitrag von Bettina » 11. Juli 2011 15:53

Guten Tag girlyany,

zuerst möchte ich sagen, dass mir Deine Schilderungen vertraut sind, weil ich immer mal wieder mit Jugendlichen zu tun habe, denen es ähnlich geht.

In den nächsten Zeilen möchte ich versuchen, Dir zu erklären, warum es Dir beim Sprechen so geht wie es Dir geht. Außerdem ist es mir wichtig, Dir aufzuzeigen, was Du unternehmen kannst, damit Du Dich mit Deiner Art zu Sprechen besser fühlst oder damit sich Dein Sprechen bessert.

Obwohl Du sehr kurz und knapp schilderst, dass Du früher mal gestottert hast und wie Du Dein Sprechen jetzt erlebst, bin ich persönlich der Meinung, dass Deine Sprechprobleme heute zeigen, dass Du das Stottern noch immer sozusagen in Dir trägst. Bei jedem Menschen kommt es auf andere Art und Weise zum Vorschein und es ist ebenso bekannt, dass es in der Intensität schwankt, also mal mehr mal weniger auftritt. Das kann erklären, warum Du seit zwei Jahren merkst, es ist mehr geworden. Da Du erzählst, dass Du noch zur Schule gehst, vermute ich, dass Du mitten in der Pubertät steckst oder Dich am Ende dieser so spannenden Lebenszeit befindest. Im der Phase der Pubertät bauen sich viele Strukturen im Gehirn um und es geschehen viele spannende Entwicklungsschritte. Da es mittlerweile bekannt ist, dass das Stottern daher kommt, weil im Gehirn die Befehle für die Muskelbewegungen im Kehlkopf zu wenig im Einklang ablaufen, kann es sein, dass sich das Stottern im Verlauf der Pubertät ändert, weil sich eben so viele Dinge im Gehirn ändern. Manchmal werden die Unflüssigkeiten mehr, manchmal weniger.
Du beschreibst, dass Du kurz vorher merkst, dass es gleich mit dem Sprechen nicht gehen wird. Wie eine Art „Deja Vu“, eine Vorausahnung. So geht es den meisten Stotternden. Kurz vor dem Wort, über das sie nicht hinweg kommen werden, bekommen sie diese Vorahnung. Wenn man in einer Therapie Sprechtechniken lernt, hilft diese Vorahnung beim Üben und Anwenden der Sprechtechniken. Falls Du meistens ganze Wörter wiederholst, ist das schwierige Wort nicht das Wort, welches Du wiederholst, sondern das Wort danach. Ein Beispiel: „Ob ich-ich-ich-ich r-----echtzeitig ankommen werde?“ Bei diesem Satz ist das schwierige Wort „rechtzeitig“ und als eine Art Hilfe oder Starter wird das Wort davor öfter gesprochen in der Hoffnung, dass das eigentlich schwierige Wort irgendwie dann doch noch raus kommt. Kommt Dir diese Beschreibung bekannt vor? Natürlich hoffe ich, dass ich damit richtig liege. Falls das nicht der Fall ist, kannst Du Dich jederzeit wieder über dieses Forum melden und noch etwas genauer beschreiben, wie es Dir mit dem Sprechen geht. Dann kann ich bestimmt auch noch genauer in meine Ideen sein.

Du beschreibst sehr treffend, dass der Grad Deiner Sprechprobleme abhängig ist von der Situation. Jeder, der stottert, kennt das: in manchen Situationen geht es recht flüssig – andere Situationen sind sehr schwer. Die eine telefoniert z.B. noch ganz ordentlich, der andere bekommt beim Telefonieren so gut wir kein Wort raus und vermeidet es sogar – geht lieber persönlich hin z.B. Oder die eine spricht im Beisein des Chefs schlecht, aber mit der Familie daheim geht es ganz gut. Bei Dir ist es vor der Klasse und im Schulunterricht ok, aber in den Alltagsgesprächen mit den Freundinnen stecken Dir die Wörter so oft im Hals, dass Du schon gar nicht mehr alles erzählst, was Du gerne möchtest. Natürlich belastet Dich dass und ärgert Dich das. Diese Konstellation ist eher ungewöhnlich – meist klappt es mit dem Sprechen in vertrauter Umgebung besser als z.B. in der Schule unter Druck von Lehrern und Schülern. Doch geben tut es das, was Du beschreibst – auch mit dieser eher ungewöhnlichen Konstellation bist Du nicht alleine. Am ehesten lässt sich diese wie folgt erklären: Deine Unflüssigkeiten sind eher noch von leichterer Natur, so dass Du es bei guter Konzentration auf das Sprechen schaffst, Dich ordentlich flüssig zu halten. Vielleicht ist Dir aber schon selbst aufgefallen, wie anstrengend das doch ist. Fällt dann der Schuldruck von Dir ab und bist Du mit Deinen Freundinnen in der Freizeit zusammen – hast Du oder hat Dein Gehirn auf diese Sprechanstrengung keine Lust mehr und dann werden auf einmal die Unflüssigkeiten mehr. Es klingt ein bisschen verrückt, aber ich vermute, Du sprichst mit Deinen Freundinnen schlechter, weil Du ihnen vertraust, weil Du sicher bist, dass sie Dich auch mit den Problemen beim Sprechen gerne haben werden und immer zu Dir halten werden. Dein Gehirn lässt sich also quasi im Beisein Deiner Freundinnen mehr gehen und erholt sich von der sehr großen Anstrengung, sich am Vormittag einigermaßen flüssig zu halten. Gerade weil Du also Deinen besten Freundinnen total vertraust, sprichst Du schlechter - kannst Du das für Dich nachvollziehen?
Nun ist es nur leider so, dass Du Dich schon mit Erzählen zurückhältst und darunter leidest. Das Stottern bewirkt also, dass du Dich anders verhältst und nicht mehr so ganz Du selbst bist. So hat das Stottern in der letzten Zeit eine große Macht über Dich gewonnen. Diese Macht gefällt Dir gar nicht, Du bist darüber sauer und genervt – so sehr, dass du Dich nun darum kümmerst, ob Dir irgendwie geholfen werden kann. Für viele Leute kommt irgendwann einmal der Punkt, wo das „Fass überläuft“ und sie die Schnauze voll haben von der Tatsache, wie die Unflüssigkeiten ihr Leben bestimmen. Sie wollen etwas dagegen unternehmen. Schön, dass Du bei Deinen ersten Schritten dazu auch bei uns in diesem Forum gelandet bist.
Auch zum Thema „sich helfen“ möchte ich einige Ideen loswerden. Vielleicht wohnst Du in einer Stadt, in der es eine Stotter-Selbsthilfegruppe gibt – dort bist Du bestimmt willkommen – auch wenn es nur für ein paar Mal ist. Der persönliche Austausch mit ebenso betroffenen Leuten tut oft gut, man kann Ideen und Hilfsmöglichkeiten austauschen, Du kannst von der Erfahrung der anderen profitieren. Es gibt auch sehr gute Infoflyer für Jugendliche, die stottern, bzw. unflüssig sind. Dort werden wichtige Fakten zum Phänomen des Stotterns beschrieben. Neben diesem Onlineforum gibt es auch eine telefonische Beratung, bei der man anrufen kann. Donnerstags von 17 bis 20 Uhr und freitags von 12 bis 14 Uhr. Die Telefonnummer lautet: 0211391108. Dort kann man auch alle Fragen rund ums Stottern loswerden. Die Infos über die Selbsthilfegruppen und die Flyer bekommst Du über die BVSS (Bundesvereinigung Stottererselbsthilfe, www.bvss.de) – die können Dir Sachen zuschicken oder Listen geben. Die BVSS bietet auch echt gute Jugendlichentreffs an. Übers Wochenende trifft man sich zu einem Workshop in einer großen Stadt, macht alles zusammen und kann sich austauschen und gegenseitig helfen. Allen Jugendlichen mit Sprechproblemen, die etwas mit Stottern zu tun haben, rate ich dringend, mal solch einen Workshop zu besuchen. Hast du dir schon mal überlegt, ob Du vielleicht auch mal eine Therapie machen möchtest. Gute Stottertherapeuten passen die Inhalte genau auf Deine Bedürfnisse an. Eine Therapie kann man in der Nähe des Wohnortes 1 oder 2x pro Woche machen oder man macht eine so genannte Intensivtherapie, z.B. 4x eine Woche am Stück (Schulferien oder Schulbefreiung) oder über einige Wochenenden. Bei den Intensivtherapien ist gut, dass man in der Gruppe mit ebenso betroffenen stotternden Leuten arbeitet, aber auch die ambulanten Therapien sind gut. Man braucht ein Rezept (Heilmittelverordnung), das z.B. ein HNO-Arzt ausstellen kann und dann werden die Therapiestunden von der Krankenkasse übernommen. Wichtig ist, dass Du Dir eine Logopädin oder Sprachheiltherapeutin aussuchst, die nachweisen kann, dass sie auf die Therapie von stotternden Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen spezialisiert ist. Man muss schon Fortbildungen besuchen und Erfahrung sammeln, wenn man ein guter Therapeut für stotternde Menschen werden möchte. Es gibt bei der BVSS eine Therapeutenliste, dort ist vielleicht auch jemand gutes in der Nähe Deines Wohnorts gelistet.
So wie Du Deine Schwierigkeiten beschreibst, könntest Du in einer Therapie sicher sinnvolle Dinge lernen, die Dir das Sprechen erleichtern. Es geht in der Therapie um Mut und Selbstvertrauen, die Angst vor dem Hängenbleiben abzubauen und um sinnvolle Sprechtechniken zu lernen.
Liebe girlyany, lass Dein Ziel, all das gerne wieder erzählen zu können, was Du möchtest und mit wem Du möchtest, nicht aus den Augen. Es gibt Mittel und Wege, das zu erreichen und dann ist die Chance groß, dass du Dich wieder etwas besser fühlst.

Bitte melde Dich jederzeit gerne wieder, wenn noch Fragen offen sind oder Du weitere Dinge wissen möchtest – wir helfen gerne.

Alles Gute und viele Grüße von Bettina

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