erst mit 4 Jahren zum Logopäden ?

Erst informieren - dann therapieren: Die telefonische Fachberatung der BVSS:
- donnerstags 17-20 Uhr und freitags 12-14 Uhr
- Durchwahl 0221 / 139 1106 (Festnetzgebühr)
Für Stotterer ist auch eine Beratung per E-Mail möglich (info@bvss.de), welche aber längere Bearbeitungszeiten haben kann.
Gesperrt
menne01

erst mit 4 Jahren zum Logopäden ?

Beitrag von menne01 » 6. Februar 2012 14:15

Hallo,
mein Sohn ist jetzt 3 Jahre und 4 Monate alt. Er stottert jetzt schon fast ein Jahr und ich denke, langsam wird es Zeit sich professionelle Hilfe zu suchen. Die Kinderärztin meinte aber, unter 4 Jahren würden gute Logopäden gar keine stotternden Kinder behandeln, weil das eher kontraproduktiv in der Srachentwicklung wäre. Sollen wir also noch abwarten ? Die eine Erzieherin im Kindergarten meint, wir sollen uns Hilfe holen, eine andere wiederrum- das gibt sich von alleine - wir sollten noch Geduld haben. Wir wissen nun bald gar nicht mehr, ws richtig und falsch ist. Uns ist auch aufgefallen, dass er weniger oder fast gar nicht mehr stottert wenn wir z.B. im Urlaub waren oder er 1 Woche zu Hause war, weil er krank war. Kann es auch sein, dass er im Kindergarten einfach zu viel Stress hat ? Gibt es Entspannungsübungen, die ich mit meinem Sohn machen kann ?

Vielen Dank für Ihre Hilfe.

Bettina
Fachberatung der BVSS
Fachberatung der BVSS
Beiträge: 103
Registriert: 5. Oktober 2007 01:27

Re: erst mit 4 Jahren zum Logopäden ?

Beitrag von Bettina » 7. Februar 2012 02:43

Liebe/r Menne01,

vielen Dank für Ihre Anfrage. Sie ist wirklich eine gute Vorlage, um einige Dinge anhand neuer Erkenntnisse von Wissenschaft und Therapie klarzustellen. Wobei: die meisten Fakten zu den von Ihnen angesprochenen Themen sind gar nicht mehr so neu – aber da kindliches Stottern in Kinderarztpraxen, Kindergärten und auch Schulen nur ein kleines Randthema unter vielen Themen ist, kursieren immer noch viel zu viele „Halbwahrheiten“, die eher noch mehr zu Verunsicherungen führen als zu helfen.
Sie als Elternteil denken, dass Ihr Sohn, der nun fast schon ein Jahr stottert, professionelle Hilfe braucht. Sie denken richtig!
Professionelle Hilfe durch eine erfahrene Sprachheilpädagogin oder Logopädin ist dann sinnvoll, wenn:
 das Kind sich beim Stottern anstrengt / wenn das Stottern angestrengt klingt
 das Kind auf sein Stottern mit Frust, Wut, Aggression, Rückzug reagiert
 das Kind Bewegungen einsetzt, um sein Stottern zu kontrollieren

Und selbst wenn keiner der drei genannten Punkte zutrifft, ist professionelle Hilfe auch dann angebracht, wenn die Eltern sich Sorgen machen. Denn Sorgen legen sich auf das Gemüt, was das Kind unbewusst auf jeden Fall spürt – und Sorgen machen auch unsicher im Umgang mit dem stotternden Kind, doch dieses braucht sichere und informierte Eltern.
Es können schon Kinder ab 2 Jahren behandelt werden. StottertherapeutInnen, die entsprechende Fortbildungen besucht haben und erfahren sind, wissen, wie eine „Behandlung“ mit kleinen Kindern (auch Ihr Sohn gehört in seinem Alter noch zu den kleinen Kindern) aufgebaut wird. Das Wort „Behandlung“ habe ich deshalb in Anführungsstriche gesetzt, weil es natürlich nicht sinnvoll ist, ein kleines Kind einfach 1x die Woche zum Therapeuten zu geben und da wird irgendetwas mit ihm gemacht. Bei kleinen Kindern steht viel eher die Beratung und Information der Eltern im Vordergrund. Also mehr indirekte Therapie für das Kind. Wenn man in solch einer Therapie das Kind spielerisch kennen gelernt hat und das Stottern diagnostiziert hat, dann gibt es erst einmal Elterngespräche mit Informationen rund um das Stottern und dann werden Verhaltensweisen überlegt und gemeinsam mit den Eltern erarbeitet, wie Sie als Eltern im Alltag ihrem Sohn helfen können, dass das Sprechen für ihn wieder leichter wird. Diesen Weg betreut die Therapeutin intensiv, man trifft sich so oft wie nötig, um die Entwicklung des Kindes zu begleiten und darüber hinaus wird die Therapeutin auch so mit Ihrem Sohn arbeiten, wie es die Situation zulässt. Mit einem dreijährigen Kind lässt sich da schon etwas machen. Es kann mithilfe der Therapeutin und den Eltern ein leichtes Stottern angeboten bekommen, das es übernehmen kann, man kann sein Selbstvertrauen stärken, man kann es auffangen und ihn wissen lassen, dass es mit dem Sprechproblem nicht alleine ist, sondern das viele Kinder das haben und dass man ihm helfen wird. Man kann vielleicht auch schon bald die eine oder andere Sprechtechnik spielerisch einüben. Sie erkennen hoffentlich anhand meiner Beschreibung, dass es gute Hilfsmöglichkeiten für Ihren Sohn und vor allem auch für Sie als seine Eltern gibt.
Ein Behandlungskonzept, das solche Inhalte hat, ist das Konzept Mini-KIDS (KIDS für „Kinder dürfen stottern“ und Mini für kleine Kinder zwischen 2 und 5 Jahren) von Patricia Sandrieser. Wenn Sie sich professionelle Hilfe suchen, dann ist es wichtig, dass die Behandlerin dieses Konzept kennt und anwendet.
Die BVSS hat eine Therapeutenliste, die Sie über die telefonische Fachberatung Donnerstags von 17 bis 20 Uhr und Freitags von 12 bis 14 Uhr unter der Telefonnummer 0221/1391108 anfordern können. Das erleichtert die Suche nach einer guten Therapeutin – dennoch ist es wichtig, die Kompetenz für die Behandlung kleiner Kinder abzufragen.
Möchten Sie noch mehr sinnvolles zum Thema Stottern erfahren?
Der Elternratgeber „Mein Kind stottert – und nun?“ ISBN 978-3-921897-56-0 ist ein wertvoller Begleiter für Eltern und beantwortet eine Menge Fragen.
Außerdem hat die BVSS eine Fülle an Infoflyern, die Sie sich zuschicken lassen können.
Nun zu der Meinung der Kinderärztin, Kinder unter 4 Jahren sollten nicht behandelt werden, weil das für die Sprachentwicklung kontraproduktiv wäre. Es gab mal eine Zeit, das wurde das empfohlen. Damals gab es faktisch keine guten Behandlungskonzepte für kleine Kinder, es wurden ziemlich viele „wilde Dinge“ versucht - natürlich mit wenig Erfolg. Damals mag es für die kleinen Kinder unter bestimmten Umständen vielleicht besser gewesen sein, gar nicht therapiert zu werden, aber die Zeiten sind mit Mini-KIDS oder auch dem Lidcomb-Konzept vorbei. Eine individuell an das Kind angepasste Stottertherapie beeinträchtigt die sonstige Sprachentwicklung eines Kindes nicht.
Wenn Sie eine gute Therapeutin gefunden haben, wenn Sie die Infoflyer der BVSS und vielleicht auch den Elternratgeber gelesen haben, dann sprechen Sie doch noch mal mit Ihrer Ärztin und erklären ihr die Situation – vielleicht hat sie auch wenig Spielraum mit ihrem Verordnungsbudget und zögert die Sache deshalb etwas hinaus? Bieten Sie ihr an, sich auch mal Verordnungen von einem HNO-Arzt oder (wenn Sie in / nahe einer großen Stadt wohnen) Phoniater zu organisieren. Dann ist die Verordnungslast auf mehrere Schultern verteilt.
In Ihrem Fall ist es die Erzieherin – oft sind es auch die Kinderärzte, die sagen: „das gibt sch von alleine!“.
Warum hört man so oft, dass sich das Stottern beim Kind wieder von alleine gibt? Nun ja, weil es tatsächlich oft so ist. 60 bis 80 % der Kinder die stottern, hören von alleine wieder auf. Mädchen eher als Jungen. Niemand kann sagen, welches Kind von alleine aufhört und welches Kind dafür Hilfe benötigt. Und weil somit auch niemand sagen kann, zu welcher Gruppe Ihr Sohn gehört, hat er ein Recht auf Therapie. Dadurch erhöhen sich seine Chancen, dass er sich aus dem unflüssigen Sprechen wieder herausarbeiten kann. Vielleicht geben Sie den einen oder anderen Infoflyer der BVSS ja dann auch mal an den Kindergarten – man kann sie fix mal durchlesen und hat eine Menge aktueller Infos zum kindlichen Stottern bekommen.

Sie beschreiben ein flüssigeres Sprechen Ihres Sohnes in bzw. nach Urlaubs- oder Krankheitstagen. Es stimmt, dass die Intensität des Stotterns situationsabhängig sein kann und wahrscheinlich bedeutet es für Ihren Sohn mehr „Arbeit“, einen Kindergartentag zu erleben als einen Urlaubs- oder Krankheitstag.
Das Thema „Entspannungsübungen“ würde ich an Ihrer Stelle dennoch erst einmal verschieben. Es zeigt sich, dass es für die Kinder einfach zu schwer ist, sich in Stresssituationen wirklich daran zu erinnern und es abzurufen. Nun ist es auch nicht sinnvoll, das Kind nicht mehr in den Kindergarten zu schicken – er gehört dazu und ist wichtig. Innerhalb einer Therapie wird es Inhalte geben, die Ihren Sohn allgemein stärken werden und das kann neben den kindgerechten Übungen am Sprechen dazu führen, dass sich das Stottern allgemein verringert – und dann auch in den Kindergartenzeiten.
Das wünsche ich Ihrem Sohn und Ihnen!
Nun hoffe ich sehr, dass meine Zeilen Ihnen ein Mehr an Sicherheit gegeben haben und Sie nun für Ihren Sohn die passenden Dinge in die Wege leiten können.
Gerne können Sie sich jederzeit wieder an uns wenden.

Die Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V. (BVSS) ist die einzige Organisation in Deutschland, die sich unabhängig und bundesweit für die Interessen stotternder Menschen einsetzt. Sie schätzen unsere Arbeit und möchten zum Erhalt unseres umfangreichen Angebots für Betroffene, Angehörige, Fachleute und Multiplikatoren beitragen? Mit einer Spende können Sie die bundesweite Stotterer-Selbsthilfe einmalig oder auch regelmäßig unterstützen.
Alles Gute für Ihren Sohn!
Mit besten Grüßen,
Bettina

Gesperrt

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast