Leichtes Stottern - große psychische Belastung

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Betroffener

Leichtes Stottern - große psychische Belastung

Beitrag von Betroffener » 28. Juni 2012 13:23

Hallo,

meine Leidensgeschichte (auch wenn ich mir das oft nicht eingestehen will) dreht sich um mein Stottern beim telefonieren. Mein Stottern ist nur leicht ausgeprägt und ich behaupte mal, dass 99% meines Umfeld davon gar nichts mitbekommt. Nur der Beginn eines Telefonats ist für mich anstrengend. Ich weiß, dass ich mich mit meinem Namen melden muss und nicht ausweichen kann. Besonders bei der Arbeit ( im Büro) denke ich permanent an den nächsten Anruf und sobald ich eine kleinere Blockade beim Abnehmen bemerke, bin ich den ganzen Tag deprimiert. Mein Stottern macht sich beim Melden mit dem Nachnamen bemerkbar durch eine kurze Blockade (ca. 1 Sekunde), einem "Ähm..." vor den Nachnamen stellen oder mit einem kräftigen Betonung der ersten Silbe meines Nachnamen. Einfach nur mit einem Ja oder Hallo ans Telefon gehen würde beispielsweise jedes Gespräch unproblematisch werden lassen. Auch habe ich wochenweise Phasen, wo mir der Nachname leicht von den Lippen geht. Trotzdem schwelt die Angst vor der nächsten Blockade immer mit.

Ich bin mittlerweile 30 Jahre alt, aber erst mit dem Beginn des Arbeitsleben wird dieses "leichte" Stottern zu einer großen psychischen Belastung. Mich stört eigentlich gar nicht so das Stottern, sondern das ständige Nachdenken darüber, die Angst vor dem nächsten Anruf und die Niedergeschlagenheit nach einem Rückschlag. In schlimmen Phasen denke ich permanent ans Stottern und kann auch am Woe nicht abschalten.

Eine Therapie oder ähnliches habe ich bisher nicht gemacht! Was würdet Ihr vorschlagen...? Ist das bei mir eher psychisch???

Viele Grüße

Bettina
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Re: Leichtes Stottern - große psychische Belastung

Beitrag von Bettina » 3. Juli 2012 01:40

Lieber Betroffener,

zuerst einmal vielen Dank für Ihre Anfrage. Sie beschreiben sehr gut, wie es Ihnen geht und das gibt uns von der Fachberatung die Möglichkeit, präzise zu antworten.
Bevor ich auf die Einzelheiten eingehe, möchte ich zwei Dinge anbringen:
- Ja, sehr viele Betroffene haben die gleichen Probleme.
- Nein, es ist nicht psychisch.

Aber nun der Reihe nach und ausführlicher:
Viele Menschen, die stottern, kommen in den meisten Lebensphasen und Situationen ganz gut mit den Sprechunflüssigkeiten klar. Sie sind kommunikativ gut „in Form“, haben ein ordentliches Selbstvertrauen und das Stottern gewinnt nie oder selten die Oberhand. Aus diesen Gründen brauchen solche Menschen oft ein Leben lang keine Therapie, denn welchen Nutzen würde diese bringen, wenn die Probleme mit dem Sprechen im Großen und Ganzen auch so gut zu meistern sind. Dann gibt es Betroffene, die wie Sie eigentlich leicht stottern, aber auf eine Veränderung in der Lebensphase (z.B. Arbeitsplatzwechsel oder der Übergang von Ausbildung ins Berufsleben) plötzlich sensibler als sonst reagieren.
Mit diesem Problem sind Sie nicht allein. Das geht sehr vielen genauso oder ähnlich.
Man ist im ersten Moment verwundert und unsicher, warum es da auf einmal eine Situation gibt, in der das Stottern tatsächlich die Oberhand gewinnt. Man versucht, mit verschiedenen Strategien dagegen zu arbeiten. In Ihrem Fall ist das die Pause vor dem Angst machenden eigenen Namen oder das „äh“ oder eine besondere Betonung. Diese Strategien strengen an, nerven, klappen nicht immer gleicht gut und sind alles in allem einfach unbefriedigend.
Die Hilfsstrategien sind das eine, aber wie Sie es auch beschreiben, gibt es ein weiteres Problemfeld, das viel schwerer wiegt: das Kreisen der Gedanken an den nächsten Anruf. Die Angst vor dem nächsten Anruf.
Spricht man mit stotternden Menschen, sagen viele: „Es ist nicht das Stottern selbst, was mich aus der Bahn wirft. Es ist die Angst davor, die mein Dasein bestimmt!“ Sie erkennen: viele Betroffene haben die gleichen Probleme wie Sie. Und jeder möchte sich irgendwie helfen. Wem wie Ihnen der Name am Telefon schwer fällt: so vielen Anrufen wie möglich ausweichen, die Kollegen lieber im anderen Büro zu besuchen als anzurufen, E-Mails schreiben, Hilfen wie „ähm“ oder Mitbewegungen von Hals oder Zunge oder Gesicht einsetzen,...Das alles hilft auch eine Zeit lang, aber meist nicht dauerhaft und überhaupt nicht befriedigend. Und vor allem: es packt das Problem nicht bei der Wurzel – und die Wurzel ist die Angst, das sind die Gedanken, das ist die Niedergeschlagenheit.
Nun sind Sie in der Lage, sich immer wieder Freiraum zu schaffen, indem sich die Problematik oft über Wochen nicht zeigt. Sie müssen „in sich drin“ gute Mechanismen haben, die Sie immer wieder auffangen und beim Telefongesprächbeginn sicherer werden lassen. Man nennt das „positive Copingstrategien“.
Der Wunsch nach professioneller Beratung und/oder Hilfe reifte dennoch heran und Sie haben sich nur hier in diesem Forum gemeldet.
Sie schreiben ja auch von einer großen psychischen Belastung und deshalb ist es sehr richtig, sich nach Hilfe umzuhören. Wichtig ist mir an dieser Stelle noch zu sagen: Sie haben zwar eine psychische Belastung durch das Stottern und die Angst davor, aber Ihr Sprechproblem ist nicht psychisch!
Mit der Anlage zu stottern wird man geboren. Es ist ein kleines Funktionsproblem im Gehirn und hat erst einmal nichts mit der Psyche zu tun. Die Psyche kommt mit den Sprechproblemen natürlich bei jedem Betroffenen irgendwie ins Spiel. Stottern ist eine Kommunikationsstörung, wir verbringen als Menschen den Hauptteil unseres Lebens mit Kommunikation und wenn es damit Probleme gibt, reagiert logischerweise auch die Psyche. Aber es ist eben wichtig zu wissen: wegen dem Stottern und vor allem der Angst davor reagiert die Psyche. Nicht wegen der Psyche stottern wir oder haben unnatürliche hohe Sprechängste.
Nun haben Sie ja auch am Ende Ihrer Anfrage nach konkreten Hilfsmöglichkeiten gefragt. Die gibt es. Falls es in Ihrem Umkreis eine Logopädin oder eine Sprachheilpädagogin gibt, die eine ausgewiesene Fachfrau in der Behandlung von Stottern ist, dann könnte sich für Sie eine Stottertherapie lohnen. In Ihrem Fall würde mir als Therapiekonzept z.B. der „Nicht-Vermeidungs-Ansatz“ (non-avoidance) nach Charles van Riper vorschweben. Dort wird viel Wert auf Desensibilisierung und Angstabbau gelegt. Verlässliche Sprechhilfen geben Sicherheit und dadurch baut sich im besten Falle die Angst vor dem Stottern auf ein kontrollierbares Maß ab und Sie können den Blockaden beim Telefonatbeginn gelassen begegnen und erlernen Sprechtechniken, mit denen Sie sicher und nahezu unauffällig über diese Blockaden hinwegsprechen.
Die Bundesvereinigung Stottererselbsthilfe (BVSS) hat eine Therapeutenliste, geordnet nach Wohnort, die Ihnen für die Suche nach einer qualifizierten Stottertherapeutin eine erste Orientierungshilfe sein kann. Sie können diese Liste bei der telefonischen Fachberatung (meist sprechen Sie da mit selbst vom Stottern betroffenen Beratern) unter der Nummer 02211391108 erbitten. Donnerstags von 17-20 Uhr und freitags von 12-14 Uhr. Die Therapeutenliste gibt Ihnen eine erste Vorauswahl. Dennoch sollten Sie sich bei der Praxis Ihrer Wahl nochmals versichern, dass auch gewiss ausreichend Erfahrung in der Behandlung stotternder Erwachsener vorhanden ist.

Konnten wir Ihnen mit dieser Antwort helfen? Wir hoffen es sehr! Falls Sie weiteren Bedarf an Hilfe und Beratung haben oder einfach nur mal erzählen möchten, wie es Ihnen geht, können Sie sich jederzeit wieder an das Forum und uns Fachberaterinnen wenden.

Alles Gute wünscht Ihnen
Bettina

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