Fehlende Perspektiven und große Verzweiflung durch Stottern

Erst informieren - dann therapieren: Die telefonische Fachberatung der BVSS:
- donnerstags 17-20 Uhr und freitags 12-14 Uhr
- Durchwahl 0221 / 139 1106 (Festnetzgebühr)
Für Stotterer ist auch eine Beratung per E-Mail möglich (info@bvss.de), welche aber längere Bearbeitungszeiten haben kann.
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Theresa
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Fehlende Perspektiven und große Verzweiflung durch Stottern

Beitrag von Theresa » 4. Juli 2012 16:31

Hallo! :)

Ich bin erst heute auf dieses Forum gestoßen und dies ist auch mein erster Beitrag hier. Ich hoffe, es ist in Ordnung, dass ich mich gleich an die Fachberatung wende, aber ich bin so froh, dass es hier die Möglichkeit gibt, beraten zu werden.

Ich habe irgendwann schon als relativ kleines Kind angefangen zu stottern, wurde aber deshalb nie therapiert. Zu Beginn der Schulzeit konnte ich einige Buchstaben noch nicht aussprechen und habe dies bei einer Logopädin schnell gelernt. Um mein Stottern hat sie sich aber nicht gekümmert. MIr selbst war zu dem Zeitpunkt auch noch gar nicht bewusst, dass ich stottere. Ich habe dann auch ganz normal lesen und schreiben gelernt.

Je älter ich wurde, desto stärker haderte ich mit meinem Problem, ganz besonders in der Schule. Meine Schulzeit war deswegen teilweise echt die Hölle. Ich hatte sehr große Angst, mich im Unterricht zu beteiligen. Später habe ich eine Ausbildung in einem Büro absolviert, aber wegen meiner Sprachprobleme kam es für mich nicht in Frage, lange in dem Beruf zu arbeiten - mal abgesehen davon, dass mein Ausbildungsbetrieb mich auch nicht behalten wollte.

Schließlich habe ich studiert und habe somit noch etwas Aufschub von der Berufswelt erhalten. Ich habe mich in den Seminaren fast nie beteiligt. Da es keine mündlichen Noten wie in der Schule gab, war das kein formaler Nachteil, auch wenn ich mich sehr schlecht dabei gefühlt habe. Die wenigen Referate, die ich halten musste, habe ich mit Hilfe von Benzodiazepinen irgendwie über die Bühne gebracht.

Jetzt habe ich schon längere Zeit meinen Master und beziehe seitdem Hartz IV. Ich bin sehr traurig darüber und fühle mich absolut perspektivlos. Mir ist leider kein Job eingefallen, für den ich mit meiner Sprachstörung geeignet bin. Nicht einmal die typischen Aushilfstätigkeiten wie Kellnerin, Kassierin oder Bedienung bei McDonald's sind möglich. Handwerklich oder technisch bin ich leider völlig unbegabt, sodass diese Tätigkeitsfehler auch nicht in Frage kommen. ich wusste im Prinzip vorher schon, dass es vermutlich nicht sinnvoll ist, mit meiner Einschränkung überhaupt zu studieren, aber ich habe die ganze Zeit gehofft, dass sich eine Lösung findet. Leider ist das nicht passiert. Ich weiß ehrlich gesagt gerade nicht, was aus mir und meinem Leben werden soll. Ich bin noch keine 30 und kann mir nicht vorstellen, nun bis zum Lebensende so weiterzuleben und suche verzweifelt nach einer Perspektive. Meine Lebenssituation belastet mich sehr. Es geht ja nicht nur um das Geld, das nun fehlt, sondern auch um eine sinnvolle Tätigkeit und die sozialen Kontakte bei der Arbeit. Private Kontakte allerdings habe ich. Das Internet hat Vieles leichter gemacht.

Das Thema Stottern belastet mich so sehr, dass ich mit niemandem aus meinem privaten Umfeld darüber sprechen kann. Ich schäme mich zu sehr, auch wenn es dafür keinen logischen Grund gibt. Vor ca. 10 Jahren habe ich mal eine Logopädin gefragt, ob sie mir helfen kann. Sie hat gesagt, bei Erwachsenen sind die Erfolgsaussichten gering und das Stottern könnte sich anfangs sogar noch verschlechtern. Zudem sei es bei mir nicht so ausgeprägt, dass die Krankenkasse es bezahlen würde. Dabei wäre ich durchaus bereit gewesen, die Stunden selbst zu bezahlen. In den Jahren danach hat mich das Stottern so belastet, dass ich es nicht einmal geschafft habe, mich näher damit zu beschäftigen und mir anderweitig Hilfe zu holen. Erst heute konnte ich mich durchringen, dieses Forum aufzusuchen. Die einzige Ausnahme ist, dass ich mehreren Psychologen davon erzählt habe. Aber keiner von denen sah meinen Sprachfehler als Problem an und somit wurde mir dort auch keine Hilfe zuteil.

Im Alltag ist es so, dass ich Situationen vermeide, ich denen ich gezwungen bin, vorher festgelegte Wörter zu verwenden. Wenn's möglich ist, telefoniere ich nicht (mein Name ist ein Problem) und gehe z. B. lieber zum SB-Bäcker als in eine Bäckerei mit Bedienungstheke. Ich stottere nicht immer gleich schlimm. Es gibt Situationen, in denen ich reden kann wie ein Wasserfall und es gibt Tage, da bleibe ich ständig hängen. Psychische Faktoren machen die Situationen nur noch schlimmer, der Auslöser sind sie nicht. Bei mir sieht es so aus, als ob ich die Veranlagung für das Stottern geerbt habe, weil auch ein Verwandter betroffen war. Bei mir sind es vor allem bestimmte Buchstaben, mit denen ich Probleme habe, z. B. J, N und A und dies vor allem am Anfang eines Wortes. Ich merke oft schon vorher, ob ich bei einem Wort hängenbleiben werde oder nicht. Inzwischen bin ich ein wandelndes Synonymwörterbuch und tausche ein "unaussprechliches" Wort gegen ein anderes. Das führt dazu, dass ich mich häufig umständlich und unpräsize ausdrücke. Durch diese Technik gelingt es mir aber, teilweise relativ "normal" z. B. mit Freunden reden zu können, auch wenn es sehr anstrengend ist. Wenn ich dann schließlich sehr erschöpft bin, greift diese Technik nicht mehr so gut und das Stottern wird wieder schlimmer.

Inzwischen bin ich körperlich und psychisch (Angststörung) erkrankt und habe deshalb eine Erwerbsunfähigkeitsrente beantragt. Inzwischen haben sich so viele Probleme angehäuft, dass ich nicht mehr weiß, wo ich anfangen soll.

Es wäre nett, wenn ich irgendeinen konstruktiven Rat bekommen könnte. Ich weiß echt nicht mehr weiter.

Viele Grüße

Theresa

Bettina
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Re: Fehlende Perspektiven und große Verzweiflung durch Stott

Beitrag von Bettina » 6. Juli 2012 02:00

Liebe Theresa,

wir von der Fachberatung haben Ihre Anfrage erhalten. Die Antwort wird sicher lang ausfallen und deren Erstellung einige Tage dauern. In der Zwischenzeit laden wir Sie ein, die anderen ins Netz gestellten Anfragen und deren Antworten zu lesen, weil Sie davon sicher auch schon profitieren können. Außerdem lässt sich auf den Webseiten der BVSS (Bundesvereinigung Stottererselbsthilfe, www.bvss.de) vieles Interessantes zum Thema Stottern finden. Die BVSS ist die einzige unabhängige Organisation dieser Art in Deutschland.
Schön, dass Sie den Weg zu uns gefunden haben und wir werden uns Zeit für Sie nehmen. Wäre doch gut, wenn das Stottern irgendwann nicht mehr Sie beherrschen würde sondern Sie das Stottern, oder!?
Viele Grüße und bis nächste Woche. Dann wird unsere Antwort bestimmt verfasst und ins Forum gestellt sein.

Bettina

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Re: Fehlende Perspektiven und große Verzweiflung durch Stott

Beitrag von Bettina » 9. Juli 2012 03:43

Liebe Theresa,
natürlich ist es in Ordnung, dass Sie sich gleich an uns wenden. So geben Sie sich und anderen interessierten Menschen die Möglichkeit, eine Menge Dinge zum Stottern zu erfahren.
Im ersten Teil der Antwort werde ich zu jedem Thema, dass Sie in Ihrer Anfrage ansprechen, Informationen für Sie zusammenstellen.
Im zweiten Teil soll es dann konkret darum gehen, welche Wege Sie beschreiten können, um besser mit dem Stottern klar zu kommen. Und das geht: Stottern ist in jeder Lebensphase veränderbar und verbesserbar!
Beginnen wir mit dem ersten Teil.
Sie haben als kleines Kind begonnen zu stottern. So geht es den meisten Betroffenen. Man beginnt zwischen 2 und 12 Jahren mit dem Stottern, wobei ein Großteil der Kinder zwischen 3 und 6 Jahren beginnt. Zusätzlich hatten Sie zu Schulbeginn bei bestimmten Buchstaben noch Probleme mit der Aussprache. Das hatte wahrscheinlich nichts mit dem Stottern zu tun, war also praktisch eine „andere Baustelle“ und wurde erfolgreich von einer Logopädin behandelt. Das dürfte ca. 20 bis 23 Jahre her sein, dass Sie die Logopädin besucht haben. In dieser Zeit gab es im deutschsprachigen Raum leider noch wenige Logopäden / Logopädinnen bzw. Sprachheilpädagogen / Sprachheilpädagoginnen, die wirklich viel vom kindlichen Stottern wussten und sich in dieser Thematik weitergebildet hatten. Wenn sie sich hätten weiterbilden wollen, hätte es gar keine vernünftigen Angebote gegeben. Für Kinder gab es keine erfolgreichen, vernünftigen Therapiemethoden. Für die Fachleute und wahrscheinlich auch für die Logopädin, die Sie als Kind besucht haben, eine sehr unbefriedigende Situation. Zwar gab es mit Charles van Riper einen guten amerikanischen Stottertherapeuten, aber seine Methode des „Nicht-Vermeidungs-Ansatzes“ (non-avoidance) für erwachsene Stotternde wurde zu dieser Zeit gerade erst langsam auch im deutschsprachigen Raum immer mehr beachtet. Ende der Neunziger konnte man als Erwachsener seriöse Stottertherapien und dementsprechende Therapeuten schon leichter finden und erst seit ca. 2002 haben Fachleute gute Therapien für Kinder entwickelt. Ein Fachmann für die Therapie erwachsener und jugendlicher Stotternder sagte 2001: „Wenn es in Deutschland 150 gute Stottertherapeuten gibt, dann ist das schon hoch gegriffen.“ 150 gute Therapeuten sind für ca. 800.000 Stotternde in Deutschland natürlich sehr wenig. Jedoch hat sich gerade in den letzten 10 Jahren wirklich viel getan. Es gibt verschiedene gute Behandlungsmethoden für kleine Kinder, Kinder, Jugendliche und Erwachsene – und es gibt dank guter Fortbildungsmöglichkeiten immer mehr TherapeutInnen, die auch gute StottertherapeutInnen sind.

Nun zur Schule und Stottern. Es gibt eine Gleichung, die (früher noch mehr als heute) leider bei vielen stotternden Kindern und Jugendlichen zutrifft:
Schule + Stottern = Hölle.
Hier einige Beispiele aus einem Therapeutenalltag:
Junge, 3. Klasse: „Lieber bin ich tot als gehe ich weiter zur Schule.“
Lehrer, Gymnasium: „Nein, an unserer Schule gibt es keine Stotterer, ich unterrichte ja am Gymnasium.“ (Anmerkung: es ist zigfach bewiesen, dass Stottern rein gar nichts mit Intelligenz zu tun hat)
Jugendliche, 7. Klasse: „Ich passe so auf, aber ich kann das Stottern nicht immer gut verstecken. Ich möchte die Klasse wechseln, dann kennen mich die Mitschüler nicht mehr so gut und ich kann mit dem Verstecken wieder von vorne anfangen.“
Kind in der Grundschule: war extrem unruhig, hüpfte (beim Sprechen) förmlich über Stühle und Bänke, wurde als hyperaktiv abgestempelt. Nein, war er nicht. Er hielt sich mit den vielen körperlichen Bewegungen beim Sprechen einigermaßen flüssig.
Hier nur einige Gründe, warum die Schulzeit für Stotternde oft so schwierig ist:
- Ab der ersten Klasse fällt die Toleranz für Sprechfehler bei den Kindern untereinander weg, wer anders spricht, wird leicht gehänselt.
- Die Lehrer wissen wenig über Stottern und wenig über den Umgang damit
- Mündliche Leistungen machen einen erheblichen Teil der Note aus.
- Den Schulalltag bewältigen und dann noch viele Angst machende Situationen irgendwie meistern ist anstrengend.

Referate im Studium oder andere nicht zu umgehende mündliche Redesituationen sind für unflüssig sprechende Menschen immer eine große Herausforderung. Vielen ist es möglich, für eine halbe Stunde oder Stunde so viel Konzentration und mentale Anstrengung zu bündeln, dass sie die Situation sprecherisch recht flüssig meistern. Danach ist man natürlich fertig und diese Sprechanstrengung kann man nicht im Alltag anwenden. Beruhigungsmittel können auch helfen, so haben Sie diese Situationen gemeistert. Aber auch das ist natürlich nichts für den Alltag.

Was den Beruf angeht, so ist es heutzutage so, dass es den Beruf mit nahezu keiner Sprechanforderung nicht mehr gibt. Wer beruflich tätig ist, muss auch sprechen. Das sind die Fakten. Auch Stotternde können sprechen, natürlich. Viele viele Silben sprechen sie auch flüssig, nur halt nicht alle und die nicht-flüssigen Silben stottern sie und kommen auch irgendwie ans Ziel, nur dauert es etwas länger. Es gibt in nahezu allen Berufen stotternde Menschen. Nicht überall können sie sich entspannt outen (schwer ist es z.B. bei Polizei und Bundeswehr wegen Sprechsicherheit in brenzligen Situationen, Schießbefehlen, reibungsloser Funkverkehr,...), aber in den meisten Berufen kommt man auch als unflüssig Sprechender einigermaßen klar – wenn auch die Selbstsicherheit im Umgang mit der Sprechbehinderung (und das ist Stottern schon: eine Behinderung) vorhanden ist. Hier eine nicht vollständige Aufzählung mir persönlich bekannter Menschen, die stottern:
- Meisterkoch, Leiter einer Berufsschule für Köche und Restaurantfachkräfte
- Mitarbeiter einer Uni in der Presseabteilung
- Mindestens 3 Logopädinnen und ein Logopäde
- Prof. Martin Sommer, Neurologe und Stotterforscher
- Diverse Studenten verschiedenster Fächer
- Mitarbeiter einer Messtechnikfirma
- Ein Ingenieur

Das was ich jungen Menschen zuerst rate ist: auch mit einem Stottern kannst Du den Beruf lernen, bei dem Du denkst, dass er Deinen sonstigen Fähigkeiten entspricht und bei dem Du denkst, dass die Ausübung Dich zufrieden macht.

Sie schreiben von Lösungen und Perspektiven, die Sie sich dringend erhoffen und dazu schreiben Sie: „Leider ist das nicht passiert.“ Es ist tatsächlich eher unwahrscheinlich, dass das „einfach so passieren“ wird.  Aber Sie sind ja auch noch da (nicht nur das Stottern ist da)! Sie sollen sich nach dieser Onlineberatung, nach weiteren Beratungen durch die BVSS, nach dem Besuch einer Selbsthilfegruppe, nach dem Durchlesen diverser Infoflyer von der BVSS, nach dem Durchlesen vielleicht auch einiger Bücher der BVSS, während einer guten Stottertherapie selbst Lösungen und Perspektiven erarbeiten und die gibt es, die gibt es sicher! Dazu noch mehr im zweiten Teil der Antwort.

Auch das Gefühl von Scham und das Verstecken von Stottern sind Ihnen bekannt. Damit sind Sie nicht alleine.
Ärzte, die alle nötigen Sätze für Patienten und im OP auswendig lernen, Menschen, die nur beim zweiten Anruf ans Telefon gehen, weil sie dann wissen, es ist der Freund, Kunden, die lieber 4 Stunden im Baumarkt alles zusammensuchen was sie brauchen, nur um niemanden fragen zu müssen, die beim Fleischer Leberwurst bestellen obwohl sie doch Bauchspeck gebraucht hätten,....diese Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Mit dem Verstecken von Stottern aufhören ist ein wichtiger Schritt innerhalb einer guten Stottertherapie. Vielleicht können Sie sich das so jetzt gar nicht vorstellen. Jedoch wird das auch „advertising“ genannte Verfahren gut vorbereitet und begleitet. Und auf einmal fällt eine riesige Last von einem ab...man hat schon vergessen, wie leicht man sich fühlen kann....

Vor 10 Jahren haben Sie eine Logopädin nach Hilfe gefragt und heute tun Sie es wieder. Meine Antwort heute lautet:
Ein Stotterproblem ist in jedem Alter veränderbar und verbesserbar. Sie sind erwachsen. Sie werden die in den Hals schießenden Verkrampfungen, die dann zum Stottern führen, nicht mehr ganz loswerden. Aber den Umgang damit können Sie verändern und verbessern. Es gibt Sprechtechniken, die Sie in einer Therapie lernen. Damit lassen sich die Blockierungen leichter und unauffälliger lösen.
Das mit dem „Verschlimmern des Stotterns“ bei Therapiebeginn stimmt, aber so ist es unglücklich formuliert. Weil man in einer guten Therapie Stück für Stück lernen muss, mit dem Verstecken aufzuhören, hat man beim Sprechen mehr unflüssige Anteile. Aber das ist keine Verschlimmerung sondern eine unbedingt nötige Veränderung der eigenen Sprechweise, nein Stotterweise. Dabei bleibt es nicht. Kann man einfach ohne Vermeidungsverhalten drauf los stottern, hat man also auch das Selbstvertrauen und den Mut dazu, dann kann man lernen, mit Sprechtechniken all die Unflüssigkeiten zu kontrollieren und dann wird das Stottern immer mehr zurückgedrängt und immer unauffälliger.
Natürlich bezahlt die Krankenkasse die Stottertherapie. Am besten bekommen Sie Verordnungen von einem HNO-Arzt oder von einem Phoniater.

In meiner Arbeit als Stottertherapeutin hatte ich immer wieder auch mit Psychologen und Psychiatern zu tun. Allesamt nett, kooperativ und tolle Fachleute auf ihrem Gebiet. Aber leider hatte keiner davon ein aktuelles, dem momentanen Forschungsstand entsprechendes Fachwissen zum Stottern. Das ändert sich langsam und mittlerweile forschen Psychologen auch auf diesem Gebiet, aber dennoch wäre ein Psychologe nicht mein erster Ansprechpartner wenn es ums Thema Stottern geht. Manchmal begleitet eine Psychotherapie eine Stottertherapie, gerade wenn psychische Erkrankungen ebenso wie das stottern belasten. Dann ist eine gute Absprache und Zusammenarbeit zwischen Stottertherapeut und Psychologen nötig.

Sie beschreiben Ihren Alltag und ich bin mir sicher: mindestens 500.000 der 800.000 stotternden Menschen in unserem Land kennt das auch, hat das auch so erlebt. Alles wirklich sehr typisch.
Bestimmte Buchstaben sind schwerer als andere, manchmal verändert sich das auch.
Kein Telefonieren, lieber mit SB einkaufen, das Vorhalten tausender Synonyme, die unsägliche Anstrengung, sich flüssig zu halten, die guten und schlechten Phasen, das Ahnen, dass gleich das nächste Stottern kommt und man fühlt sich so hilflos,...Sie sind damit nicht allein, es geht so vielen wie Ihnen.

Und auch mit der Vererbung haben Sie Recht. Bei mindestens 50% der Betroffenen gibt es in der Verwandtschaft weitere Betroffene. Stottern ist übrigens mit ziemlicher Sicherheit eine kleine Funktionsstörung des Gehirns, mit der man auf die Welt kommt. Somit werden vom Gehirn falsche Befehle an die Stimmlippen geschickt, die sich dann beim Sprechen verkrampfen, es kann keine Luft mehr fließen und dann stottert man. Es hat also niemand aus dem Umfeld schuld, wenn ein Kind zu stottern beginnt.

Sie schreiben, dass Sie gar nicht mehr wissen, wo Sie anfangen sollen.
Somit sind wir beim zweiten Teil der Beratung.
Natürlich kenne ich Sie über Ihre Anfrage nicht gut genug, um einzuschätzen, was Ihnen liegt oder wie stark Sie im Moment sind. Folgende Dinge könnten Sie in der nächsten Zeit in Angriff nehmen.
Bei der BVSS um Infoflyer bitten, es gibt allgemeine zum Stottern, welche zu Stottern und Beruf, etc. Vielleicht leben Sie in der Nähe einer größeren Stadt und vielleicht gibt es dort eine Stotterer-Selbsthilfegruppe. Meistens treffen sich die Betroffenen 1x pro Woche und heißen sie sicher willkommen. Der BVSS-eigene Demosthenes-Verlag hat viele interessante Bücher zum Thema Stottern, was Sie interessiert ist auch lesenswert. Vielleicht ist eine Bibliothek aus der Nähe mit diesen Büchern ausgestattet oder Sie können sich welche von anderen Betroffenen leihen. Andere Betroffene kann man neben der Selbsthilfegruppe auch über Seminare bei der BVSS oder dem jährlich stattfindenden Kongress kennen lernen. Möchten Sie eine Therapie beginnen? Wenn ja, ist es am wichtigsten, dass Sie wirklich einen Stottertherapeuten / eine Stottertherapeutin finden, der/die ein Experte / eine Expertin ist. Die BVSS unterhält eine Therapeutenliste, die Ihnen eine erste Vorauswahl abnimmt. Dennoch sollten Sie auch bei Therapeuten von der Liste nach Referenzen, Fortbildungen, Erfahrung fragen. Es gibt verschiedene Formen der Therapie. Non-avoidance von Charles van Riper oder die fluency-shaping-Verfahren sind zwei große Therapiemethoden. Alle gängigen Therapien werden von der Kasse übernommen und sind gut, solange Sie von guten Therapeuten durchgeführt werden. Sie brauchen meiner Meinung nach erst mal nicht auf Therapien ausweichen, die man selbst bezahlen muss. Es tummeln sich auch allerlei unseriöse Anbieter auf dem Markt, die die Not stotternder Menschen ausnutzen wollen.
Neben der klassischen ambulanten Therapie in der Nähe Ihres Wohnortes 1- oder 2-mal die Woche als Einzelsitzung gibt es auch Intensiv-Intervall-Therapien in Gruppen. Eine Gruppe wäre besser für Sie. Das Miteinander dort entwickelt eine so positive Dynamik, die ist durch nichts zu ersetzen.

Liebe Theresa, das war jetzt eine Fülle an Informationen und ich hoffe sehr, dass einige davon Ihnen weiter helfen können. Haben Sie noch weitere Fragen? Oder möchten mal berichten, wie es Ihnen geht? Wir freuen uns, wenn wir nochmals von Ihnen hören. Gerne können Sie über dieses Forum jederzeit wieder eine neue Anfrage einsetzen.
Ich werde meine Kollegin Claudia bitten, Ihre Anfrage und meine Antwort durchzugehen und vielleicht meldet sie sich auch noch mal über dieses Forum, falls sie noch Ergänzungen zu meinen Ausführungen machen kann.

So verbleibe ich erst einmal mit den allerbesten Wünschen für einen guten Start in eine Lebensphase, in der das Stottern an Macht verlieren möge!

Viele Grüße von
Bettina

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