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bin neu hier

Verfasst: 27. August 2012 09:05
von tanja06
Hallo,
ich bin neu in diesem Forum und möchte mich mit einigen Fragen an sie wenden. Unser Sohn ist 8 Jahre alt und stottert seit ca. 2 Jahren. Vom 3. bis 5.Lebensjahr bin ich mit ihm in einer Logopädischen-Praxis in Behandlung gewesen, da er zu diesem Zeitpunkt sehr schlecht gesprochen hat. Er hatte damals eine eingene Sprache entwickelt und viele Buchstaben gar nicht gesprochen. Was er unter der Therapie aber schnell behoben hat. Mit ca. 5 Jahren hat er dann immer mal wieder einige Wörter gestottert, d.h. z.B. Aaaaapfel, oder auch ap-ap-ap-apfel. Die behandelnde Logopädin war der Meinung dass das Stottern in diesem Alter oftmal noch von selbst wieder verschwindet und er keine Therapie benötigte. Der Kinderarzt meines Sohnes hat uns jedoch auf mein Anraten hin immer wieder zu einem Therapiegespräch zur Logopädie geschickt, da die Symptome nicht besser wurden.
Als er mit 6 Jahren zur Schule kam, machte mich die Ärztin bei der Schuluntersuchung darauf aufmerksam, warum mein Sohn, trotz seiner Stottersymptomatik nicht ständig in Behandlung bei einem Logopäden wäre ? Worauf ich ihr die ganze Sachlage erklärte... Ich muß dazu sagen das mein Vater seit seiner Kindheite massiv stottert. Darauf hin meinte die Ärztin vom Gesundheitsamt wäre es ja klar, das mein Sohn stottert, (lt. ihrer Meinung wäre mittlerweile durch viele Studien erwiesen das Stottern vererbbar ist)!!
Seit dieser Zeit sind wir wieder in ständiger Behandlung bei einer Logopädin (diesesmal in einer anderen Praxis) bei der mein Sohn jetzt 1 x wöchentlich Therapie bekommt. Sie therapiert nach den dem Konzept von Frau Dr.Sandrieser (ich denke das ist ihnen bekannt). Bisher war es immer so, das er auch psychisch mit der Situation sehr gut zurecht kommt, da immer mal wieder ein Kind in der Schule ihn hänselt. Aber in der letzten Zeit ist es immer öfter vorgekommen, das er weint wenn ein anderes Kind gelacht hat, weil er ein Wort nicht direkt sprechen konnte. Auch traut er sich oftmals in der Schule nicht vorzulesen. Obwohl er super lesen kann, stottert er in der letzten Zeit auch dann plötzlich, was er bis vor kurzem nocht nicht gemacht hat. Ganz schlimm sind folgende Buchstaben: M, L, R und W. Immer am Wortanfang ! Oftmals will er dann gar nicht mehr zum Logopäden da es in seinen Augen ja doch nicht hilft ! Wobei wir ihn zu hause immer stärken und ihm sagen wie toll er es schon macht.
Nun beschäftigen mich folgende Fragen: Ist es möglich evtl. mal eine Kur zu machen, das man evtl. jeden Tag ein Training macht ? Oder welche Therapien sind ihnen noch bekannt? Auch wurde mir geraten mit ihm zu einem Psychotherapeuten zu gehen um ihn psychisch zu stärken, was halten sie davon?
Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.

Re: bin neu hier

Verfasst: 31. August 2012 00:23
von Bettina
Liebe Tanja,
vielen Dank für Ihre Anfrage. Gleich jetzt werde ich mit der Beantwortung beginnen aber ich vermute, dass ich heute damit nicht mehr fertig werde. Auf jeden Fall haben wir Ideen und Impulse und Gedanken und Alternativen, die Ihnen wahrscheinlich helfen werden, mehr Klarheit in die Situation zu bringen und somit dann auch Ihrem Sohn bestmöglich weiterhin zu helfen.
In den nächsten Tagen werden wir die Antwort ins Forum einstellen.
Bis dahin verbleibe ich mit freundlichen Grüßen,
Bettina

Re: bin neu hier

Verfasst: 31. August 2012 17:00
von Bettina
Liebe Tanja,
Sie beschreiben gut, welchen Weg Ihr Sohn bisher gegangen ist und wo im Moment seine Schwierigkeiten liegen.
Zuerst fasse ich Ihre Informationen zusammen, um sicher zu gehen, dass ich alles richtig verstanden habe.
Dann folgen Gedanken, Informationen, Hilfen, Ideen und Möglichkeiten für Ihren Sohn und seine Familie - von denen wir hoffen, dass manche weiter helfen.
Ihr Sohn stottert seit er 6 Jahre alt ist. Im Rahmen seiner Sprachentwicklung war schon im Alter von 3 Jahren abzusehen, dass er in seiner allgemeinen Sprachentwicklung verzögert ist. Damit der die Buchstaben und auch die Grammatik gut lernt, hatte er 2 Jahre lang Logopädie. Diese Sprachentwicklungstherapie hat gut angeschlagen und im Alter von 5 Jahren war sein Sprechen altersgemäß entwickelt.
Dann fing er an zu stottern. Man war sich uneins, wie man damit jetzt umgehen sollte. Bis er in die Schule kam, hatte er bezüglich seiner Unflüssigkeiten keine regelmäßige Stottertherapie, aber Sie als Eltern sind immer mal wieder beraten worden.
An dieser Stelle würde mich nun interessieren, ob Sie als Eltern in der Beratung zu den Unflüssigkeiten eine solide Diagnose (handelte es sich damals um so genannte Entwicklungsunflüssigkeiten oder zeigte Ihr Sohn damals schon ein Stottern?) bekommen haben und Dinge erfahren haben, die Sie mit Ihrem Sohn zuhause machen konnten. Z.B. wie sie ihm helfen können, sich aus den Unflüssigkeiten herauszuarbeiten, welche Tipps man den Kindern eher nicht sagen soll, weil sie zu viel Druck verursachen, welche Bücher (Ratgeber) für Sie als Eltern interessant sein könnten, wie Sie die Unflüssigkeiten innerhalb der Familie thematisieren können, dass Singen und Reime/Gedichte gut tun, und so weiter...
Denn es gibt innerhalb guter Stottertherapiemethoden umfassende Elternberatungseinheiten. Man nennt das dann „indirekte Therapie“. Das Kind wird nicht direkt im Therapieraum durch die LogopädIn therapiert, sondern es wird „indirekt“ therapiert. Die Eltern bekommen während intensiver Elterngespräche ein Handwerkszeug an die Hand, dass es ihnen erlaubt, ihrem Kind im Familienalltag sinnvoll zur Seite zu stehen, dass es gut mit dem Stottern umgeht, dass es vielleicht schafft, sich daraus herauszuarbeiten, dass es merkt, es ist mit dem Problem genauso geliebt und wird auch nicht allein damit gelassen usw.
Nun kam Ihr Sohn in die erste Klasse und seit dem ist er regelmäßig wegen seines Stotterns in Behandlung. Wenn er jetzt 8 ist, dann sind es vielleicht schon 2 Jahre, in denen er regelmäßig zur Therapie geht – also eigentlich seine gesamte Schulzeit, oder? Wenn er nach Sandrieser behandelt wird, dann wird es wohl das KIDS-Konzept sein. Hat eine LogopädIn oder Sprachheilpädagogin die entsprechende Fortbildung dazu besucht und sich engagiert eingearbeitet, bietet dieses Konzept alles an Inhalten, die ein stotterndes Kind benötigt und die die betroffene Familie benötigt. Ein gutes Behandlungskonzept. Im Rahmen dieser Behandlung sind Sie vielleicht schon mal auf die Bundesvereinigung Stottererselbsthilfe (BVSS) aufmerksam gemacht worden oder haben die verschiedenen Flyer, die die BVSS zum kindlichen Stottern auflegt, gelesen.
Aber in den letzten Wochen sind die Probleme mehr geworden. Ihr Sohn leidet unter Hänseleien, hat Angst, vorzulesen, weil er nun auch dabei stottert und möchte nicht mehr gerne zur Logopädin gehen.
Da ist es verständlich und richtig, dass Sie sich als Eltern Gedanken machen, warum das so ist und ob Sie Ihrem Sohn irgendwie helfen können. Und das können Sie!
Es folgen nun eine Menge Ideen und Impulse. Diese halte ich bewusst weit gefasst und allgemein, weil ich Sie und Ihren Sohn nicht persönlich kenne und Ihnen daher die Möglichkeit geben möchte, sich aus allem was ich anspreche das herauszupicken, was Ihnen sinnvoll und gut erscheint. Für eine enge, ganz speziell auf Sie zugeschnittene Beratung kenne ich Ihren Fall zu wenig. So sind die folgenden Punkte als Ideen und Gedankenanstöße zu sehen.
Hänseleien wegen des Stotterns (und natürlich auch bei anderen „Besonderheiten“, die die Kinder mitbringen) beginnen oft schon schnell mit dem Eintritt in die Schule. Jedes stotternde Schulkind ist damit irgendwann konfrontiert und das kann Probleme machen. Die Möglichkeit, auf Hänseln mit gewitzten Antworten zu reagieren, macht die Kinder manchmal etwas sicherer. Diese Antworten kann man in der Therapie erarbeiten.
Beispiele:
Wenn das Kind nachgemacht wird: „Hey, lern erst mal richtig stottern und dann kannst du wieder kommen!“
Weitere Ideen: „Wer`s sagt ist es selber, sagen alle Kälber. Vorne und hinten, fängt es an zu stinken!“ Das können die Kinder in einer Art Singsang anbringen. Da man beim Singen nicht stottert finden die Kinder das oft gut.
„Ich stotter, na und? Du hast ..../ kannst nicht...“
Schlagfertige Antworten alleine machen die angespannte Situation für Ihren Sohn und auch die Mitschüler aber nicht wirklich besser.
Warum nicht die Lehrer mit ins Boot holen? Über Stottern lernen die Lehrer nichts in ihrer Ausbildung, aber mir sind alle Pädagogen immer mit Interesse und einem offenen Ohr begegnet. Die BVSS hat auch Flyer zu Stottern und Schule, die man gut den Lehrern in die Hand drücken kann. Die LogopädIn kann Kontakt aufnehmen und informieren oder anregen, dass in einem Morgenkreis „Anders-Sein“ mal thematisiert wird und dann auch Stottern angesprochen wird (das nur mit Zustimmung Ihres Sohnes). Die Lehrer können die Kinder sensibilisieren und um Rücksicht bitten. Auf dem Pausenhof können sie genauer drauf achten, ob Ihr Sohn besonders viel angegangen wird und wenn sie Basiswissen zum Stottern haben, können sie kompetent schlichten. Die BVSS hat einen eigenen Verlag, der Demothenesverlag. Neben einem Ratgeber für Eltern („Mein Kind stottert – was nun?“) und Geschichten und Comics zum Stottern für Kinder bietet er auch Literatur für Lehrer an. Alle Bücher, Kindermaterialien und Videos aus diesem Verlag sind zu empfehlen.
Sicher hat Ihr Sohn auch schon Sprechtechniken erlernt. Diese in den Alltag zu übernehmen ist immer schwer. Vielleicht können zwischen Lehrer und Kind kleine Verträge geschlossen werden, dass er hin und wieder eine Sprechtechnik im Schulalltag anwendet. Auch das ist gut für das Selbstvertrauen.
Haben Sie schon mal etwas von dem „Trick“ des Chorlesens gehört? Ein Stotternder, der mit einer anderen Person (diese kann auch ein Stotternder sein oder ein Flüssigsprechender) gemeinsam einen Text vorliest, also mit der Begleitperson gemeinsam wie im Chor den Text vorliest, stottert nicht. Vielleicht sucht sich Ihr Sohn für`s Vorlesen in der Schule einen Partner? Auch dafür ist es gut, die Lehrer über diesen „Trick“ aufzuklären und sie mit ins Boot zu holen. Für daheim könnte das die Leseübungen auch entspannen. Lesen Sie mit Ihrem Sohn den Text gemeinsam. Welch gute Erfahrung auch für ihn, dass er es schon noch kann mit dem flüssig sprechen...auch das ist gut für`s Selbstvertrauen.
Wenn ich alles richtig verstanden habe, dann macht Ihr Sohn seit ca. 2 Jahren Stottertherapie nach P. Sandrieser. Für alle Bereiche und Inhalte aus diesem KIDS-Konzept benötigt man ungefähr 40 bis 55 Therapieeinheiten a 40 min. Das heißt, Ihr Sohn müsste schon alles gelernt haben. Er hat sein Stottern kennen gelernt, kann es absichtlich nachmachen, kann Blockierungen, Dehnungen und Wiederholungen absichtlich stottern und hat in der Therapie und in der Familie auch den Mut dazu, Sie als Eltern können das auch, er kann schweres von leichtem Stottern unterscheiden, er hat auf kindgerechte Art und Weise die beiden Sprechtechniken Prolongation und Pull-out gelernt und viel geübt, Sie als Eltern haben es auch gelernt und können mit ihm daheim Übungsspiele dazu machen und er wurde darauf vorbereitet, dass es Rückfälle geben kann (die sind ganz normal, über 90% der Patienten haben das immer mal wieder) und dass man sich dann helfen kann. So denke ich, müsste der Stand der Dinge sein. Ihr Sohn hatte 2 Jahre Sprachentwicklungstherapie und nun geht er wegen des Stotterns auch schon sehr lange zur Therapie. Unabhängig davon wie gut oder schlecht er im Moment spricht, darf er nun keine Lust mehr auf Therapie haben. Bitte überlegen Sie, ob Ihr Sohn eine Pause braucht. All die gelernten Inhalte können sich nur in einer Therapiepause festigen, in ihm wachsen und reifen. In der Pause erst sortiert das Gehirn die gelernten Inhalte und baut sich diese so zurecht, dass sie irgendwann einmal in den Alltag übernommen werden. Das heißt nicht, dass man aufhört, die Sprechtechniken daheim zu üben. Das heißt auch nicht, dass man aufhört, die Sprechtechniken gezielt im echten Alltag immer wieder auch wirklich zu verwenden. Jedoch diese Therapietermine fallen weg. Was will man dort auch noch, wenn man alle Inhalte gelernt hat, oder!? Dafür kann anderes kommen. Mit der Familie Spaß am Sprechen zu haben, am Essenstisch Quatschreime erfinden, viele viele Rollenspiele spielen, eine neue Sportart lernen, in den Chor gehen (denn beim Singen stottert man nie) oder wenn gewünscht auch eine Theater-AG (viele Stotternde stottern nicht mehr, wenn sie auf der Bühne in eine andere Rolle schlüpfen, Bruce Willis oder Marylin Monroe z.B.) besuchen, sich mit Tieren beschäftigen, denn mit denen kann man auch oft leichter reden – auf jeden Fall positive unbeschwerte Sprecherfahrungen machen.
Wenn Kinder das KIDS-Konzept durch haben, haben sie viel Gutes gelernt, was man aber am aktuellen Sprechen nicht immer hört. Aber sie haben es gelernt. Es ruht in ihnen. Es besteht nicht die Notwendigkeit, gleich im Anschluss etwas anderes auszuprobieren oder eine Intensivkur zu machen. Das wäre m.E. zu viel. Auch ist genügend Verhaltenstraining und auch Selbstvertrauenstraining in Sandriesers Konzept enthalten, dass wirklich nur in Einzelfällen die Notwendigkeit einer begleitenden Psychotherapie besteht. So eine Psychotherapie zu finden ist auch recht schwer, denn es muss ein Psychologe sein, der sich vernünftig mit Stottern auskennt und Sandriesers Fakten nicht nur alle kennt sondern auch mit ihr auf einer Wellenlänge ist. Während meiner aktiven Zeit als Therapeutin (jetzt im Moment noch bis Herbst Kinderpause) habe ich solch einen Psychologen nicht kennen gelernt. Sie kennen aber Ihren Sohn am allerbesten und werden sicher die beste Entscheidung fällen.
Sie haben weiter noch nach anderen Therapien gefragt. Natürlich gibt es noch andere Konzepte neben dem von Sandrieser. Die meisten davon bewegen sich allerdings in einer manchmal beunruhigenden Grauzone. Das Lidcombe-Programm nach Tina Lattermann ist auch noch empfehlenswert. Aber auch hier gilt: nur jemand, der die entsprechenden Fortbildungen besucht hat und Erfahrung hat, kann das einem Kind vermitteln. Wahrscheinlich ist es am besten, wenn man für Kinder individuell Module von Sandrieser und Module von Lattermann nach Bedarf zusammenstellt. So sieht vielleicht die therapeutische Zukunft aus – und sicher gibt es mittlerweile auch schon KollegInnen, die beides gelernt haben.
Ihr Sohn wird nun langsam in ein Alter kommen, wo er auch selbst mitbestimmen kann, ob und wenn ja welche Stottertherapie er machen möchte. Sie brauchen seine eigene Motivation und das vielleicht ja auch noch öfter falls er noch länger mit Unflüssigkeiten zu kämpfen hat. Auch für seine Mitarbeit in Zukunft wäre ein Pause angebracht.
Die BVSS bietet Eltern-Kind-Seminare über`s Wochenende an. Die Eltern treffen sich zum Austausch und lernen viel zum Thema Stottern, die Kinder werden von anderen Betreuern betreut und machen in ihrer Gruppe viele spannende Erfahrungen. Auch nicht betroffene Geschwisterkinder sind willkommen. Solch ein WE geht immer auch mit einem therapiemüden Kind. Meistens haben die dort Spaß.
Über eine Fördermitgliedschaft bei der BVSS unterstützen Sie nicht nur unsere Arbeit, es wird Ihnen auch ein Magazin zugesendet, in dem Sie über alles Neue in der BVSS und auch über die Seminare informiert werden.

Liebe Tanja, wie es Ihnen wohl nun mit der Fülle an Infos geht? Ich hoffe sehr, Sie können ganz viel von dieser Antwort profitieren. Falls sich weitere Fragen ergeben, können Sie sich gern mit einer neuen Anfrage ans Forum wenden oder die telefonische Fachberatung anrufen. Telefon 0221/1391108 immer Donnerstags zwischen 17 und 20 Uhr oder Freitags zwischen 12 und 14 Uhr.
Ihnen und Ihrem Sohn wünsche ich alles Gute und viel Erfolg!
Beste Grüße,
Bettina