starkes stottern unter druck

Erst informieren - dann therapieren: Die telefonische Fachberatung der BVSS:
- donnerstags 17-20 Uhr und freitags 12-14 Uhr
- Durchwahl 0221 / 139 1106 (Festnetzgebühr)
Für Stotterer ist auch eine Beratung per E-Mail möglich (info@bvss.de), welche aber längere Bearbeitungszeiten haben kann.
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Heiko 31075

starkes stottern unter druck

Beitrag von Heiko 31075 » 18. Oktober 2012 14:07

Hallo ich hab mich hier mal angemeldet weil ich eine Frage habe zum Thema stottern. Also ich stottere seit meiner Kindheit. Aber nur unter gewissen Leistungsdruck, also zum Beispiel reden vor einer Gruppe, vorlesen ist für mich Horror. Zum Glück hab ich das durch weil ich ja nicht mehr in der Schule bin. Stotter aber ansonsten auch stark bei fremden Personen und beim telefonieren. Das schlimme daran ist das ich seit einem halben Jahrr auch noch arbeitslos bin und in Scheidung lebe. Alles nicht so leicht! Was mich verrückt macht ist das ich bei bekannten Personen eigentlich überhaupt nicht stottere, im Gegenteil viele sagen ich sollte Politiker werden. Ich war natürlich schon bei verschiedenen Logopäden ohne grossen Erfolg,ist natürlich auch Sache des geldes, keiner konnte mir wirklich helfen und ich bin am verzweifeln. Hab mir jetzt einen Termin geben lassen für eine Psychotherapie, vielleicht bringt mir das was.
Was mich total aus der Ruhe bringt, sind Vorstellungsgespräche und ähnliches aufgrund der Jobsuche. Oftmals denk ich mir es ist besser ich sag gar nix und schreib es auf was ich gerade sagen will. Viele würden jetzt behaupten ich hab wenig Selbstvertrauen und blabla, dass Gegenteil ist der Fall. Auch wenn ich arbeitslos bin fühle ich mich schon sehr selbssicher, nur das stottern in so einer Situation lässt mich langsam verzweifeln.Ich denke werde in Zukunft auf Zettel und Stift zurückgreifen weil mich sowas fertigmacht, auf der anderen Seite denken dann wieder viele ich wär doooooooof!
Was machen ist die Frage??Wenn einer ein gebrochenes Bein hat muss er doch auch nicht laufen???Warum muss ich dann unbedingt reden wenn ich fast nichts rauskrieg???

Bettina
Fachberatung der BVSS
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Re: starkes stottern unter druck

Beitrag von Bettina » 25. Oktober 2012 02:03

Lieber Heiko,

wir von der Fachberatung bedanken uns für Ihre Anmeldung und die Fragen, die Sie uns über dieses Forum geschickt haben. Wir arbeiten an der Antwort und gehen davon aus, dass wir diese im Laufe der nächsten Woche online stellen werden.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihre Fachberatung

Bettina
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Re: starkes stottern unter druck

Beitrag von Bettina » 10. November 2012 05:11

Lieber Heiko,

eigentlich antworten wir lieber zeitnaher. Wir entschuldigen uns ,dass es aus Krankheitsgründen länger gedauert hat. Umso mehr hoffen wir, dass Sie von den nun folgenden Zeilen inspiriert werden, neues lernen und weiter kommen.
Sie beschreiben gut, wie es Ihnen im Moment geht. Zu den Schwierigkeiten in den Bereichen Arbeit und Familie kommt auch noch das Stottern dazu. Zum einen wird richtigerweise gesagt, dass Stottern in jeder Phase des Lebens veränderbar und somit auch verbesserbar ist. Zum anderen gibt es natürlich immer wieder Situationen im Leben, in denen es sich nur schwer vermeiden lässt, dass das Stottern mehr Raum gewinnt und somit zu einer (noch) größeren Herausforderung wird. Damit haben auch Stotternde zu tun, die sich für eine Therapie entschieden haben. Auch für sie kommt irgendwann der Rückfall. Durch die Therapie wurden sie aber darauf vorbereitet, haben Hilfen an die Hand bekommen, sich selbst zu helfen und wissen auch, an welchem Punkt sie stottertherapeutische Unterstützung brauchen. Dieses „Netz“ an Sicherheiten trägt dazu bei, dass sich die vom Rückfall betroffenen entweder allein aus der Situation herausarbeiten können oder bei Bedarf Hilfe vom Therapeuten bekommen. Nun haben diese Zeilen aber nur am Rande mit Ihrer Situation zu tun, daher möchte ich nun genauer auf Ihre eigene Situation eingehen.
Meist beginnt das Stottern in der Kindheit vor dem sechsten Lebensjahr. Niemand hat „schuld“ daran. Man wird mit der Veranlagung dazu geboren.
Stottern behindert die zwischenmenschliche Kommunikation sehr stark – daher wird ja auch der Begriff der „Sprechbehinderung“ verwendet. Stottern behindert beim Sprechen, es behindert den Betroffenen andauernd daran, sich so mitzuteilen und auch darzustellen, wie er es sich eigentlich wünscht. Der Frust, der dadurch entsteht, lässt sich auch in Ihrem Beitrag gut erkennen und Sie sind damit sicher nicht allein.
Jeder Mensch, ob flüssig oder unflüssig sprechender, kennt das: ab einer gewissen Anspannung wird man beim Reden nervöser und die Woret gehen einem nicht mehr so leicht über die Lippen. So hat auch jeder Stotternde sein individuelles Anspannungsniveau. Liegt er darunter, klappt es mit dem Sprechen ganz gut. Überschreitet er dieses, spricht er viel unflüssiger. Neben diesem individuellen Anspannungsniveau spielt auch die Situation eine sehr große Rolle. Die einen stottern vermehrt, wenn sie mit Familie und / oder Freunden zu tun haben, die anderen haben mit Vorgesetzten mehr Probleme als mit Kollegen und wieder andere haben vor allem dann Probleme, wenn die Gesprächspartner fremd sind. Das Telefonieren ist bei vielen unter anderem auch deshalb so problembehaftet, weil die Kommunikation dabei ausschließlich über das Sprechen statt findet. Es besteht keine Möglichkeit, über Mimik, Gestik oder Blickkontakt wichtige Informationen zu vermitteln.
Es ist verständlich, dass es Sie „verrückt“ macht, dass Sie bei Bekannten nicht stottern. Dort beweisen Sie sich jedes Mal, dass Sie ja flüssig sprechen können – aber bei Gesprächen mit Ihnen fremden Personen beweisen Sie sich auch jedes mal, dass Sie eben doch stottern. Geht es um das Telefonieren oder das Sprechen mit Fremden steigt Ihr Anspannungsniveau über Ihre individuelle „magische“ Grenze und das Stottern tritt in Erscheinung. Dieses individuelle Anspannungsniveau lässt sich auch nur bedingt beeinflussen. Aber was sich schon beeinflussen lässt ist das „Stottermanagement“. Also wie gehen Sie mit den frustrierenden Unflüssigkeiten z.B. im Bewerbungsgespräch um? Eine gute Stottertherapie wird das thematisieren und den Raum schaffen, das bestmöglich zu üben. Und dann gibt es ja auch die vielen Selbsthilfegruppen. Sie bieten vielfältige Unterstützung. Oft können dort Alltagssituationen geübt werden, Tipps werden ausgetauscht, es gibt einen Pool an Literatur, man kennt die therapeutische Situation in der Umgebung, hilft sich gegenseitig und bietet ein „Auffangnetz“ wenn es mal ganz besonders „dicke“ kommt.
Sie berichten, dass Ihnen logopädische Therapien bisher nicht helfen konnten. Sind Sie denn diesbezüglich ganz demotiviert oder könnten Sie sich vorstellen, nochmals stottertherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen? Natürlich müsste das jemand sein, der große Erfahrung in der Behandlung von Stotternden hat und dessen Therapie nicht auf irgendeinem „Hoku-Pokus“ basiert sondern wirklich seriös ist und einen guten theoretischen Hintergrund hat. Falls Sie sich überlegen, es noch mal mit einer stottertherapeutischen Therapie zu versuchen, könnten Sie folgendes beachten:
- handelt es sich um einen Therapeuten, der auf der Therapeutenliste der BVSS (Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe) gelistet ist? Sie erhalten diese Liste wohnortbezogen über die telefonische Fachberatung der BVSS Donnerstags zwischen 17 und 20 Uhr und Freitags zwischen 12 und 14 Uhr unter der Telefonnummer 0221/1391108 (nur Mut!), aber auch, wenn sie der BVSS eine Mail schicken.
- Bezahlt die Krankenkasse die Therapie? Natürlich spielt bei einer Therapie auch die Frage eine wichtige Rolle, ob die Kosten von der Krankenkasse übernommen werden. Eine Therapie bei einer Logopädin oder Sprachheilpädagogin übernimmt in der Regel die Krankenkasse. Wahrscheinlich werden sie in Ihrer jetzigen Situation sogar die Zuzahlung in Höhe von ca. 45 Euro pro 10 Therapieeinheiten zurückerstattet bekommen. Die Qualität einer Stottertherapie misst sich nicht daran, ob die Kosten von den Krankenkassen übernommen werden oder nicht. Für eine gut ausgebildete Fachkraft (z.B. Sprachheilpädagogik oder Logopädie) ist es möglich, eine sehr gute Therapie anzubieten, die komplett von der Krankenkasse übernommen wird. Bei Angeboten, die nicht von der Krankenkasse bezahlt werden, lohnt es sich schon, genauer hinzusehen, ob der Grund für die fehlende Kostenübernahme nicht vielleicht auch die fehlende Qualität ist...!?
- Informieren Sie sich darüber, welche verschiedenen Therapieansätze es gibt und versuchen Sie herauszufinden, welcher Ihnen davon persönlich am besten liegt. Zwei große Richtungen sind weiterhin 1. „fluancy shaping“ und 2. „non-avoidance“. Sie werden immer wieder in unseren Antworten für dieses Forum näher beschrieben und auch die BVSS hat dazu in ihrem Infomaterial (s.u.) viele wertvolle Tipps parat. Aber auch neben diesen beiden großen Hauptrichtungen gibt es noch mehrere hilfreiche Methoden oder auch Methodenkombinationen. Oft kennt auch die örtliche Selbsthilfegruppe die Situation der Therapiemöglichkeiten vor Ort und kann dazu beraten.
- Nutzen Sie die Möglichkeit aus, sich bei der BVSS mit Infoflyern einzudecken. Alle Themen, die für stotternde Menschen wichtig sind, werden aufgegriffen. So gibt es u.a. eine Brochüre mit Tipps zur Therapeutensuche, eine für Stottern und Beruf und neben vielen anderen Themen natürlich auch Infos zur Selbsthilfelandschaft.

Ihre Lage ist im Moment ja wirklich verzwickt, weil Sie in ausgerechnet den Situationen besonders viel stottern, denen Sie sich ja eigentlich im Moment z.B. für die Suche nach einer Arbeit, ständig aussetzen müssen. Da müssen Anrufe getätigt werden, die Ansprechpartner potentieller neuer Arbeitgeber sind fremd und dann auch noch die Vorstellungsgespräche. Das alles muss wie eine riesige Wand vor Ihnen stehen und jeder andere wäre auch am verzweifeln. Sicher können viele Betroffene, die Ihre Zeilen gelesen haben, genau nachvollziehen, wie es Ihnen geht. Was ich versuchen möchte, ist, ein paar erste Stufen an diese Wand anzubringen, damit Sie beginnen können, sie zu erklimmen und somit zu überwinden. Das Stottern wird Sie Ihr Leben lang irgendwie begleiten, es ist ein Teil von Ihnen, aber dieser Teil sollte nicht Ihr leben bestimmen, sondern Sie sollten Ihr stottern bestimmen können. Wenn erste Stufen in der Wand sind und diese Stufen tragen sie ein Stück nach oben, dann hoffe ich, dass Ihnen das soviel Schwung gibt, an weiteren Stufen zu bauen (mit Hilfe von verschiedensten Stellen wenn gewünscht), die Sie wiederum ein Stück weiter nach oben tragen.
Über die Logopädie bzw. Sprachheiltherapie als eine mögliche Hilfe habe ich ja schon etwas geschrieben. Es ist bedauerlich, dass Ihnen das so gut wie nicht geholfen hat, obwohl Sie sogar mehrere Anläufe gestartet haben. Man lernt in solchen Therapien, sich mit dem Stottern zu identifizieren, sein eigenes Stottern kennen zu lernen (denn nur was man kennt, kann man auch kontrollieren lernen). Man lernt, absichtlich zu stottern, um sich gegen dieses lähmende Gefühl des Kontrollverlustes abzuhärten. Man lernt ausführlich und genau bis zu zwei Sprechtechniken, die einem helfen, das drohende Stottern abzuwenden (diese Technik heißt Prolongation) oder ein schon bestehendes Stottern zu beenden um das Gespräch fortzusetzen (diese Technik heißt Pull-out) und man lernt, was man bei einem Rückfall tun kann. Diese Inhalte kann man in Einzeltherapien lernen und erarbeiten, aber es gibt auch Gruppentherapien. Diese entwickeln oft eine besondere Dynamik, man zieht sich gegenseitig und erkennt schnell, dass man mit seinen Problemen nicht allein ist. Vielleicht machen Sie sich doch noch einmal auf die Suche nach einer Stottertherapie und wenn sie nach genauer Prüfung jemanden gefunden haben, der viele Stotternde behandelt, sich vielleicht sogar in der Selbsthilfe engagiert, Fortbildungen nachweisen kann und wirklich Ahnung vom Fach hat, dann können Sie vielleicht doch noch einmal Mut fassen und es versuchen.
Sie schreiben auch, dass sie eine Psychotherapie begonnen haben und so wie ich das verstehe, ist der Hauptgrund die Sprechproblematik. Die Psychotherapie kann helfen beim Umgang mit den Ängsten, sie kann helfen, Sie zu überzeugen, dass Sie nicht mit Zettel und Stift arbeiten müssen. Sie kann Entspannungstechniken erarbeiten. Da Sie über ein gutes Selbstvertrauen (freuen Sie sich darüber, denn das wird Sie in der Arbeit gegen die Unflüssigkeiten letztendlich nicht im Stich lassen) verfügen, wird das wahrscheinlich nicht Thema sein. Psychologen können keine Stottertherapie machen, aber wenn Sie nicht der Meinung sind, Stottern sei psychisch bedingt und / oder eine Tic-Störung (beides ist definitiv falsch, Stottern ist nicht psychisch beding und Stottern ist auch keine Tic-Störung), dann haben Sie sicher Handwerkszeug an der Hand, Ihnen in Ihrer jetzigen Situation allgemein zu helfen.
Stottern und Beruf ist ein großes Thema, das oft auch kontrovers diskutiert wird. Schreibt man in die Bewerbung, dass man stottert? Sagt man es beim ersten persönlichen Treffen? Versucht man mit allen Mitteln, es zu verheimlichen? Diesbezüglich stoße ich als Fachberaterin regelmäßig an die Grenzen meiner Beratungsarbeit. Der Grund dafür ist, dass es nicht den einen besten Weg gibt. Dafür gibt es zu viele „Unbekannte“ in dieser „Rechnung“: wie ist der Betroffene in all seinen Facetten seines Charakters? Um welche Arbeitsstelle handelt es sich? Welche Erfahrung haben die Vorgesetzten schon mit Stottern gemacht? Wie ist das allgemeine Betriebsklima? Diese Fragen und noch viel mehr bestimmen letztendlich das Vorgehen des sich bewerbenden Stotternden. Auch die BVSS ist sich dieser Problematik bewusst: Um einen Einblick in die Situation stotternder Menschen im Berufsleben zu erhalten, führt sie noch bis zum 31.12.2012 eine Onlineumfrage zum Thema „Stottern und Beruf“ durch. Die Befragung findet im Rahmen unseres gleichnamigen Projektes statt, das das Ziel verfolgt, stotternde Menschen in ihrer Berufswahl zu unterstützen und Hilfestellungen für den Berufseinstieg sowie die berufliche Weiterentwicklung zu bieten.
Hier finden Sie alle weiteren Informationen und den Link zur Umfrage:
www.bvss.de/umfrage-beruf
Meine persönliche Meinung ist:
Zettel und Stift sind keine Lösung, Sie erleben genügend Situationen, in denen Sie recht flüssig sprechen können und das kann Ihre Motivation sein, weiter (mit Hilfe) daran zu arbeiten, dass Sie die anderen Situationen auch besser meistern können.
Ein offener Umgang mit dem Stottern ist selten verkehrt. Vielleicht möchten Sie gleich zu Beginn eines Vorstellungsgespräches sagen, dass Sie stottern, dass es in der besonderen Situation auch häufig auftritt und dass Sie aber regelmäßig daran arbeiten, es zu kontrollieren. Den Infoflyer über die FAQ`s kann man bereithalten und dem Gesprächspartner übergeben. Ich weiß: alles leichter geschrieben als gesagt...vor allem wenn man für jeden Satz wegen der ständigen Blockaden so lange braucht. Und es stimmt, was Sie schreiben: in unserer Gesellschaft muss man reden, auch wenn man eigentlich nicht kann. Wir sind eine sehr auf verbale Kommunikation eingestellte Gesellschaft.
Viele stotternde Menschen erleben immer mal wieder harte Zeiten wenn Sie wirklich um jedes Wort kämpfen müssen. Da stecken Sie im Moment in bestimmten Situationen auch drin. Wenn diese Antwort Ihnen vermitteln konnte, dass das nicht so bleiben muss, dass Sie sich auch unflüssig ausdrücken können, dass Sie ein paar Stufen in der Wand sehen und dass Sie Möglichkeiten finden können, die es Ihnen etwas leichter machen können, dann würde uns das von der Fachberatung freuen.
Ihnen alles alles Gute!
Bettina

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