Therapie notwendig oder sinnvoll?

Erst informieren - dann therapieren: Die telefonische Fachberatung der BVSS:
- donnerstags 17-20 Uhr und freitags 12-14 Uhr
- Durchwahl 0221 / 139 1106 (Festnetzgebühr)
Für Stotterer ist auch eine Beratung per E-Mail möglich (info@bvss.de), welche aber längere Bearbeitungszeiten haben kann.
Gesperrt
Emil

Therapie notwendig oder sinnvoll?

Beitrag von Emil » 25. März 2013 14:31

Hallo!
Mein 6-jähriger Sohn stottert seit er ca. 2,5 Jahre alt ist. Da bei meinem großen Sohn im selben Alter sogenanntes entwicklungsbedingtes Stottern auftrat, dass aber nach etwa 1,5 Jahren vollständig verschwand, gingen wir auch bei meinem 2. Sohn davon aus, dass sich das Stottern wieder gibt. Inzwischen sind es aber 3,5 Jahre mit guten und schlechten Stotterphasen. Wir hatten ganz schlimme Phasen, in denen mein Sohn sogar beim Sprechen im Gesicht verkrampfte, dann wieder gibt es Phasen, in denen das Stottern fast komplett verschwunden ist.
In Wachstumsschüben wird das Stottern für einige Tage schlimm, danach bessert es sich rasch wieder.
Bislang haben wir "das Problem" ganz gelassen gesehen. Die Erzieherinnen im Kindergarten haben auf unseren Wunsch hin mit den anderen Kindern das Thema Stottern bzw. sprachlich anders sein besprochen; es kommt niemals zu Hänseleien und unser Sohn ist sehr sprachbegeistert und elloquent.
Er selber sagt auch, er stottert nicht weil er nicht anders reden kann, sonden weil er im Kopf so viele Gedanken hat, die einfach nicht alle so schnell aus seinem Mund können, wie er es gerne möchte. So ist seine Sicht der Dinge.
Da nun die Einschulung bevorsteht, sehe ich mich in der Pflicht, zumindest über eine Stottertherapie nachzudenken. Mein Bauchgefühl sagt, dass es sich bei E. Stottern nicht um "richtiges" Stottern handelt, so wie ich es von Stotterern aus dem Bekanntenkreis kenne (Wiederholungen der ersten Wortbuchstaben; nach Luft schnappen während des Sprechens, VErkrampfungen etc). Auch mein Kinderarzt sowie ein weiterer Kinderarzt, den ich um eine zweite Meinung gebeten habe, können mir nicht eine genaue Differenzierung zwischen "entwicklungsbedingtem Stottern" und "echtem" Stottern geben. Außerdem kann mir niemand sagen, ob bei entwicklungsbedingtem Stottern eine Therapie überhaupt sinnvoll ist.
Trotzdem habe ich Angst, dass der Schulalltag bzw. der Schulhofalltag meinen Sohn mit voller Härte trifft (was die Hänseleien angeht) und wir uns dann Vorwürfe machen müssen, nicht eher gehandelt zu haben. Aus der Ferne ist eine Diagnose sicher schwierig. Dennoch versuche ich, die Symptome meines Sohnes so weit es geht zu beshreiben. Vielleicht könnten Sie einordnen, um welche Form des Stotten es sich handelt und ob eine Therapie notwendig ist?!

Beginn mit 2,5 Jahren, seitdem in Phasen mal besser mal schlechter
Ziehen von Vokalen : Ooooooma, wie geht es Dir?
und Wiederholungen von Satzanfängen (eher ganze Worte und Silben, niemals nur ein Konsonant): Hallo hallo hallo hier ist xyz (am Telefon)
keinerlei Anspannung, VErmeidungsverhalten , "falsches" Atmen o.ä.


Wir haben das Gefühl, dass es keinen Unterschied zwischen gewohnten und ungewohnten bzw. stressigen Situationen gibt. Ein Unterschied besteht lediglich bei "selbsterdachten" Satzgebilden; da ist es schlimmer; und bekannten oder nachzusprechenden Sätzen wie z.B. bei Reimen, Versen und vorgesagten Sätzen. Da spricht er ohne jegliche Störung.

Manchmal glaube ich auch, dass die Erklärung meines Sohnes mit den vielen Gedanken im Kopf treffend ist. Er hat sehr früh sehr gut gesprochen, hat einen sehr großen Wortschatz und ist aus unserer Sicht geistig schon sehr weit (kann seit er 4 ist lesen und schreiben und macht sich auch seitdem über "Gott und die Welt" bzw. das Leben so seine Gedanken). Uns wurde schon einmal nahegelegt, ihn hinsichtlich seiner Intelligenz untersuchen zu lassen; so lange er aber insgesamt gut zurecht kommt und die sprachliche "Störung" die einzige Auffälligkeit bzw. ggf. Begleiterscheinung ist, sehen wir hierzu keine Veranlassung. Kann aber eine hohe Intelligenz auch Auslöser für so eine Redeflussstörung sein? Und muss dann auch therapiert werden?

Meinen Sohn selbst stört die Redeflussstörung nicht. Er möchte auch keine Therapie machen (obwohl er unsere Logopädin und die Therapie, die er dort wegen S und Sch macht heiß und innig liebt). Wir selbst sind wie gesagt hin und hergerissen. Mein Bauchgefühl sagt abwarten, mein Verstand sagt, dass wir uns ggf. hinterher Vorwürfe machen, wenn zu lange gewartet wurde.

Die Logopädin übrigens legt eine gezielte Stottertherapie nahe. Ehrlicherweise stelle ich hier aber die Motive in Frage, da sie auch gesagt hat, das S und SZ sowie SCH meines Sohnes müssten vor der Einschulung unbedingt therapiert werden. Der Kinderarzt sah das schon weniger so, die Schulärztin bei der Einschulungsuntersuchung sagte, dass sein bei meinem Sohn völlig überthrapiert und nicht notwendig. Jetzt habe ich Angst, dass uns die Therapie nur "ausfeschwatzt" werden soll, um den Umsatz der Praxis zu erhöhen. Mein Sohn ist privat versichert. Die beiden Kinderärzte die ich wie gesagt zu Rate gezogen habe, sagen, sie würden auf Wunsch ein Rezept ausstellen. Würden es aber auch nicht zwingend verordnen wollen.

Wo genau liegt also der Unterschied zwischen entwicklungsbedingtem und "echten" Stottern?
Gibt es auch eine Stotterform, die einer hohen geistigen Entwicklung geschuldet ist?
Müssen alle Formen therapiert werden?
Wie sieht ihre Empfehlung aus?


Es ist ein langer Text mit vielen Fragen geworden. Das ergibt sich aus unseer Unsicherheit zu diesem Thema. Es ist auch unheimllich schwer, sich im Internet mit entsprechendem Wissen zu versorgen. Daher bin ich froh, dieses Forum gefunden zu haben und hoffe, dass sie mir helfen können.

Vielen Dank!

Bettina
Fachberatung der BVSS
Fachberatung der BVSS
Beiträge: 103
Registriert: 5. Oktober 2007 01:27

Re: Therapie notwendig oder sinnvoll?

Beitrag von Bettina » 6. April 2013 14:03

Sehr geehrter Emil,
vielen Dank für Ihre Anfrage hier in diesem Forum. Sie haben sehr ausführlich beschrieben, um was es Ihnen geht und wir können sehr detailliert antworten. Wir arbeiten nun an dieser Antwort und ich rechne damit, dass sie am kommenden Montag abends ins Forum gestellt werden kann.
Mit herzlichen Grüßen,
Ihr Fachberatungsteam

Bettina
Fachberatung der BVSS
Fachberatung der BVSS
Beiträge: 103
Registriert: 5. Oktober 2007 01:27

Re: Therapie notwendig oder sinnvoll?

Beitrag von Bettina » 27. April 2013 12:43

Lieber Emil,
zuerst einmal muss ich mich in aller Form entschuldigen, dass die Antwort soo lange auf sich hat warten lassen (ich habe ein wirklich schlechtes Gewissen), aber die halbe Familie war krank und das hat die Zeitpläne durcheinander geworfen.

Nichts desto trotz hoffe ich sehr, die folgenden Zeilen bringen Orientierung und Klarheit.
Sie haben sehr ausführlich beschrieben, wie sich die momentane Situation für Ihren Sohn und die Familie darstellt. Darauf kann ich mich in meinen Ausführungen berufen und stützen.

Was Sie aus der Kindergartenzeit Ihres Sohnes berichten, kann als Beispiel für vorbildhaftes Vorgehen dienen. Das Stottern wird nicht tabuisiert sondern direkt angesprochen, weitere Bezugspersonen außerhalb der Familie sind involviert und die Kinder, die mit Ihrem Sohn Kontakt haben, wurden sensibilisiert.

Nun richtet sich der Blick natürlich auf den Wechsel von Kindergarten in die Schule und das ist für jede Familie ein großer Schritt. Für ein unflüssig sprechendes Kind ist der Schritt allerdings noch viel größer. Ab der ersten Klasse gehen Kinder mit Besonderheiten innerhalb einer Gruppe, z.B. innerhalb der Klasse, anders um. Hänseleien nehmen zu. Die Lehrer sind erfahrungsgemäß nicht gut über das Wesen des Stotterns informiert, sind aber sehr offen für Informationen, Austausch und Ideen über einen sinnvollen Umgang damit - für das betroffene Kind und für die Klasse.
Wir werden später im Text das Thema Schule nochmals aufgreifen.
Zuerst möchte ich Ihnen die Differenzierung zwischen „entwicklungsbedingten Unflüssigkeiten“ und „Stottern“ liefern.

Entwicklungsbedingte Unflüssigkeiten (Sie nennen diese in Ihrer Anfrage „entwicklungsbedingtes Stottern“) zeichnen sich durch folgende Merkmale aus:

- Wiederholung von Wörtern innerhalb eines Satzes, z.B. „Und und und und und dann hat er mir die Schaufel auf den Kopf gehauen.“ Oder: „Ich ich ich ich ich bin jetzt dran.“ Oder: „Und dann und dann und dann und dann habe ich ein Eis gegessen.“ Oder: „Das das das das ist ein Hund.“ Oder auch mehrsilbige Wörter: „Nutella, Nutella, Nutella möchte ich auf`s Brot.“
- Wiederholung von Silben, wenn es nicht zu viele sind und wenn sich das ganze wirklich entspannt anhört: „Wa-wa-warum fahren wir nicht mit dem Fahrrad?“
- Ohne Anstrengung. Das heißt: keine Zunahme der Lautstärke, keine Mitbewegungen von z.B. Augen oder Kopf, kein in irgendeiner Art gepresstes Sprechen, keine ungewöhnliche Atmung beim Sprechen, kein Frust des Kindes.
- Dauer: nicht länger als 6 bis 8 Monate

Jedes Kind durchläuft irgendwann einmal im Rahmen seiner Sprachentwicklung mehr oder weniger diese entwicklungsbedingten (physiologischen) Unflüssigkeiten.

Neue Erkenntnisse und Untersuchungen zeigen aber auch, dass sehr wahrscheinlich ebenso jedes Kind im Rahmen seiner sprachlichen Entwicklung auch eine Phase echten Stotterns durchläuft.
Bei den meisten Kindern ist das sehr dezent, es dauert vielleicht nur Tage oder Wochen an, manchen Eltern fällt es nicht auf, weil es mit relativ wenig Anstrengung verbunden ist.

Durch was zeichnet sich nun echtes Stottern aus?

- Wiederholung von Silben: „Wa-wa-wa-wa-warum Fahren wir nicht mit dem Fahrrad?“ (bewusst der gleiche Satz wie oben, aber mit mehr Widerholungen. Dann zählt es nicht mehr zu den physiologischen Unflüssigkeiten)
- Wiederholung von Anfangsbuchstaben im Wort: „A-a-a-alexander hat mir einfach die K-k-k-k-karre weggenommen.“
- Dehnung von Buchstaben in einem Wort: „Wwwwwwwwwwwwwo ist mein Rrrrrrrroller?“
- Blockierung beim Sprechen, also wenn überhaupt nichts mehr aus dem Hals heraus kommt: „B--------------utter bitte auf das Brot.“ Oder „------------Butter bitte auf das Brot.“
- Diese o.g. arten von Unflüssigkeiten kommen in mehr als 3% aller gesprochenen Silben vor.
- Verbunden mit Anstrengung beim Sprechen und Frust beim betroffenen Kind.
- Zusätzlich möglich ist das s.g. „Begleitverhalten“ / sind die s.g. „Begleitsymptome“. Das sind motorische Reaktionen auf das Stottern, die eigentlich zum Ziel haben, das Stottern zu verringern. Anfangs bringt das auch immer eine Erleichterung – aber auf Dauer ziehen diese Begleitsymptome einen immer tiefer in die Sprechbehinderung Stottern. Mögliche Begleitsymptome können sein: Augen zusammen kneifen, mit den Händen auf das Bein schlagen, mit dem Kopf nicken, den Kopf nach hinten werfen, Verkrampfungen an den Lippen, Atemgeräusche,...

Sie haben detailliert beschrieben, wie Ihr Sohn im Moment spricht und ich versuche nun, das bestmöglich einzuordnen. Aber wie Sie schon richtig vermuten, ist eine Diagnose aus der Ferne nicht nur schwierig sondern unmöglich. Daher bitten wir Sie, die nun folgenden Einschätzungen nicht als der Weisheit letzten Schluss zu betrachten. Was wir nämlich nicht sehen, sind folgende Dinge:

- Hat Ihr Sohn Begleitsymptome, die ihm helfen, flüssig zu bleiben?
- Hat er in seiner Pfiffigkeit für schwierige Wörter Ersatzwörter parat (sagt er also einfach „Gemälde“, wenn er ahnt, bei „Bild“ stottern zu müssen?)?
- Bricht er oft Sätze ab und beginnt wieder von vorne?
- Konzentriert er sich extrem auf`s Sprechen und kann sich damit flüssig halten, wenn es besonders darauf ankommt?

Dies alles sind Strategien, um das eigentliche Stottern, also die Dehnungen, Wiederholungen und Blockierungen, zu vermeiden bzw, zu verringern.
Obwohl Sie schreiben, dass Ihr Sohn keinerlei Vermeidungsverhalten zeigt, habe ich das trotzdem nochmals aufgeführt. Einfach, um Sie diesbezüglich zu sensibilisieren bzw. weiterhin sensibel zu halten.

Sie schreiben, dass die Unflüssigkeiten mit 2,5 Jahren begonnen haben. In dieser Zeit können sowohl die physiologischen Unflüssigkeiten als auch das Stottern beginnen.
Die mal besseren und mal schlechteren Phasen in der Sprechkompetenz bzw. Flüssigkeitskompetenz lassen sich mit den s.g. „Copingstrategien“ erklären. Der Begriff ist dem englischen „to cope with“ = „fertig werden mit“ entlehnt. Jedes Kind, das unflüssig spricht (und sei es auch noch so jung!) bemerkt, dass etwas mit seinem Sprechen nicht in Ordnung ist und reagiert dann auch irgendwie auf das Hängenbleiben. Wie die Kinder reagieren, liegt zum großen Teil in ihrem Charakter begründet. Das eine Kind kann gelassen bleiben, hat wenig Frust, spricht vielleicht mit weniger Druck über die gefährlichen Wörter hinweg, findet Bestärkung im Singen von Liedern (beim Singen stottert man nie, auch der schwerst betroffene Stotternde kann völlig flüssig singen), macht oft die Erfahrung, dass es ja auch flüssig sprechen kann und schöpft daraus Mut und Zuversicht
Das andere Kind will die Blockaden im Hals mit Druck lösen, ist sehr frustriert, vielleicht sogar aggressiv, es bemerkt, dass Bewegungen (eben die o.g. Begleitsymptome) z.B. mit dem Kopf nicken, helfen, dass die Wörter leichter aus dem Hals heraus kommen. Schade ist nur, dass sich diese Bewegungshilfen nach ca. 2000 bis 4000 „Anwendungen“ abnutzen und dann nur noch ein Mehr an Begleitsymptomatiik (Bewegungshilen) Linderung brnigt. Dann nickt das Kind nicht nur 1x mit dem Kopf sondern 2x, dann 3x, dann kommt noch ein Augenkneifen dazu, dann etwas mit den Lippen, usw...
Also liegt im Kind und in seinem Charakter begründet schon ein Teil, wie sich das Stottern entwickelt.
Dass Ihr Sohn bei Reimen, Versen, Gedichten etc. besser spricht, ist eine bekannte Sache. Das geht den meisten stotternden Menschen so. Wenn ich das so beschreibe, möchte ich Ihren Sohn nicht in die Schublade „Stottern“ stecken, aber doch Phänomene rund um diese Sprechbehinderung beschreiben, damit Sie dann ihn selbst vielleicht noch besser irgendwie irgendwo einordnen können.
Bei vielen Menschen ist es so, dass sie irgendwo eine Art emotionale Belastungsgrenze haben, ab der das Stottern dann vermehrt auftritt. Bei den einen ist es der Chef, bei den anderen ein gewisser Hintergrundgeräuschpegel oder ein bestimmter Lehrer, oder die Situation, vor einer Gruppe sprechen zu müssen,....
Das ist bei jedem Menschen verschieden. Ihr Sohn scheint diesbezüglich im Moment nicht sensibilisiert zu sein.
Natürlich gibt es hilfreiches Eltern- und Bezugspersonenverhalten, was dem Kind hilft, sich selbst wieder in seiner Flüssigkeit zu verbessern. Dazu gehört das, was der Kindergarten gemacht hat, dazu gehört, dass das Kind nicht unterbrochen wird, dass es nicht zum Durchatmen und Langsamsprechen aufgefordert wird, dass es nicht verbessert wird,....und dass das s.g. „corrective feedback“ angewendet wird.
Das Kind stottert in einem Satz ein Wort und man wiederholt im rahmen der natürlichen Kommunikation das gestotterte Wort nochmals flüssig.
Ein Beispiel:
Kind: „Mama, da fährt ein schneller Rrrrrrrrrrettungswwwwwwwwwaaagen!“
Mutter: „Ja, der Rettungswagen fährt wirklich schnell.“
Damit kann man im kindlichen Gehirn den „Stottereindruck“ des Wortes abfedern, indem man das Wort nochmals das Kind flüssig hören lässt. Das Kind muss auf dieses corrective feedback nicht reagieren, es lernt sozusagen im Stillen, die natürliche Kommunikation leidet nicht. Innerhalb einer guten Stottertherapie lernen die Eltern das leichte Stottern und können dann (aber nur dann) schweres kindliches Stottern mit einem leichten Stottern korrigieren, denn oft ist der Schritt vom schweren Stottern zum flüssigen Sprechen für die Kinder zu groß. Das leichte Stottern ist eine Art Zwischenschritt.
In einer guten Beratung der Eltern geht es um solche Dinge wie gerade beschrieben.
Der BVSS-eigene Demosthenes-Verlag hat auch einen Elternratgeber im Programm: „Mein Kind stottert – was nun?“ Wenn sie etwas lesen möchten, dann am besten diesen Ratgeber. Falls Sie das nicht sowieso schon getan haben, können Sie bei der BVSS (Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe, www.bvss.de ) Infoflyer erbitten. Allgemeine Infos zum kindlichen Stottern für Eltern, Literaturempfehlungen, Flyer für die Lehrer,....
Weiter beschreiben Sie, dass Ihr Sohn die vielen Gedanken in seinem Kopf vielleicht nicht so schnell zum Sprechen ordnen kann, wie sie auf ihn einprasseln. Das höre ich oft von Eltern, deren Kinder (mehr die Jungs als die Mädchen) früh und gut zu sprechen begonnen haben.
Dahinter kann auch mal das so genannte „Störungsbild“....
(immer diese Wörter, die „Störung“ mit dabei haben! Das regt mich auch manchmal auf, denn: unsere Kinder sind in allererster Linie wunderbare Menschen! Sie wurden uns anvertraut und wir dürfen mit ihnen zusammen sein und ihnen auf ihrem Weg durch das Leben helfen. Das lässt uns schon oft genug zweifeln. Und dann sollen die Kinder alle nur eine Störung nach der anderen haben! Wenn sie nur ein bisschen aus der Norm laufen, sind sie gleich schon gestört. Unsere Kinder sind in den seltensten Fällen gestört, es ist mehr die absolut intolerante und unentspannte Umgebung, die sie dazu macht!)...
...des „Polterns“ dahinter stecken. Sehr oft ist das Poltern mit einem Stottern kombiniert. Beim Poltern geht die Sprachplanung durcheinander. Die Menschen sprechen schnell, fahrig, vernuschelt, unverständlich. Kurzfristig können sie sich bei hoher Konzentration zusammen reißen und besser sprechen. Solch ein Poltern kombiniert mit Stottern ist nicht leicht zu erkennen und nicht leicht zu behandeln, weil eine verwaschene Sprechweise auch als Begleitsymptomatik beim Stottern auftreten kann.
Nun zur Intelligenz.
Sprechbehinderungen können genauso wie eine Lese-Rechtschreibschwäche auch in Kombination mit einer Hochbegabung auftreten. Die Hochbegabung zeigt sich bei manchen Menschen mehr allgemein und bei manchen mehr als eine Art „Inselbegabung“, so dass eben auch Probleme, also Leistungsminderungen, die im Gehirn Ihren Ursprung haben, auftreten können. Und das obwohl dieser Mensch doch ein besonders „gutes“ Gehirn zu haben scheint. Zu diesen Leistungsminderungen kann man z.B. eine Lese-Rechtschreib-Schwäche zählen. Auch Hochbegabte können von dieser Lernstörung betroffen sein. Bezüglich des Stotterns würde ich eher vermuten, dass es jedes Gehirn gleichermaßen treffen kann.
Man findet nicht immer einen Auslöser für das Stottern. Hochbegabung, bzw das was daraus erwächst (frühes Lesen und Schreiben, sich Gedanken machen,...) kann auch einer sein, aber ebenso heftige emotionale Erlebnisse negativer und positiver Art. Manchmal findet sich auch kein direkter Auslöser.
Eine besondere Stotterform, die einem hohen geistigen Entwicklungsstand geschuldet ist, gibt es nicht.
Die Ursache des Stotterns ist genetisch bedingt und angeboren: ein winziger Funktionsdefekt im Gehirn, der dazu führt, dass die ca. 150 am Sprechen beteiligten Muskeln nicht immer korrekt angesteuert werden. Es kommt zu Verkrampfungen an den Stimmlippen, man stottert.
Keine Art von elterlichen Verhalten und keine Art von Verhalten anderer Bezugspersonen kann Stottern verursachen!

Das gute ist, dass ich Ihnen nun auch einen relativ klaren Fahrplan bezüglich Therapie geben kann.

Beim kindlichen Stottern erachten wir eine Therapie als sinnvoll, wenn das Kind schon über längere Zeit ein echtes Stottern zeigt und wenn es von diesem Stottern frustriert ist, vielleicht auch Angst vor dem Sprechen hat, wenn das Kind Reaktionen auf das Stottern zeigt (z.B. Suchen anderer Wörter, Satzabbrüche, Kopfbewegungen, andere motorische Bewegungen,...) und wenn die Eltern große Sorge haben und dadurch unsicher im Umgang mit dem unflüssigen Sprechen des Kindes sind.
Das sind die Eckpunkte für eine Therapiebedürftigkeit.
Therapie bedeutet ja aber nicht gleich 1x pro Woche regelmäßig ein Termin für die nächsten 2 Jahre.
Es kann auch sein, dass in einer ersten Phase „nur“ die Eltern allein beraten werden, ob sich vielleicht der Umgang mit dem Kind noch optimieren lässt und damit die Eltern lernen, wie sie ihrem Kind bestmöglich zur Seite stehen können, damit es sich selbst aus dem Stottern heraus helfen kann. Nach solchen Beratungsterminen kann eine Pause folgen, in der man beobachtet, ob sich etwas tut. Falls man feststellt, dass es nicht genügt, kann man immer noch überlegen, eine Therapie mit dem Kind zu machen.
Wichtig ist immer die gute Qualifikation der StottertherapeutInnen. Fortbildungen im KIDS-Konzept von Dr. Patricia Sandrieser und Peter Schneider und über die Modifikationstechniken von Charles van Riper sind meiner Meinung nach das Minimum.

Nun schreiben Sie in Ihrer Anfrage, dass das Stottern Ihren Sohn nicht stört. Beobachten Sie das auf jeden Fall weiterhin aufmerksam, weil sich so etwas immer mal ändern kann. Manche Kinder, die hörbar Probleme mit der Sprechflüssigkeit haben, sagen auch noch als Jugendliche, dass das Stottern sie nicht stört, aber ihr Verhalten sagt etwas anderes. Mir sind immer wieder Kinder und Jugendliche begegnet, die mit aller Macht diese Sprechbehinderung verstecken wollten. Verstecken vor den Freunden, der Klasse, den Lehreren,...
Einmal wollte ein Mädchen unbedingt in die Parallelklasse wechseln. Der Grund war, dass ihre Klasse kurz davor stand, das Stottern „aufzudecken“. Dem wollte sie sich mit diesem Wunsch entziehen und in einer neuen Klasse von vorne anfangen. Gerade perfektionistisch veranlagte Kinder und Jugendliche verwenden einen zu großen Teil ihrer Lebensenergie darauf, ihr Stottern zu verstecken. Das ist sehr anstrengend und macht auf Dauer krank und unglücklich. In einer Therapie spielt dann das Thema Mut und Selbstvertrauen eine große Rolle. Wenn also Kinder sagen, das Stottern stört sie nicht, gibt es immer zwei Möglichkeiten:
1. Es stört sie wirklich nicht (was sich mit Schule und den dadurch bedingten Hänseleien ändern kann).
2. Es stört sie sehr wohl, aber sie wollen es mit Macht verstecken und nicht an sich ran lassen.

Wenn Ihr Sohn schon die Arbeit in einer Therapie kennt und er sagt, dass er wegen des Stotterns nicht therapiert werden möchte, dann können Sie das ernst nehmen und das wird in Ihre Entscheidungen einfließen.
Sollte sich mit der Schule das Stottern verändern, aber Ihr Sohn weiterhin keine Therapie wollen, dann ist die Elternberatungsarbeit sicher ein guter Zwischenweg.

(Ein Anmerkung in eigener Sache: ich spreche hier zwar immer mal wieder vom Stottern Ihres Sohnes, aber nur aus Gründen der Einfachheit. Eigentlich kann ich nicht 100%-ig sagen, ob und wie stark Ihr Sohn stottert, da ich Ihn ja nicht selbst sprechen hören kann.)

Dass Sie trotz eines guten Verhältnisses zu Ihrer Logopädin deren Motive für eine Therapie in Frage stellen, kann ich gut verstehen. Dann sind Sie zusätzlich im Moment auch selbst noch nicht so sicher und informiert was die Thematik des Stotterns angeht. Bleiben Sie auf jeden Fall dran und suchen Sie weiterhin nach sinnvollen Informationen. Da die BVSS unabhängig ist, ist sie immer eine gute Informationsquelle. Die BVSS bietet ja unter anderem auch Seminare für Eltern stotternder Kinder an. Die Kinder und deren Geschwister können mitgebracht werden, da es eine Kinderbetreuung gibt. Die Eltern lernen sich untereinander kennen, können sich austauschen und lernen durch die SeminarleiterIn eine Menge zum Thema Stottern.
Wenn sie als Eltern sicherer im Umgang mit dem Stottern werden, wenn Sie nicht nur Ihr Kind sondern auch das allgemeine Wesen des Stotterns gut kennen, dann fühlen sie sich sicherer und das kommt direkt auch dem betroffenen Kind zu gute. Sind Sie gut informiert, können Sie auch mit den Lehrern zusammenarbeiten. Denn Lehrer wissen oft überhaupt nichts zum Thema kindliches Stottern. Sie sind dankbar über die entsprechenden Infoflyer von der BVSS, dankbar wenn ich als Therapeutin eines Kindes das persönliche Gespräch mit ihnen gesucht habe und finden dann im konkreten Fall auch die Zeit, sich mit den Eltern und/oder TherapeutInnen auszutauschen und zu erfahren, was sie als Lehrer tun können, um das Kind zu unterstützen.

Auch wenn ich Ihre Familie und Ihren Sohn nicht gut genug kenne, möchte ich trotzdem wenigstens die Idee eines weiteren Vorgehens hier andeuten. Vielleicht hilft es ja weiter, vielleicht liege ich aber auch aus Mangel an tieferen Informationen daneben.

Warten Sie bezüglich Therapie Ihres Kindes noch. Mindestens, bis er gut in der Schule angekommen ist (immer vorausgesetzt, das Stottern stört Ihren Sohn wirklich nicht). Machen Sie sich in der Zeit zum Experten in Sachen Stottern und holen Sie sich Beratung wenn nötig.
Im Herbst oder Winter diesen Jahres sehen Sie dann vielleicht schon klarer, haben vielleicht schon mit der Lehrerin zu tun gehabt und haben eine Einschätzung dessen, wie es in der Schule allgemein und bezüglich des Sprechens läuft.
Mit all den Informationen ergibt sich der weitere Weg vielleicht dann von selbst.

Und natürlich können Sie auch jederzeit wieder eine Anfrage hier ins Forum stellen oder die telefonische Fachberatung unter der Nummer 0221/1391108 anrufen. Dort können Sie Donnerstags zwischen 17 und 20 Uhr und Freitags zwischen 12 und 14 Uhr mit jemandem aus unserem Fachberatungsteam persönlich sprechen.

Ich möchte mich nochmals entschuldigen, dass Sie so lange auf die Antwort warten mussten. Dass es so lange gedauert hat, ist mir persönlich noch nie passiert und ich habe ein wirklich schlechtes Gewissen deshalb. Gerade weil ja auch das Internet ein schnelles Medium ist, möchten wir eigentlich jede Anfrage immer schnell beantworten.

In der Hoffnung, dass diese Antwort auch als späte Antwort hilfreich ist, verbleibe ich mit den besten Wünschen für einen guten Weg für Ihren Sohn und Sie.

Bettina

Gesperrt

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast