Stottern von klein auf ...

Erst informieren - dann therapieren: Die telefonische Fachberatung der BVSS:
- donnerstags 17-20 Uhr und freitags 12-14 Uhr
- Durchwahl 0221 / 139 1106 (Festnetzgebühr)
Für Stotterer ist auch eine Beratung per E-Mail möglich (info@bvss.de), welche aber längere Bearbeitungszeiten haben kann.
Gesperrt
moc
entdeckend
entdeckend
Beiträge: 14
Registriert: 9. Juni 2013 21:30

Stottern von klein auf ...

Beitrag von moc » 9. Juni 2013 21:59

Hallo liebes Forum,
Sehr geehrte Fachberatung,

ich stottere schon seit ich ungefähr 3 Jahre alt bin und das vornehmlich bei Konsonanten am Anfang oder bei Vokalen ... dies war im Alter von 3 - 18 am schlimmsten und hat sich dann ein wenig gebessert. Jedoch merk ich das mich dies immer noch ziemlich belastet da ich Student bin und nebenbei auch als Werkstudent tätig bin um mich in die Arbeitswelt besser integrieren zu können - aber vergeblich - da das Stottern die Oberhand über mich gewinnt und ich außerordentlich stark gehemmt bin.

Ganz überwiegend kann ich flüssig sprechen. Das Problem liegt meistens am Anfang eines Satzes oder eines Wortes das ich ins Stocken gerate und wirklich garkein Wort mehr rauskrieg. Scheint es dann auch ein wirklich starkes Stotterproblem bei mir zu sein? Wie sollte ich genau vorgehen um mein Stottern besser in den Griff zu bekommen?
Einige Dilettanten meinten zu mir, dass aufgrund der Spezifität des Stotterns (bei Konsonanten, Vokalen am Anfang) es etwas mit meinem Zwerchfell zu tun haben könnte.
Sehen Sie das genau so?

Freundliche Grüße und herzlichen Dank
im Voraus


Tamer

Bettina
Fachberatung der BVSS
Fachberatung der BVSS
Beiträge: 103
Registriert: 5. Oktober 2007 01:27

Re: Stottern von klein auf ...

Beitrag von Bettina » 26. Juni 2013 06:23

Liebe/r Tamer,
vielen Dank für Ihre Anfrage hier im Forum und nun wird es auch höchste Zeit, dass wir Ihnen antworten.
Vielleicht haben Sie sich in der Zwischenzeit schon in anderen Beiträgen hier in diesem Forum oder bei der Telefonberatung unserer Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe (BVSS) oder durch das Lesen unserer Infoflyer neue Informationen zum Thema Stottern geholt.
Nichts desto trotz möchten wir hier auf jeden Ihrer Aspekte eingehen und somit Ihre Fragestellungen von all den Seiten beleuchten, die Sie uns mit Ihrer Anfrage angeboten haben.
Zuallererst lese ich zwischen Ihren Zeilen eine doch recht große Not und auch Ratlosigkeit, was die Gestaltung Ihres Studiums und somit auch Ihrer beruflichen Zukunft angeht. Mit diesen Gedanken sind Sie nicht alleine! Schon die Schule ist bei Menschen mit der Sprechbehinderung Stottern oft eine besonders große Herausforderung, aber mit der Aufnahme einer Berufsausbildung werden die Schwierigkeiten und Sorgen nicht unbedingt weniger.
Ständig wird man durch die einschießenden Blockierungen und Verkrampfungen am flüssigen Sprechen gehindert. Der Eindruck, den man bei seinen Gesprächspartnern hinterlässt, ist ja eigentlich nicht der, den man hinterlassen möchte. Die Störung der flüssigen Kommunikation hat eine große Macht und macht, dass man sich ohnmächtig fühlt.
Und das belastet Sie natürlich bis an Ihre Grenzen und vielleicht auch manchmal darüber hinaus.
Sie beschreiben, dass Sie oft gar kein Wort mehr herausbekommen, wenn ein Stottern auftritt. Vermutlich beschreiben Sie hier eine so genannte Blockierung. Die 3 Arten des Stotterns sind Wiederholungen (z.B. „A-a-a-a-aantwort“ oder „Ki-ki-ki-kindergarten“), Dehnungen (z.B. „Eeeeeeeeelefant“ oder „Grrrrrrruselgeschichte“) und eben die so genannten Blockierungen (z.B. „- - - - - - -oben“ oder „U----------------rsula“). Bei den Blockierungen ist es für den Zuhörer sehr deutlich, dass der Sprecher gerade kein Wort herausbekommt. Es entstehen unangenehme Pausen beim Sprechen.
Dann gibt es ja auch noch eine Reihe von so genannten Reaktionen auf das Stottern. Damit sind Mitbewegungen gemeint, das Suchen nach anderen Wörtern und neben vielen anderen Aspekten auch der Rückzug, das Vermeiden von Sprechsituationen und ähnliches.
Wie stark Ihr Stottern war oder ist, kann ich Ihrer Anfrage nur indirekt entnehmen. Den wirklichen Schweregrad des Stotterns kann man nur mit einer ausführlichen Diagnostik bestimmen – und das geht natürlich nur über den persönlichen Kontakt. Jedoch verwenden Sie in Ihrem Anfragetext einige Schlüsselwörter, die es mir ermöglichen, zu vermuten, dass das Stottern Sie erheblich belastet.
Es scheint Sie die gesamte Kindergarten- und Schulzeit immer sehr prominent begleitet zu haben. Und nun scheint es immer mehr die Oberhand zu gewinnen. Der Begriff „Oberhand“ lässt die Vermutung zu, dass nicht Sie Ihr Stottern kontrollieren sondern Sie das Gefühl haben, dass das Stottern Sie kontrolliert. Da fürchtet man beim Sprechen schon immer die ganze Zeit diesen Kontrollverlust der Flüssigkeit – und nun haben Sie auch immer mehr das Gefühl, dass Ihnen durch das Stottern die Kontrolle über Ihr Leben, Wirken, Auftreten und Ihren Studienerfolg abhanden kommt.
Wenn Sie das auch so sehen, kann man schon von einem starken Sprechproblem sprechen. Wenn Sie oft die Kontrolle über Ihre Flüssigkeit verlieren, wenn Sie deshalb zu Ersatzstrategien greifen und / oder sich zurückziehen, sich gehemmt fühlen und wenn das alles mit einem großen Frust verbunden ist, dann würde ich es wagen, auch ohne eine Diagnostik zu vermuten, dass Ihr Sprechproblem ein starkes ist.
Nun fragen Sie ja auch ganz offen, wie Sie das Stottern besser in den Griff bekommen können. Dazu lässt sich sagen: Stottern ist veränderbar. Eine vollständige Heilung ist zwar nach Abschluss der Pubertät nahezu unmöglich, aber es ist in jedem Alter veränderbar und somit auch verbesserbar. Man kann immer beginnen, an seinem Stottern zu arbeiten.
Folgende Möglichkeiten gibt es:
- Aufsuchen einer Stotterer-Selbsthilfegruppe, Infos dazu hat die BVSS. In vielen Städten über das Land verteilt sind stotternde Menschen auf diese Art organisiert. Da Sie wahrscheinlich durch Ihr Studium in einer größeren Stadt wohnen, ist die Chance recht hoch, dass sich eine SHG in Ihrer Nähe befindet.
- Das eine oder andere Buch zum Thema Stottern. Die BVSS hat einen eigenen Verlag, den Demosthenes-Verlag. Die in diesem Verlag vertriebenen Bücher und Medien sind eine Art gute Vorauswahl. Die BVSS ist die einzige unabhängige Selbsthilfeorganisation im Bereich Stottern in Deutschland und somit sind auch die über den BVSS-eigenen Verlag vertriebenen Bücher und Medien keiner bestimmten Linie verpflichtet sondern unabhängig – aber auf Seriosität und Qualität gefiltert.
- Eine Stottertherapie. Da sind die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt – aber nicht alles was angeboten wird, erweist sich auch als sinnvoll. Darauf werde ich zu einem späteren Zeitpunkt nochmals eingehen.
- Workshops und Seminare der BVSS. Infos dazu und auch zu den Büchern finden Sie unter www.bvss.de


Falls Sie sich für eine Therapie entscheiden, ist das wichtigste, dass Sie jemanden finden, der sich gut mit der Therapie stotternder Menschen auskennt und es ein anerkanntes und sinnvolles Therapiekonzept ist.
Methoden wie der „Nicht-Vermeidungs-Ansatz (non avoidance)“ von Charles van Riper oder die verschiedenen „fluency-shaping-Methoden“ sind inzwischen anerkannt als sinnvolle Herangehensweisen.
Natürlich sollte auch die dahinter stehende Stottertherapeutin bzw. der dahinter stehende Stottertherapeut die entsprechenden Fortbildungen besucht haben und Erfahrung mitbringen.
Über die BVSS können Sie sich eine Art Therapeutenliste für Ihren Wohnort organisieren. Das ist schon einmal eine gewisse Vorauswahl, entbindet Sie aber nicht vollständig von Ihrer Pflicht, sich von der therapeutischen Qualität ein Bild zu machen. Oft weiß die örtliche Selbsthilfegruppe auch, wer in der Nähe gute Therapie anbietet.
Neben der ambulanten Einzeltherapie einmal in der Woche sind Gruppentherapien sehr sinnvoll. Sie werden als Intensivtherapien auf verschiedene Art und Weise angeboten. Das Beisammensein in einer Gruppe, das Voneinander lernen und das Profitieren von den Erfahrungen der anderen ist ein großes Argument für eine Gruppentherapie.

Ein weiterer Punkt in Ihrer Anfrage ist die Frage nach dem Zwerchfell und ob das Stottern durch eine Zwerchfellproblematik verursacht wird. Die klare Antwort lautet: nein.
Im Folgenden möchte ich das erläutern.
Der momentane wissenschaftliche Stand ist der, dass Stottern durch eine minimale Bewegungsablaufstörung im Sprachzentrum des Gehirns verursacht wird. Und diese Bewegungsablaufstörung ist angeboren. Winzige aber wirksame Fehlimpulse der Nerven an die Sprechmuskulatur im Hals sorgen dafür, dass sich u.a. die Stimmbänder verkrampfen, es fließt keine Luft mehr durch und der Sprechfluss ist damit unterbrochen, es kommt zum Stottern.
Somit sind zwei beliebte Theorien ausgeschlossen: 1., dass die Ursache des Stotterns in der Psyche liegt und 2., dass eine Verkrampfung des Zwerchfells das Stottern verursacht.
Dennoch sind sowohl die Psyche als auch das Zwerchfell, bzw. besser der gesamte Atmungsapparat, mit dem Stottern verbunden.
Wer sein Leben lang mit einem Stottern zu tun hat, bei jedem Wort kämpfen muss, dass es flüssig herauskommt, der reagiert natürlich psychisch auf diese Belastung. Je nach Menschentyp ist diese psychische Reaktion bei jedem Betroffenen verschieden. In einer Therapie wird das mit berücksichtigt.
Bezogen auf die Atmung ist es so, dass nicht das Stottern durch eine falsche Atmung entsteht, sondern dass durch das Stottern und die ständigen Störungen der frei fließenden Atemluft die Selbstorganisation des Atmungsapparats leidet und es dann zu „gestörten“ Abläufen kommt. Also nicht durch falsche Atmung entsteht Stottern sondern wenn überhaupt entsteht durch das Stottern eine falsche Atmung.

Liebe/r Tamer,
am meisten bewegt hat mich in Ihrer Anfrage der Satz, in dem Sie schreiben, dass das Stottern die Oberhand gewinnt und Sie dadurch wirklich sehr gehemmt sind.
Dieses Gefühl kennen viele Betroffene, es geht da wirklich vielen anderen genauso wie Ihnen. Und ein Studium und die damit verbundenen Herausforderungen und anderen Belastungen können das Stottern und die Probleme damit nochmals regelrecht befeuern.
Ich möchte Sie wirklich mit aller Kraft dazu ermuntern: lassen Sie nicht zu, dass das Stottern die Oberhand gewinnt und dass es Sie so hemmt! Nicht Sie müssen irgendwie mit dem Stottern auskommen – sondern das Stottern muss irgendwie mit Ihnen auskommen. Nicht das Stottern macht Ihnen das Leben schwer sondern Sie machen dem Stottern das Leben schwer. Und das kann man lernen! Sie können das lernen!

Und wenn ich mit meiner Antwort hier in diesem Forum den ersten Impuls geben konnte, würde mich das freuen.
Jederzeit können Sie sich mit einer neuen Anfrage an das Forum wenden.
Und nun: packen Sie es an!!

Alles alles Gute dafür wünscht Ihnen
Bettina

Gesperrt

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 3 Gäste