Stottern bei 2 Jahre und 3 Monate altem Kind

Erst informieren - dann therapieren: Die telefonische Fachberatung der BVSS:
- donnerstags 17-20 Uhr und freitags 12-14 Uhr
- Durchwahl 0221 / 139 1106 (Festnetzgebühr)
Für Stotterer ist auch eine Beratung per E-Mail möglich (info@bvss.de), welche aber längere Bearbeitungszeiten haben kann.
Gesperrt
Krokodil
entdeckend
entdeckend
Beiträge: 5
Registriert: 22. April 2014 00:45

Stottern bei 2 Jahre und 3 Monate altem Kind

Beitrag von Krokodil » 29. Mai 2014 22:56

Liebes Team der Fachberatung,
ich hätte Sie schon vor 1,5 Jahren im Netz finden sollen... dann hätte ich mir weniger Sorgen gemacht. Aber ich bin dankbar, dass ich Sie jetzt gefunden habe. Dies vorab.
Unser Sohn hat mit 2 Jahren und 3 Monaten zu stottern begonnen Bababanane. Gerade gestern habe ich alte Videos angeschaut und leider festgestellt, dass wir Eltern erst ab dem Tag das Stottern als solches erkannt haben. Aus heutiger Sicht weiß ich jetzt, dass schon vorher Unflüssigkeiten da waren, die wir aber nicht als solche erkannt haben. wann es genau begonnen hat, muss ich jetzt erst anhand der Videos feststellen.
Wir, insbesondere ich, habe einen langen Leidensweg hinter mir. Ich war zuerst geschockt, dann unsicher, dann hab ich nächtelang "Dr. Google" konsultiert, bis wir nach ca. 1-2 Monaten bei einer Logopädin gelandet sind, die uns ein paar Dinge erklärte und mich zur Psychologin schickte, da meine "Sorgen" zum Thema Stottern für das Stottern nicht förderlich waren. ... und wenn wir Zweifel haben, können wir uns jederzeit an die Logopädin wenden... bei einem so kleinen Kind kann man keine Therapie machen .... man kann nur über die Eltern indirekt vorgehen ... man soll die Anforderungen zurückschrauben .... langsam sprechen ...
Mit einer Reihe ähnlicher Tipps standen wir da... aber ohne wirkliche Hilfe.
die Monate und Wochen vergingen. Irgendwann wollte ich, dass die Logopädin unser Kind nochmal anschaut. es war mehr als 1 Jahr vergangen. Da sagte sie, die Situation habe sich verschlechtert, unser Kind brauche jetzt Therapie (Stottermodifikation) und nach wie vor war meine Einstellung zum Stottern ganz hinderlich. Ja, ich mache mir Sorgen. das stimmt. Aber so wie es die Logopädin dargestellt hat, war es wirklich nicht, aber das wollte sie mir irgendwie nicht glauben, keine Ahnung warum. das Feeling zwischen mir und Logopädin war sehr schlecht wegen dieser Sache.
Somit musste ich eine Zweitmeinung einholen.
Das Feeling zu dieser Logopädin passt. Zum Glück :-) Uns wurde die Lidcombe Methode vorgeschlagen. ich bin sehr froh, dass wir eine einfühlsame, verständnisvolle Logopädin gefunden haben. Was diese Lidcombe Methode angeht, weiß ich nicht, was wir tun sollen...Können Sie mir hierzu ein paar Tipps geben? kann man mit einer Therapie auch etwas verschlimmern? Soll ein Kind dieser Ausgangslage therapiert werden oder soll das Ganze einfach ignoriert werden? ich weiß es nicht.
Unser Kind hat mehrere Strategien entwickelt: sofort nach Stotterbeginn: flüstern, herumlaufen beim Reden.
Seit einiger Zeit: ähähäh und dann geht's los oder hmhmhm ...
Zudem hat er, sobald das Stottern angefangen hat, für kurze Zeit aufgehört zu reden. Vorher war er ein Plappermaul und dann kam kaum mehr was.
Er hat also schon mit etwas mehr als 2 Jahren erkannt, dass da was nicht mehr ganz passt.

1,5 Jahre sind eine lange Zeit - die Stotterphase unseres Kindes ist länger als die Nicht-Stotterphase in seinem kurzen Leben.

Claudia Tasch
Fachberatung der BVSS
Fachberatung der BVSS
Beiträge: 68
Registriert: 27. Januar 2008 19:24
Ort: Hamburg

Re: Stottern bei 2 Jahre und 3 Monate altem Kind

Beitrag von Claudia Tasch » 30. Mai 2014 03:16

Liebes Krokodil,
in Ihrem Leben und dem Ihres Kindes ist ja wirklich schon eine Menge passiert. Dass Sie nach diesem beschwerlichen Weg nun doch eine zu Ihnen passende Therapeutin zu finden scheinen, ist Ihnen und Ihrem Kind nur zu gönnen. Gut, dass Sie sich auch auf anderen Wegen noch einmal Beratung einholen wollen!
Wir möchten Ihre Anfrage gewissenhaft und ausführlich beantworten. Deshalb bitten wir Sie, sich noch ein paar Tage zu gedulden, bis wir eine fachlich abgerundete Antwort einstellen. Wir arbeiten daran!
Herzliche Grüße,
das Team der Fachberatung
Claudia Tasch, Logopädin
Fachberatung der BVSS

Ruth Ezeh
Fachberatung der BVSS
Fachberatung der BVSS
Beiträge: 10
Registriert: 13. November 2013 10:25
Ort: Hamburg

Re: Stottern bei 2 Jahre und 3 Monate altem Kind

Beitrag von Ruth Ezeh » 1. Juni 2014 19:39

Liebes Krokodil,
herzlichen Dank für Ihre Anfrage! Ich freue mich, dass Sie nun nach langer Suche eine passende Logopädin gefunden haben.
Zuerst einmal ein paar grundsätzliche Informationen zum Stottern:
Man unterscheidet beim Stottern die sogenannten „Kern- und Begleitsymptome“. Als Kernsymptome bezeichnet man Dehnungen (Langziehen von Lauten im Wort wie „Baaaaanane“), Wiederholungen (Wiederholungen von Lauten, Wortteilen oder Worten wie „Ba-ba- ba-banane“) und Blockierungen (Steckenbleiben von Lauten – häufig am Wortanfang, wie „_Banane“).
Die Begleitsymptome können sich als Reaktion auf das Stottern entwickeln. Jeder stotternde Mensch versucht, irgendwie mit seiner Sprechstörung klarzukommen. Es entwickeln sich manchmal Symptome wie das Vorschieben von „äh“ oder „mhh“ vor einem gefürchtetem Wort, Sprechanstrengung mit z.B. mimischen Mitbewegungen, Sprechvermeidung, Austausch von Worten etc. Die Begleitsymptome sind oft ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Betroffene merkt, dass sein Sprechen nicht „regelrecht“ abläuft. Sie haben ganz recht beobachtet, dass auch schon sehr kleine Kinder diese Wahrnehmung haben können.
Nun zu den Therapiemethoden:
Man unterscheidet direkte und indirekte Therapiemethoden.
1)indirekte Methoden sind
a) Spieltherapie.
Ziel ist es, die Sprechfreude des Kindes zu wecken oder zu stärken. In der Spieltherapie können auch Konflikte bearbeitet werden.
b) Elternberatung.
Die Elternberatung sollte ein wichtiger Bestandteil jeder Stottertherapie sein. Bei beginnendem Stottern kann eine intensive Beratung und Anleitung der Eltern helfen, die Sprechflüssigkeit immens zu verbessern. Sobald jedoch Sprechanstrengung und/oder Begleitsymptome beobachtet werden, sollte eine weiterführende Therapie begonnen werden.

2)Direkte Methoden sind
a) Stottermodifikation /“Nicht- Vermeidens- Ansatz“
Bei diesem Ansatz lernen die Kinder, nicht mehr mit Ankämpfen, Vermeidung und Angst auf ihr Stottern zu reagieren. Sie lernen, das Stottern spielerisch zu verändern, zu lockern, leichter zu machen und damit die Stärke und Häufigkeit der Symptome zu reduzieren. Die Eltern werden in die Therapie mit einbezogen und lernen z.B., den Kindern ein gutes, lockerndes Sprechvorbild zu sein.
b) Fluency- Shaping
z.B. Lidcombe – Methode
Ziel ist es, das flüssige Sprechen zu verstärken und zu belohnen. Stottern wird korrigiert. Dies geschieht nach strengen Regeln und mit sehr strukturiertem Vorgehen. Ein Elternteil wird als Co- Therapeut ausgebildet und führt die Übungen jeden Tag zu Hause durch.

Nun zu Ihrer Frage, ob ein Kind mit „derartiger Ausgangslage“ therapiert werden sollte: Hierzu kann ich nur mit einem klaren JA, AUF JEDEN FALL! antworten. Ihr Kind und auch Sie als Eltern brauchen dringend eine Entlastung bezüglich des Stotterns Ihres Sohnes. Wie Sie bereits beschrieben haben, machen Sie sich Sorgen und Gedanken. Das ist vollkommen normal und richtig so. Doch so lange Sie noch nicht in Therapie sind, haben Sie nur wenige Möglichkeiten, mit dem Stottern Ihres Sohnes umzugehen. Dies wird sich innerhalb der Therapie ändern. Für die meisten Eltern ist dies einer der wichtigsten und nachhaltigsten Erfahrungen in der Therapie. Sie können selbst etwas unternehmen, werden zu Experten für das Stottern Ihres Kindes und müssen nicht mehr hilflos zusehen.
Die Lidcombe – Therapie ist extra ausgelegt für Kinder zwischen 3 und 5 Jahren. Ihre Therapeutin wird Sie eng anleiten und betreuen und Sie damit zum Co- Therapeuten in der Therapie machen. Die Lidcombe - Therapie ist ganz klar strukturiert und bietet so den Eltern auch eine klare Vorgehensweise. Sie gliedert sich in zwei Phasen. Ziel in Phase I ist die Reduktion der Stottersymptomatik oder das Erreichen völliger Sprechflüssigkeit. Phase II dient der Stabilisierung und Generalisierung.
Sie fragen, ob die Durchführung einer Therapie das Stottern verstärken kann. Dies sollte normalerweise nicht passieren. Allerdings unterliegt das Sprechen von jungen stotternden Kindern typischerweise starken Schwankungen. Tage mit starken Symptomen können sich mit Tagen abwechseln, an denen das Sprechen fast oder ganz flüssig ist. Diese Schwankungen können auch in den ersten Therapiemonaten weiterhin vorhanden sein.

Nun möchte ich Ihnen noch einige Bücher aus dem Demosthenes – Verlag (bvss.de/shop) empfehlen:
Ratgeber:
Mein Kind stottert – was nun? Ein Ratgeber für Eltern
Stottern – Oft wussten wir nicht weiter Eltern stotternder Kinder berichten von ihren Erfahrungen

Bilderbücher:
Fritzi und Wolle - Ein Bilderbuch für Kinder von 3 bis 6 Jahren
Was ist ein U-U-Uhu? Ein Mutmachbuch für stotternde Kinder

Kennen Sie schon unser Eltern- Netzwerk? Sie können es unter http://www.eltern.bvss.de erreichen
Ich hoffe, ich konnte Ihre Fragen umfassend genug beantworten. Falls doch noch weitere Fragen auftauchen, können Sie sich gerne mit unserer Beratungshotline in Verbindung setzen unter
Telefon: 0221 – 139 11 06.

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles alles Gute und drücke Ihnen fest die Daumen für einen guten Therapieerfolg Ihres Sohnes!
Herzliche Grüße aus Hamburg,
Ruth Ezeh - Logopädin und zertifizierte Stottertherapeutin (ivs)
Fachberatung bvss
Zuletzt geändert von Ruth Ezeh am 1. Juni 2014 19:44, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Signatur vergessen

Gesperrt

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 3 Gäste