Stottern mit dreieinhalb manifestiert sich - Beratungsbedarf

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Nachteule

Stottern mit dreieinhalb manifestiert sich - Beratungsbedarf

Beitrag von Nachteule » 2. Juni 2014 02:39

Liebes BVSS-Team,

unsere Tochter, jetzt 3 Jahre und 5 Monate alt, spricht viel und besonders gern.

Sie wächst zweisprachig auf (Papa spricht griechisch mit ihr, ich deutsch), und ihr Opa ist Spanier, sodass sie diese Sprache auch hört - bei Oma und Opa, und wir haben eine Handpuppe, die spanisch spricht, allerdings nur, wenn sie aktiv mit ihr auf mich zukommt.

Sie hat schon sehr früh begonnen zu sprechen (erste Worte mit eins, lange Sätze mit zwei, ist dafür erst mit 21 Monaten gelaufen).

Amalia hat mit zwei Jahren und drei Monaten begonnen, Unflüssigkeiten beim Sprechen zu zeigen, die zunächst entwicklungsbedingt klangen.

Irgendwann hat sie ein einziges Mal gesagt "ich kann das Wort nicht sagen", daraufhin hab ich ihr erklärt, dass das ganz vielen Kindern passiert, und dass das auch wieder weg geht. Dann hab ich ihr noch gesagt, ich glaube, dass das im selben Gespräch war, wenn es länger dauert mit den Wörtern fragen wir mal unsere Kinderärztin die weiss eigentlich immer was. Danach war davon nie wieder die Rede, meine Tochter hat nie wieder formuliert, dass es sie stört, wenn die Wörter nicht rauskommen. Unsere Kinderärztin fand das alles völlig normal, zumal Amalia auch zweisprachig aufwächst . Sie sagte auch, ich solle genau so antworten wie ichs gemacht hab, das würde sich erledigen.

Wir sind nun seit Herbst letzten Jahres in der Heileurythmie, wegen einer Verstopfungs-Geschichte, die letztes Jahr akut war, um Amalias Bewegungsfreude zu fördern und auch, damit sie an "Bodenhaftung" gewinnt. Sie hat lange Zeit sehr ängstlich auf andere Kindern reagiert, besonders, wenn die ihr zu nah kamen war direkt Land unter. Die Heileurythmistin meinte, auch das Entwicklungsstottern sei durchaus etwas, auf das die Übungen einen positiven Einfluss haben könnten. Nun, bis auf das Stottern ist tatsächlich alles sehr viel besser geworden, die Reime, Spiele, Lieder, haben unserer Tochter großen Spaß gemacht (wir kommen eigentlich nicht aus der anthroposophischen Ecke), sie bewegt sich viel mehr und sicherer, wirkt auch geerdeter im Umgang mit anderen Kindern. Sie hat insgesamt einen großen Entwicklungs- und Wachstumsschubschub gemacht in den letzte Monaten.

Das Stottern ist noch da.

Phasenweise ist es stärker, dann wieder schwächer, im Moment ist es sehr präsent und ich habe den Eindruck, dass es noch stärker wird.

U-u-uu-u-u-u-u-u-und dann bin ich da runtergegangen u-u-u-u-u-und hab noch das Eichhörnchen gesehen, wie es da da da da raufgeklettert ist, um die Nuss zu holen! Dann wieder ein paar Sätze komplett ohne Stottern, dann manchmal eine ganze Parade von Stottersätzen usw.

Am Satzbeginn oder in (Denk?)Pausen macht sie häufig ein stimmhaftes m-mmm-mmm-m, sodass der Eindruck entsteht, sie wisse noch nicht, wie es anfängt oder weitergehen soll (ich glaub da hakt es schon).

Manchmal formuliert sie einen Satz um und ich kann nicht unterscheiden, ob sie es tut, um ein kritisches Wort zu umgehen oder weil ihr der Satz so nicht gefällt und sie etwas Passenderes gefunden hat. Sie ist wirklich sehr eloquent. Manchmal hab ich aber schon den Eindruck, da hakt es kurz beim Wort und dann startet sie lieber nochmal.

Das Stottern kommt in ganz entspannten (Tisch-) Situationen vor, wenn die Geschichte aufregend ist verhaspelt sich sich dann noch, aber im Prinzip kann ich nicht feststellen, dass sie in besonderen (Anspannungs-)Situationen anfängt zu stottern.

Und unsere Tochter Amalia spricht eigentlich den ganzen Tag! Sie liebt es, zu sprechen, sich zu unterhalten, Geschichten zu erzählen, Dinge zu erfragen, bestimmte (erlebte) Geschichten will sie monatelang zigtausendmal hören und wie beim Ping-Pong erzählen, wir spielen uns dann die Bälle zu und sie moderiert genau an, wer jetzt was sagt. Wir sprechen unheimlich gern und viel miteinander und ich genieße es sehr, ein so sprechfreudiges Kind zu haben!

Mit gleichaltrigen Kindern spricht sie nach wie vor nur das Nötigste, wenns unbedingt sein muss. Sie beobachtet lieber oder spielt "nebeneinenader her". Sie ist sehr sensibel für Stimmungen und sehr reizoffen auf dem Hörkanal, es ist ihr schnell zu laut und zu viel los (was ich nur zu gut verstehen kann, da es mir genau so geht). In die Musikgruppe geht sie trotzdem sehr gern. (Ich vermute, weil es da vorhersehbarer ist, was als nächstes kommt.)

Bis jetzt ist sie immer mit einem erwachsenen Ansprechpartner unterwegs, mit mir, mit der Oma oder mit ihrem Papa. Sie möchte zB auf dem Spielplatz auch am liebsten nur über uns kommunizieren. (Kannst Du fragen, kannst Du sagen etc, wenn man sie bittet es selbst zu machen "hab keine Lust" oder "trau ich mich nicht", notfalls Verzicht). Trotzdem scheint sie sich zu freuen, dass sie ab dem Herbst ein Kindergartenkind wird, wir waren auch schon da, und sie ist ganz beruhigt, dass dort keine "Kleineren" sind, sondern "Größere,weil die verstehen ja, wenn man was erklärt." Das ist für sie ganz wichtig. Mit Erwachsenen, die sie einigermaßen kennt, hat sie überhaupt keine Scheu, zu sprechen. Denen erzählt sie auch alles mögliche was sie erlebt hat und nimmt sich auch den Raum dafür ohne Scheu.

Wir zu Hause, Eltern, Großeltern etc, sind allesamt interessierte und geduldige Zuhörer, auch wenns mal hakt, und ich lege großen Wert darauf, dass jeder im Gespräch wenn möglich seinen Satz zu Ende sprechen darf. Unsere Tochter reklamiert auch, wenn einer von uns sie "überspricht", wie sie es nennt. Damit meine ich natürlich nicht, dass es bei uns keine spontane Rückmeldung gibt!

Ich wiederhole häufig, was Amalia gesagt hat, auch, wenns gehakt hat, das mache ich schon so lange, dass es einfach organisch geworden ist, ich spreche halt so mit ihr. Und auch mit anderen Kindern. Das, was in "Mein Kind stottert, was nun" an Unterstützungsvorschlägen zu finden ist, befolgen wir im Prinzip schon länger intuitiv, ich versuche auch, auf Sprechtempo und Komplexität zu achten (was mir nicht immer leicht fällt).

Von Beruf bin ich Schauspielerin, und ich arbeite viel als Sprecherin, sodass Sie sich vorstellen können, dass eine gewisse Affinität zur Sprache vorhanden ist... Das macht es mir glaube ich auch so schwer, mit diesem Stottern weiterhin gelassen umzugehen. Ich höre schon nur noch das! Und das will ich gar nicht!! Ich bin einfach mittlerweile davon überzeugt, dass sich hier echtes Stottern manifestiert hat. Und das macht mich in erster Linie sehr besorgt und ich mache mir große Vorwürfe, dass ich nicht schon früher reagiert habe. Und ich befürchte, dass man mir das auch anmerkt.

Vor drei Wochen hab ich sie nach so einem typischen Stotteranfall mal drauf angesprochen. Hui, jetzt sind die Worte aber ganz schön gehüpft. Fühlt sich das im Hals dann komisch an? So etwas in der Art. Sie hat bejaht. Ich: Und stört Dich das? Sie: Nee das stört mich überhaupt nicht!!" So total überrascht, als wäre die Frage sooo weit hergeholt! Ich hab dann ausgeführt, dass das auch ganz normal ist, es vielen so geht etc.

Zwei Wochen später eröffnete sie mir, dass es sie stört, dass sie noch nicht richtig "s" und "sch" sagen kann. Was auch stimmt, sie hat noch einen recht offenen Biss, ist nachts noch Schnullerkind, und ich bin mir nicht sicher, ob ihre Zunge da nicht auch noch gegen die Zähne schiebt. Ich habe ihr gesagt, dass man das super üben kann, und dass wir da mal unsere Kinderärztin zu befragen werden (die sie übrigens total liebt). Auf meine Frage hin, ob sie das mit den Hüpfewörtern (war grad auch wieder im Gespräch akut) denn auch störe hat sie dann mit ja geantwortet und ich hab ihr gesagt, dass ich mich darum kümmern werde , dass das viele Kinder haben etc. Ob ich da zu suggestiv gefragt habe... ich weiss es nicht! Sie hört die kleinsten Unterschiede in der Aussprache, wenn man ein kölsches Lied singt und "mein" statt "ming" ausspricht bekommt man es direkt zurückgemeldet, sie hört, ob man "gesacht" oder "gesagt" gesagt hat, ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es sie nicht stresst, so zu stottern!!

Ich bin mir so unsicher, ob ich Amalia nochmal auf das Stottern ansprechen soll oder ob das zu viel der Rückmeldung ist, für mich steht das Thema jetzt im Raum, seit wir darüber gesprochen haben. Und ich hab das Gefühl, ich muss mich da irgendwie zu verhalten. Puuuuuuuuuuuuuh. Das ist ein mächtiger Druck, und ich möchte nicht, dass sie sich damit alleine fühlt!! Und hab das Gefühl, sie viel zu lange damit alleine gelassen zu haben.

Wir sind auf jeden Fall reif für Phase 2. Mindestens ich brauche dringend Rat, Beratung. Deshalb hab ich Ihnen diesen Roman geschrieben - es hat gut getan, das alles hier des Nachts einmal zu sortieren, und in der telefonischen Beratung hätte ich wahrscheinlich sowieso erstmal geheult.
Mein Mann sieht die Situation viel gelassener, erkennt aber auch, dass das Stottern zugenommen hat und ist offen für eine Therapie/ Beratung.

Was und gerne auch wen empfehlen Sie mir für unsere Situation?
Ich freue mich sehr auf Ihre Rückmeldung.

Herzliche Grüße und einen guten Wochenstart!

Ruth Ezeh
Fachberatung der BVSS
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Re: Stottern mit dreieinhalb manifestiert sich - Beratungsbe

Beitrag von Ruth Ezeh » 2. Juni 2014 22:38

Sehr geehrte Nachteule,

Herzlichen Dank für Ihre Anfrage! Es ist toll, dass Sie sich so viele Gedanken zur Entwicklung Ihrer Tochter machen, sich Informationen besorgen uns sich nun an dieser Stelle Rat suchen.
Wir möchten Ihre Anfrage gerne gewissenhaft und ausführlich beantworten. Deshalb bitten wir Sie, sich noch ein paar Tage zu gedulden, bis wir eine fachlich abgerundete Antwort einstellen. Wir arbeiten daran!

Herzliche Grüße,
das Team der Fachberatung

Ruth Ezeh
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Re: Stottern mit dreieinhalb manifestiert sich - Beratungsbe

Beitrag von Ruth Ezeh » 3. Juni 2014 22:26

Liebe Nachteule,
vielen herzlichen Dank für Ihre ausgiebige Beschreibung- so konnte ich mir schon ein recht gutes Bild davon machen, wie es Ihrer Tochter Amalia und Ihnen als Familie im Moment mit dem Sprechen geht.
Zuerst einmal möchte ich Ihnen rückmelden, dass, wie Sie bisher auf das Stottern Ihrer Tochter eingegangen sind, richtig und absolut angemessen war. Ich möchte Sie gerne von Ihren Schuldgefühlen befreien. Sie haben die Situation erst einmal beobachtet, bei Amalia nachgefragt, sich Rat geholt, Heileurythmie begonnen, sich Literatur beschafft, nachgelesen, Tipps befolgt- das ist alles prima!

Es ist toll, dass Amalia ein so sprechfreudiges Kind ist. Die Sprechsituationen, die Sie beschreiben, sind einfach bezaubernd!

Was Sie am Sprechverhalten beschreiben, zeigt mir, wie gut Sie Ihre Tochter beobachten und einschätzen können.

Dass sich die Stottersymptome so wechselhaft in ihrer Stärke und Häufigkeit zeigen, ist sehr typisch in diesem Alter.

Es gibt jedoch einige Punkte, die, wie Sie selbst ja auch einschätzen, für zumindest eine Beratung, wenn nicht sogar eine Therapie sprechen:
- das Vorschieben von mmmm-mmm am Satzbeginn
- die teilweise recht hohe Anzahl der wiederholten Laute und die Tatsache, dass sie nicht nur Worte/Silben, sondern eben Laute wiederholt
- die Unsicherheit in der Kommunikation mit anderen Kindern (Sprechvermeidung?)
- der Verdacht, dass Amalia manchmal Sätze umstellt /Worte austauscht (bei so einer eloquenten Sprecherin durchaus denkbar und könnte dann auch eine Vermeidensstrategie sein)
- der Kommentar, dass Sprechen manchmal anstrengend ist
- Ihr eigenes Bedürfnis nach Rat/Hilfe

Einige der oben beschriebenen Punkte sprechen sehr dafür, dass Amalia ein deutliches Störungsbewusstsein hat. Sie versucht, mit Ihrer Sprechstörung umzugehen und so entstehen Reaktionen wie die Umstellung von Sätzen oder das Vorschieben von „mmmm“.

Ich halte es für eine sehr gute Idee, wenn Sie sich einen Termin bei einer/einem Stottertherapeuten besorgen und sich eingehend beraten lassen. Der Therapeut/ die Therapeutin kann Amalia kennenlernen und Ihnen dann eine Empfehlung aussprechen, ob Therapie notwendig ist und auch, welches Therapiekonzept angemessen wäre.
Um herauszufinden, welche/r Therapeut/in bei Ihnen in Wohnortnähe zur Verfügung steht, bitte ich Sie, sich mit unserer telefonischen Hotline in Verbindung zu setzen. Die Berater dort verfügen über eine Liste von Stottertherapeuten im ganzen Bundesgebiet.

Wenn Sie an Literatur interessiert sind, mit Hilfe derer Sie das Thema Stottern noch einmal kindgerecht und vielleicht auch noch einmal auf einem anderen Wege mit Amalia besprechen können, so kann ich Ihnen die Bücher „Fritzi und Wolle“ und „was ist ein U- u- uhu?“ wärmstens empfehlen. Sie können Sie über den Demosthenes Verlag beziehen.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen mit meinen Ausführungen weiter helfen und wünsche Ihnen, Ihrer Familie und vor allem natürlich Amalia alles Gute auf Ihrem weiteren Weg!

Mit herzlichen Grüßen aus Hamburg,

Ruth Ezeh

Logopädin
Zertifizierte Stottertherapeutin (ivs)
Fachberatung bvss

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