Veränderung der Basalganglien als Ursache des Stotterns?

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Tarantandy
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Veränderung der Basalganglien als Ursache des Stotterns?

Beitrag von Tarantandy » 9. Juni 2009 14:33

Hi Leute,

heute steht in der Stuttgarter Zeitung ein längerer Artikel zum Thema Stottern. Es geht u.a. um die Kasseler Stotter-Therapie, interessanter finde ich aber die Befunde bzgl. der "Basalganglien".

Hier der Ausschnitt, der mir am interessantesten erscheint:

"(...) Langsam wird auch klarer, wie das Programm hilft und wo die Ursachen des Stotterns liegen. Etliche Programmteilnehmer haben sich vor und nach der Behandlung in die Röhre eines Magnetresonanztomografen der Frankfurter Universitätsklinik gelegt. Die Medizinerin Katrin Neumann und ihr Team machten Gehirnaufnahmen beim Sprechen und werteten die Bilder aus.

Auf der Suche nach den Ursachen

Vor der Therapie fanden sie unter anderem auffällige Aktivierungsmuster in Teilen der Basalganglien, die unterhalb der Großhirnrinde liegen. Nach der Therapie waren diese Auffälligkeiten verschwunden. Die Kasseler Stottertherapie hat es also geschafft, die Funktionsweise des Gehirns zu beeinflussen. Vielleicht sind Probleme in den Basalganglien sogar eine der Ursachen des Stotterns. Die Basalganglien helfen bei der Steuerung bewusster Bewegungen und unterdrücken unwillkürliche Bewegungen. Stotterer neigen zu solchen unwillkürlichen Bewegungen, also Ticks. In den Basalganglien spielt der Nervenbotenstoff Dopamin eine wichtige Rolle. Er scheint bei Stotterern dort im Übermaß vorhanden zu sein. So lässt sich auch erklären, warum dem Dopamin entgegenwirkende Medikamente bei Stotterern eine gewisse Wirkung erzielen.

Eine Forschergruppe um Kate Watkins von der Universität Oxford berichtete kürzlich ebenfalls von Auffälligkeiten in den Basalganglien bei Stotterern. Außerdem stieß sie auf gestörte Verbindungen zwischen verschiedenen Teilen des Gehirns, die für das Sprechen zuständig sind. Soo-Eun Changs Team von der amerikanischen Gesundheitsbehörde NIH bestätigte diesen Befund, und auch Katrin Neumanns Gruppe geht von Problemen in der Zusammenarbeit verschiedener Gehirnteile bei Stotterern aus.

Möglicherweise werden solche Erkenntnisse eines Tages helfen, die Therapie auch für erwachsene Stotterer zu verbessern. (...)"


Und hier der Link zum ganzen Artikel:

http://stuttgarter-zeitung.de/stz/page/ ... ining.html

Liebe Grüße

Andi.

---***---
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Re: Veränderung der Basalganglien als Ursache des Stotterns?

Beitrag von ---***--- » 9. Juni 2009 15:34

Hi Andi,

Danke für's Reinstellen!

Basalganglien und Stottern sind zwar nicht gaaanz so neu, wie's der Artikel darstellt, aber allemal ein sehr interessantes Thema. Von Per Alm gibt es einen Artikel auf der BSA-Homepage, hier: Is this why we don't stammer when we sing?. Nicht nur Fluency Shaping wirkt auf die Signale aus den Basalganglien, Per Alm erklärt's anhand von Sprachverzögerungsgeräten. Leider habe ich zum Übersetzen die nächsten Tage keine Zeit, werde aber auf Per Alms Artikel zurückkommen. Der ist mE eine sehr gute Darstellung der möglichen Wirkmechanismen.
  • "Stattdessen wird hier nach der Kasseler Stottertherapie trainiert, der am besten überprüften Therapie in Deutschland.
    ...
    Solche Therapien, die direkt beim Sprechen ansetzen, gelten traditionell als Gegenmodell zur zweiten großen Therapieschule, dem sogenannten Nichtvermeidungsansatz. Er geht davon aus, dass das Stottern verschwindet, wenn die Betroffenen es gar nicht beachten. Denn die Angst vor dem Stottern löse das Stottern erst aus."
Über diesen Passus muss ich mich ein wenig echauffieren. Warum, warum, warum? ist die Stottermodifikation immer völlig falsch dargestellt, wenn Frau Prof. Neumann und Dr. Alexander Wolff von Gudenberg die KST bewerben? Wollen sie nicht oder können sie nicht? Man kann ja leicht behaupten, dass die KST "die am besten überprüfte Therapie" ist, die "beste" Therapie muss sie deshalb noch lange nicht sein. Aber das diskutieren wir schon in einem anderen Thread.

Sehr informativ ist der Artikel für Stotternde, die eine Therapie suchen, leider nicht.

Grüße, Mechthild

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Micha136
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Re: Veränderung der Basalganglien als Ursache des Stotterns?

Beitrag von Micha136 » 9. Juni 2009 18:47

Danke für's Reinstellen, Andi ...

Ich lese, neben der von Mechthild schon erwähnten Aufälligkeit bzgl. des Nichtvermeidungsansatzes, noch etwas ganz anderes hier heraus ...
Vielleicht sind Probleme in den Basalganglien sogar eine der Ursachen des Stotterns. Die Basalganglien helfen bei der Steuerung bewusster Bewegungen und unterdrücken unwillkürliche Bewegungen. Stotterer neigen zu solchen unwillkürlichen Bewegungen, also Ticks. In den Basalganglien spielt der Nervenbotenstoff Dopamin eine wichtige Rolle. Er scheint bei Stotterern dort im Übermaß vorhanden zu sein. So lässt sich auch erklären, warum dem Dopamin entgegenwirkende Medikamente bei Stotterern eine gewisse Wirkung erzielen.
Quelle: Stuttgarter Zeitung, 08.06.2009, Der Tag beginnt mit einem Sprechtraining
Dopamin hat auch die Bezeichnung "Glückhormon" - http://de.wikipedia.org/wiki/Dopamin

Eine Frage, die sich mir stellt:
Warum sollte eine größere Ansammlung eines Glückhormons im Gehirn von Nachteil sein?

Wohl eher ist die Frage zu stellen: Wie gehe ich mit soviel Glück um?

Etwas weiter unten im Wikipedia-Eintrag finde ich folgenden Absatz "Dopaminhypothese der Schizophrenie"
Gemäß Dopaminhypothese wird ein übermäßig hoher Dopamin-Spiegel in bestimmten Hirnarealen mit den Symptomen der Schizophrenie (Psychosen) in Verbindung gebracht. Der Gebrauch stark dopaminerger Substanzen (Pramipexol, Amphetamin) kann sich auch bei Gesunden in entsprechenden Symptomen ausdrücken.
Für mich wird damit immer klarer, was ich vor knapp einem halben Jahr in einer Art Selbstdiagnose beschrieb. Ich "leide" unter "temporären semi-schizophrenen Psychoseschüben" ...
Mit anderen und einfacheren Worten beschrieben: Ich habe ein inneres Wissen über gewisse Dinge, das sich je nach Gegenüber in mehr oder minder immer geringerer Weise mit dem Wissen meiner Außenwelt deckt. Dies führt bei mir zu Erschöpfung, Müdigkeit etc. Wenn ich den Wissensstand der Außenwelt akzeptieren kann, geht es leichter ... mit anderen Worten: jeder möge nach seiner Fasson glücklich werden.
Schwieriger wird es bei Gegenüber, von denen man z.B. finanziell abhängig ist ... sog. Arbeitgeber, Arbeitsamt etc.

Wenn man - nach eingängiger Analyse - die Inkompetenz anderer feststellt, sei es aus deren Unwissenheit oder Unvermögen oder aufgrund gesellschaftlicher Strukturen, tritt genau das ein, was viele von uns häufig bemerken: eine Veränderung beim Stottern.
Es geht hier um nichts anderes als die Anpassung zweier oder mehrerer Lebenswelten ...
Umso mehr ich von meiner eigenen Lebenswelt abgeschnitten werde bzw. mich abschneiden lasse, desto mehr werde ich Probleme mit dem Stottern haben.

Mitunter ist eine Anpassung an gesellschaftliche Normen unumgänglich, doch das macht die Lage nicht besser ...
Längerfristig sehe ich jedenfalls absolut keinen Sinn darin, den Dopaminspiegel eines Menschen zu reduzieren, es sei denn man möchte gleichgeschaltete Menschen in der Gesellschaft "heranziehen" ...

Insofern ist dieser Zeitungsartikel auch eine weitere Information zu den gesamten Diskussionen im KST-Thread.

Vielen Dank nochmals, Andi, und alles Gute, Micha.
Neues Leben - neues Glück :)

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Re: Veränderung der Basalganglien als Ursache des Stotterns?

Beitrag von 2412 » 9. Juni 2009 19:06

Micha136 hat geschrieben: Mitunter ist eine Anpassung an gesellschaftliche Normen unumgänglich, doch das macht die Lage nicht besser ...
Längerfristig sehe ich jedenfalls absolut keinen Sinn darin, den Dopaminspiegel eines Menschen zu reduzieren, es sei denn man möchte gleichgeschaltete Menschen in der Gesellschaft "heranziehen" ...
Dir ist aber schon klar, dass Dopamin keinen Einfluss auf die kognitive Ebene eines Menschen hat? Eine Hemmung des Dopamins verändert in keiner Weise die Persönlichkeit, sondern hilft einem Stotterer, ähnlich wie Insulin einem Diabetiker. Wenn wir also Diabetiker am Leben erhalten, züchten wir gleichgeschaltete Menschen heran?

Ich werde in den Semesterferien Abilify ausprobieren, ein Medikament gegen Schizophrenie, das Dopamin hemmt. Im englischen stuttering forum gibt es diesbezüglich eine Vielzahl an faszinierenden Erfahrungsberichten.

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Micha136
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Re: Veränderung der Basalganglien als Ursache des Stotterns?

Beitrag von Micha136 » 9. Juni 2009 19:44

JonnyHell hat geschrieben:Dir ist aber schon klar, dass Dopamin keinen Einfluss auf die kognitive Ebene eines Menschen hat? Eine Hemmung des Dopamins verändert in keiner Weise die Persönlichkeit, sondern hilft einem Stotterer, ähnlich ...
Jonny, der Geist, also das Mental kann jedoch in Zusammenhang mit dem Glücklichsein, so oder so arbeiten. Das menschliche Gehirn kann viele Gedanken verarbeiten ... in alle Richtungen. Je nach Laune sozusagen :)
Ich glaube sehr wohl, dass die Hemmung des Dopamins die Persönlichkeit eines Menschen verändert ... ganz sicher.
Ein Mensch besteht nicht nur aus Gehirn ... das ist ja gerade das Denken, woran der Ostblock gescheitert ist ... das Abbild der wissenschaftlich-materialistischen Denkweise ... Körper und Geist, vergesst die Seele ... und die Kirche hat die Seele vorher als etwas völlig anderes dargestellt als sie ist :)
JonnyHell hat geschrieben:... wie Insulin einem Diabetiker. Wenn wir also Diabetiker am Leben erhalten, züchten wir gleichgeschaltete Menschen heran?
Das mit dem Insulin weiß ich nicht, Jonny, da habe ich keine eigenen Erfahrungen ... nur familiäre und die Erzählungen anderer eben. Jedenfalls frage ich mich immer, wenn 70-80jährige Menschen auf den Zuckergehalt irgendwelcher Lebensmittel achten "Warum? Warum? ... sie stöhnen über die Gebrechen des Alters und leben nicht mal ihre Bedürfnisse aus. Was'n das für'n Leben?"

Selbst wenn sie es unbewusst für ihre Kinder und Kinderskinder machen, würde ich doch eher sagen: Tut, was euch gefällt und genießt das Leben.

Warum nicht eventuell glücklich ein Jahr früher sterben als sich ein Jahr länger kontrollieren? Und überhaupt, wer weiß, ob man nicht auch viel länger lebt, wenn man seine Bedürfnisse mal auslebt ... nach dem zweiten Stück Kuchen ist sowieso jeder voll.
JonnyHell hat geschrieben:Ich werde in den Semesterferien Abilify ausprobieren, ein Medikament gegen Schizophrenie, das Dopamin hemmt. Im englischen stuttering forum gibt es diesbezüglich eine Vielzahl an faszinierenden Erfahrungsberichten.
Ein Freund von mir hat, hmm, ich glaube Antidepressiva getestet ... er hat damit weniger gute Erfahrungen gemacht würde ich meinen. Mal sehen,ob ich den Thread noch finde ... er meinte, dass das wohl im früheren Sprachheilpädagogik-Forum war.

Ich versuch lieber den anderen Weg ... Ausleben meiner überschüssigen Glücksgefühle und andere damit anstecken :)

In diesem Sinne, alles Gute, Micha.
Neues Leben - neues Glück :)

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Re: Veränderung der Basalganglien als Ursache des Stotterns?

Beitrag von ---***--- » 12. Juni 2009 15:08

Hi,

anbei meine Übersetzung des Textes von Per Alm.

Er erläutert seine Sicht der Bedeutung der Basalganglien, indem er von zwei unterschiedlichen Systemen der Sprech-Steuerung ausgeht. Für ihn wären die beiden unterschiedlichen Systeme eine Erklärung, weshalb Stottern zum einen in der Häufigkeit so variabel ist, zum anderen weshalb es überhaupt Techniken gibt, die flüssiges Sprechen ermöglichen. Den Techniken wie auch apparativen Hilfen ist gemein, dass sie die "Fehlzündungen" in den Basalganglien überbrücken. Wobei die "Techniken" durch bewusste Steuerung des Sprechens wirken. Interessant auch der Hinweis auf Parkinson. Bei Parkinson werden auch Gehirnoperationen durchgeführt, bei denen ein "Schrittmacher" implantiert wird. Ich nehme an, das wird auch in naher Zukunft bei Stottern ausprobiert werden :?.
  • TIEFENHIRNSTIMULATION
    Bei der Tiefenhirnstimulation werden bei der Operation kleine Elektroden an eine vorher genau berechnete Stelle des Gehirns platziert.
    Sie erhalten mit einer bestimmten Frequenz einen geringen elektrischen Impuls von einem Impulsgeber.
    Dieses System soll die Aktivität des stimulierten Hirnareals kontrollieren.
Wegen der Korrektheit der medizinischen Begriffe bin ich mir nicht sicher. Ich habe auch nichts zu den zugrunde liegenden Theorie gefunden. Andere Texte von Per Alm sind in Schwedisch, das kann ich noch nicht lesen. Trotzdem viel Spaß beim Lesen!
Dateianhänge
Is this why we dont.pdf
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Re: Veränderung der Basalganglien als Ursache des Stotterns?

Beitrag von Micha136 » 12. Juni 2009 16:14

Interessantes Dokument von Alm, Mechthild ... danke für's Reinstellen.

Insbesondere dieser Absatz:
Lächeln für die Kamera
Man nimmt auch an, dass das laterale System aktiv ist, wenn eine Bewegung mit vergrößerter Aufmerksamkeit und bewusster Kontrolle durchgeführt wird, während das mediale System bei automatischen Antworten vorherrscht. Das wird als Grund betrachtet, warum es schwierig ist, natürlich zu lächeln, wenn man von einem Fotografen gefragt wird - ein absichtliches Lächeln wird durch ein anderes System im Gehirn geschaffen als ein spontanes Lächeln. Dieser Unterschied weist darauf hin, dass das laterale System verantwortlich ist, wenn man in einer Art spricht, die nicht automatisch
ist, wie Singen, Nachahmen eines Akzents oder eine Rolle spielen.
Jetzt verstehe ich auch besser, warum ich ungern in die Kamera lächele bzw. warum ich denke, ich lächele und mir der Fotographierende dann in 90% der Fälle sagt, ich würde nicht lächeln :) ... das ist wohl der Unterschied zwischen einem natürlichen, der Situation "angepassten" Lächeln und einem aufgesetzten Lächeln, nehme ich an.
Mechthild hat geschrieben:Bei Parkinson werden auch Gehirnoperationen durchgeführt, bei denen ein "Schrittmacher" implantiert wird. Ich nehme an, das wird auch in naher Zukunft bei Stottern ausprobiert werden :?.
Ich glaube, es wird Zeit für eine Fortsetzung von George Orwell's "1984", meinetwegen "2028" oder so.
Über Parkinson-Patienten und Stotternde wird neben der Gehirntätigkeit auch gleich noch der Inhalt ihrer Worte gelenkt :) ...
Oja, "schöne neue Welt" :) ...

In diesem Sinne ... "think for yourself" ... Micha.
Neues Leben - neues Glück :)

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Re: Veränderung der Basalganglien als Ursache des Stotterns?

Beitrag von Tarantandy » 12. Juni 2009 16:27

Danke für deine Mühe, Mechthild!

Liest sich schon sehr interessant. Es wäre natürlich schön, nun Stimmen zu hören, die sich mit dem Thema schonmal befasst haben und sich auskennen.

Ansonsten hoffe ich natürlich ungeduldig auf weitere Forschungen dieser Art...

Ist es irgendwann wirklich ganz einfach, Stottern zu heilen, dann aber auch wirklich?

Liebe Grüße

Andi.

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Re: Veränderung der Basalganglien als Ursache des Stotterns?

Beitrag von Jaspis » 12. Juni 2009 18:51

Hallo Mechthild,
Danke für die Übersetzung! Danke, Andy, für das Thema!

Ich habe mal fett markiert, was mir besonders aufgefallen ist, was mich anspricht (sorry, Andi, auch ich bin kein Experte, aber sehr interessiert! :) ):
Per Alm hat geschrieben:Goldberg behauptete, dass das menschliche Gehirn über zwei parallele prämotorische Systeme verfügt, d. h. Systeme, die an der Planung und Ausführung von Bewegungen einschließlich des Sprechens beteiligt sind. (Er erörterte Stottern allerdings nicht.) Gemäß diesem Modell sind beide Systeme in der Lage, Start-Signale für Bewegungen zu geben, aber unter etwas verschiedenen Bedingungen:
1) Das laterale System, das aus dem lateralen prämotorischen Kortex und dem Kleinhirn besteht, ist aktiv, wenn die Bewegung in Bezug auf den sensorischen Input kontrolliert wird – wie beim Sprechen im Rhythmus eines Metronoms, dem Singen oder dem gemeinsamen Lesen. Ähnlich ist das laterale System dominierend, wenn das Sprechen vom
somatosensorischen oder auditivem Feedback kontrolliert wird
, wie mit dem SpeechEasy-Gerät.
2) Im Gegensatz dazu funktioniert das mediale System, das aus den Basalganglien und dem SMA besteht, auf automatisierten Programmen ohne externes Feedback. Dieses System ist während der spontanen Rede besonders dominant, besonders wenn das Sprechen propositional ist, d. h. es Gedanken oder Gefühle übermittelt.
@auditives Feedback: Das spielt ja auch eine wesentliche Rolle beim Tönen nach Hausdörfer (auch bei anderen Therapien/Ansätzen?), auch dort wird das visuelle Sehen eines Wortes hin zum Hören, und damit zum auditiven Feedback, des Gesprochenen verschoben. Durchaus mit Erfolg, wie ich auch bei mir feststelle. D.h. dann zwar immer noch, daß man mit dem lateralen System "spricht", statt mit dem medialen, also immer noch kontrolliert. Aber Per Alm schreibt auch:
Das Stottern ist mit einer Störung des medialen Systems verbunden [das die Alltagssprache kontrolliert], aber wenn die Kontrolle vom medialen auf das laterale System gewechselt wird, wird das Problem überbrückt.
Wenn also "medial" nichts geht, ist eine Überbrückung durch das laterale System immer noch besser als Sprachlosigkeit, oder? Zumindest für Erwachsene. Kinder mit beginnendem Stottern könnten dagegen schon direkt am/im lateralen System behandelt werden, mit speziellen Trainings oder Medikamenten. Geht das Lidcombe-Programm vielleicht in die Richtung eines solchen Trainings?

Gruß, Karen

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Re: Veränderung der Basalganglien als Ursache des Stotterns?

Beitrag von surfer1972 » 11. April 2010 20:51

Hallo zusammen!

Mit großem Interesse lese ich das Forum. Ich stottere selbst "schon immer".
Habe aber kein Problem mehr damit ,weil ich total ruhig und ausgeglichen ben.
So weit so gut.
seit 3 Jahren habe ich aber nun "parkinsonähnliche" Beschwerden.
Zittern, Muskelverspannungen, Schlafstörunge usw.
Auf ElDopa Präparate reagiere ich positiv. Kann es sein, dass mein Stottervermeiden ins gegenteil umschlägt und ich zu wenig Dopamin produziere?

Oder anders gefragt, gibt es jemanden unter Euch mit gleichen Problem. Medikamente nehme ich regelmäßig keine.

Reinhold
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Re: Veränderung der Basalganglien als Ursache des Stotterns?

Beitrag von Reinhold » 15. April 2010 11:42

surfer1972 hat geschrieben:seit 3 Jahren habe ich aber nun "parkinsonähnliche" Beschwerden.
Zittern, Muskelverspannungen, Schlafstörunge usw.Auf ElDopa Präparate reagiere ich positiv. Kann es sein, dass mein Stottervermeiden ins gegenteil umschlägt und ich zu wenig Dopamin produziere?

Oder anders gefragt, gibt es jemanden unter Euch mit gleichen Problem. Medikamente nehme ich regelmäßig keine.
Hallo surfer,

erst mal Willkommen hier im Forum.

In der Tat kenne ich persönlich zwei Stotternde, die nach der Diagnose von Parkinson und anschließender Dopamineinnahme eine signifikante Verschlechterung Ihrer Symptomatik erfahren haben.

Dies ist in der wissenschaftlichen Literatur auch beschrieben. Zum Beispiel hier KLICK findest Du einen Artikel, der das Wiederauftreten von Stottern bei Parkinson-Patienten dokumentiert, die als Kinder gestottert haben und es danach verloren haben. Die Vermutung liegt nahe, dass die medikamentöse Gabe von Dopamin eine vorhandene (oder auch bereits abgelegte) Symptomatik verstärken kann bzw. wieder auftreten lässt.

Gruß Reinhold

---***---
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Re: Veränderung der Basalganglien als Ursache des Stotterns?

Beitrag von ---***--- » 15. April 2010 20:01

hallo Surfer,
willkommen auch von mir :smile!
Ich habe Dich so verstanden, dass die Medikamente Deine P-Symptome bessern, Du aber denkst, der Dopamin-Pegel wäre wegen Deiner "Sprechruhe" reduziert ? also Dein Nicht-Stottern hat das Dopamin beeinflusst? Wie wirkt sich L-Dopa auf Dein Sprechen aus?

Übrigens bekam ich vor über 10 Jahren ein Parkinson-Dopamin-Medikament verschrieben (weiß nicht mehr, wie es hieß), aufgrund einer Fehldiagnose :roll:. Ich konnte innerhalb weniger Tage kaum noch sprechen, das war schon beeindruckend. Das hat meine Suche nach einer guten Diagnose sehr beschleunigt. Da hatte Stottern eindeutig einmal Vorteile.

Grüße, Mechthild

surfer1972
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Re: Veränderung der Basalganglien als Ursache des Stotterns?

Beitrag von surfer1972 » 17. April 2010 10:13

Hallo Mechthild,

vielen Dank für Deine Antwort. Ich kann nicht sagen, dass das Stottern anch der Einnahme des Präparates schlechter wurde. Ich habe es aber auch nicht lange genommen. Müsste man mal testen.
Warum ist Dir das Parkinson Mittel verordnet worden? Hattest Du ähnliche Symthome wie ich?

Wie kommst Du im Alltag klar? Bei mir ergeben sich nur wenig Einschränkungen, habe mich so im Griff dass fat alles geht.

surfer

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Re: Veränderung der Basalganglien als Ursache des Stotterns?

Beitrag von NoNick » 21. April 2010 10:11

Ich hab auch schon oft von der Kombination Stottern und ADHS oder Asperger gehört.
Bei ADHS ist, soweit ich weiß, der stand der Forschung dass zuwenig Dopamin in den Region
des frontalen Kortex, Stamm- und Kleinhirn vorhanden ist.

Jemand nen Erklärungsansatz?
Oder sind meine Infos falsch?

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