Stottern und auditorisches Feedback

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Torsten
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Torsten » 1. April 2011 11:49

Jaspis hat geschrieben:Unsere normale Rückkopplung ist gestört&nicht optimal.
Ich glaube aber nicht, dass es sich dabei um eine organische (Gehirn-) Störung handelt (Es ist nicht notwendig, so etwas anzunehmen). Das Funktionieren der auditorischen Rückkopplung ist davon abhängig, ob wir unsere Aufmerksamkeit hinreichend auf das Hören richten, denn die Richtung der Aufmerksamkeit entscheidet darüber, ob der Thalamus Informationen zur Großhirnrinde weiterleitet oder nicht. Die gestörte Rückkopplung lässt sich also durch die falsche Richtung der Aufmerksamkeit (das zu starke Vorauseilen) hinreichend erklären.
Jaspis hat geschrieben:Deshalb ist eine stärkere Rückkopplung nötig, diese kann auditiv erfolgen oder über die Wahrnehmung der Sprechorgane.
Ich denke, dass sie nur auditiv erfolgen sollte - aus zwei Gründen:

Erstens ist das mangelnde Hören auf das eigene Sprechen die Ursache der gestörten Rückkopplung - und es ist nun einmal besser, ein Problem dadurch zu lösen, dass man die Ursache beseitigt, als dadurch, dass man eine Kompensation einrichtet.

Zweitens ist die Steuerung des Sprechens über die Wahrnehmung der Sprechorgane eine schlechte Kompensation. Durch die Eigenwahrnehmung der Sprechorgane (den inneren Regelkreis :D ) wird normalerweise nur die Erzeugung der Laute gesteuert, nicht die Erzeugung von Wörtern und Sätzen. Wenn man die Erzeugung von Wörtern und Sätzen über die Wahrnehmung der Sprechorgane steuert, ist das ungefähr so, als würde man beim Lesen buchstabieren: Wer beim Lesen buchstabiert, kann nicht auf "Holzwegsätze" hereinfallen, und wer sein Sprechen über die Mundbewegungen kontrolliert, stottert nicht - aber beides sind unnatürliche, umständliche Methoden.

Dass beim Vermeiden des Stotterns trotzdem immer noch diese umständliche Methode favorisiert wird, hängt mit dem verbreiteten Glauben zusammen, Stottern sei eine Störung der Lauterzeugung (oder deren Steuerung oder Kontrolle). Das ist aber falsch: Wir können, ohne zu stottern, Laute erzeugen - brabbeln, lallen, Nonsens reden wie kleine Kinder. Unsere Lauterzeugung ist nicht gestört. Stottern tritt auf beim sinnvollen Sprechen - typischerweise beim Sprechen von Sätzen.
Jaspis hat geschrieben:Das "Richten der Aufmerksamkeit auf das, was gleich passieren soll oder wird" ist aus meiner Sicht nur eine Folge einer falsch ausgewählten und trainierten Methode, um die Kontrolle über das Sprechen nicht zu verlieren.
Das ist vollkommen richtig - für die meisten chronischen Stotterer. Bei ihnen sind die Sprechangst und die Vermeidungsmethoden - eigentlich eine Folge des kindlichen Stotterns - zur Hauptursache des Vorauseilens und damit des Stotterns geworden. Die ursprüngliche Ursache des Vorauseilens ist aber eine andere: Kinder haben, wenn sie zu stottern anfangen, weder Sprechängste noch Stotterverneidungspraktiken. Sie haben einfach eine überschießende Willkürmotorik. Sie sind aufgeregt von dem, was sie erlebt haben, und wollen am liebsten alles auf einmal erzählen. Dazu kommt vermutlich, dass die Automatik des Bildens von Sätzen, einschließlich der Rückkopplung, also des Sich-Zuhörens beim Sprechen, noch nicht sicher eingeübt ist.

Gruß, Torsten
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Re: Stottern und Selbstregulation der Aufmerksamkeit

Beitrag von transit » 3. April 2011 11:21

Hallo,

dies ist mMn seit Jahren einer der interessantesten Threads im ganzen Forum.

Also (?) : Ursache, bzw Grundlage - nicht nur als Ursprung sondern ständig : Selbstregulationsstörung der Aufmerksamkeit ?

? Selektive Aufmerksamkeit, den Focus gezielt auf eine Hör-Geräusch-Quelle (die eigene Stimme) richten können - und ? oder ? Geteilte Aufmerksamkeit, mehrere auditive Reize (relativ) zeitgleich und differenziert wahrnehmen können ?.
Sind Stotternde wahrnehmungsoffen, wahrnehmungssensibel bzgl der auditiven Wahrnehmung ?
Sind Stotternde generell Menschen mit Hochsensibler Wahrnehmung ?
(Dazu gibt es auch einen Thread - wohl fast alle ? von uns hatten dies "bestätigt").

Methylphenidat - Medikament I.Wahl bei AD(H)S = eine der Selbstregulationsstörungen - wirkt bei mir bzgl des Sprechen-Könnens/Horchen(?)-Könnens therapeutisch absolut erfolgreich.
Es gibt aber auch Stotternde, die schrieben, dass bei ihnen MPH das Sprechen eher verschlechtert.


Einige Links :

http://www.hartwig-claussen-schule.de/home.htm -" Hartwig-Claussen-Schule" für Kinder mit Störungen der Hörwahrnehmung - Lest euch mal die Seiten "Unsere Schule" "Leitbild" "Schwerpunkte" "Audiologie" durch.

http://www.drbeckedorf.de/index.php?id=2 - "Systemische Hörtherapie" - basiert auf der "Tomatis-Methode". Leider "ausserordentlich" teuer.

http://www.emoflex.de/index.html - "Synchronisation der Regulationsdynamik" nach Johannes Drischel. Ich habe bei ihm die SRD-Basis-Ausbildung gemacht.

Alle drei Links / Seiten führen den Begriff Stottern nicht explizit auf.


Aktualisierung einer Frage : Es interessiert mich schon seit Jahren sehr, ob jemand (ForumUser/ForumUserin) mal eine Audiologische oder PädAudiologische Testung der Hörverarbeitung hat durchführen lassen ? Bei sich selbst ? Bei seinem/ihrem stotternden Kind ?


Hallo Jaspis, ich habe dir eine kurze PN gesandt, bzgl eines anderen Themas.

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Re: Stottern und Selbstregulation der Aufmerksamkeit

Beitrag von Torsten » 3. April 2011 16:07

transit hat geschrieben:Also (?) : Ursache, bzw Grundlage - nicht nur als Ursprung sondern ständig : Selbstregulationsstörung der Aufmerksamkeit ?
Ja, würde ich so sagen.
transit hat geschrieben:Selektive Aufmerksamkeit, den Focus gezielt auf eine Hör-Geräusch-Quelle (die eigene Stimme) richten können - und ?
Ich denke, dass es einfach eins Art Ungleichgewicht ist. Die Antizipation ist beim Sprechen ja ebenfalls notwendig - nur, beim Stottern überwiegt sie zu stark.
transit hat geschrieben: Geteilte Aufmerksamkeit, mehrere auditive Reize (relativ) zeitgleich und differenziert wahrnehmen können ?
Das scheint mir ein anderes Problem zu sein - der "Cocktailparty-Effekt", das Herausfiltern des Nutzschalls aus dem Gesamtschall. Ich habe damit zwas Schwierigkeiten, glaube aber nicht, dass das Stottern damit unmittelbar zusammenhängt. Denn bei mir tritt Stottern gerade auch in ruhigen Sprechsituationen auf - in lauter Umgebung spreche ich laut und stottere sehr selten. Außerdem nehmen wir die eigene Stimme auch über die Mundraum-Knochenresonanz wahr, d. h. wir können uns selber meistens gut hören. Ich glaube deshalb, dass es wirklich ein Problem der Aufmerksamkeits-Lenkung ist und nicht ein Problem des Hörens an sich.

*) Es könnte aber einen indirekten Zusammenhang geben: Ich lasse mich leicht vom Zuhören ablenken: Dadurch, dass ich überlege, was ich sagen will, lasse ich mich ablenken vom Hören auf das, was ich gerade sage. Und genauso leicht lasse ich mich durch Stimmengewirr davon ablenken, einem Gesprächspartner aufmerksam zuzuhören.
transit hat geschrieben:Sind Stotternde wahrnehmungsoffen, wahrnehmungssensibel bzgl der auditiven Wahrnehmung ?
Vielleicht - es wäre spannend, das mal zu untersuchen. Zumindest glaube ich, dass Stotternde überwiegend nervöse, leicht erregbare und emotional sensible Menschen sind - eben keine dickfelligen Phlematiker.
transit hat geschrieben:Methylphenidat - Medikament I.Wahl bei AD(H)S = eine der Selbstregulationsstörungen
Die Bezeichnung "Selbstregulationsstörung" passt auf Stottern ja recht gut, auch die Bezeichnug "Dissoziation": Sprechen ist ein sensomotorischer Vorgang, und beim Stottern laufen Sensorik und Motorik auseinander. Aber die Sensorik, die die Probleme verursacht, ist nicht, wie oft geglaubt wird, die Propriozeption, sondern die auditorische Rückkopplung.

Gruß, Torsten
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Jaspis » 3. April 2011 22:54

Torsten hat geschrieben:Wir können, ohne zu stottern, Laute erzeugen - brabbeln, lallen, Nonsens reden wie kleine Kinder.

Wirklich in jeder Situation? Auch vor Publikum? Brabbeln, lallen, Nonsens reden - wenn wir das für uns allein tun, dann ist die Sprechanforderung sehr niedrig und damit auch die Störanfälligkeit. Die Regelkreise (:)) werden nicht sehr beansprucht und schon gar nicht überfordert.
Torsten hat geschrieben:Unsere Lauterzeugung ist nicht gestört.
Aber sie ist störanfällig. Wenn die Anforderungen steigen (Inhalt, Kommunikation)
Torsten hat geschrieben:Stottern tritt auf beim sinnvollen Sprechen - typischerweise beim Sprechen von Sätzen.
Ja, da wären wir bei der Kommunikation, sagen wir mal, der 3.Anforderungsstufe: 1. Lauterzeugung --> 2. Inhalt (+Wörter&Sätze) --> 3. Kommunikation mit anderen (+Persönlichkeit (Vertreten von eigenen Sichtweisen und Standpunkt), +Antizipation (Vorausbewertung von Situationen), ...)

@Selbstregulierung: Gutes Stichwort, transit!

Gruß, Karen

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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Torsten » 4. April 2011 12:17

Jaspis hat geschrieben:
Torsten hat geschrieben:Wir können, ohne zu stottern, Laute erzeugen - brabbeln, lallen, Nonsens reden wie kleine Kinder.

Wirklich in jeder Situation? Auch vor Publikum? Brabbeln, lallen, Nonsens reden - wenn wir das für uns allein tun, dann ist die Sprechanforderung sehr niedrig.
Die Sprechanforderung als solche (die Anforderung an die Automatik der Lauterzeugung) ist auch vor Publikum nicht höher. Probleme können höchstens dadurch entstehen, dass der Sprecher Angst hat - vor dem Publikum, vor dem Sprechen oder vor bestimmten Lauten. Die Angst muss man aber m. E. von der Primärsymptomatik des Stotterns unbedingt trennen. Probiert es einfach mal :D - mit dem Brabbeln, Lallen und Nonsensreden vor Publikum, z. B. in einer SHG! Man kann dabei bestimmt viel Spaß haben, und man gewinnt Vertrauen in seine Sprechautomatik.

Ich denke, dass die Störanfälligkeit der Lauterzeugung bei Normalsprechenden nicht geringer ist als bei Stotterern. Auch Normalsprechende kommen ins Stottern - sogar professionelle Redner wie Politiker oder Rundfunkmoderatoren. Aber bei Stotterern treten mehr und stärkere Störfaktoren auf: die Neigung zur Antizipation, die Erregung und Angst beim Sprechen, oft auch persönliche Unsicherheit (Minderwertigkeits- und Ohnmachtsgefühle). Der Teufelskreis, in den der chronische Stotterer hineingerät, ist der, dass durch das Erleben und Erleiden der Störung - also des Stotterns - die o. g. Störfaktoren verstärkt werden, was wiederum dazu führt, dass die Störung häufiger oder in verstärkter Form auftritt.

Gruß, Torsten
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Torsten » 12. April 2011 22:14

Hallo,
wie ich bereits an mehreren Stellen in diesem Forum geschrieben habe, halte ich die Modelle der Sprachproduktion, wie sie gegenwärtig gelehrt werden, für falsch. Diese Modelle gehen im Wesentlichen auf Garrett und Levelt zurück. Die folgende Abbildung zeigt Levelts Modell in schematischer Darstellung:

Bild

Wer sich genauer darüber informieren möchte, dem empfehle ich das Vorlesungsmanuskript von Tanja Hüttner, Uni Potsdam.

Warum kritisiere ich dieses Modell? Es beschreibt das Hervorbringen sinnvoller Sätze als einen Prozess der Umwandlung nichtsprachlicher Gedanken in gesprochene Sprache. Fragt man sich, welcher Teil dieses Prozesses beim Stottern gestört ist, dann kommt nur der letzte Schritt in Frage: Die Verwandlung des „Phonetischen Planes“ in gesprochene Sprache. Denn die „Phonetische Planung“ ist offensichtlich abgeschlossen: Der Stotternde weiß genau, was er sagen will – er weiß es oft besser als die meisten Normalsprechenden, da Stotterer sich häufig genau überlegen, wie sie einen Satz formulieren, um „schwierige“ Laute zu vermeiden.

Der Stotternde weiß also, was er sagen will – er bringt es nur nicht heraus. Es kann sich demnach – so legt es Levelts Modell des Sprechens nahe – nur um eine Störung der Artikulation handeln. Die Artikulation könnte nun entweder organisch gestört sein durch eine Schädigung (Läsion) des Gehirns (genetisch oder durch eine Entwicklungsstörung verursacht), oder sie könnte psychisch gestört sein durch Angst, Anspannung und Unsicherheit beim Sprechen (Stottern als Neurose). In diese beiden Richtungen tendieren denn auch die üblichen Erklärungen des Stotterns. Doch beide Erklärungen sind unbefriedigend: Im Fall einer Läsion als Ursache wäre zu erwarten, dass Stottern konstant auftritt. Das ist jedoch nicht der Fall. Die Neurose-Theorie wiederum ist nicht auf das kindliche Stottern anwendbar: Kinder beginnen zu stottern, ohne Sprechängste zu haben.

Natürlich ist der Umstand, dass das gegenwärtige Modell des Sprechens keine befriedigende Erklärung des Stottern zulässt, noch kein hinreichender Grund, dieses Modell für falsch zu erklären. Es gibt aber schwerwiegendere Gründe dafür. Die werde ich in meinem nächsten Beitrag darlegen, um danach in mehreren Etappen ein alternatives Modell der Sprachproduktion vorzustellen.

Grüße, Torsten
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von transit » 13. April 2011 00:32

Hallo,
die „Phonetische Planung“ ist offensichtlich abgeschlossen: Der Stotternde weiß genau, was er sagen will
Oder : Der Sprechende weiß genau, wie es sich anhören soll ?

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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Torsten » 13. April 2011 09:42

Ja. Der Sprechende weiß, wie es sich anhören soll, denn er merkt, wenn es sich nicht so anhört - z. B. dann, wenn er sich versprochen hat. Daraus folgt aber nicht, dass der Sprecher seine Worte oder Sätze innerlich vorformuliert. Wie es funktioniert, wird das Modell des spontanen Sprechens erklären, das ich hier vorstellen will.
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Jaspis » 13. April 2011 17:16

transit hat geschrieben:Oder : Der Sprechende weiß genau, wie es sich anhören soll ?
... und kann es aber u.U. nicht so aussprechen, dass es sich so anhört wie es sich anhören soll? Wissen, wie etwas klingen soll und es selbst aber nicht hinbekommen, passiert ja auch bei Musik sehr häufig. Auch wenn ich selbst nicht gut singen oder ein Instrument spielen kann, höre ich doch schräge Töne bei anderen sehr genau heraus.

Genauso kann es beim Sprechen sein: Genau zu wissen, wie sich mein Gesprochenes anhören soll, verbessert meine Sprechmotorik erstmal gar nicht. Oder?
Gruß!

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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Torsten » 13. April 2011 19:05

Jaspis hat geschrieben:Wissen, wie etwas klingen soll und es selbst aber nicht hinbekommen, passiert ja auch bei Musik sehr häufig.
Genau. Und ich höre nicht nur die falschen Töne der anderen - ich höre auch meine eigenen :D
Jaspis hat geschrieben:Genau zu wissen, wie sich mein Gesprochenes anhören soll, verbessert meine Sprechmotorik erstmal gar nicht.Oder?
Naja - es hilft z. B. dann, wenn jemand undeutlich artikuliert oder mit einem Akzent spricht, den er loswerden will. In solchen Fällen ist es wichtig, eine klare Vorstellung davon zu haben, wie es sich korrekt anhört. Aber man hilft einem stotternden Kind nicht, wenn man es ermahnt: "Überlege erst mal, was du sagen willst (und wie es sich anhören soll :( ), bevor du sprichst!".
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Torsten » 14. April 2011 21:48

Sprechtheorie, Teil 2:

Hallo - wie ich oben schon angedeutet habe, gibt es gute Gründe, Willem Levelts Modell des Sprechens für falsch zu halten. Davon handelt dieser Beitrag.

Levelts Modell geht davon aus, dass Gedanken mit Hilfe von Wörtern sowie syntaktischen und grammatischen Regeln in sprachliche Aussagen umgeformt werden. Es wird also angenommen, dass ein Gedanke anfangs in einer präverbalen, unformulierten Gestalt vorliegt, dass dann die passenden Wörter und die Satzform ausgewählt werden, alles den Regeln gemäß zusammengefügt wird, das Ganze in eine Befehlskette für die Muskeln des Sprechapparates umgewandelt wird, um endlich diese in Bewegung zu versetzen und den Gedanken als gesprochenen Satz zu artikulieren.

Das ist eine sehr vereinfachte Darstellung – trotzdem wird schon daran ein Grundproblem dieser Sichtweise deutlich: Wir wissen alle, dass wir, bevor wir spontan etwas sagen, nicht bewusst Wörter aus einem Lexikon im Gehirn heraussuchen. Wir wählen auch nicht bewusst ein Satzschema aus, ganz zu schweigen vom bewussten Einfügen der Wörter in dieses Satzschema unter Berücksichtigung grammatischer Regeln. Wir tun all dies beim spontanen Sprechen nicht bewusst – können wir aber behaupten, wir würden es unbewusst tun?

Wenn jemand spontan etwas sagen will, dann will er etwas Bestimmtes sagen, und dieses bestimmte "Etwas" ist ihm bewusst. Können wir annehmen, er würde nun unbewusst aus seinem mentalen Lexikon von, sagen wir, 40000 Einträgen die richtigen Wörter auswählen und sich, gleichfalls unbewusst, für ein bestimmtes Satzschema entscheiden – obwohl er vermutlich nicht einmal weiß (weder bewusst noch unbewusst), welche Satzschemata es gibt? Oder wollen wir annehmen: Nicht der Sprecher trifft alle diese unbewussten Entscheidungen, sondern ein Modul in seinem Gehirn – vielleicht ein „Formulator“, wie in Levelts Modell? – Es gibt zwei Einwände gegen solche Annahmen:

Erstens: Unbewusste Steuervorgänge, wie etwa für Stoffwechselprozesse, basieren auf genetisch ererbten Programmen. Sie repräsentieren die im Verlauf der biologischen Evolution erworbene Erfahrung der Gattung, und es ist klar, dass die Steuerung des Sprechens – die Steuerung der Anwendung einer Kulturtechnik – nicht allein auf solchen genetisch ererbten Programmen beruhen kann. Durch individuelles Lernen und Üben erworbene Steuerprogramme, also Automatismen, fuktionieren dagegen nicht unbewusst. Laufen oder Radfahren sind automatisierte Bewegungsabläufe – aber auch wenn unsere Aufmerksamkeit nicht auf sie gerichtet ist, so ist uns doch bewusst, wenn wir laufen oder Rad fahren.

Zweitens: Eine autonome Theorie der Sprachproduktion (eine Theorie, die sich nur mit dem Sprechen selbst befasst) muss zwar die sozialen Funktionen des Sprechens nicht erklären, aber sie muss mit diesen vereinbar sein. Wenn das Formulieren eines Satzes eine Folge unbewusster Entscheidungen ist – Entscheidungen, die womöglich von einer im Gehirn des Sprechers befindlichen, ihm aber unbewussten und von ihm nicht zu kontrollierenden Instanz („Formulator“) getroffen werden – wie kann der Sprecher dann für das, was er sagt, verantwortlich sein? Denn verantwortlich sind wir für das, was wir sagen, für den Satz in der Gestalt, die er durch die Formulierung gewonnen hat, und nicht für etwas unformuliertes Gemeintes.

Offenbar wird ein serielles, aus hintereinander angeordneten funktionalen Modulen bestehendes Modell der Sprachproduktion dem tatsächlichen Geschehen beim spontanen Sprechen nicht gerecht. Die verschiedenen Schritte vom unformulierten Gedanken zum ausgesprochenen Satz mit den zahlreichen dabei zu treffenden Entscheidungen, die diesem Modell zugrunde liegen, vollziehen wir nicht bewusst – und wir können vernünftigerweise auch nicht behaupten, wir würden sie unbewusst vollziehen. Das heißt aber: Diese Vorgänge finden nicht statt.

Welche Forderungen muss also ein autonomes Modell der Sprachproduktion erfüllen?

Es muss erstens die Erfahrung widerspiegeln, dass beim spontanen Sprechen typischerweise der Zeitpunkt, an dem uns der Entschluss bewusst wird, jetzt etwas zu sagen, identisch ist mit dem Zeitpunkt, an dem das Sprechen einsetzt (häufig wird uns der Entschluss, zu sprechen, gar nicht extra bewusst – wir fangen einfach an zu reden).

Zweitens muss ein Modell der Sprachproduktion der Tatsache Rechnung tragen, dass der Sprecher für seine Rede verantwortlich ist, weil er seine Worte bewusst wählt und sie bewusst so zu einander in Beziehung setzt, dass die von ihm beabsichtigte Aussage entsteht.

Im nächsten Teil dieser Serie :D beginne ich damit, ein Modell des spontanen Sprechens vorzustellen, das diesen Forderungen genügt.

Gruß, Torsten
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Torsten » 17. April 2011 23:02

Da es zum letzten Beitrag anscheinend keine Fragen und Einwände gibt, hier nun

Sprechtheorie, Teil 3:

„Sprechen heißt, Gedanken hörbar zu machen“, schreibt Oskar Hausdörfer (S. 32). Doch was sind Gedanken? Gedanken können Erinnerungen an Erlebtes sein – an Bilder, Klänge, Emotionen. Ein beträchtlicher Teil unserer Gedanken besteht jedoch aus Wörtern und Sätzen. Insbesondere das „vernünftige“, also das logische Denken ist von dieser Art: Es ist ein inneres Sprechen. Dieses innere Sprechen – so verstehe ich Hausdörfers These – kann als (äußere) Sprache „hörbar gemacht“ werden: einfach durch die Erzeugung von Schallwellen und ihre Formung mit Hilfe des Sprechapparates.

Das bedeutet nicht, dass ein Gedanke erst im Inneren – im Bewusstsein oder im Geist – still formuliert und danach laut ausgesprochen wird. So etwas tun wir nur, wenn wir uns genau überlegen müssen, was wir sagen werden – also wenn wir nicht spontan sprechen. Mit dem „Gedanken hörbar machen“ meine ich folgendes: Verbales Denken, also Denken in Wörtern und Sätzen, ist bereits Sprechen - nämlich inneres, stilles Sprechen, Äußeres, lautes Sprechen ist lediglich das Hörbarmachen dieses inneren Sprechens. Verbales Denken und Sprechen unterscheiden sich zwar in ihrer kommunikativen Rolle (Denken ist sozusagen Kommunikation mit sich selbst) und trivialerweise dadurch, dass beim lauten Sprechen Schallwellen erzeugt werden. Gedachte und gesprochene Sätze unterscheiden sich jedoch nicht in ihrer Struktur und in der Art und Weise ihrer Entstehung. Daher kann ein Modell der Sprachproduktion nicht die Umwandlung präverbaler Gedanken in gesprochene Sätze beschreiben, sondern es muss den geistigen Prozess der Entstehung von Sätzen beschreiben – gleichgültig, ob diese Sätze still gedacht oder laut ausgesprochen werden.

Dass dem spontanen Sprechen keine gedankliche Planung der Sätze vorausgeht, macht auch die folgende Überlegung deutlich: Beim verbalen („vernünftigen“, logischen) Denken kommen wir nicht auf die Idee, anzunehmen, wir würden unsere gedachten Sätze zuvor gedanklich planen, denn das hieße ja, anzunehmen, dem Denken würde ein Denken vor dem Denken vorausgehen. Gedachte Sätze haben aber, wie gesagt, die gleiche syntaktische und semantische Struktur wie gespochene Sätze. Wenn wir also bei gedachten Sätzen kein Denken vor dem Denken dieser Sätze annehmen – weshalb sollten wir es dann bei spontan gesprochenen Sätzen tun?

Dem spontanen Sprechen geht also kein verbales Denken voraus. Diese These mag ungewohnt erscheinen, ist doch der Glaube verbreitet, das Denken von Wörtern und Sätzen bilde die Grundlage des Sprechens von Wörtern und Sätzen. Doch das Gegenteil ist richtig: Sprechen ist die Basis des verbalen Denkens. Erst lernt ein Kind, laut zu sprechen – und nur das, was es laut sprechen gelernt hat, das kann es danach auch still in seinem Inneren sprechen. Denn verbales Denken ist nicht nur ein inneres Hören von Wörtern und Sätzen – es ist deren aktives Erzeugen, also inneres Sprechen und Hören zugleich. Kinder haben die Neigung, auch mit sich selbst laut zu sprechen. Erst allmählich lernen sie, die Lauterzeugung zu unterdrücken und in ihrem Inneren mit sich selbst sprachlich zu kommunizieren, nicht zuletzt durch die Ermahnung der Erwachsenen: „Sei doch mal still!“

Die Schwierigkeit einer Theorie des Sprechens ist also die, dass sie zugleich eine Theorie des Denkens ist: Sie muss erklären, wie Menschen fähig sind, Sätze hervorzubringen - und zwar nicht nur Sätze, die es schon gibt, die schon von anderen Leuten gedacht, gesagt oder geschrieben wurden, sondern auch vollkommen neue Sätze mit vollkommen neuen Aussagen.

Ich hoffe, es ist jetzt ein bisschen spannend geworden... :)
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Torsten » 25. April 2011 22:59

Sprechtheorie, Teil 4

Diesemal geht es um das Sprechen von Wörtern als eingeübtes, automatisches Verhalten. Ich habe darüber schon im Thread "Elf Empfehlungen" geschrieben - hier ist es etwas ausführlicher:

Das Hervorbringen von Sprache geschieht hochgradig automatisch, so, wie andere automatische Handlungen auch: Ein improvisierender Musiker beispielsweise stellt sich eine bestimmte Phrase vor, und seine Hände vollführen auf dem Instrument die nötigen Bewegungen, um sie zum Erklingen zu bringen. Jede Vorstellung eines Tones ist – in seinem Gedächtnis – mit einem Griff auf dem Instrument verknüpft, also mit den Steuerimpulsen, die das Gehirn an die Muskeln sendet. Oft sind auch häufig gespielte, kurze Tonfolgen mit Bewegungsfolgen verknüpft. Diese Verknüpfungen sind, nach ausreichender Übung, sofort verfügbar und aktivierbar.

Sprechen funktioniert ganz ähnlich: Wir haben eine Vorstellung von dem, was wir sagen wollen, und Lippen, Zunge, Kehlkopfmuskulatur, Atemmuskeln usw. bewegen sich sofort automatisch und auf einander abgestimmt. Voraussetzung dafür ist, dass wir als Kinder Sprechen gelernt und es hinreichend lange geübt haben – so wie der Musiker auf seinem Instrument lange üben muss, ehe er es beherrscht. Durch Ausprobieren und Hören lernen Kleinkinder, die Laute zu bilden, aus denen ihre Muttersprache besteht. Auf diese Weise werden Laut-Sprechprogramme eingeübt, die die koordinierte Aktivität der Muskeln von Atmung, Stimmbändern und Sprechapparat steuern. Diese sprechmotorischen Programme sind mit der Aktivierung der Erwartung eines bestimmten Höreindrucks verknüpft, so dass die Laute geziehlt erzeugt werden können und zugleich der Erfolg der sprechmotorischen Aktion kontrolliert werden kann.

Auch Wörter lernt das Kleinkind zunächst dadurch kennen, dass es sie hört. Beherrscht das Kind die Lautbildung, kann es ein Wort, dem Höreindruck entsprechend, nachbilden. Dadurch entsteht ein Bewegungsmuster für das Aussprechen dieses Wortes. Durch Wiederholung prägen sich solche Bewegungsmuster im Gedächtnis ein. Sie werden als sprechmotorische Programme gespeichert. Auch diese Proramme sind mit den Höreindrücken der Wörter verknüpft, so dass mit der Aktivierung eines Wort-Sprechprogrammes zugleich die Erwartung eines bestimmten Höreindrucks geweckt wird (dadurch merken wir, wenn wir uns versprochen haben) – doch die Aktivierung eines Wortes im Gedächtnis ist vor allem die Aktivierung eines sprechmotorischen Programms. Es initiiert und steuert die Bewegungen der Muskeln des Sprechapparates für das Bilden dieses Wortes: für das Aneinanderreihen der Laute, für die Aussprache der Laute im Wortkontext (das /o/ in „Ofen“ wird anders gesprochen als das /o/ in „offen“) und für die Betonung des Wortes.

Es müssen also für das Sprechen weder Verknüpfungen zu sprechmotorischen Programmen hergestellt werden, noch müssen diese Programme aus den motorischen Befehlen für die Bildung der einzelnen Laute zusammengefügt werden – alle diese Verknüpfungen liegen vor und brauch nur aktiviert zu werden. Spontanes Sprechen ist eine automatisierte motorische Aktivität wie Schwimmen, Radfahren oder das Improvisieren auf einem Musikinstrument.

Das gilt auch für das stille verbale Denken – nur dass hier zusätzlich die Ausführung der motorischen Befehle unterdrückt wird. Dieses Unterdrücken der spontanen Motorik müssen Kinder lernen, nachdem sie das laute Sprechen gelernt haben. Als erstes wird die Lauterzeugung vermieden, und es entsteht stimmloses Flüstern. Schließlich wird noch das Unterdrücken der Mundbewegungen erlernt, und das Resultat ist inneres Sprechen und Hören = verbales Denken. Es ist also nicht so, wie oft geglaubt wird: dass das Aussprechen des Gedachten eine Leistung ist, die zum Denken hinzukommt, sondern umgekehrt: Das stille Denken, also die Unterdrückung der spontanen Sprechmotorik, ist eine Leistung, die zum Sprechen hinzukommt. Es handelt sich dabei um eine Form der Selbstbeherrschung, die zusätzliche Energie erfordert. Deshalb neigen nicht nur Kinder, sondern auch viele Erwachsene dazu, wenn sie allein sind, oder wenn sie ein schwieriges Problem lösen müssen, „laut zu denken“ – denn Denken in Worten ist Sprechen - und Sprechen geht leichter, wenn dabei die Motorik nicht unterdrückt wird.

In diesem Beitrag habe ich nur die "motorische Seite" des Sprechens behandelt. Im nächsten Teil wird es um die Frage gehen, warum es im Gedächtnis keine Verknüpfungen zwischen Wörtern (= sprechmotorischen Programmen) und Bedeutungen gibt - und wieso wir trotzdem verstehen, was wir sagen. :)

Gruß, Torsten
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Torsten » 3. Mai 2011 19:04

Sprechtheorie, Teil 5:

Bild

Die Abbildung zeigt das Netzwerkmodell des Sprechens von Gary S. Dell, das in Konkurrenz zum Modell der sequentiellen Sprachproduktion von Willem Levelt (siehe Sprechtheorie, Teil 1) steht. Dell war aufgefallen, dass beim Lesen normalerweise nicht buchstabiert wird, sondern Wörter und Wortgruppen als Ganze erfasst werden – allgemeiner gesagt: Es finden nicht nur bottom-up-Prozesse (Wörter >> Sätze), sondern auch top-down-Prozesse (Wörter >> Laute) statt. Die Ausgangsbasis beim Lesen ist die mittlere Ebene, die Ebene der Wörter – so, wie ich es in meinem letzten Beitrag auch für das spontane Sprechen behauptet habe. Dells Modell passt also schon wesentlich besser zu meinen Vorstellungen über das spontane Sprechen als das Modell von Levelt. Außerdem entspricht Dells Modell besser unseren heutigen Vorstellungen über die Gehirntätigkeit als einer Aktivität neuronaler Netzwerke.

Trotzdem habe ich an Dells Modell etwas auszusetzen, und das betrifft die obere Ebene der leeren Kreise, die die nonverbalen Bedeutungen der Wörter darstellen sollen. Die Verknüpfungen der Wörter mit nichtsprachlichen Gedächtnisinhalten sind zwar für das Verstehen von Sprache unentbehrlich – eine weitaus größere Rolle für das Verstehen spielen aber die Verknüpfungen eines jeden Wortes mit sehr vielen anderen Wörtern: Im Prinzip ist jedes Wort, manchmal über mehrere Zwischenglieder, mit allen anderen Wörtern assoziiert. Diese Vernüpfungen, durch die der „logische Raum“ einer Sprache entsteht, fehlen in Dells Modell völlig.

Wenn wir erklären wollen, was ein Wort bedeutet, dann tun wir das meistens mit Hilfe anderer Wörter. Substantive wie „Steuerrecht“, Verben wie „durchführen“, Adjektive wie „mittelmäßig“, Konjunktionen wie „oder“ lassen sich praktisch nur mit Hilfe anderer Wörter erklären. Dagegen kann man die Bedeutungen von „Haus“, „springen“, „flüssig“ auch dadurch klar machen, dass man auf die betreffenden Dinge zeigt bzw. die Tätigkeiten vormacht. Manche Wörter lassen sich überhaupt nicht mit Hilfe anderer Wörter erklären. Ihren Gehalt kann nur derjenige verstehen, der über die damit bezeichneten sinnlichen Erfahrungen verfügt, z. B. „rot“, „bitter“, „schmerzhaft“.

Offenbar bilden die Wörter (= die motorischen Programme für die Artikulation der Wörter) im Gedächtnis ein neuronales Netzwerk, in dem ein Wort jeweils eng mit denjenigen anderen Wörtern verknüpft ist, die seinen semantischen Gehalt bilden und die wir aktivieren, um die Bedeutung dieses Wortes zu verstehen – und auf die wir angewiesen wären, wollten wir jemand anderem diese Bedeutung erklären. Ein beträchtlicher Teil unseres Wissens besteht aus diesem Netz sich gegenseitig erklärender Wörter. Außerdem sind viele Wörter mit nichtsprachlichen Erinnerungen oder Vorstelleungen verknüpft: mit Bildern, Geräuschen, Klängen, Gerüchen, haptischen Erfahrungen, Emotionen, mit Erinnerungen an Erlebnisse unterschiedlichster Art. Diese Verknüpfungen der Wörter mit nonverbalen Gedächtnisinhalten bilden die Basis des Verstehens von Sprache. Kinder lernen die ersten Wörter dadurch verstehen, dass sie sie mit sinnlichen und emotionalen Erfahrungen verknüpfen.

Für das Verstehen und den sinnvollen Gebrauch der Wörter ist es also nicht notwendig, dass diese extra als „Begriffe“ im Gedächtnis gespeichert sind. Deshalb muss man auch in einem Modell des sinnvollen Sprechens nicht annehmen, dass Begriffe mit motorischen Artikulationsprogrammen verknüpft werden, sondern man kann davon ausgehen, dass sofort die Artikulationsprogramme der Wörter aktiviert werden. Das entspricht auch unserer Erfahrung: Wir sprechen Wörter und keine Begriffe. Um zu sagen: „Gestern war ich im Kino.“, muss ich mir vorher weder das Bild des Kinogebäudes ins Gedächtnis rufen, noch muss ich mir die Bedeutung des Wortes „gestern“ vergegenwärtigen. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass durch die Aktivierung eines Wortes dessen Verknüpfungen in einem gewissen Grad mit aktiviert werden und wir deshalb das sichere Gefühl haben, die Wörter, die wir sprechen, zu verstehen: Ich bin sicher, dass ich mir das Bild des Kinogebäudes sofort ins Gedächtnis rufen kann, wenn ich es will. Das entgegengesetzte Gefühl ist das der Unsicherheit bei der Benutzung eines Wortes, dessen Bedeutung einem nicht ganz klar ist. In diesem Fall könnte die Aktivierung von Verknüpfungen fehlen oder zu schwach sein.

Im nächsten Teil wird es um die Frage gehen, wieso wir uns versprechen, also artikulatorische Fehler machen können - obwohl die Wörter sprechmotorische Programme sind und das Aussprechen ein automatisierter Vorgang ist.

Gruß, Torsten
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Jaspis » 6. Mai 2011 21:08

Zu den Stichworten auditives Gedächtnis und auditive Rückkopplung fiel mir ein alter ZEIT-Artikel über Forschungen an stotternden Zebrafinken wieder ein,der hier im Forum mal Thema war. Sehr interessante Analogien zwischen sprechenlernenden Menschen und singenlernenden Zebrafinken ... ganz im Ernst :)

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