Stottern und auditorisches Feedback

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Torsten
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Torsten » 22. Oktober 2011 11:27

Hallo,

in diesem Thread und auch an anderen Stellen habe ich immer wieder zwei Dinge betont, die ich für außerordentlich wichtig halte, wenn man das Phänomen Stottern verstehen will:
  • die auditorische Rückkopplung schließt das semantische (inhaltliche) Verstehen der selbst produzierten Sätze ein, und
  • das semantische Verstehen von Sprache setzt voraus, dass die Aufmerksamkeit auf das Sprachsignal gerichtet ist.
Die erste dieser beiden Thesen habe ich in diesem Thread schon ausführlich begründet. Jetzt soll es um die zweite These gehen.

Die Entdeckung der Abhängigkeit des Sprachverstehens von der Aufmerksamkeit verdanken wir Colin Cherry, der im Jahr 1953 sein berühmtes „Shadowing-Experiment“ durchführte: Den Versuchspersonen wurden vom Tonband über Kopfhörer zwei unterschiedliche gesprochene „Botschaften“ gleichzeitig mitgeteilt, in jedes Ohr eine. Die Versuchspersonen hatten den Auftrag, ihre Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Ohr zu richten und die gehörte Botschaft laut zu wiederholen. Anschließend nach dem Inhalt der anderen, ignorierten Botschaft gefragt, konnten sie diesen nicht nur nicht wiedergeben – sie hatten noch nicht einmal bemerkt, wenn statt englisch deutsch gesprochen oder das Tonband rückwärts abgespielt worden war.

Lediglich grobe physikalische Veränderungen des ignorierten Stimulus wurden bemerkt, z. B. wenn eine männliche Stimme mit einer weiblichen wechselte oder das Sprachsignal gegen einen 400-Hertz-Ton ausgetauscht wurde. Diese Resultate ließen darauf schließen, dass ohne Aufmerksamkeit auf ein Sprachsignal nur dessen physikalische Eigenschaften wie Tönhöhe, Klangfarbe und Lautstärke registriert werden. Das genügt offenbar, um eine Stimme aus anderen Stimmen oder Geräuschen „herauszuhören“, auf diese die Aufmerksamkeit zu konzentrieren und dann die Mitteilungen dieser Stimme zu verstehen.

Wer Cherrys Studie von 1953 nachlesen möchte – hier ist sie:
„Some Experiments on the Recognition of Speech, with One and with Two Ears.“

Eine aktuelle Studie zum Thema Sprachwahrnehmung und Aufmerksamkeit ist 2009 von Merav Sabri veröffentlicht worden: Sabri et al.: Attentional and Linguistic Interactions in Speech Perception.

Diesmal wurden den Probanden auditive und visuelle Stimuli dargeboten. Es gab drei Sorten auditiver Stimuli: zwei sprachliche, erstens Wörter und zweitens Pseudowörter (Lautfolgen, die Wörtern ähnlich sind, also wie Sprache klingen, aber nichts bedeuten – auf deutsch wäre das z. B. „Humb“ oder „Almer“) sowie einen nichtsprachlichen auditiven Stimulus. Als visueller Stimulus wurden japanische Schriftzeichen verwendet, weil sie Nichtjapanern geheimnisvoll erscheinen und deshalb die Aufmerksamkeit gut binden. Es gab drei Bedingungen:
  • Beachte das Auditorische (ignoriere das Visuelle)
  • Ignoriere das Auditorische (beachte das Visuelle),
  • Nur visuell, ohne auditorischen Stimulus (als Kontrollbedingung zum Vergleichen).
Es zeigte sich, dass sogar bei Darbietung des nichtsprachlichen auditorischen Stimulus die Aktivierung etwa der Hörregionen in den oberen Schläfenlappen (poster. super. Temporalcortex) signifikant höher war, wenn die Aufmerksamkeit auf diesen Stimulus gerichtet war. Einige Regionen, die speziell auf sprachähnliche Stimuli (Wörter und Pseudowörter) reagierten, zeigten diese Reaktionen überhaupt nur, wenn die Aufmerksamkeit auf den auditorischen Stimulus gerichtet war.

Dasselbe war bei einer Region im linken lateralen Präfrontalcortex (seitlicher vorderer Stirnlappen) der Fall, die auf Wörter deutlich stärker als auf Pseudowörter reagierte: Diese Region konnte also Wörter mit Bedeutung von Pseudowörtern ohne Bedeutung unterscheiden – aber nur, wenn die Aufmerksamkeit darauf gerichtet war. Einige andere Regionen im linken Frontal- und Temporallappen zeigten eine Wechselwirkung von Wortpräsentation und Aufmerksamkeit: Die Aktivierung in diesen Regionen war dann am größten, wenn Wörter präsentiert wurden und die Aufmerksamkeit darauf gerichtet war.

Die Resultate dieser aktuellen Studie bestätigen also die Befunde von Colin Cherry: Das Verstehen von Sprachinhalten und sogar schon das Erkennen der Lautfolgen ist in hohem Maß von der Hinwendung der Aufmerksamkeit auf das auditorische Signal abhängig - andernfalls findet nur eine Verarbeitung auf niedrigem Niveau statt. Und speziell Letzteres, die Abhängigkeit der Lautfolgen-Erkennung von der Aufmerksamkeit, ist bedeutsam für das, was ich oben (Beitrag vom 8.10. in diesem Thread) über das Nicht-bis-zu-Ende-Hören der Wörter oder Phrasen geschrieben habe.

Hier ist noch eine Zusammenfassung der Studie mit hübschen Bildern.

Gruß, Torsten
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Torsten » 26. Oktober 2011 13:28

Hallo, gerade habe ich eine interssante Studie gelesen:

Roger Ingham et al.: Towards a functional neural systems model of developmental stuttering (2207)

Es handelt sich dabei um eine Art Meta-Analyse der Ergebnisse mehrerer Testreihen mit Stotterern, Nichtstotterern und ehemaligen Stotterern. Zu den deutlichsten Resultaten gehörte, dass bei Stotterern die temporalen Hörregionen BA22/21 vermindert oder überhaupt nicht aktiviert waren (Abb. 2, S. 304 der Studie),

Desweiteren zeigte sich, dass bei ehemaligen Stotterern, die zum Testzeitpunkt bereits jahrelang symptomfrei waren, die Aktivierung des BA 22 fast der der Kontrollprobanden entsprach und die Aktivierung des BA 21 immerhin deutlich größer als bei den Stotteren war (Abb. 3, S. 305 der Studie)

Außerdem wurde gefunden, dass nach einer Fluency-Shaping-Therapie, in diesem Fall nach der MPI-Methode, die Aktivierung zumindest des BA 22 im Durchschnitt etwa dem der Nichtstotterer entsprach, wenn auch bei den Frauen nach links und bei den Männern nach rechts verschoben, verglichen mit den nichtstotternden Kontroll-Probanden (Abb. 4, S. 308 der Studie. In den beiden rechten Diagrammen dieser Abbildung ist die Wirkung von Chorsprechen dargestellt, Auch hier ist die Reduzierung des Stotterns mit einer höheren Aktivierung der Hörregionen im Temporallappen verknüpft.).

Die Ergebnise stimmen mit dem überein, was Katrin Neumann bei Absolventen der Kasseler Stottertherapie gefunden hat - auch die Absolventen der Kasseler Stottertherapie zeigten deutlich größere Aktivierungen der Hörareale (siehe Thread "Right shift und weiße Fasern", Beitrag vom 26.9.)

Roger Ingham weiß, dass die Aktivierung der temporalen Hörregionen mit der Richtung der Aufmerksamkeit auf das akustische Signal zu tun hat (S.312), doch er schreibt:

"Thus it may be, [...] that persistent stutterers show poor responsiveness to their own speech signal and probably have an impoverished capacity to monitor their own speech."

(übersetzt etwa: So mag es sein, dass chronische Stotterer eine geringe Empfänglichkeit für ihr eigenes Sprachsignal haben und vermutlich eine verminderte Kapazität, ihre eigene Sprache zu kontrollieren.)

Man merkt, dass das irgendwie nicht zusammenpasst: Die inhaltliche Seite ihrer Sprache können Stotterer sehr gut kontrollieren, denn Versprecher passieren ihnen nicht häufiger als anderen Leuten - und wenn, dann bemerken sie sie und korrigieren sich, genau wie andere Leute. Ein Kontrollproblem gibt es offenbar nicht.

Was Ingham und seine Kollegen (und auch viele andere Forscher) nicht verstehen, ist, dass die Kontrolle nur eine Nebenbei-Funktion der auditorischen Rückkopplung ist - dass ihre Hauptfunktion aber darin besteht, das spontane und weitgehend automatische Bilden von sinnvollen Sätzen zu ermöglichen.
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Torsten » 21. April 2012 12:30

In den folgenden Beiträgen werde ich, wie schon im vorigen, weitere Studien vorstellen, in denen Verbindungen zwischen der auditorischen Verarbeitung und dem Stottern gefunden wurden. Ich beginne mit einer älteren Untersuchung aus dem Jahr 1980 von W. H. Moore & W. O. Haynes:

Alpha Hemispheric Asymmetry and Stuttering. Some Support for a Segmentation Dysfunction Hypothesis

Die Autoren haben die Amplitude (Stärke) der Alpha-Wellen im EEG gemessen, während den Versuchspersonen (a) ein sprachlicher und (b) ein nichtsprachlicher auditiver Stimulus vorgespielt wurden. Die Alpha-Wellen sind ein Ausdruck des Ruhezustandes im Gehirn: Sie sind dann am stärksten, wenn man mit geschlossenen Augen still dasitzt, an nichts denkt und keine äußeren und inneren Reize einwirken. Je stärker also die Alpha-Wellen während der Präsentation eines Reizes sind, um so weniger – kann man annehmen – Aktivität löst dieser Reiz im Gehirn aus.

Versuchspersonen waren männliche Stotterer sowie nicht stotternde Männer und Frauen als Kontrollprobanden – jeweils 10 Personen, alle Rechtshänder. Sprachlicher Stimulus war eine Aufnahme der Verlesung eines Kongressberichtes, nichtsprachlicher Stimulus waren in zufälliger Reihenfolge wechselnde Töne von 400, 1000 und 4000 Hz.
Diagramm_Moore_&_Haynes.jpg
Diagramm_Moore_&_Haynes.jpg (55.3 KiB) 1358 mal betrachtet
Quelle: Moore & Haynes: Alpha hemispheric asymmetry and stuttering. Journal of Speech and Hearing Research, 23 (1980), 229–247.

Es bestehen – im Gruppenvergleich – deutliche Unterschiede zwischen Männern, Frauen und Stotterern, was die Verarbeitung der auditiven Stimuli im Gehirn betrifft:
  • Nichtstotternde Männer: Ungefähr gleiche Aktivierung beider Hirnhälften, etwas stärkere Reaktion auf nichtsprachliche Reize.
  • Nichtstotternde Frauen: Starke Linkslateralisierung der audit. Verarbeitung, links stärkere Reaktion auf sprachliche Reize
  • Stotternde Männer: Starke Rechtslateralisierung der auditorischen Verarbeitung insgesamt, linkshemisphärisch besonders geringe Reaktion auf sprachliche Reize. Nur zwei der zehn Stotterer zeigten leicht schwächere Alpha-Wellen in der linken Hemisphäre bei sprachlichen Stimuli.
Die Resultate lassen also vermuten, dass sich Stotterer und Nichtstotterer – zumindest in vielen Fällen – hinsichtlich der Verarbeitung auditiver Reize unterscheiden. Auch die Tatsache, dass weniger Frauen als Männer zu chronischen Stotterern werden, scheint ihren Grund darin zu haben, dass Frauen allgemein dazu tendieren, auditive Reize anders zu verarbeiten als Männer: Bei nicht stotternden Frauen ist die Verarbeitung meist betont links lateralisiert, Stottern ist - im Gegensatz dazu - meist mit einer Rechtslateralisierun der auditorischen Verarbeitung verknüpft. Zudem reagieren Frauen im Durchschnitt empfindlicher auf sprachliche Reize (oder verarbeiten diese intensiver), als Männer das (im Durchschnitt) tun.

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Grund: Bilder eingefügt
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Torsten » 23. April 2012 15:19

Eine weitere interessante Studie, die den Zusammenhang zwischen Stottern und auditorischer Verarbeitung beleuchtet, ist

A. Braun et al. (1997): ''Alterned Patterns of Cerebral Activity during Speech and Language Production in Developmental Stuttering.''

Es handelt sich um eine PET-Untersuchung (Positronen-Emissions-Tomographie: Messung des regionalen zerebralen Blutflusses - rCBF). Die stärkere Durchblutung einer Region des Gehirns ist ein Zeichen verstärkter Aktivität in dieser Region.

Es wurden die Aktivierungsmuster von Stotterern und Nichtstotterern verglichen, und zwar (a) beim Sprechen unter stotterverstärkenden und (b) beim Sprechen unter stotterreduzierenden Bedingungen. Stotterverstärkend: freies Berichten einer Begebenheit und Satzkonstruktion unter Verwendung eines vorgegebenen Verbs. Stotterreduzierende Bedingungen: Verlangsamtes Sprechen und Sprechen von etwas Auswendiggelerntem.

Probanden waren 18 erwachsene Stotterer (10 männlich, 8 weiblich) und 20 Nichtstotterer (12 männlich, 8 weiblich), alle Rechtshänder. Kontrollprobanden.

Man sieht bei den Stotterern, verglichen mit den Nichtstotterern, deutliche Deaktivierungen (blau -> violett) in den Temporallappen, also den Regionen, die für das Hören und Sprachverstehen ''zuständig'' sind. Die Autoren der Studie schreiben dazu:

''...our results suggest that when they are dysfluent, stuttering subjects may not be monitoring speech-language output effectively in the same fashion as controls. Perhaps an inability to monitor rapid, spontaneous speech output may be related, at some level, to the production of stuttered speech.'' (774)

(''...unsere Ergebnisse lassen vermuten, dass Stotterer, wenn sie unflüssig sind, ihr Sprach-Output nicht in derselben Weise effektiv beobachten wie die Kontrollprobanden. Vielleicht ist eine Unfähigkeit, die eigene Spontansprache kontrollierend wahrzunehmen, mit der Produktion gestotterter Sprache in irgendeiner Weise verknüpft.'')
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Torsten » 25. April 2012 17:51

Wie die im letzten Beitrag vorgestellte Studie wurde auch die folgende am National Institute of Health der USA mit Beteiligung von Allen Braun durchgeführt:

Sheila Stager, Keith Jeffries, Allen Braun: ''Common features of fluency-evoking conditions in stuttering subjects and controls...'' (2003)

Es handelt sich ebenfalls um eine PET-Studie, in der die Gehirn-Aktivierungsmuster von Stotterern und Nichtstotterern verglichen wurden, und zwar wieder (a) beim Sprechen unter stotterverstärkenden und (b) beim Sprechen unter stotterreduzierenden Bedingungen. Die stotterverstärkenden Bedingungen waren dieselben wie in Braun et al. (1997): freies Berichten einer Begebenheit und Satzkonstruktion unter Verwendung eines vorgegebenen Verbs. Die stotterreduzierenden Bedingungen aber waren diesmal andere: Sprechen mit Metronom (paced speech) und Singen eines selbst gewählten Liedes.

Die Versuchspersonen waren 17 erwachsene Stotterer (7 Frauen, 10 Männer) und 17 Nichtstotterer (8 Frauen, 9 Männer).

Metronomsprechen und Singen waren – erwartungsgemäß - mit einer stärkeren Aktivierung der Hörregionen in den Temporallappen verknüpft. Bei den Nichtstotterern waren diese Mehraktivierungen geringer, weil bei ihnen die Aktivierung dieser Regionen bereits während der stotterverstärkenden Aufgaben größer war als bei den Stotterern. Die Autoren schreiben dazu:

''...a much wider array of areas that appear to participate in self-monitoring of speech and voice were more active during fluency-evoking than during dysfluency-evoking conditions, in both PWS and control subjects.'' (332)

(''… eine weitaus größere Zahl von Regionen, die an der Selbstwahrnehmung von Sprache und Stimme beteiligt sind, waren unter der stotterreduzierenden Bedingung stärker aktiv als unter der stotterverstärkenden Bedingung. sowohl bei den Stotterern als auch bei den Kontrollprobanden.'')

''… the direct comparison of responses in PWS and controls pinpointed a number of regions in which fluency-evoking conditions evoked a more robust response in stuttering subjects. These included the anterior MTG and anterior STG – regions that appear to be selectively activated by voice and intelligible speech – suggesting that the fluency-evoking conditions may enhance self-monitoring to a greater degree in PWS than in controls.'' (333)

(''… der direkte Vergleich der Reaktionen von Stotterern und Kontrollprobanden lokalisiert sehr genau eine Reihe von Regionen, in denen die stotterreduzierenden Bedingungen eine deutlichere Reaktion bei den Stotterern auslösten. Diese umfassen den anterioren MTG und den anterioren STG – Regionen, die speziell bei Stimmen und verstehbarer Sprache aktiviert zu werden scheinen – was nahe legt, dass die stotterreduzierenden Bedingungen die Selbstwahrnehmumg der Stotterer in einem höheren Grad verstärken als die der Kontrollprobanden.''

Zur Erklärung: Der anteriore MTG (vorderer Teil des Gyrus temporalis medius, also der mittleren Schläfenlappenwindung, BA 21) und der anteriore STG (vorderer Teil des Gyrus temporalis superior, der oberen Schläfenlappenwindung, BA 22) sind Regionen der Großhirnrinde, in denen besonders auf der linken Hirnhälfte das Verstehen von Sprache lokalisiert wird – und zwar im BA 22 das phonologische Verstehen (Erkennen der Sprachlaute) und im BA 21 das semantische Verstehen (Worterkennung).
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Torsten » 27. April 2012 13:51

In diesem Beitrag will ich eine Zusammenfassung versuchen – speziell was die Resultate der vorgestellten Studien hinsichtlich des Zusammenhangs von Stotterreduzierung, Aktivierung der Regionen für Hören und Sprachverstehen des Gehirns und der Aufmerksamkeit auf das Hören betrifft.

(1) In verschiedenen Untersuchungen hat sich gezeigt, dass die temporalen (im Schläfenlappen liegenden) Regionen des Hörens und Sprachverstehens von Stotterern, ins besondere der linken Hirnhälfte, während der Verarbeitung von Sprache durchschnittlich geringer aktiviert sind als die von Nichtstotterern (Moore & Haynes 1980, Ingham et al. 2003, Braun et al. 1997, Stager et al. 2003). Zudem hat sich gezeigt, dass die Hörregionen schwerer Stotterer beim lauten Lesen durchschnittlich geringer aktiviert sind als die leichterer Stotterer (Neumann et al. 2003).

(2) Flüssigeres Sprechen von Stotterern ist im Durchschnitt mit einer Erhöhung der Aktivität der Regionen des Sprachverstehens, insbesondere der linken Hirnhälfte, verbunden
  • beim verlangsamten Sprechen (Braun et al. 1997),
  • beim Sprechen im Chor (Braun et al. 1997, Ingham et al. 2003, Toyomura et al.2010),
  • beim Sprechen mit Metronom (Stager et al. 2003, Toyomura et al. 2010),
  • beim Singen (Stager et al. 2003),
  • beim Sprechen mit verzögerter auditorischer Rückmeldung (Takaso et al. 2011),
  • nach einer Fluency-Shaping-Therapie (Ingham et al. 2003, Neumann et al. 2003).
(3) Die Aktivierung der Regionen des Sprachverstehens ist abhängig von der Richtung der Aufmerksamkeit auf das auditorische Signal (Cherry 1953, Sabri et al. 2008).

Die unter (2) aufgelisteten Reduktionen des Stotterns lassen sich am plausibelsten einheitlich dadurch erklären, dass in all diesen Fällen die Aufmerksamkeit der Sprecher verstärkt auf das Hören ihrer eigenen Stimme und Sprache gelenkt wird. Die entgegengesetzte Erklärung (Stotterreduzierung durch Ablenkung vom Hören auf die eigene Sprache) stünde im Widerspruch zu (3). Es kann also als ziemlich sicher erwiesen gelten, dass die Richtung der Aufmerksamkeit auf das Hören der eignen Stimme und Sprache während des Sprechens das Stottern vermindert.
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Torsten » 29. April 2012 13:27

Im letzten Beitrag habe ich damit geendet, dass es als ziemlich sicher erwiesen gelten kann, dass die Richtung der Aufmerksamkeit auf das Hören der eignen Stimme und Sprache während des Sprechens das Stottern vermindert. Trotzdem glauben anscheinend noch immer etliche Fachleute das Gegenteil. Woran liegt das?

Der Irrglaube, das Hören der eigenen Sprache und besonders des eigenen Stotterns würde stotterverstärkend wirken, ist sehr alt: Der Arzt L. Sandow aus Nordhausen schreibt 1898 sogar vom ''Sensorischen Echostottern (repetitio syllabarum resonans)'' und empfiehlt:

„Entweder verstopfe man sich die Ohren mit Watte, oder man spreche leiser als bisher. In beiden Fällen verliert der akustische Reiz an Kraft, und man gräbt so dieser widerwärtigen Haspelei sofort das Wasser ab.“

75 Jahre später schreibt Van Riper etwas ganz Ähnliches:

''Im Sinne der Servotherapie trainieren wir den Stotterer darauf, seine Sprechweise durch Betonung der Propriozeption zu überwachen, um so in einem gewissen Maße das auditive Rückkopplungssystem zu umgehen. Wir tun dies deshalb, weil das Sprechen durch Rückkopplung automatisch kontrolliert zu werden scheint und es so aussieht, als ob das Versagen der auditorischen Verarbeitung die Grundstörung hervorruft.“ (Die Behandlung des Stotterns, S. 3)

Van Riper hat also durchaus erkannt, dass ''das Versagen der auditorischen Verarbeitung die Grundstörung hervorruft“ – doch er zieht daraus eine falsxhe Schlussfolgerung:

„Wir wollen, dass der Stotterer aufhört, auf die Lücken und die Abnormität seiner Sprechweise zu horchen, wenn sie auftreten oder wenn er sie erwartet.“ (Die Behandlung des Stotterns, S. 11)

In ''The Nature of Stuttering'' (1971) hat Van Riper seine Auffassung sinngemäß so begründet: Kleine Kinder müssen sich zunächst selbst zuhören, um ihre Artikulationsleistungen mit denen ihrer Bezugspersonen zu vergleichen. Im weiteren Verlauf ist der soziale Sinn Hören aber zu wichtig, um mit Eigenkontrollaufgaben belastet zu werden. Deshalb bilden sich zusätzliche Rückmelde- und Überwachungssysteme: das kinästhetische, das propriozeptive und das taktile Feedback. In der Folge wird das unreife Gehirn des Kindes von Feedbackinformationen überschwemmt. Diese Informationen können nicht adäquat verarbeitet und in Outputbefehle an die Motorik umgesetzt werden. Dadurch kommt es zu Sprechunflüssigkeiten. (nach Fiedler / Standop: Stottern – Äthiologie, Diagnose, Behandlung. 1994, S. 54) Diese Hypothese ist aher wenig überzeugend, denn
  • Kinder in der Lallphase bilden sowohl das Hören auf die eigene Sprache als auch das Spüren der Sprechbewegungen aus, denn sie müssen ja in dieser Phase gerade den Zusammenhang zwischen beidem erlernen, um schließlich Sprechbewegungen mit Hörerwartungen verknüpfen zu können.
  • Das als Hören als sozialer Sinn, d.h. das Hören auf die Rede anderer, wird durch das Hören auf die eigene Sprache nicht behindert, denn beides geschieht nicht gleichzeitig: Während man anderen zuhört, redet man nicht, und während man redet, hört man gewöhnlich nicht anderen zu (Ausnahme ist das ''Shadowing'').
  • Die Rolle der kinästhetischen, propriozeptiven und taktilen Rückkopplung nimmt mit wachsender Sprachbeherrschung (Sprechgeschicklichkeit) nicht zu, sondern ab: Wir müssen die Aufmerksamkeit nur noch darauf richten, wenn besonders deutliche Artikulation gefordert ist, z.B. beim Sprechen auf der Bühne.
Ursache der Verwirrung ist ein falsches Modell der Vorgänge beim Sprechen im Gehirn: die Annahme, dass Sätze erst fertig geplant (formuliert) und danach ausgesprochen (artikuliert) werden, und dass die auditorische Rückkopplung nur dem Monitoring, also dem Erkennen von Versprechern dient. Das ist aber nicht richtig: Die auditorische Rückkopplung – das Hören und Verstehen der eigenen Sprache während des Sprechens – ist die Basis der Sprechplanung (der Sequenzierung) beim spontanen Bilden von Sätzen (siehe im Thread ''11 Empfehlungen'' die Beiträge ab dem 4. 4. 2011 und in diesem Thread, S. 2 ab dem 12. 4. 2011).
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von paul.dest » 1. Mai 2012 18:13

Torsten hat geschrieben:Die unter (2) aufgelisteten Reduktionen des Stotterns lassen sich am plausibelsten einheitlich dadurch erklären, dass in all diesen Fällen die Aufmerksamkeit der Sprecher verstärkt auf das Hören ihrer eigenen Stimme und Sprache gelenkt wird. Die entgegengesetzte Erklärung (Stotterreduzierung durch Ablenkung vom Hören auf die eigene Sprache) stünde im Widerspruch zu (3). Es kann also als ziemlich sicher erwiesen gelten, dass die Richtung der Aufmerksamkeit auf das Hören der eignen Stimme und Sprache während des Sprechens das Stottern vermindert.
Hallo Torsten,

Dein Schlusswort ist für mich nicht schlüssig. Aus mehreren Gründen:

1. Du ziehst einen Zirkelschluss. Denn Du ziehst die Schlussfolgerung
Torsten hat geschrieben:dass die Richtung der Aufmerksamkeit auf das Hören der eignen Stimme und Sprache während des Sprechens das Stottern vermindert
aus Deiner eigenen Voraussetzung
Torsten hat geschrieben:die unter (2) aufgelisteten Reduktionen des Stotterns lassen sich am plausibelsten einheitlich dadurch erklären, dass in all diesen Fällen die Aufmerksamkeit der Sprecher verstärkt auf das Hören ihrer eigenen Stimme und Sprache gelenkt wird.
Dass die unter (2) aufgelisteten Reduktionen sich durch Aufmerksamkeitsaspekte erklären lassen, wolltest Du ja gerade beweisen!
Also kannst Du das nicht als Voraussetzung für Deinen Schluss benutzen.
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2. Du setzt eine Entweder-Oder-Situation voraus:
Torsten hat geschrieben:Die entgegengesetzte Erklärung (Stotterreduzierung durch Ablenkung vom Hören auf die eigene Sprache) stünde im Widerspruch zu (3).
Kann ja sein, dass "Stotterreduzierung durch Ablenkung vom Hören auf die eigenen Sprache" nicht plausibel ist. Aber es gibt viel mehr Erklärungsansätze als nur diese zwei.

Und selbst dann, wenn es keine anderen gäbe (oder gibt), muss man nicht auf Biegen und Brechen eine Pseudo-Erklärung zur plausiblen oder gar richtigen erklären. Bevor die Menschheit über Elektrizität bescheid wusste, gab es auch keine guten Erklärungen für Blitze. Aber das machte die Zeus-Erklärung nicht zu einer plausiblen oder gar richtigen.
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3. Die zwei von Dir unter (3) aufgeführten Studien zur Aufmerksamkeit lassen sich weder mit dem Stottern noch mit anderen Studien kombinieren. Denn in diesen Aufmerksamkeitsstudien geht es um die Aufmerksamkeit gegenüber Reizen, die man nicht selbst produziert.

Es versteht sich von selbst, dass ich jemandem anderen zuhören muss, um ihn zu verstehen. Die Sache verhält sich aber komplett anders, wenn ich selber spreche. Denn erst will ich etwas sagen und dann fange ich an zu reden. Vielleicht habe ich beim Redestart noch nicht die vollständige Formulierung, aber zumindest des Wortes, das ich als nächstes sagen will, bin ich mir beim Sprechstart völlig gegenwärtig. Und zwar, ohne auch nur einen Teil davon gesprochen oder gar gehört zu haben.

Für die Untermauerung Deiner Aufmerksamkeitstheorie brauchst Du daher schon Studien, die sich mit der Aufmerksamkeit gegenüber dem eigenen Sprechen beschäftigen. Und solche - sofern es sie gibt - sind in diesem Thread noch nicht erwähnt worden: korrigiere mich bitte, falls ich etwas überlesen haben sollte!
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Der vollständige Inhalt dieses Beitrages ist ab jetzt nur noch unter http://www.stottern-verstehen.de verfügbar.
Zuletzt geändert von paul.dest am 4. Dezember 2016 10:43, insgesamt 1-mal geändert.
http://stottern-verstehen.de

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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Torsten » 2. Mai 2012 14:07

Hallo Paul.
paul.dest hat geschrieben:Du ziehst die Schlussfolgerung ... aus Deiner eigenen Voraussetzung
Dass die unter (2) aufgelisteten Reduktionen des Stotterns sich am plausibelsten einheitlich dadurch erklären sind, dass in all diesen Fällen die Aufmerksamkeit der Sprecher verstärkt auf das Hören ihrer eigenen Sprache gelenkt wird, ist natürlich nur eine Behauptung von mir. Beweisen lässt sich das möglicherweise gar nicht (ich kann mir gerade kein Experiment vorstellen, das einen empirischen Nachweis dafür liefern könnte). Meine ''Schlussfolgerung'' ist nichts weiter als eine Verallgemeinerung von Einzelerklärungen oder Einzelannahmen. Worum es mir geht, ist eine Theorie, eine plausible, kohärente Erklärung. Aus dieser Theorie kann man dann Therapiemethoden ableiten, und die kann man testen. Funktionieren diese Methoden gut, dann ist das immer noch kein Beweis der Theorie - aber eine Bestätigung.
paul.dest hat geschrieben:Du setzt eine Entweder-Oder-Situation voraus...
Ja - welche Möglichkeiten gibt es noch außer: Hören auf die eigene Sprache verstärkt versus vermindert Stottern? Dass das Hören auf die eigene Sprache keinen Einfluss auf das Stottern hat? Danach sieht es nicht aus. Dass der Zusammenhang in jedem einzelnen Fall, vielleicht bei jedem einzelnen Stotterer, vielleicht in jeder einzelnen Situation ein anderer ist? Kann natürlich sein. Aber so lange das nicht erwiesen ist, wird man in der Theoriebildung von der einfachsten Annahme ausgehen.
paul.dest hat geschrieben:Es versteht sich von selbst, dass ich jemandem anderen zuhören muss, um ihn zu verstehen. Die Sache verhält sich aber komplett anders, wenn ich selber spreche. Denn erst will ich etwas sagen und dann fange ich an zu reden. Vielleicht habe ich beim Redestart noch nicht die vollständige Formulierung, aber zumindest des Wortes, das ich als nächstes sagen will, bin ich mir beim Sprechstart völlig gegenwärtig. Und zwar, ohne auch nur einen Teil davon gesprochen oder gar gehört zu haben.
Da stimme ich Dir zu - aber es gilt eben nur für Wörter und nicht für Sätze. Der kritische Punkt sind die Sequenzierungsprozesse, also die Verkettung der Wörter zu Sätzen. Dafür ist die auditorische Rückkopplung nötig, und zwar auf allen Ebenen der Verarbeitung: phonologisch, lexikalisch, syntaktisch. Das ist einerseits logisch, zeigt sich aber auch am Lee-Effekt: Wenn Nichtstotterer mit DAF > 200ms sprechen, treten nicht nur stotterähnliche Unflüssigkeiten und Schwankungen im Sprechtempo auf, sondern auch Fehler im Satzbau (Fiedler / Standop, Stottern, 1994, S. 51).
paul.dest hat geschrieben:Für die Untermauerung Deiner Aufmerksamkeitstheorie brauchst Du daher schon Studien, die sich mit der Aufmerksamkeit gegenüber dem eigenen Sprechen beschäftigen.
Das wäre natürlich optimal. Es gibt da aber nicht viel, weil die herrschende Meinung die ist, dass Sätze erst geplant (formuliert) und danach ausgesprochen werden. Als Funktion der auditorischen Rückkopplung (und der Aufmerksamkeit darauf) wird nur das Erkennen von Versprechern gesehen. Dass das falsch ist, macht der Lee-Effekt deutlich: Eine Störung der auditorischen Rückkopplung bewirkt viel mehr (und etwas ganz anderes) als das Nichterkennen von Sprechfehlern. Aber das Thema Sprachproduktionsmodelle hab ich weiter vorn in diesem Thread ausführlich behandelt.

Viele Grüße,
Torsten
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von paul.dest » 3. Mai 2012 01:08

Hallo Torsten,
Torsten hat geschrieben:welche Möglichkeiten gibt es noch außer: Hören auf die eigene Sprache verstärkt versus vermindert Stottern? Dass das Hören auf die eigene Sprache keinen Einfluss auf das Stottern hat?
So ist es. (Aber auch noch weitere. Zum Beispiel: das Hören des eigenen Sprechens hat zwar Einfluss auf das Stottern, aber nur auf die X-Art des Stotterns. Oder: das Hören des eigenen Sprechens hat zwar Einfluss auf das Stottern, aber nur unter Bedingung X.)
Torsten hat geschrieben:Danach sieht es nicht aus.
Genau danach sieht es für mich aus. Du brauchst lediglich beim "Hören" zu differenzieren zwischen dem Horchen/Zuhören (to listen - das Aufmerksamkeitshören also) und dem Hören (to hear). Und schon sieht es ganz widerspruchsfrei danach aus, dass das Horchen/Zuhören sich auf das Stottern überhaupt nicht auswirkt - bis vielleicht auf Deinen Einzelfall - , während alle mit dem auditorischen Feedback zusammenhängenden Stotterphänomene lediglich etwas mit dem Hören (=to hear) der eigenen Sprechproduktion zu tun haben.
Torsten hat geschrieben:Dass der Zusammenhang in jedem einzelnen Fall, vielleicht bei jedem einzelnen Stotterer, vielleicht in jeder einzelnen Situation ein anderer ist? Kann natürlich sein.
Diese Position wäre ein Extrem und käme der Behauptung gleich, es gäbe gar keinen Zusammenhang und gar keine Erklärung - es sei so, wie es ist, und basta!

Ich bin weit davon entfernt, diese Extremposition einzunehmen. Das bringt mich aber nicht dazu, es Dir gleich zu tun und das andere Extrem zu besetzen: das Stottern sei ein völlig einheitliches Phänomen und könne nur einheitlich erklärt werden. Wäre zwar schön einfach, aber - meiner Einschätzung nach - schön an der Realität vorbei.
Torsten hat geschrieben:Da stimme ich Dir zu - aber es gilt eben nur für Wörter und nicht für Sätze.
Selbst wenn es - wie Du behauptest - nur für Wörter gälte, selbst dann ist Deine Theorie bereits nicht mehr haltbar, sofern sie den Anspruch der Einheitlichkeit erhebt! Denn warum sollte ich stottern, wenn ich eine Person nur mit ihrem Rufnamen rufen will? Ein einziges Wort! Ohne Fortsetzung und ohne semantische Komplexität!

...

Die Disco-Situation demonstriert, dass die auditorische(=hear) Rückkopplung für die semantische Ebene völlig unnötig ist.
Die Kitzel-Situation demonstriert, dass Sprechstörungen auch durch andere Faktoren als mangelnde auditive Rückkopplung hervorgerufen werden können.
Torsten hat geschrieben:...weil die herrschende Meinung die ist, dass Sätze erst geplant (formuliert) und danach ausgesprochen werden.
Ich habe keine Ahnung, wessen herrschende Meinung das ist, aber mir leuchtet auch ohne Überzeugungsarbeit ein, dass die Sätze in uns nicht am Stück entstehen. Sondern während des Redens. Oder während des Schreibens. Schon jetzt beim Schreiben merke ich das. - Was das allerdings mit Stottern zu tun haben soll, das leuchtet mir leider auch nach Deiner Überzeugungsarbeit nicht ein.

...

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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von transit » 2. Juni 2012 17:16

Auditory-processing-disorder

http://en.wikipedia.org/wiki/Auditory_p ... g_disorder

Auditory-processing-disorder

Characteristics

The National Institute on Deafness and Other Communication Disorders[54] state that children with Auditory Processing Disorder often:

have trouble paying attention to and remembering information presented orally, and may cope better with visually acquired information
have problems carrying out multi-step directions given orally; need to hear only one direction at a time
have poor listening skills
need more time to process information
have low academic performance
have behavior problems
have language difficulties (e.g., they confuse syllable sequences and have problems developing vocabulary and understanding language)
have difficulty with reading, comprehension, spelling, and vocabulary

APD can manifest as problems determining the direction of sounds, difficulty perceiving differences between speech sounds and the sequencing of these sounds into meaningful words, confusing similar sounds such as "hat" with "bat", "there" with "where", etc. Fewer words may be perceived than were actually said, as there can be problems detecting the gaps between words, creating the sense that someone is speaking unfamiliar or nonsense words. Those suffering from APD may have problems relating what has been said with its meaning, despite obvious recognition that a word has been said, as well as repetition of the word. Background noise, such as the sound of a radio, television or a noisy bar can make it difficult to impossible to understand speech, since spoken words may sound distorted either into irrelevant words or words that don't exist, depending on the severity of the auditory processing disorder.[55] Using a telephone can be problematic for someone with auditory processing disorder, in comparison with someone with normal auditory processing, due to low quality audio, poor signal, intermittent sounds and the chopping of words.[7] Many who have auditory processing disorder subconsciously develop visual coping strategies, such as lip reading, reading body language, and eye contact, to compensate for their auditory deficit, and these coping strategies are not available when using a telephone.

As noted above, the status of APD as a distinct disorder has been queried, especially by speech-language pathologists[56] and psychologists,[57] who note the overlap between clinical profiles of children diagnosed with APD and those with other forms of specific learning disability. Many audiologists, however, would dispute that APD is just an alternative label for dyslexia, SLI, or ADHD, noting that although it often co-occurs with these conditions, it can be found in isolation.[58]
Passt hierher (?).

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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Torsten » 3. Juni 2012 19:55

Hallo transit,
ja, es passt schon hierher - man sieht, wie unklar und umstritten das Thema ist. Und ich denke, es hängt damit zusammen, dass die Hörfähigkeit und die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit zu steuern, so schwer zu trennen sind. Beim Sehen ist das anders: Man richtet die visuelle Aufmerksamkeit auf ein Ziel, in dem man den Blick auf dieses Ziel richtet. Die Augen sind beweglich, die Ohren nicht.
Es gibt eine ganze Reihe Studien, in denen geringfügig verminderte Hörfähigkeiten bei Stotterern gefunden wurden, z. B.
Aber es ist schwierig, diese Befunde zu deuten, wenn nicht klar ist, welche Rolle das Hören - besonders das Hören der eigenen Sprache - für das Sprechen überhaupt spielt. Das scheint mir deshalb die entscheidende Frage zu sein.
Gruß,

Torsten
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Torsten » 2. Juli 2012 16:31

Ist bei Stotterern die Artikulation, die Sprechmotorik, oder die Motorik überhaupt, in sich selbst gestört?

Es gibt ziemlich viele Studien über motorische und artikulatorische Defizite bei erwachsenen Stotterern. Die Befunde sind widersprüchlich, und falls Defizite tatsächlich existieren sollten, lässt sich nicht entscheiden. ob es sich dabei um Ursachen des Stotterns handelt oder um Folgen jahrelangen Stotterns, z.B. um Auswirkungen des Bemühens. Stottersymptomen vorzubeugen, sie zu unterdrücken, zu überwinden oder sonstwie zu beherrschen (siehe Natke & Alpermann, Stottern, 2010, S. 62 – 66).

Da Motorik und Sensorik eng verknüpft sind, besteht in vielen Fällen die Möglichkeit, dass festgestellte motorische/artikulatorische Defizite sensorische Ursachen haben. Ein Beispiel dafür sind die durchschnittlich langsameren Reaktionszeiten von Stotterern, wenn sie auf ein Signal hin sprechen müssen. Es handelt sich um einen der wenigen gut gesicherten Befunde einer (scheinbar) artikulatorischen Unterlegenheit von Stotterern im Vergleich zu Nichtstotterern: In 75% der Untersuchungen waren Stotterer signifikant langsamer, in den übrigen Untersuchungen sind die Unterschiede nicht signifikant, weisen aber in dieselbe Richtung.

Eine dieser Untersuchungen ist Katja Biermann: Magnetenzephalographische Untersuchungen zum Stottern (2001). Die Versuchspersonen bekamen Wörter oder Sätze vorgespielt und sollten sie nach einem Signalton entweder wiederholen oder verändern (Sätze aus der Aktiv- in die Passivform umwandeln). Auch hier waren die Reaktionszeiten der Stotterer im Gesamtdurchschnitt etwas länger als die der nichtstotternden Kontrollprobanden – die Gruppenunterschiede insgesamt, d.h. bei allen Aufgaben, lagen aber unterhalb der Signifikanz:
Biermann 1.jpg
Biermann 1.jpg (26.27 KiB) 8191 mal betrachtet
Gemittelte Reaktionszeiten beider Probandengruppen (Abb. 16, S. 76 der Studie)


Zur Erklärung: „motor-onset“ ist der Sprechbeginn, „vocal-onset“ ist der Beginn der Lautbildung. In dem Wort „stottern“ wäre also das motor-onset der Start des /sch/, das vocal-onset der Start des /o/. Das obere Diagramm zeigt die üblichen Resultate: Die Reaktionszeit der Stotterer ist im Gesamtdurchschnitt etwas länger als die der Kontrollprobanden. Interessant wird es aber, wenn man sich die Reaktionszeiten bei den einzelnen Aufgaben ansieht:

Biermann 2.jpg
Biermann 2.jpg (42.61 KiB) 8191 mal betrachtet
Motor-onsets (links) und vocal-onsets (rechts) beider Probandengruppen (Abb.15, S. 75 der Studie)


Während die Stotterer bei der einfachsten Aufgabe (Wortwiederholung) sogar schneller (!) sind als die Nichtstotterer, reagieren sie auffallend langsam bei der schwierigsten Aufgabe: der Umwandlung des vorgegebenen Satzes von der Aktiv- in die Passivform. Das heißt aber, dass die längere Reaktionszeit nichts mit einem motorischen oder artikulatorischen Defizit zu tun hat, sondern
  • entweder fiel es den Stotterern schwerer, die grammatische Aufgabe zu lösen – dann hätten sie ein Formulierungsproblem, also ein Denk- und kein Sprechproblem gehabt (was wir nicht annehmen wollen),
  • oder es war die Erwartung der größeren Schwierigkeit, die die längere Reaktionszeit verursacht hat.
Sehen wir uns nun an, was im Gehirn passiert ist. Katja Biermann schreibt:

Es ''konnte erstmals gezeigt werden, dass die von Kontrollprobanden verschiedene, rechtsseitige motorische Aktivierung bei stotternden Probanden bereits in der rezeptiven Phase der Sprachverarbeitung auftrat, während der verbale Stimulus noch gehört wurde und die Probanden noch gar nicht sprachen.'' (103)

Interpretation von mir: Während die Nichtstotterer entspannt auf den Stimulus (die Vorgabe) gehört und dann auf das Startsignal für den Sprechbeginn gewartet (also hingehört) haben, waren die Stotterer, lange vor dem Startsignal, mit ihrer Aufmerksamkeit bereits beim Sprechen – die motorischen Areale waren viel zu früh aktiviert. Vermutlich wurden die Stotterer, da sie die Aufmerksamkeit nicht auf das Hören des Startsignals gerichtet hatten, von diesem gewissermaßen überrascht und reagierten langsamer. So viel zu den längeren Reaktionszeiten und der Studie von Katja Biermann.

Bei erwachsenen Stotterern besteht immer die Möglichkeit, dass artikulatorische Defizite einfach Folgen oder Begleiterscheinungen des jahrelangen Stotterns sind.
Interessanter sind daher Untersuchungen an stotternden Kindern. Hier drei aktuelle Studien:
  • Arenas, Zebrowski & Moon (2012) fanden keinen Gruppenunterschied zwischen stotternden und nichtstotternden Vorschulkindern in der Koordination von Atmung und Kehlkopf (Stimmeinsatz) bei der Artikulation der Plosivlaute (t – d, k – g, p – b).
  • Juste et al. (2012) fanden keine signifikanten Gruppenunterschiede zwischen stotternden und nichtstotternden Kindern bei einer diadochokinetischen Aufgabe, in der die Fähigkeit getestet wurde, rasch aufeinanderfolgende artikulatorische Bewegungen auszuführen.
  • Coalson, Byrd & Davis (2012) fanden bei stotternden Vorschulkindern keinen Einfluss der phonetischen Komplexität der Wörter auf die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Stottersymptomen. Einfacher gesagt: Schwieriger auszusprechende Wörter hatten nicht zur Folge, dass die Kinder mehr gestottert haben – was dafür spricht, dass Stottern kein Artikulationsproblem ist.
So viel über die (angeblichen) motorischen und artikulatorischen Defizite bei Stotterern. Zum Schluss noch ein Video: Franziska Seehausen stottert. Denkt Ihr, dass sie ein motorisches Defizit hat?

Gruß, Torsten
Zuletzt geändert von Torsten am 17. Dezember 2016 17:29, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Kürzung
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Re: Stottern und auditorisches Feedback

Beitrag von Torsten » 27. Juli 2012 10:27

Im letzten Beitrag habe ich die Vermutung geäußert, dass in der Satzwiederholungs- /-umwandlungsaufgabe die Stotterer mit ihrer Aufmerksamkeit bereits beim Sprechen waren, während die Nichtstotterer entspannt auf den Stimulus (den Satz, der wiederholt bzw. umgeformt werden sollte) gehört und dann auf das Startsignal für den Sprechbeginn gewartet, sich also insgesamt auf das Hören konzentriert haben.

Diese Deutung stimmt gut mit den Messwerten der Hirnaktivierungen überein. Abb. 23 der Dissertation von Katja Biermann (S. 85 im Original) zeigt die Aktivierungen der linksseitigen Hörregion in der Rezeptionsphase (die Versuchspersonen haben also noch nicht gesprochen, wussten aber, dass sie gleich sprechen müssen):
Biermann. 23.jpg
Biermann. 23.jpg (37.4 KiB) 8148 mal betrachtet
Während die Aktivierungskurven bei der Wortwiederholungsaufgabe etwa gleich sind, ist im Satzparadigma die durchschnittliche Aktivierung bei den Stotterern deutlich geringer. Ich erinnere daran, dass die Aktivierung der Hörregionen eng verknüpft ist mit der Richtung der Aufmerksamkeit auf das Hören (siehe den ersten Beitrag auf dieser Seite).

In einer späteren Studie, die Katja Biermann 2004 (inzwischen Biermann-Ruben) zusammen mit Riita Salmelin und Alfons Schnitzler durchgeführt hat –
„Right rolandic activation during speech perception in stutterers: a MEG study“ – bekamen die Versuchspersonen dieselben Aufgaben gestellt, es wurden aber nur die Hirnaktivierungen während der Rezeptionsphase (also während des Hörens des Vorgabewortes oder -satzes) gemessen. Die Abbildung 3 auf Seite 798 zeigt die durchschnittlichen Aktivierungsverläufe in der untersuchten Hirnregionen in der Wort- und der Satzaufgabe. Die dünneren grauen Kurven sind die der Stotterer, die dicken schwarzen die der Nichtstotterer:

Wenn man das Ganze überblickt, fällt sofort das dritte Diagramm von links in der oberen Reihe auf: Hier unterscheiden sich die Kurven der Stotterer und Nichtstotterer am deutlichsten. Es handelt sich wieder um die Aktivierung der Hörregionen, und zwar auf der linken, gewöhnlich für die Sprachwahrnehmung entscheidenden Hirnhälfte – und zwar in der Satzaufgabe. Und diese Minderaktivierung wird nicht etwa auf der rechten Hirnhälfte kompensiert – auch dort ist die Aktivierung bei den Stotterern geringer als bei den Kontrollprobanden.

In der unteren Reihe sind die Aktivierungskurven des Rolandischen Areals dargestellt – das ist der sensomotorische Kortex (Steuerung und Wahrnehmung der Sprechmuskulatur). Man sieht, dass, besonders in der Satzaufgabe, diese Region bei den Stotterern stärker auf der rechten Hirnhälfte aktiviert ist. Da die rechte Hirnhälfte mehr mit dem willkürlichen Verhalten verknüpft ist (die linke dagegen mehr mit automatischem, unwillkürlichem Verhalten), und da willkürliches Verhalten an Aufmerksamkeit geknüpft ist (etwas tun zu wollen bedeutet, die Aufmerksamkeit darauf zu richten – entweder auf das Ziel oder auf die korrekte Ausführung der Aktion), bedeutet die frühzeitige rechtshemisphärische Aktivierung des Motorkortex vermutlich ein frühzeitiges Richten der Aufmerksamkeit auf das Sprechen.

Die Stotterer aktivierten also ihre Hörregionen weniger als Nichtstotterer, wenn sie sich auf das Sprechen eines Satzes vorbereiten – obwohl ihre Aufgabe in der Rezeptionsphase darin bestand, auf die Vorgabe und das Startsignal zum Sprechen hören! Dieser Befund passt zu den zahlreichen Befunden, dass auch während des Sprechens die auditorischen Regionen bei Stotterern geringer aktiviert sind, besonders auf der linken Hirnhälfte (siehe die vorangegangenen Beiträge auf dieser Seite). Außerdem sehen wir, dass das die Minderaktivierung wesentlich stärker ist, wenn Sätze gesprochen werden müssen – und bekanntlich wird beim Sprechen von Sätzen weit häufiger gestottert als beim Sprechen einzelner Wörter außerhalb von Aussagekontexten (siehe Biermann 2001, S. 54; Biermann-Ruben, Salmelin & Schnitzler, S. 799).

Es ist also deutlich, dass Stottern etwas mit dem Hören – oder besser dem nicht ausreichenden Hinhören unter bestimmten Bedingungen – zu tun hat. Denn Biermann-Ruben, Salmelin & Schnitzler haben auch die Hirmaktierungen beim Hören auf einen einzelnen Ton (M100 Amplituden und Latenzen) gemessen und keine signifikanten Gruppenunterschiede zwischen Stotterern und Kontrollprobanden gefunden. Andere Studien zur Wahrnehmung nichtsprachlicher akustischer Stimuli lassen sogar vermuten, dass Stotterer im Durchschnitt sensibler auf akustische Reize reagieren als Nichtstotterer - siehe Thread "Stottern und Hören".

Torsten
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Modell der Sprachproduktion nach Levelt

Beitrag von paul.dest » 26. April 2013 13:55

Hallo Torsten,

Seit ein paar Tagen lese ich in Levelts "Speaking", das sein Modell der Sprachproduktion (Stand 1988) darlegt. Über manche, von Dir geschriebene Stellen in diesem Thread bin ich im nachhinein verwundert. Mir scheint, als hättest Du Levelts Modell mißinterpretiert und falsch dargestellt.

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Zum einen über die Stelle aus diesem Beitrag: ...

Beachte, dass Levelts Modell sich weder zum Ziel setzt noch den Anspruch erhebt, die Sprachproduktion von Personen mit Sprach- oder Sprechstörungen zu modellieren. Es modelliert lediglich das, was beim Sprechen - von der Kommunikationsabsicht bis zum tatsächlichen Aussprechen - bei einem Normalsprecher passiert.

Sprachproduktionsphänomene, die bei einem Normalsprecher nicht auftauchen, in der Störung eines der dort modellierten Prozesse zu suchen, macht daher keinen Sinn. Das ist keine Schwäche des Modells, sondern nur der Versuch, es für Zwecke zu gebrauchen, für welche es nicht entworfen ist.

...

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Zum anderen wunderte ich mich über die Stelle aus diesem Beitrag:
...

Offenbar gehst Du davon aus, dass nach Levelt erst die vollständige Produktion der präverbalen Message stattgefunden haben muss, bevor sie sprachlich ausformuliert werden kann; dies wiederum vollständig, bevor sie in ein Sprechprogramm umgesetzt werden kann; auch dies wiederum vollständig, bevor dieses Programm wiederum ausgeführt werden kann, bevor es also gesprochen/artikuliert werden kann - so Dein Verständnis von Levelts Modell.

Doch dieses Verständnis wird dem Modell von Levelt nicht gerecht. Im Abschnitt "1.5.2 Incremental Production" (Seite 24, ebenfalls über Google Books abrufbar) wird erklärt, warum serielle Sprachproduktion nicht dazu führt, was Du beschreibst und bemängelst. ... Beachte hierfür insbesondere die Abbildung 1.3:

...

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Zuletzt geändert von paul.dest am 4. Dezember 2016 10:49, insgesamt 1-mal geändert.
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