Stottern und Hören

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Torsten
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Re: Stottern und Hören

Beitrag von Torsten » 26. November 2016 19:27

Ich muss eine Korrektur zu meinem letzten Beitrag anfügen: Es gibt doch eine Untersuchung über die auditive Aufmerksamkeit bei Stotterern, und zwar von Anne Foundas und Kollegen (Tulane University New Orleans) aus dem Jahr 2004 (Abstract).

Es ging bei dieser Studie allerdings nicht um die automatische, unwillkürliche Aufmerksamkeitsverteilung während des Sprechens (die wäre eigentlich interessant), sondern um die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit willentlich auf ein Ohr zu richten und das, was vom anderen Ohr gehört wird, auszublenden. Oder, allgemeiner formuliert, um die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf ein akustisches Ziel zu fokussieren und Störgeräusche auszublenden.

Ich vermute, dass ich bei dem Test sehr schlecht abgeschnitten hätte. Die Forscher in New Orleans haben aber keinen Gruppenunterschied zwischen den stotternden und den nicht stotternden Männern gefunden – die linkshändigen stotternden Männer waren (als Gruppe) sogar etwas besser die nicht stotternden Linkshänder. Nur die stotternden Frauen waren signifikant schlechter als die nicht stotternden Frauen. Mehr darüber hier auf meiner Website.

Gruß, Torsten
www.stottertheorie.de

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PetraS
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Re: Stottern und Hören

Beitrag von PetraS » 27. November 2016 14:25

Hallo Torsten,
hieraus ergibt sich für mich eine Frage, die ich mir schon länger gestellt habe.
In meiner intensiven Auseinandersetzung mit den türkischen Stotternden höre ich immer wieder, dass diese in ihren sog. Therapien ein Ohr mit Watte abdichten müssen (nachdem sie meistens für mehrere Tage bis Wochen schweigen mussten).
Ich kenne allerdings niemanden, der dadurch eine bleibende Besserung erfahren hat.

Weißt du, ob solche Maßnahmen früher auch in den vielen erfolglosen Versuchen, Stottern zu besiegen, in unseren Breitengraden durchgeführt wurden?
Irgendeine Idee muss ja dahinter stecken!
Gruß
Petra

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Re: Stottern und Hören

Beitrag von Torsten » 27. November 2016 21:32

Hallo Petra,

dass man die Ohren mit Watte verstopfen soll. habe ich nur in einer deutschen Quelle gelesen: Dr. L. Sandow, ein Arzt, der selber gestottert hat, war der Ansicht, dass das Hören der eigenen Sprech-Unflüssigkeiten zur Aufregung und dadurch zu stärkeren Unflüssigkeiten und schließlich zu Stottern führt. Er bezeichnet das als „sensorisches Echostottern“. In seinem seinem 1898 veröffentlichten Buch „Mechanik des Stotterns“ empfiehlt er deshalb:
  • „Entweder verstopfe man sich die Ohren mit Watte, oder man spreche leiser als bisher. In beiden Fällen verliert der akustische Reiz an Kraft, und man gräbt so dieser widerwärtigen Haspelei sofort das Wasser ab.“
Nicht beide, sondern nur ein Ohr zu verstopfen könnte den Zweck haben, die bei Stotterern oft fehlende Linksverlagerung der Sprachverarbeitung dadurch zu unterstützen, dass man das linke Ohr verstopft (das linke Ohr ist hauptsächlich mit der rechten Hirnhälfte verknüpft). Dass bei Stotterern die Sprachverarbeitung meist nicht, wie üblich, vorrangig in der linken Hirnhälfte geschieht, sondern eher symmetrisch ist, weiß man schon seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts – das hat sich bestimmt auch in der Türkei herumgesprochen.

Ich glaube aber nicht, dass das Verstopfen des Ohres viel bringt, weil man die eigene Stimme ja auch über die Knochenleitung hört. Die Stimmen anderer Leute hört man nur dadurch, dass die Luft den Schall überträgt, aber die eigene Stimme wird auch über die Knochen auf das Ohr übertragen. Das kannst du leicht testen, indem du beide Ohren mit den Fingern verstopfst: Du hörst deine Stimme trotzdem, sogar dann, wenn du sehr leise sprichst.

Der Effekt des Ohr-Verstopfens ist also vermutlich nur der, dass sich die eigene Stimme ungewohnt anhört. Das kann vorübergehend das Stottern vermindern, aber nur solange, bis man sich an die Veränderung gewöhnt hat.

Gruß, Torsten
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Re: Stottern und Hören

Beitrag von PetraS » 5. Januar 2017 17:23

Hallo,
ich bin ehrlich gesagt, ein wenig enttäuscht, weil Paul Dest auf dieser Seite eine sehr interessante Studie erwähnt hatte und sie aus einem mir nicht ersichtlichen Grund wieder herausgenommen hat.
In dieser Studie ging es um - und das wollte ich eigentlich fragen, ob es nur dieser eine war - EINEN Stotterer, der beim Vertäuten eines seiner Ohren nicht mehr gestottert hätte.

Ich habe gerade einen Fall in meiner türkischen Gruppe, wo ein jugendlicher Stotternder berichtet, er hätte sich nun einseitig vertäubt und spreche dadurch völlig flüssig.

Natürlich habe ich noch keine Sprachaufnahmen gehört, es ist nur sein persönlicher Eindruck. Er hat es bei Schwester und Neffe ausprobiert, bei denen er sonst genauso stottert wie bei Leuten auf der Straße - will den Versuch jetzt aber auch auf der Straße wiederholen.

Er rechnet damit, dort auch nicht zu stottern. Ich bin sehr gespannt. Ich hätte ihm natürlich gerne von dem hier verlinkten Fall berichtet, doch der ist futsch. :cry:
Petra

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