Stottern und Hören

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paul.dest
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Re: Stottern und Hören

Beitrag von paul.dest » 20. November 2012 20:44

Hallo Torsten,
Torsten hat geschrieben:Nun haben aber sowohl Salmelin und Kolln. als auch Biermann aus ihren nicht signifikanten Resultaten durchaus Schlüsse gezogen. Sie haben daraus interhemisphärische Balancen berechnet und festgestellt, dass diese bei den Stotterern (als Gruppe) im Vergleich zu den Nichtstotterern nach rechts verlagert waren.
Weder Salmelin noch Biermann haben aus "ihren nicht signifikanten Resultaten" irgendwelche Schlüsse gezogen. Auch haben sie nicht "daraus" interhemisphärische Balancen berechnet.

Torsten, Du verwechselst zwei Dinge:
  1. Wovon Du bisher immer sprachst, waren die Unterschiede in den Durchschnitten der N100-Latenzen und in den N100-Amplituden.
    Diese sind bis auf zwei Ausnahmen nicht signifikant: die Latenzen in allen 32 Konstellationen und die Amplituden in 30 von 32 Konstellationen.
    ---
  2. Woraus Salmelin und Biermann Schlüsse ziehen, sind aber nicht die Unterschiede in den oben erwähnten Durchschnitten, sondern Unterschiede in den "ipsilateral vs contralateral response ratios" - signifikant in 3 von 8 Konstellationen - und die interhemisphärische Balance - signifikant in einer von 4 Konstellationen. Und diese werden mitnichten aus den Unterschieden vom Punkt 1 berechnet!
Das sind verschiedene Aussagen: während Du davon sprachst, Stotterer seien "sensitiver", sprechen Salmelin und Biermann nicht von den "Sensitivität", sondern von einer abweichenden Seitenverteilung! Genau das ist der Grund, warum ich bereits schrieb:
paul.dest hat geschrieben:Torsten, es ist ja nicht so, dass in den Studien keine signifikanten Gruppenunterschiede beobachtet worden sind. Manche sogar mit einem p=0.014!
Es gäbe also durchaus etwas, was man über die Gruppenunterschiede fundiert behaupten könnte.
Letztendlich zeigen die MEG-Studien, unter anderem die von Salmelin und Biermann, dasselbe Phänomen, das sich auch in PET- und fMRT-Studien zeigt: einen Gruppenunterschied in der Lateralisierung beim Sprechen und Hören zwischen der Gruppe der Stotterer und der Normalsprecher. Dieser Lateralisierungsunterschied lässt sich sogar MRT-anatomisch beobachten:
Foundas e.a - Anomalous anatomy of speech–language areas in adults with persistent developmental stuttering

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Re: Stottern und Hören

Beitrag von paul.dest » 20. November 2012 22:07

Torsten hat geschrieben:Die Tabelle stammt aus der letztgenannten Studie und gibt an, wieviel Prozent der stotternden und nicht stotternden Versuchspersonen jeweils Rechtsohr-Überlegenheit (REA = right ear adventage) zeigten.
Nur zu Ergänzung: Stand 1985 gab es eine Studie mehr. Nachfolgend die vervollständigte Tabelle (Fiedler/Standop, "Stottern"):

...

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Re: Stottern und Hören

Beitrag von Torsten » 22. November 2012 13:00

paul.dest hat geschrieben: Woraus Salmelin und Biermann Schlüsse ziehen, sind aber nicht die Unterschiede in den oben erwähnten Durchschnitten, sondern Unterschiede in den "ipsilateral vs contralateral response ratios"...
Ja, das stimmt. Aber sieh dir den Vergleich zwischen den Resultaten von Salmelin und Biermann bei den Amplituden noch mal an (in der Dissertation von Katja Biermann, S. 42): In der Salmelin-Studie waren die Amplituden RI bei Stotterern und Kontrollprobanden fast gleich, und in der Biermann-Studie waren die Amplituden LI in beiden Gruppen fast gleich. Also gerade hier muss man sich doch fragen, welche Rolle der Zufall gespielt haben mag.

Die Amplitude RC ist dagegen in beiden Studien bei den Stotterern im Durchschnitt deutlich größer als bei den Kontrollprobanden. Wenn die Gruppenunterschiede auch nicht signifikant waren, so ist hier wenigstens die Tendenz dieselbe.
paul.dest hat geschrieben:Letztendlich zeigen die MEG-Studien, unter anderem die von Salmelin und Biermann, dasselbe Phänomen, das sich auch in PET- und fMRT-Studien zeigt: einen Gruppenunterschied in der Lateralisierung beim Sprechen und Hören zwischen der Gruppe der Stotterer und der Normalsprecher...
Hier bin ich vorsichtiger. Die Befunde von Salmelin und Biermann (die, um die es bis jetzt hier ging) bezogen sich auf Reaktionen des Gehirns auf unbeachtete nichtsprachliche Stimuli. Die häufig gefundene fehlende Linkslateralisierrung der kortikalen Verarbeitung und die (damit vermutlich zusammenhängende) fehlende Rechtsohr-Überlegenheit bei Stotterern bezieht sich auf sprachliche Stimuli, und i.d.R. ist die Aufmerksamkeit der Versuchspersonen auf diese Stimuli gerichtet.
paul.dest hat geschrieben:Warum sollten Stotterer, deren Stapediusreflex weniger intensiv ist, gerade ihre eigene Stimme lauter empfinden? Die Folge müsste doch für alle Arten von lauten Geräuschen gelten. Insbesondere auch für fremde Stimmen.
Ich hatte es so gemeint, dass sie auch ihre eigene Stimme als lauter empfinden. Allerdings hängt die Reaktion des Stapediusmuskels auf einen externen akustischen Reiz u.a. von der Lautstärke dieses Reizes ab. Die Reaktion des Stapediusmuskels beim Sprechen ist dagegen keine Reaktion auf die aktuelle Lautstärke der eigenen Stimme, denn der Stapediusmuskel kontrahiert bereits vor dem Sprechbeginn. Das bedeutet umgekehrt natürlich auch, dass der Zusammenhang, den ich hergestellt habe, nicht zwingend ist. Bei Jens war es aber scheinbar so, dass er sowohl das Klavier als auch seine eigene Stimme nach der Betamethason-Einnahme irgendwie optimaler gehört hat. Das könnte, muss aber nichts mit dem Stapediusreflex zu tun haben. Der Stapediusreflex ist, denke ich, nur ein Teil des Puzzles "abweichende Hör- und Sprachwahrnehmung bei Stotterern"

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Re: Stottern und Hören

Beitrag von paul.dest » 23. November 2012 10:53

Torsten hat geschrieben:Aber sieh dir den Vergleich ... bei den Amplituden noch mal an ... : In der Salmelin-Studie waren die Amplituden RI bei Stotterern und Kontrollprobanden fast gleich, und in der Biermann-Studie waren die Amplituden LI in beiden Gruppen fast gleich. ... Die Amplitude RC ist dagegen in beiden Studien bei den Stotterern im Durchschnitt deutlich größer als bei den Kontrollprobanden.
Torsten, was Du hier (jeweils für die Salmelin- und Biermann-Ergebnisse getrennt) zu machen versuchst, ist:
  1. Finde einen Amplituden-Durchschitt, der in beiden Gruppen weitgehend gleich war.
  2. Setze voraus, dass diese weitgehende Gleichheit der Durchschnittswerte unter dieser Bedingung (RI bei Salmelin, LI bei Biermann) einen relativen Vergleich der anderen Durchschnittswerte untereinander zulässt.
  3. Stelle fest, dass der Amplituden-Durchschnitt für RC bei Stotterern deutlich höher als bei Kontrollpersonen ausfällt.
  4. Folgere daraus, dass die Stotterereaktion in RC bei (aus Schritt 2 vorausgesetzter) Gruppengleichheit in RI bzw. LI größer ist!
Und hier beginnt der Eintopf!
Denn
  1. ...
    ---
  2. ...
    ---
  3. ...
    ---
  4. ...

    Und schon ist der Unterschied, den Du erkannt zu haben meinst, verschwunden!
--------------------------------
Torsten hat geschrieben:Also gerade hier muss man sich doch fragen, welche Rolle der Zufall gespielt haben mag.
Willst Du immer nur fragen oder auch die Antwort wissen?
Der P-Wert ist nämlich genau die Antwort darauf. Und bei P über Signifikanzniveau - wie vorliegend - lautet die Antwort:
Eine so große, dass man den in Durchschnitten sichtbaren Unterschied nicht als Gruppenunterschied auffassen sollte!
...

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Re: Stottern und Hören

Beitrag von Torsten » 23. November 2012 20:44

paul.dest hat geschrieben:Setze voraus, dass diese weitgehende Gleichheit der Durchschnittswerte unter dieser Bedingung (RI bei Salmelin, LI bei Biermann) einen relativen Vergleich der anderen Durchschnittswerte untereinander zulässt.
Die Vergleichbarkeit der beiden Experimente leite ich doch nicht aus den Befunden ab, sondern aus den Versuchsbeschreibungen. Und da hab ich den Eindruck, dass Katja Biermann bestrebt war, Salmelins Experiment (dessen Bedingung "stilles Lesen") möglichst genau zu wiederholen. Natürlich mit anderen Versuchspersonen - was das Risiko in sich birgt, dass die Resultate aufgrund der Gruppenzusammensetzungen abweichen. Und ich stimme dir natürlich darin zu, dass die veröffentlichten Befunde keine Aussagen über die Verhältnisse bei Einzelpersonen erlauben.
paul.dest hat geschrieben:Allerdings liegt diese Vergleichsbasis noch innerhalb des Ohres; es wurde zwar die Hörschwelle berücksichtigt, aber nicht das Recruitment !
Wenn also Unterschiede rauskommen, dann weiß man immer noch nicht, ob diese Unterschiede wegen des verschiedenen Recruitments auf die Verschiedenheit der Innenohre oder auf die Verschiedenheit der Gehirne zurückzuführen ist.
Das ist richtig. Aber was wollen wir wissen? Ich wollte jedenfalls hier nicht wissen, ob die Gehirne von Stotterern und Nichtstotterern sich unterscheiden (darüber gibt es etliche PET- und MRT-Studien). Ich wollte wissen, ob Stotterer anders hören als Nichtstotterer. Besser gesagt: Ich vermute, dass Stotterer (vielleicht auch nur eine Untergruppe) anders hören als Nichtstotterer. Und mich interessieren Messergebnisse, die darauf hindeuten, dass dieses anders Hören nicht nur ein subjektiver Eindruck mancher Personen ist.
paul.dest hat geschrieben:Die LI-Amplituden-Durchschnittsgleichheit nimmst Du als Vergleichsbasis: soweit ok!...
Ich glaube, Du hast mich hier missverstanden. Ich wollte einfach nur sagen: Die LI- und RI-Amplituden der beiden Studien sind so gegensätzlich, dass ich sie für zufällig halte. Sie lassen keinerlei Tendenz erkennen.

Torsten
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Re: Stottern und Hören

Beitrag von paul.dest » 24. November 2012 09:26

Hallo Torsten,

Jetzt reden wir aber komplett an einander vorbei.
Torsten hat geschrieben:Aber was wollen wir wissen? Ich wollte jedenfalls hier nicht wissen, ob die Gehirne von Stotterern und Nichtstotterern sich unterscheiden...
Hä? Ich dachte, Dir ging's darum (Unterstreichung von mir):
Torsten hat geschrieben:...ob die Gehirne von Stotterern empfindlicher auf potentiell störende Nebengeräusche reagieren. Eben das ist Thema der Salmelin-Studie - und die Studie zeigt, dass es sich im Durchschnitt genau so verhält.
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Torsten hat geschrieben:Ich glaube, Du hast mich hier missverstanden. Ich wollte einfach nur sagen: Die LI- und RI-Amplituden der beiden Studien sind so gegensätzlich, dass ich sie für zufällig halte. Sie lassen keinerlei Tendenz erkennen.
Oh, ok. Dann habe ich Dich tatsächlich mißverstanden. Und zwar gravierend.

Jetzt stehe ich zwar immer noch auf dem Schlauch, weswegen Du an mich gerichtet dann überhaupt noch geschrieben hattest:
Torsten hat geschrieben:Aber sieh dir den Vergleich zwischen den Resultaten von Salmelin und Biermann bei den Amplituden noch mal an...
Dass die Amplituden-Unterschiede wegen fehlender Signifikanz nicht verwertbar sind, war das, was ich von Anfang an geschrieben habe. Aber egal...

Die Richtung und der Sinn dieser Diskussion ist für mich nicht mehr nachvollziehbar. Ich klinke mich an dieser Stelle daher aus.

Viele Grüße,
Paul
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Re: Stottern und Hören

Beitrag von Torsten » 29. November 2012 18:37

[Dieser Beitrag betraf nur den Streit zwischen paul.dest und mir über formal-logische Fragen und nicht das Thema des Threads]
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Re: Stottern und Hören

Beitrag von Torsten » 29. November 2012 20:53

Nun, wie angekündigt, noch ein kurze Vorstellung der beiden Studien von Deryk S. Beal und Kolln. (u.a. Luc De Nil):
In beiden Studien wurde sowohl die Reaktion auf nichtsprachliche akustische Reize als auch auf sprachliche untersucht. Ich berichte erst einmal nur über die Ergebnisse der Tests mit nichtsprachlichen Stimuli. Es handelte sich dabei um einen Piepton (1kHz, 50ms, 70dB) wie in der Studie von Salmelin 1998. Doch im Unterschied zu dieser Studie wurde der Ton auf beiden Ohren zugleich dargeboten, und – im Gegensatz zu den Studien von Salmelin und Kikuchi – waren die Versuchspersonen diesmal angehalten, ihre Aufmerksamkeit auf das Hören des Tons zu richten.

Versuchspersonen der Studie von 2010 waren 12 erwachsene Stotterer und 12 Kontrollprobanden, alle Männer und Rechtshänder. Versuchspersonen der Studie von 2011 waren 11 stotternde und 11 nichtstotternde Jungen im Alter von 6 bis 12 Jahren, alle Rechtshänder.

Die Durchführung beider Studien war gleich, allerdings wurde bei den Erwachsenen die M50- und die M100-Reaktion, bei den Kindern nur die M50-Reaktion gemessen, da die M100 bei Kindern noch wenig robust und schlecht messbar ist. Von der frühen Kindheit bis zum Erwachsenenalter wird die M100 immer robuster, die M50 dagegen wird weniger robust und verliert anscheinend an Bedeutung.

Ich möchte hier eine Überlegung einflechten: Was könnte hinter dieser Veränderung - der Abschwächung der M50-Reaktion und der Stärkung der M100-Reaktion - stecken? Sowohl die M50 als auch die M100 haben mit der automatischen Aufmerksamkeitssteuerung zu tun: Man hat festgestellt, dass beide Reaktionen vom Thalamus, der aufmerksamkeitssteuernden „Schaltstelle“ des Gehirns, beeinflusst werden, Außerdem sind M50 und M100 stärker bei unerwarteten und bei plötzlichen einsetzenden Reizen und schwächer bei erwarteten und bei allmählich anschwellenden Reizen. „Erwartet“ bedeutet hier, dass man z.B. bei einem gleichmäßigen Rhythmus genau weiß, wann der nächste Schlag folgt. Wenn dann plötzlich kein Schlag kommt, ist eine auditive M100 mit großer Amplitude messbar – obwohl gar nichts zu hören ist!

Es geht also bei der automatischen Steuerung der Aufmerksamkeit darum, die Wahrnehmung mehr auf das zu richten, das sich verändert, und weniger auf das, was gleich bleibt, mehr auf das, was neu ist, und weniger auf das, was man bereits weiß. Es leuchtet unmittelbar ein, dass eine solche Steuerung der Aufmerksamkeit für das Überleben in der Natur sinnvoll ist, und dass sich deshalb im Verlauf der Evolution diese Art der automatischen Steuerung ausgebildet hat. Beim Menschen scheint diese Steuerung angeboren zu sein. Doch was verändert sich daran von der frühen Kindheit bis zum Erwachsenenalter?

Ein kleines Kind entdeckt die Welt, es erlebt vieles zum ersten Mal. Ein kleines Kind erlebt also ständig Neues und richtet seine Aufmerksamkeit darauf, um es kennen zu lernen. Dem entspricht anscheinend die anbeborene M50-Reaktion. Ein erwachsener Mensch dagegen muss fähig sein, seine Aufmerksamkeit dauerhaft auf ein Ziel, eine Aufgabe zu konzentrieren und ablenkende Reize auszublenden, sofern diese Reize nicht tatsächlich wichtige Informationen darstellen. Die stärker selektive Aufmerksamkeitssteuerung scheint das Gehirn erlernen zu müssen, und die „Verdrängung“ der M50 durch die M100-Reaktion könnte Ausdruck dieses Lernprozesses zu sein.

Soweit die Überlegung. Sehen wir uns nun an, was in den beiden Studien von Beal u. Kolln. herausgekommen ist: Bei den Erwachenen gab es keine signifikanten Gruppenunterschiede bei der M50-Amplitude und -Latenz sowie bei der M100-Amplitude. Da weder Diagramme noch Einzelmesswerte verfügbar sind, lässt sich nichts weiter darüber sagen.

Der einzige signifikante Unterschied zwischen Stotterern und Kontrollprobanden betraf die M100-Latenz: Sie war bei den Stotterern signifikant größer – siehe Abbildung 2 auf Seite 1649 der Studie; es ist dieselbe, die Paul am 10. 11. eingestellt hat). Die Latenzen sind hier nicht für jede Hirnhälfte einzeln dargestellt, sondern es sind die Durchschnitte der Messwerte für beide Hemisphären zusammengenommen. Die Autoren schreiben dazu: „Die erwachsenen Stotterer hatten signifikant längere M100-Latenzen in beiden Hemisphären, verglichen mit den Kontrollprobanden“.

Wir haben also hinsichtlich der Latenzen ereigniskorrelierter Potentiale nur zwei signifikante Resultate für Gruppenunterschiede zwischen Stotterern und Nichtstotterern: Bei Susan Dietrich (siehe Beitrag vom 9. 11. auf Seite 2 dieses Threads) war die P50-Latenz bei den Stotterern signifikant kürzer und bei Deryk Beal ist die M100-Latenz signifikant länger als bei den Nichtstotterern – und zwar jeweils in Tests, bei denen die Aufmerksamkeit auf den akustischen Stimulus gerichtet war. Diese beiden Befunde erscheinen widersprüchlich – und es kann sein, dass sie trotz ihrer Signifikanz einfach das Ergebnis von Zufällen sind (etwa bei der Zusammensetzung der Gruppen).

Wenn aber die oben eingefügte Überlegung, dass die M50 eher einer angeborenen, die M100 eher einer erlernten Aufmerksamkeitssteuerung entspricht, richtig ist, dann könnten die einander widersprechenden Befunde auch bedeuten: Bei Stotterern ist die angeborene, kindliche Form der Aufmerksamkeitssteuerung – die rasche Hinwendung zu allem Neuem – schneller, die reifere Form dagegen träger als bei den Nichtstotterern. Das heißt, bei Stotterern (vielleicht auch nur in einer Untergruppe) könnte eine Störung in der Entwicklung der automatischen Aufmerksamkeitssteuerung vorliegen.

Wenn das zutrifft, dann sollten wir bei erwachsenen Stotterern eine durchschnittlich stärkere P50/M50-Reaktion finden als bei Nichtstotterern. Die Datenbasis ist hier allerdings recht schmal: Außer dem sinifikanten Befund der kürzeren Latenz gab es bei Dietrich (1995) auch einen (wohl nicht signifikanten) Gruppenunterschied in den P50-Amplituden: Die durchschnittliche Amplitude war bei den Stotterern etwa doppelt so groß wie bei den Kontrollprobanden. Als Stimulation diente dabei eine Folge von Klickgeräuschen in einem Abstand von ca. 0,9 Sekunden. Wir haben hier also einen sich wiederholenden Stimulus, ähnlich wie in dem Doppelklick-Experiment von Kikuchi (siehe meinen Beitrag vom 7. 11. auf Seite 1 dieses Threads). Dort waren die Amplituden auf den jeweils zweiten Klick bei den Stotterern im Durchschnitt ca. doppelt so groß wie bei den Kontrollprobanden – die Gehirne der Stotterer behandelten den Wiederholungsklick wie einen neuen Reiz. Es könnte also tatsächlich sein, dass die Gehirne der Stotterer etwas nicht gut gelernt haben...

Sehen wir uns nun die Resultate der zweiten Beal-Studie an, in der Kinder getestet wurden: Die Abbildung 2 in der Studie zeigt oben die Amplituden und unten die Latenzen der M50-Kurven, jeweils für Stotterer und Kontrollprobanden, für beide Hirnhälften (LH/RH). Wieder finden wir keine signifikanten Gruppenunterschiede. Die stotternden Kinder hatten im Durchschnitt etwas geringere Amplituden, und die Latenz ist bei ihnen auf der rechten Hemisphäre kürzer und auf der linken länger als bei den nicht stotternden Kindern. Der im Durchschnitt größeren Amplitude entspricht die im Durchschnitt kürzere Latenz auf der linken Hemisphäre der nicht stotternden Kinder: Ihre linke Hirnhälfte reagierte stärker und schneller als die der stotternden Kinder. Bei den stotternden Kindern dagegen reagierte die rechte Hirnhälfte im Durchschnitt schneller, aber nicht stärker auf den beachteten nichtsprachlichen akustischen Reiz.

Das Resultat stimmt überein mit dem von Kikuchi (siehe meinen Beitrag vom 7. 11. auf Seite 1 dieses Threads). Dort war die Latenz der M50 (P50m) -Komponente bei erwachsenen Stotterern auf der rechten Hemisphäre sogar signifikant kürzer als auf der linken und als bei den Nichtstotterern. Auch hier war also bei den Stotterern die rechte Hirnhälfte schneller – in diesem Fall mit der Reaktion auf einen unbeachteten nichtsprachlichen Reiz.

Torsten


*) Das heißt allerdings auch, dass meine Ansicht, Dietrichs Befund würde den von Salmelin bestätigen (9. 11., Seite 2), nicht richtig war. Ich hatte zunächst angenommen, dass P50 und N100 enger miteinander verknüpft sind – anscheinend ist das aber nicht der Fall.
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Re: Stottern und Hören

Beitrag von Max Bosse » 6. Februar 2013 02:47

Hallo,

hier gibt es eine interessante Nachricht, über eine Studie mit Kindern die Stottern, und dessen Sprachverarbeitung.

Man hat den Kindern einen Zeichentrick ansehen lassen, und dabei gemessen wie das Gehirn darauf reagiert, wenn im Film gesprochen wurde.

Als Ergebnis kam heraus:
Specifically, children who stuttered demonstrated slower, less efficient lexical access and integration than children who did not stutter, as well as poorer syntactic processing.

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Re: Stottern und Hören

Beitrag von Torsten » 6. Februar 2013 11:57

Hallo Max,
danke für den Hinweis. Die Studie kannte ich noch nicht (vermutlich ist sie auch noch gar nicht veröffentlicht).

Ich bin in diesem Thread bisher nur auf Studien eingegangen, die die Verarbeitung nichtsprachlicher Stimuli betreffen - also das Hören von Geräuschen. Es gibt eine Menge Studien, die zeigen, dass Stotterer Defizite in der Verarbeitung auditiv dargebotener sprachlicher Stimuli haben, z.B. beim Unterscheiden von Lauten, beim Nachsprechen von Pseudowörtern und ähnlichen Tests. Die neue Studie von Christine Weber-Fox reiht sich da ein, zeigt aber, dass diese Defizite und Abweichungen schon bei sehr jungen Kindern, die noch nicht lange stottern, nachweisbar sind. Es kann sich also kaum um Folgen des Stotterns handeln.

Die eigentlich spannende Frage ist nun meiner Ansicht nach: Sind die Abweichungen und Defizite beim Hören und Verstehen von Sprache zurückzuführen auf Abweichungen (nicht unbedingt Defizite) beim Hören an sich?
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Re: Stottern und Hören

Beitrag von paul.dest » 10. Februar 2013 19:02

Max Bosse hat geschrieben:hier gibt es eine interessante Nachricht, über eine Studie mit Kindern die Stottern, und dessen Sprachverarbeitung.
Danke für den interessanten Hinweis, Max!

Die Studie ist in dem aktuellen Journal of Fluency Disorders veröffentlicht worden:

...

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Re: Stottern und Hören

Beitrag von Torsten » 15. Juli 2016 22:09

In diesem Jahr sind schon drei neue wissenschaftliche Studien erschienen, in denen die auditive Verarbeitung bei Stotterern untersucht wurde – ein guter Anlass, diesen alten Thread zu reaktivieren.

Die erste Studie wurde an der Universität von Sao Paulo durchgeführt (dort wird schon seit vielen Jahren an dem Thema geforscht):

Prestes et al. (2016): Temporal processing and long-latency auditory evoked potential in stutterers.

Bei 20 stotternden und 21 nicht stotternden Erwachsenen wurde die Fähigkeit getestet, kurze Lücken zwischen zwei Tönen sowie Tondauer-Muster (lang-kurz-lang versus kurz-lang-kurz) zu unterscheiden. In beiden Tests waren die Leistungen bei den Stotterern deutlich (statistisch signifikant) schlechter.

Ich habe die Ergebnisse (siehe Tabelle 1 in der Studie) in zwei Diagrammen dargestellt, damit es anschaulicher ist. Das linke Diagramm zeigt die Ergebnisse des Tondauer-Muster-Erkennungs-Tests: die Prozentzahl der Fehler bei den Stotterern war größer. Das rechte Diagramm zeigt die Resultate des Lückentests: Die Nichtstotterer konnten kürzere Lücken (in Millisekunden) erkennen als die Stotterer. Wichtig: Es handelt sich im Gruppen-Durchschnittswerte – die T-Balken zeigen, dass die individuellen Unterschiede in der Stotterergruppe viel größer waren als in der Kontrollgruppe.
Prestes_ 2016.gif
Prestes_ 2016.gif (11.27 KiB) 4857 mal betrachtet
Schon in einer brasilianischen Studie aus dem Jahr 2008 waren 56 stotternde Personen im Alter zwischen 4 und 34 Jahren mit Hilfe standardisierter Tests auf eine auditive Verarbeitungsstörung untersucht worden. Bei 52 Personen ( 92,85%) wurde sie diagnostiziert. Siehe

Andrade et al. (2008). Behavioral auditory processing evaluation in individuals with stuttering.

Nun zur zweiten der drei neuen Studien. Sie wurde in Israel durchgeführt:

Halag-Milo et al. (2016): Beyond production: Brain responses during speech perception in adults who stutter.

Teilnehmer waren 11 erwachsene Stotterer, davon 3 Frauen, und 25 erwachsene Nichtstotterer als Kontrollgruppe. Mit funktioneller Magnetresonanz-Bildgebung (fMRT) wurde die Aktivität des Gehirns beim Hören untersucht. Die Versuchspersonen hörten über Kopfhörer abwechselnd Sprache und ein Rauschen, das in Tonhöhe und Lautstärke sprachähnlich war, jeweils 15 Sekunden lang. Außerdem war ab und zu ein Geräusch zu hören, das wie das Fallen eines Wassertropfens klang – wenn die Versuchspersonen das hörten, sollten sie einen Knopf drücken.

Was kam heraus? Bei den Stotterern war der linke primäre auditive Cortex (Heschl's Gyrus) im Durchschnitt stärker aktiviert als bei den Nichtstotterern. Dieses Areal auf der Hirnrinde ist dafür „zuständig“, dass man überhaupt etwas hört und Geräusche (Frequenzen) unterscheiden kann. Außerdem war bei den Stotterern der untere Frontalkortex (Gyrus frontalis inferior) beidseitig aktiviert, bei den Nichtstotterern dagegen nur auf der linken Hirnhälfte.

Ich vermute, dass die Stotterer im Durchschnitt angestrengter hinhören mussten, um das Tropfgeräusch herauszuhören. Man muss dabei auch bedenken, dass es im MRT-Scanner überhaupt sehr laut ist, was durch die Kopfhörer, die zugleich als Gehörschützer fungieren, nur teilweise abgeschirmt wird. Für mich jedenfalls wäre der Test ziemlich anstrengend, denn es fällt mir schwer, mich bei Lärm auf ein einzelnes Geräusch oder eine Stimme zu konzentrieren.

Die dritte neue Studie ist eine britisch-chinesische Co-Produktion:

Lu et al. (2016): Relationship between speech production and perception in people who stutter.

Es handelt sich ebenfalls um eine Untersuchung mit fMRT. Teilnehmer waren 13 erwachsene Stotterer und 13 Nichtstotterer. Während des Hörtests wurden über Kopfhörer zweisilbige Wörter präsentiert, und die Versuchspersonen mussten darauf achten, ob in der zweiten Silbe ein bestimmter Vokal oder Konsonant vorkam und dann einen Knopf drücken.

Die Aufgabe war also ähnlich wie in der zuvor beschriebenen Studie – nur dass diesmal auf Sprachlaute (und nicht auf ein Tropfgeräusch) geachtet werden musste. Was kam heraus? Die Stotterer hatten etwas längere Reaktionszeiten – bei den Vokalen war der Unterschied statistisch signifikant, bei den Konsonanten nicht (siehe Diagramm). Außerdem war bei den Stotterern die vordere Insel stärker aktiviert als in der Kontrollgruppe; bei der Entscheidung über Vokale nur die linke, bei Konsonanten beidseitig (Abb. 2, obere Reihe). Die vordere Insel ist ein Hirnareal, das auch an der Sprechplanung beteiligt ist und offensichtlich bei der Erkennung von Sprachlauten einbezogen wird.

Auch hier sieht es also so aus, als ob den Stotterern die Aufgabe im Durchschnitt schwerer gefallen ist als den Nichtstotterern – obwohl es dabei nicht um Sprechen, sondern nur um Sprachwahrnehmung ging. Den Schlussfolgerungen der Autoren dieser Studie kann ich allerdings nicht folgen: Sie glauben, dass die Schwäche des Sprachnetzwerkes bei den Stotterern sich auch auf die Wahrnehmung von Sprachlauten auswirkt. Dabei ignorieren sie völlig die vielen Untersuchungen, die gezeigt haben, dass auch die Wahrnehmung nichtsprachlicher Geräusche bei Stotterern (als Gruppe) beeinträchtigt ist – siehe z.B. die Studie oben mit dem Tropfgeräusch, oder die Übersicht auf meiner Website.

Torsten
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Re: Stottern und Hören

Beitrag von Torsten » 10. November 2016 20:47

Ziemlich genau vor vier Jahren habe ich in diesem Thread über eine Studie von Yoshikazu Kikuchi und Kollegen vorgestellt – hier. Nun hat das Forscherteam die damals gewonnen Daten noch einmal mit verfeinerten Methoden analysiert und ist zu interessanten neuen Ergebnissen gekommen. Ich habe bis jetzt nur die Zusammenfassung gelesen – hier eine etwas vereinfachte Übersetzung [mit Erlöuterungen in eckigen Klammern]

**********************************************************************************************************************
Kikuchi und Kollegen:.

Abnorme Hör-Synchronisation beim Stottern: Eine magnetoencephalographische Untersuchung.


In einer früheren magnetoencephalographischen Studie hatten wir sowohl eine funktionalle und strukturelle Umorganisation der rechten Hör-Rinde als auch eine Beeinträchtigung der Fuktion der linken Hör-Rinde bei Stotternden nachgewiesen. In der vorliegenden Arbeit haben wir denselben Datensatz neu analysiert, um weiter zu untersuchen, wie die rechte und linke Hör-Rinde miteinander interagieren.

Wir bestimmten die bilateralen N100m Latenzen [das ist die exakte Dauer einer Reaktion des Gehirns, die ungefähr eine Zehntelsekunde nach einem akustischen Reiz auftritt – in der Studie wurden Klick-Geräusche als Reiz verwendet] sowie die Indizes der lokalen und interhemisphärischen Phasensynchronisation der Hör-Rinden. Die linke N100m Latenz war bei den Stotternden signifikant verzögert gegenüber der rechten N100m Latenz, während die gesunden Kontrollteilnehmer keine interhemisphärische Differenz der Latenzen aufwiesen [also keinen Zeitunterschied in der Reaktion zwischen den Hirnhälften].

Eine Analyse des Grades der lokalen Phasensynchronisation zeigte eine erhöhte Alphaband-Synchronie im rechten Hör-Areal bei Stotternden. Eine Analyse der interhemisphärischen Synchronisation zeigte eine signifikante Erhöhung des Beta-Bandes zwischen rechter und linker Hör-Rinde bei Stotternden. Außerdem waren sowohl die lokale Phasensynchronisation auf der rechten Hirnhälfte als auch die interhemisphärische Synchronisation positiv mit der Stotter-Häufigkeit korreliert [also je häher diese Werte vei einer Person, um so größer war auch die Stotterhäufigkeit dieser Person, die vor der Untersuchung durch Sprechtests ermittelt wurde].

Zusammengenommen lassen unsere Daten vermuten, dass die erhöhte rechtsseitige lokale Phasensynchronisation und die erhöhte interhemisphärische Phasensynchronisation elektrophysiologische Korrelate [Entsprechung, Ausdruck] eines Kompensationsmechanismus für eine gestörte linksseitige auditive Verarbeitung bei Stotternden sind.
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Die Studie ist also ein weiterer Beleg dafür, dass Stottern etwas mit dem Hören - genauer: der zentralauditiven Verarbeitung - zu tun hat. Interessant wäre hier natürlich, zu erfahren, ob die Werte für alle einzelnen Probanden unnormal waren - ob z.B. bei allen stotternden Probanden die Latenz der linken N100m gegenüber der rechten verzögert war. Ich hoffe, dass ich die Studie bald im Ganzen lesen kann. Vielleicht wissen wir dann mehr.

Torsten
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Re: Stottern und Hören

Beitrag von PetraS » 25. November 2016 13:28

Hallo,
hat man eigentlich mal untersucht, ob die Hör-Aufmerksamkeit generell anders geschaltet ist, wenn man mit anderen Menschen in Kommunikation tritt, als wenn man zu sich selber spricht? (Weil man ja auf Sprache reagiert) Dann würde dies ja auch eventuell eine Erklärung für die Tatsache sein, warum das Stottern immer in Kommunikationssituationen auftritt und nicht (oder kaum) beim Selbstgespräch.

Und es würde auch erklären, warum Stottern unter Vertäubung nicht auftritt, weil dann eben das Hören gänzlich ausgeschaltet ist.
Gruß
Petra

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Re: Stottern und Hören

Beitrag von Torsten » 25. November 2016 21:16

Hallo Petra,
PetraS hat geschrieben:...hat man eigentlich mal untersucht, ob die Hör-Aufmerksamkeit generell anders geschaltet ist, wenn man mit anderen Menschen in Kommunikation tritt, als wenn man zu sich selber spricht?
Nein, ich wüsste nicht, dass man das untersucht hätte.

Was man bis jetzt untersucht hat ist
  • den Zusammenhang von Stottern und auditiver Verarbeitung: Man weiß, dass Stotterer, zumindest als Gruppe, Defizite in der auditiven Verarbeitung haben.
  • den Zusammenhang von Stottern und Aufmerksamkeit: Man weiß, dass Stotterer, zumindest als Gruppe, Defizite in der Steuerung der Aufmerksamkeit haben.
  • den Zusammenhang von Aufmerksamkeit und auditiver Verarbeitung bei Nichtstotterern: Man weiß, dass die Aufmerksamkeit die auditiver Verarbeitung stark beeinflusst – besonders die Sprachwahrnehmung und -verarbeitung.
Was bis jetzt, soweit ich weiß, noch nicht untersucht wurde, ist ein Zusammenhang aller drei Faktoren Stottern, Aufmerksamkeit und auditive Verarbeitung.

Die einzige Studie, in der die Möglichkeit eines solchen Zusammenhangs immerhin erwähnt wird, ist 2014 von Ali Akbar Tahaei und Kollegen (Universität Teheran) veröffentlicht worden (siehe hier). Sie fanden bei Stotterern im Durchschnitt längere Latenzen von Reaktionen des Stammhirns beim Hören der Silbe /da/. Diese Reaktionen waren also bei den Stotterern im Durchschnitt etwas später messbar als in der nicht stotternden Kontrollgruppe. Außerdem stellten sie einen Zusammenhang fest zwischen diesen „Verspätungen“ und der Stotterschwere – also je größer die „Verpätung“ der auditiven Hirnreaktion bei einer Person aus der Stotterer-Gruppe, , desto schwerer war (tendenziell) dessen Stottern, Beides hat offenbar miteinander zu tun.

Und in der Diskussion ihrer Resultate weisen Tahaei und seine Kollegen darauf hin, dass das Verhalten der auditiven Nervenzellen des Stammhirns – also einer ziemlich frühen oder „niedrigen“ Verarbeitungsebene – durch die Aufmerksamkeit „top-down“ beeinflusst werden kann. Das wird man als Laie nicht gerade vermuten, aber es ist nachgewiesen.

Diese iranische Studie ist die einzige mir bekannte, in der ein möglicher Zusammenhang von auditiver Verarbeitung, Aufmerksamkeit und Stottern erwähnt wird.

Gruß, Torsten
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