Stotterer sind anders. Nicht nur beim Sprechen.

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Stotterer sind anders. Nicht nur beim Sprechen.

Beitrag von paul.dest » 23. Februar 2013 14:30

Stotterer funktionieren anders. Nicht nur beim Sprechen.
Äußerst lapidar gefasst ist das das Ergebnis einer Studie, die vor ein paar Wochen im "Journal of Fluency Disorders" veröffentlicht worden ist (danke an Max für den Hinweis).

Die Studie, deren Titel ins Deutsche als
  • Frühkindliches Stottern und elektrophysiologische Kennzahlen der Sprachverarbeitung
übersetzt werden könnte, ist nur eine aus einer großen Studienreihe unter der Leitung von Anne Smith und Christine Weber-Fox
vom Speech, Language, and Hearing Sciences Department der Purdue University (USA).

...

Oder in Laiensprache verpackt (diesmal kein Zitat, nur ein Einrahmungskasten):
Wenn man dem Gehirn eines stotternden Kindes beim Sprache-Verarbeiten zuschaut, stellt man fest, dass es dabei etwas anders funktioniert als das eines nicht stotternden Kindes.

Selbst dann, wenn dieses Sprache-Verarbeiten nichts mit Sprechen oder Formulieren zu tun hat, und selbst dann, wenn anhand der Leistungstests die gleiche Leistungsfähigkeit gemessen wird, funktioniert das Gehirn eines Stotternden "unter der Haube" doch etwas anders.
Soweit dazu im Grobüberblick.

...

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Re: Stotterer sind anders. Nicht nur beim Sprechen.

Beitrag von Torsten » 1. April 2013 00:04

paul.dest hat geschrieben:Stotterer funktionieren anders. Nicht nur beim Sprechen. ...
Selbst dann, wenn dieses Sprache-Verarbeiten nichts mit Sprechen oder Formulieren zu tun hat ... funktioniert das Gehirn eines Stotternden "unter der Haube" doch etwas anders.
Hallo Paul.
schöne Zusammenfassung. Aber etwas mehr, als dass stotternde Kinder irgendwie anders sind, scheint mir aus der Studie schon hervorzugehen. In der Zusammenfassung heißt es:


  • "These results are the first to show that differences in event-related brain potentials reflecting language processing occur as early as the preschool years in CWS and provide the first evidence that atypical lateralization of hemispheric speech/language functions previously observed in the brains of adults who stutter begin to emerge near the onset of developmental stuttering."


Auf deutsch:
  • "Diese Resultate zeigen erstmalig, dass Unterschiede in den die Sprachverarbeitung widerspiegelnden ereigniskorrelierten Gehirn-Potentialen bei stotternden Kindern bereits im Vorschulalter auftreten, und sie liefern den ersten Nachweis dafür, dass die atypische Lateralisierung der Sprachfunktionen, die zuvor in den Gehirnen stotternder Erwachsener beobachtet wurde, in zeitlicher Nähe zum Beginn des Stotterns auftaucht."
Es sind also Abweichungen in der Gehirnaktivierung bei stotternden Vorschulkindern gefunden worden – und zwar in Gehirnaktivierungen, die mit dem Hören und Verstehen von Sprache zu tun haben. Es ist nicht anzunehmen, dass diese Abweichungen Folgen oder Begleiterscheinungen des Stotterns sind, denn erstens waren die untersuchten Kinder noch sehr jung, haben also noch nicht lange gestottert, und zweitens haben die Kinder in den Tests nicht gesprochen und erst recht nicht gestottert.

Die Resultate sprechen also dafür, dass Abweichungen beim Hören und Verstehen von Sprache am Beginn des Stotterns stehen. und man kann vermuten, dass diese Abweichungen etwas mit den Ursachen des Stotterns zu tun haben.

Gruß, Torsten
www.stottertheorie.de

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Re: Stotterer sind anders. Nicht nur beim Sprechen.

Beitrag von paul.dest » 1. April 2013 09:35

Hallo Torsten,

Ja, im Detail geht aus der Studie natürlich noch viel mehr hervor. Im Rahmen dieses Forums wollte ich nicht ins Detail gehen. Denn Details ohne entsprechende Vorkenntnisse werden immer so schnell und so gerne mißinterpretiert. (Siehe zum Beispiel die häufigen Mißinterpretationsszenarien "genetisch" => "unabänderlich" oder "neurologisch" => "unbeeinflussbar".)

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Re: Stotterer sind anders. Nicht nur beim Sprechen.

Beitrag von paul.dest » 7. April 2013 21:26

Torsten hat geschrieben:Es ist nicht anzunehmen, dass diese Abweichungen Folgen oder Begleiterscheinungen des Stotterns sind, denn erstens waren die untersuchten Kinder noch sehr jung, haben also noch nicht lange gestottert...
Den interessantesten Gedanken habe ich im letzten Beitrag zu erwähnen vergessen:
Der Witz bei dieser Studie ist ja nicht, dass die untersuchten Kinder noch sehr jung sind, sondern dass bei der Hälfte von ihnen das Stottern innerhalb von fünf Jahren vergehen wird. Und dann, wenn dieselbe Untersuchung an denselben Kindern nochmal durchgeführt, wird man sehen, ob die funktionalen Andersartigkeiten mit dem Stottern gegangen oder trotz des Stotternverschwindens geblieben sind.

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Re: Stotterer sind anders. Nicht nur beim Sprechen.

Beitrag von transit » 10. April 2013 00:35

Da ein jeder (Entwicklungs)Stotterer nicht durchgehend, sondern nur stellenweise und situativ stottert, finde ich persönlich es ohnehin sinnvoller, die Definition des Stotterns (über die beobachtbaren/erfahrbaren stottertypischen Sprechauffälligkeiten hinaus, also über das Sprechstottern hinaus) weiter zu fassen. Demnach muss ein Stotterer nicht notwendigerweise ein Stotternder sein. Dieser erweiterten Definition zufolge könnten die beobachteten Unterschiede einen Teil des "Stotterer-Seins" ausmachen - einen, der das Sprechstottern bedingt, oder aber auch lediglich einen, der mit dem Sprechstottern typischerweise einhergeht.
Interessant. Ist die Frage, ob die Bezeichnung "Stottern" dieser sich vom Neuro-typischen unterscheidenden Wahrnehmungsverarbeitung dann die zutreffende ist.

Auf welche Bereiche des Gehirns genau beziehen sich die Beobachtungen, bzw die Ergebnisse ?


Ach, ich schliesse mich Pauls Seite an und setze xxx,- Euro. Verlieren werde ichs ja nicht. :wink:

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Re: Stotterer sind anders. Nicht nur beim Sprechen.

Beitrag von Jaspis » 10. April 2013 14:06

paul.dest hat geschrieben:Ich wette darauf, dass die funktionale Andersartigkeit bleibt - sie wird sich vielleicht wandeln (wegen der Kompensationsprozesse) - , aber eine Andersartigkeit im Vergleich zu den "genuinen" Nichtstotterern wird bleiben, so meine Voraussage.
Hallo Paul,
Was ist Dein Einsatz? :wink: Ich könnte ihn ergänzen, denn ich sehe das auch so (voraus).
Allerdings denke ich, dass "eine Andersartigkeit im Vergleich zu den "genuinen" Nichtstotterern" gar nicht so klar abzugrenzen sein wird, sondern vom Level der Andersartigkeit abhängt. D.h. ich vermute, dass es keine Andersartigkeit und eine Andersartigkeit gibt, sondern ab einem bestimmten Level beginnt die "Andersartigkeit" Probleme zu machen, vorher nicht. Daran anschließend kommt ein Bereich, in dem die "Andersartigkeit" gut kompensiert/überlernt werden kann und ab einem noch höheren Level läßt es sich kaum noch kompensieren.
Gruß, Jaspis

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Re: Stotterer sind anders. Nicht nur beim Sprechen.

Beitrag von paul.dest » 15. April 2013 21:48

Hallo transit,
transit hat geschrieben:Auf welche Bereiche des Gehirns genau beziehen sich die Beobachtungen, bzw die Ergebnisse ?
Kurze Antwort: Nichts Genaues weiß man nicht.

Lange Antwort:
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Re: Stotterer sind anders. Nicht nur beim Sprechen.

Beitrag von paul.dest » 15. April 2013 22:22

Hallo Jaspis,
Jaspis hat geschrieben:Was ist Dein Einsatz? :wink: Ich könnte ihn ergänzen, denn ich sehe das auch so (voraus).
Jetzt wird's unspektakulär. Warum sind auf einmal alle auf meiner Seite?!
Wovon soll denn der Wettgewinn kommen, wenn alle auf das gleiche Pferd setzen? ;-)

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Re: Stotterer sind anders. Nicht nur beim Sprechen.

Beitrag von paul.dest » 16. April 2013 23:07

...

Schließlich - wie schon oben geschrieben - gehört es zu den Ergebnissen der Studie u.a.:
Weber-Fox e.a., übersetzt von Paul Dest, hat geschrieben:Wir betonen, dass "manche" stotternde Vorschulkinder subtile Unterschiede in hemisphärischer Organisation der Sprachverarbeitung zeigen, weil die stotternden Probanden hoch heterogen sind (z.B., Bloodstein & Bernstein Ratner, 2008; Yairi & Ambrose, 2005), und wir möchten nicht suggerieren, dass alle Probanden der vorliegenden Auswahl dieselben grundlegenden Muster für neuronales Verarbeiten der sprachlichen Reize zeigen.
Wäre also eher ein Haufen von Individualisten als eine Spezies "homo sapiens balbutiens"! :-)

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Re: Stotterer sind anders. Nicht nur beim Sprechen.

Beitrag von Jaspis » 23. April 2013 10:58

Hallo Paul!
paul.dest hat geschrieben: Jetzt wird's unspektakulär. Warum sind auf einmal alle auf meiner Seite?!
Weil wir alle schlau sind? ;-) Nein, weil wir zu diesem Punkt ein ähnliches verständnis haben.
paul.dest hat geschrieben:Du meinst also - so habe ich Dich zumindest ab "sondern" verstanden - , der Unterschied unter der Haube beginne erst ab einer gewissen Größe (Untergrenze) das Sprechstottern zu verursachen (="Probleme zu machen")? Und wenn dieser Unter-der-Haube-Unterschied wiederum eine gewisse Größe (Obergrenze) nicht überschreite, das Sprechstottern in der weiteren kindlichen Entwicklung verschwinde, weil es unterhalb der Obergrenze durch einen - wie man in der Software-Entwicklung so schön sagt - "Workaround" (Kompensation) behoben werde?
Genau! War also meine Erklärung so unverständlich nicht...
paul.dest hat geschrieben:So weit, so gut; entspricht im Prinzip der Neumann-Theorie, mit der die Wirksamkeit von Stottertherapien bei Erwachsenen erklärt wird.

Aber hier haben wir es mit Kindern zu tun, die mehrheitlich ohne einen therapeutischen Eingriff remittieren.
Eine die Remittierung begünstigende Entwicklung kann doch auch ohne therapeutischen Eingriff stattfinden bzw. hängt nicht ausschließlich nur von diesem ab. Ich erinnere mich u.a. an diesen Forumsbeitrag über das "Anforderungs-Kapazitäten-Modell" ... Dieses Modell individuell auf jedes Kind abgestimmt (wesentlicher Einfluß durch Eltern und Erzieher), würde meiner Meinung nach das Kompensieren/Überlernen von beginnenden Stottern erheblich unterstützen.

Gruß, Jaspis

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