Stottern versus Poltern

Aktuelle Forschungsergebnisse, Medikamente, medizinische Aspekte

Findest du dich in den Kriterien des Polterns / Clutterings wieder ?

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27%
Teilweise
5
33%
Nein
6
40%
 
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transit
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Stottern versus Poltern

Beitrag von transit » 11. Mai 2007 12:44

Stottern versus Poltern

Stuttering versus Cluttering


Demosthenes und Winston Churchill keine Stotterer ?

http://en.wikipedia.org/wiki/Cluttering

und du ?

Werde sehen, ob ich eine ähnlich informative Seite auch auf deutsch finde.
Wenn du eine kennst, bitte poste sie hier, um die Teilnahme an der Umfrage zu erleichtern. Danke.

herzl.Gruß
isabel

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Marek
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Beitrag von Marek » 11. Mai 2007 17:15

Hallo isabel,

nachdem ich den wikipedia-artikel nochmal gelesen hab: könnte es nicht sein, daß es sich ursprünglich, im physiologischen-neuromotorischen Kern um die gleiche Störung und die Problematisierung den einzigen Unterschied macht?
Wenn ich mir die Gegenüberstellung in dem Artikel anschaue, drängt sich mir der Gedanke geradezu auf.

Gruß
Marek.

PS.: Ich meine zwar, auch so ein bißchen Artikulationsschwierigkeiten zu haben (vielleicht auch normal), aber ich erkenne mich in dieser Beschreibung des Polterns eigentlich nicht wieder.

Roy
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Beitrag von Roy » 18. Juli 2007 18:30

Guten Tag

Wie ich in einem thread schon einmal geschrieben habe, glaube ich, ist mein Sprachfehler eine Mischung aus Stottern und Poltern.

Ich bin hauptsächlich vom tonischen Stottern betroffen (B---------B--------Baum oder MMmmmmmmesser). Die typische Silbenwiederholung(klonisches Stottern) trifft bei mir höchst selten zu.

Ich stottere, wenn ich aufgeregt bin und vor vielen Leuten sprechen muss.
Man sollte nun meinen, ich könnte flüssig reden, wenn ich nicht aufgeregt bin. Dem ist komischerweise nicht so. Rede ich ohne mich auf meine Sprache zu konsentrieren, beginne ich zu poltern(wenn auch nur ganz wenig. mein Hauptproblem bleibt das Stottern). Wenn mich dann jemand darauf aufmerksam macht, und ich auf mich achte, spreche ich fehlerfrei.

Wikipedia definiert Poltern folgendermassen:

"Das Sprechen ist unregelmäßig und unrhythmisch, die Anläufe sind ruckhaft und schnell, das Satzmuster gewöhnlich fehlerhaft. Neben dem überhasteten Sprechen sind Lautverschmelzungen (Elisionen) typisch, z.B. "Hatür" statt "Haustür". Es werden also oft Silben verschluckt. Poltern kann auch als umgekehrtes Stottern bezeichnet werden. Wenn sich Polterer jedoch nicht nur auf den Inhalt dessen, was sie sagen wollen, sondern zugleich intensiv auf die Art und Weise des Sprechens konzentrieren, können sie normal sprechen, je nach individueller Konzentrationsfähigkeit. Dies kann etwa erreicht werden, wenn man die Person bittet einen unbekannten komplizierten Text vorzulesen. Das Problem polternder Menschen ist die sog. Spontansprache. Im Gegensatz zu Personen, die stottern, haben Polterer oftmals kein Störungsbewusstsein"

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Poltern_%2 ... %C3%B6rung%

Diese Definition trifft teilweise auf mich zu.

Silas
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Re: Stottern versus Poltern

Beitrag von Silas » 31. Juli 2014 10:41

Liebe Diskussionsfreunde,

zur Frage, ob Demonsthenes gestottert oder gepoltert hat, schreibt Ulrike Sick: Poltern. Theoretische Grundlagen, Diagnose, Therapie, Stuttgart/New York 2004, auf S. 2, Folgendes:

"Die Geschichte der Beschreibung von Poltern beginnt mit einer Überlieferung aus der Antike, wenn man, wie Weiss (1964) sich der Meinung anschließt, dass Demosthenes vor seiner 'Kieselsteintherapie' eher gepoltert als gestottert hat. Nach Überlieferungen von Plutarch (ebd.) wurde er als eine Person mit 'exzessivem Temperament, undeutlicher Aussprache, Dyslalien, schwacher Stimme, Kurzatmigkeit und der Unfähigkeit auf den Punkt zu kommen' beschrieben."

Mehr abtippen möchte ich nun nicht, aber Sick schreibt unter Rückgriff auf Weiss weiter, dass man bei manchen Beschreibungen von vermeintlichem Stottern in alten Texten nach heutigem Kenntnisstand von Poltern oder einer Mischform beider Störungen ausgehen müsse.

Soviel dazu.

Gruß an alle

Silas

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Jaspis
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Re: Stottern versus Poltern

Beitrag von Jaspis » 31. Juli 2014 11:52

Danke, Silas, sehr aufschlußreich!

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Torsten
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Re: Stottern versus Poltern

Beitrag von Torsten » 1. August 2014 19:17

Silas hat geschrieben: "Die Geschichte der Beschreibung von Poltern beginnt mit einer Überlieferung aus der Antike, wenn man, wie Weiss (1964) sich der Meinung anschließt, dass Demosthenes vor seiner 'Kieselsteintherapie' eher gepoltert als gestottert hat. Nach Überlieferungen von Plutarch (ebd.) wurde er als eine Person mit 'exzessivem Temperament, undeutlicher Aussprache, Dyslalien, schwacher Stimme, Kurzatmigkeit und der Unfähigkeit auf den Punkt zu kommen' beschrieben." (Unterstreichung von mir - T.H.)
Demnach müsste Demosthenes ja ein grottenschlechter Redner gewesen sein. Man versteht dann nicht so recht, wieso er als berümtester Redner der griechischen Antike in die Geschichte eingegangen ist und seine Reden z.T. bis heute überliefert sind. Hier der Anfang seiner berühmten "Philippika" - der Rede gegen König Philipp II von Makedonien:
  • "(1) Ihr würdet viel darum geben, glaube ich, Athener, wenn ihr wüsstet, was in vorliegender Frage für unser Land das Beste ist. Unter diesen Umständen müsst ihr jeden, der euch raten will, bereitwillig anhören; denn so bekommt ihr nicht bloß Ratschläge, die ein Redner mit reiflicher Überlegung mitbringt. Ich verstehee es als eine Gunst eueres Glücks, dass manchem mancher gute Gedanke auch urplötzlich in den Sinn kommt; so könnt ihr aus allem leicht das auswählen, was euch frommt.

    (2) Der gegenwärtige Augenblick, Athener, ermahnt euch fast mit lauter Stimme, die Sache Olynths selbst in die Hand zu nehmen, wenn euch deren Wohl am Herzen liegt. Aber wir benehmen uns ihr gegenüber - ich weiß selbst nicht, wie. Mein Antrag geht nun dahin, dass ihr jetzt gleich den Hilfszug beschließt und aufs schleunigste Anstalten trefft, von hier aus Hilfe zu bringen, und nicht wieder dieselben Erfahrungen macht wie früher, und dass ihr eine Gesandtschaft hinschickt, die dies ausspricht und dem Gang der Ereignisse nahe bleibt.

    (3) Denn das ist die größte Gefahr, dass der verschmitzte Mensch, der die Umstände meisterhaft zu nutzen weiß, bald durch Nachgeben, wo es ihm Vorteil bringt, bald durch Drohungen, in welchem Fall er Glauben verdient, bald durch Verleumdungen gegen uns, wenn wir nicht zugegen sind, alle Verhältnisse über den Haufen wirft und sich teilweise zu ihrem Herrn macht. (weiter lesen...)
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Silas
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Re: Stottern versus Poltern

Beitrag von Silas » 15. August 2014 11:35

Hallo Torsten,

Dein Beitrag hier hat mich doch sehr überrascht, so dass ich nun nicht weiß, ob er ernst gemeint war oder ob Du nur etwas Lustiges anmerken wolltest. Ich finde solche Späße nicht witzig, aber ich möchte dennoch darauf eingehen.

In diesem Forum geht es schwerpunktmäßig um die Redeflussstörung Stottern und bei der konkreten Diskussion um die Abgrenzung von Stottern zur Redeflussstörung des Polterns. Daneben werden auch andere Redeflussstörungen bzw. Sprechstörungen wie Logophobie hier angesprochen. Bei allen diesen Themen steht immer die gesprochene Sprache im Vordergrund; um genauer zu sein, die sog. Spontansprache.

Wenn man nun versucht, aus der Beschreibung des Sprechens von z. B. Demosthenes durch antike Historiker wie z. B. Plutarch die genaue Redeflussstörung herauszufinden, unter welcher der Redner gelitten hat, werden Textstellen verwandt, die das Sprechen bzw. die Sprechweise des Demosthenes charakterisieren. Hierbei handelt es sich nicht um Texte, die beschreiben, wie die Rede inhaltlich zu werten ist, sondern die spontane Sprache der betreffenden Person beschreiben. Im Falle einer Rede heißt das konkret, dass damit nicht die Rede selbst beschrieben wird, die schriftlich vorbereitet und auswendig gelernt vorgetragen wird, sondern das, was man heute etwa "öffentliche Aussprache", "Fragerunde" oder schlicht "Antworten auf Fragen der Publikums" nennen würde.

Um das kurz zu erklären, damit hier jedem klar wird, was ich meine, seien die Arbeitsschritte des Redners hier ausgehend von der römischen Rhetorik aufgeführt; sie bestanden aus folgenden Punkten:

- Auffinden der Hauptgesichtspunkte = inventio
- Stoffgliederung = dispositio
- Sprachliche Gestaltung = elocutio
- Auswendiglernen = memoria
- Vortrag = pronuntiatio (actio)

Wenn man sich dies vor Augen hält, dürfte wohl jedem klar sein, dass die von Dir zitierte Rede des Demosthenes kein Beitrag zur Klärung der obigen Frage sein kann. Diese Rede hat Demonsthenes wahrscheinlich mit Hilfe seines Haussklaven, so war das zumindest in Rom, wie ich in der Schule gelernt habe, verfasst und dann auswendig gelernt vorgetragen.

Um es kurz zu machen: Von Spontansprache kann also nicht die Rede sein.

Um das Demosthenes-Problem mit anderen Worten etwas differenzierend zusammenzufassen: Demosthenes war ein grottenschlechter Sprecher, aber ein exzellenter Redner.

Zu Deinem Beitrag ist abschließend noch zu sagen, dass es z. B. ebenso abwegig wäre, anhand eines Gedichts, das ein stotternder Lyriker verfasst hat, zu entscheiden, wie stark der Autor stottert. Das ist nicht möglich. Wahrscheinlich wäre das nicht einmal mithilfe einer Tondokumentation der mündlichen Rezitation möglich, weil eben Gedicht besondere Rezitationsweisen verlangen. Ähnlich ist es mit der schriftlichen Fassung der Rede eines bedeutenden Redners und seiner Fähigkeit in Spontansprache zu sprechen.

Wenn Du soviel Zeit hast, möchte ich Dir folgende Hausaufgabe geben: Suche bitte antike Texte, die das Sprechen von Demosthenes beschreiben, dann kannst Du hier einen konstruktiven Beitrag zur Frage liefern, ob Demosthenes gestottert oder gepoltert hat.

Herzliche Grüße

Silas

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Re: Stottern versus Poltern

Beitrag von Torsten » 25. August 2014 17:33

Silas hat geschrieben:Hallo Torsten ...Suche bitte antike Texte, die das Sprechen von Demosthenes beschreiben, dann kannst Du hier einen konstruktiven Beitrag zur Frage liefern, ob Demosthenes gestottert oder gepoltert hat.
Warum so verbissen, Silas? Ich kann mir eben nur schwer vorstellen, dass Demosthenes als berühnter Redner in die Geschichte eingegangen wäre, wenn er in Wahrheit nur ein talentierter Redenschreiber gewesen wäre.

Bild
Demosthenes (384 - 322 v. Chr.)

Aber nehmen wir an, er hatte nur Probleme mit der Spontansprache - seine Reden hat er auswendig gelernt und fließend vorgetragen. Das würde m.E. eher für Stottern als für Poltern sprechen, denn von Stotterern ist bekannt, dass manche von ihnen auswendig gelernte Texte fließend vortragen können und z.B. als Schauspieler arbeiten können. Von Polterern habe ich so etwas noch nicht gehört.

Torsten
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Re: Stottern versus Poltern

Beitrag von Jaspis » 25. August 2014 18:41

Silas hat geschrieben:Um das Demosthenes-Problem mit anderen Worten etwas differenzierend zusammenzufassen: Demosthenes war ein grottenschlechter Sprecher, aber ein exzellenter Redner.
Ja, sehr gut auf den Punkt gebracht. Ich weiß nicht, wie es bei Polterern ist, aber bei Stotterern trifft man genau diese Fähigkeit nicht selten an: vorbereitete Reden fließend und durchaus exzellent halten, auch ein gutes Verständnis für eine Rede und das Reden halten haben ... aber schon bei Nachfragen kann man sprachlich einbrechen. Stichwort Spontansprache!

Demosthenes wäre demnach ein gutes Beispiel, dass das eine das andere nicht ausschließen muß: guter Redner, aber trotzdem Stotterer (und Polterer?).

Gruß, Jaspis!

Silas
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Re: Stottern versus Poltern

Beitrag von Silas » 5. Oktober 2014 18:01

Hallo Torsten,

mein Beitrag ist nicht „verbissen“, wie Du mir unterstellst. Lies Dir einmal durch, was ich geschrieben habe, denn genauso wie das Bild von Demosthenes mit den Lebensdaten war auch die von Dir in das Forum kopierte Rede kein konstruktiver Beitrag, sondern eine Themaverfehlung.
In meinem Beitrag habe ich nicht geschrieben, dass Demosthenes „nur ein guter Redenschreiber“ gewesen sei, wie Du mir unterstellst, sondern ich habe das differenziert ausgedrückt. Jaspis hat mich bei diesem Punkt auch zutreffend zitiert. Wer meine Beiträge liest, wie Jaspis, wird nachvollziehen können, was ich geschrieben habe.
Wenn Du „noch nicht gehört hast“, dass Polterer auch als Schauspieler arbeiten können und daraus Schlüsse ziehen möchtest, frage ich Dich, ob Du statistische Daten darüber hast oder sonst genau weißt, welche Berufe polternde Menschen ausüben. Von wievielen Polterern weißt Du, was sie beruflich arbeiten? Die Beantwortung dieser Frage würde mich sehr interessieren.
Dein fehlendes Wissen kann keine Grundlage für eine Diskussion sein.
Wenn ich auf Deinem Niveau hier argumentieren würde und von dem ausginge, was ich einmal „gehört“ oder nicht „gehört habe“, könnte ich z.B. folgendes behaupten: „Ich habe gehört, dass Stottern immer eine neurotische Persönlichkeitsstörung zugrunde liege.“ Vielleicht verstehst Du, was ich meine.
Zum Schluss möchte ich kurz erwähnen, dass ich als Schüler auch bei Theateraufführungen meiner Klasse (Klasse 5 und 6) mitgemacht habe. Aber beruflich würde ich sowas nicht machen wollen, aber das hat nichts mit dem Poltern zu tun. Ich kann natürlich auswendig gelernte Texte so vortragen, sodass niemand bemerkt, dass ich Polterer bin.

Silas
Zuletzt geändert von Silas am 5. Oktober 2014 18:05, insgesamt 2-mal geändert.

Silas
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Re: Stottern versus Poltern

Beitrag von Silas » 5. Oktober 2014 18:03

Hallo Jaspis,

danke, dass Du darauf eingehst, was ich hier geschrieben habe und auch einen freundlichen Umgangston pflegst. Das macht eine Diskussion für mich angenehmer.

Zur Sache ist folgendes auszuführen: Die Spontansprache ist das Problem bei allen Sprechstörungen bzw. Redeflussstörungen und keineswegs Etwas, was spezifisch für Stottern wäre. Das ist eigentlich eine selbstverständliche Feststellung. Beim Poltern hingegen ist die Spontansprache ein besonderes Charakteristikum, das man daher auch für eine Differenzialdiagnose verwendet, was ich nun zu erklären versuche, weil Du und sicher alle anderen Stotterer, die hier mitlesen, das nicht wissen dürften:

Um genau abzuklären, ob jemand poltert, wird die Sprechgeschwindigkeit untersucht, also Silben pro Zeiteinheit. Das erhöhte Sprechtempo ist ein inzwischen allgemein anerkanntes obligatorisches Symptom des Polterns. Dann wird, auch um im Zweifelsfall zum Stottern abzugrenzen, u.a. geprüft, ob das Sprechen sich verändert, wenn der Patient „bewusst spricht“. Wie gesagt – ich wiederhole zur Verdeutlichung: die Spontansprache ist bei allen Redeflussstörungen das Problem - , aber beim Poltern kommt hinzu, dass die Spontansprache ein besonderes Problem darstellt. Konkret heißt dies, man fordert den Patienten dazu auf, bewusst zu sprechen, also sich zu konzentrieren und auf das Sprechen zu achten. Polterer können nämlich wesentlich besser oder sogar symptomfrei sprechen, wenn sie bewusst sprechen. Das ist ein Abgrenzungskriterium zwischen den beiden Redeflussstörungen, das man schon früh entdeckt hat und auch in alten Veröffentlichungen steht, obwohl sonst viel Unsinn in älteren Schriften zu lesen ist.

Um Fragen vorzubeugen: Bewusst sprechen ist in diesem Fall das Gegenteil der Spontansprache. Hierbei kommt es nicht auf Technik oder Methode an, denn Polterer müssen keine Methode oder Technik lernen, um besser zu sprechen. Sie müssen beim bewussten Sprechen nicht Wörter, Silben oder irgendetwas vermeiden, sondern nur auf ihr Sprechen achten. Negativ gewendet: Polterer können die Symptome durch Konzentration und Willenskraft teilweise oder ganz unterdrücken. Wie lange das bewusste Sprechen funktioniert und vor allem wie gut, hängt von der konkreten Person ab. Immer so sprechen kann natürlich niemand. Es kommt also auf die Konzentrationsfähigkeit und Willenskraft an, wie lange Polterer besser bzw. symptomfrei sprechen können.

Kurz zu mir: Da ich seit kurzem zum ersten Mal eine Logopädin habe, die mir weiterhelfen kann, habe ich bisher selbst experimentieren müssen, wie ich besser sprechen kann. Alle anderen Logopädinnen habe ich das Buch von Sick ausgeliehen und dann mehr oder weniger mit ihnen gemeinsam auf der Grundlage des Buchs einen Therapieplan erstellt bzw. herumexperimentiert. Das war enorm anstrengend und ein großer Zeitaufwand. Manche Logopädinnen haben ohnehin wahrscheinlich nur Entspannungsübungen mit mir machen wollen. Jedenfalls hatten alle keine oder sehr wenig Ahnung von Poltern. Ich habe dann über Jahre hinweg Übungen gemacht, die ich mir selbst zusammengestellt habe. Das waren genaugenommen Übungen, mit denen ich meine Konzentrationsfähigkeit spürbar verbessert habe.

Allgemein zur Diskussion über dieses Thema: Mir ist bewusst, dass sich die Stotterer bzw. deren Selbsthilfegruppen Demosthenes als eine Art Schutzpatron erwählt haben und es für manche schlimm wäre, wenn sich herausstellen würde, dass Demosthenes in Wirklichkeit Polterer war. Manche scheinen Demosthenes zu verehren wie es Christen bei Heiligen tun. Die Beiträge von Torsten machen diese „Heiligenverehrung“ deutlich, denn er postet Bilder und gewissermaßen heilige Reden seines Patrons, während er die Diskussionsbeiträge, auf die er sich bezieht, nicht einmal genau liest. Zweitens ist es für mich schwierig, hier mitzudiskutieren, weil ich der einzige bin, der weiß, was genau Poltern ist, und daher banale Dinge erklären muss. Wenn ich die Beiträge hier lese, wird mir klar, dass ich wesentlich mehr über Stottern weiß, als alle anderen zusammen über Poltern wissen. Es ist ebenfalls banal, aber ich schreibe es trotzdem: Man kann nicht darüber diskutieren, ob Demosthenes Stotterer oder Polterer war, wenn man über Stottern sehr viel, aber über Poltern sehr wenig weiß. Ein gewisser Informationsstand über beide Sprechstörungen ist für eine ernsthafte Diskussion erforderlich.

Mir liegt an einer Klärung der Frage, aber ich habe nicht die Zeit für jeden verständlich zu machen, was Poltern ist. Dann könnte ich die Frage zu Demosthenes selbst klären und ein Buch darüber schreiben. Um weiter zu diskutieren, möchte ich folgende Frage stellen: Hat jemand das Buch „Kinästhetisch-kontrollierte Sprechen (KKS) bei Poltern und Stottern“ von Hartmut Zückner gelesen? Mich würde interessieren, ob Stotterer KKS machen und ob es jemandem hier hilft. Kennt jemand Stotterer, die KKS praktizieren? Auf diesem Weg kann man sich meiner Meinung nach vielleicht am ehesten erklären, warum Demosthenes kein Stotterer war. Zückner schreibt selbst, dass KKS Polterern besser hilft als Stotterern, weswegen im Titel Poltern vor dem Stottern steht, was man sonst bei Veröffentlichungen über beide Redeflussstörungen nie so liest. Wenn man Zückners Ausführungen konsequent zu Ende denkt, kommt man praktisch von selbst darauf, warum Demosthenes Polterer war und insbesondere seine Kieselstein-Methode nur ein Weg gewesen sein kann, um das Poltern zu bekämpfen.

Gruß

Silas

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Re: Stottern versus Poltern

Beitrag von Jaspis » 7. Oktober 2014 11:18

Hallo Silas,
ich denke, 2 Sorgen brauchst Du Dir nicht machen: dass Demosthenes von Stotterern übertrieben verehrt wird und dass Stotterer gar nichts über Poltern wissen. Dass Du als Polterer darüber mehr weißt, liegt nahe. Auch dass Du viel über Stottern in Erfahrung bringst, um Dir über Deine eigene Diagnose Klarheit zu verschaffen. Da es vermutlich eine gewisse Schnittmenge von Leuten gibt, die sowohl von Stottern und als auch von Poltern betroffen sind, sind Diskussionen hierzu auch in diesem Forum für Viele gewinnbringend. Lass Dich also bitte nicht ausbremsen, auch wenn Du den Eindruck bisher gewonnen hast, dass der Wissensstand der Forumsteilnehmer unterschiedlich von Deinem ist. Überprüfe doch, ob Dein Eindruck richtig ist! :wink:
Danke für den Hinweis auf Zückners Buch! Die darin beschriebene Methode wurde ja erst für Stotterer entwickelt, stellte sich dann aber für Polterer als viel erfolgreicher heraus. Das ist doch interessant! Nichts scheint statisch, vieles in Veränderung, auch Wissen und Erkenntnisse.
Kennst Du Zahlen, wie viel % nur Stotterer und wie viel % nur Polterer sind und wie viel % eine Kombination von beiden Störungen haben?
Ich kann in gewisser Weise verstehen, wenn Du Dich als "reiner" Polterer von Stottern abgrenzen will, weil nur eine klare Diagnose einem selbst die richtige Therapie ermöglicht und für sein Selbstbild wichtig ist. Aber gegeneinander kämpfen muss man deswegen doch nicht und sich auch nicht um etwaige Heilige streiten. Dein letzter Beitrag klang mir etwas so, als wenn Du Dich unbedingt gegen Stottern abgrenzen möchtest. Das ist in der Sache ok. Aber bitte nicht über den Weg, anderen nicht ausreichendes Wissen vorzuwerfen, um mit Dir diskutieren zu können.

Danke, dass Du das Thema Poltern und damit auch die Kombi Stottern&Poltern mal wieder aktuell gemacht hast, ich werde noch mehr darüber lesen.
Auf der Seite der ivs finden sich auch Infos und Links zu Poltern/Cluttering:
http://www.ivs-online.de/stottern-polte ... ltern.html
http://www.ivs-online.de/stottern-links--Links.html

Gruß, Jaspis!

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Re: Stottern versus Poltern

Beitrag von Frankie » 8. Oktober 2014 22:21

Hallo Silas,
Silas hat geschrieben:Mich würde interessieren, ob Stotterer KKS machen und ob es jemandem hier hilft. Kennt jemand Stotterer, die KKS praktizieren?
die Antworten auf deine Fragen: Ja, Ja, Ja :wink:

Bei Hartmut Zückner habe ich meine Stottertherapie gemacht und ich sehe ihn auch ziemlich regelmäßig bei Nachsorgetreffen. Vor einigen Jahren hat er dabei KKS vorgestellt (das übrigens für Polterer entwickelt wurde, dort gute Erfolge zeigte und dann probeweise auf Stotterer übertragen wurde). Wenn ich es einsetze, spreche ich äußerst flüssig und mit besserer Artikulation. Allerdings mache ich es nicht oft, außerdem finde ich es anstrengend, diese Sprechweise lange durchzuhalten. Ich danke dir aber, dass du mich an diese Technik erinnert hast - ich muss sie wieder öfters hervorholen.

Grüße
Frank

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Re: Stottern versus Poltern

Beitrag von Jaspis » 9. Oktober 2014 09:09

Frankie hat geschrieben:(das übrigens für Polterer entwickelt wurde, dort gute Erfolge zeigte und dann probeweise auf Stotterer übertragen wurde)
Im Prinzip ist (mir) die Reihenfolge egal, da inzwischen Polterer als Hauptzielgruppe damit behandelt werden, aber ich hatte die Erklärungen zu KKS (erst Stotterer, dann Polterer) hier gefunden:
Der Ursprung dieses Programms hat sich aus der von Charles Van Riper geforderten taktil-kinästhetischen Sprechkontrolle bei stotternden Patienten ergeben. Seine auf die Verbesserung der taktil-kinästhetischen Wahrnehmung abzielenden Sprechübungen mit und ohne verzögerte auditive Rückmeldung sind Anregung zur Erarbeitung dieses Trainingsprogramms geworden. Die positiven Therapieerfahrungen mit Stotterpatienten, die auch eine Poltersymptomatik aufwiesen, führten dazu, dieses Programm auch bei polternden Patienten einzusetzen.
Gruß, Jaspis!

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Re: Stottern versus Poltern

Beitrag von Silas » 28. Oktober 2014 20:06

Lieber Jaspis,

eigentlich habe ich bereits mit der Antwort an Dich begonnen und schon relativ viel getippt, aber dann ist mir bewusst geworden, dass es sinnlos und letztlich Zeitverschwendung sein würde. Daher fasse ich mich nun kürzer. In Zukunft werde ich mich an dieser Diskussion nicht mehr beteiligen und mich langfristig ganz aus diesem Forum zurückziehen. Ich hatte wirklich gedacht, ich könne hier ein wenig über Poltern informieren, zumal ich der Auffassung war, dass es Stotterern ähnlich ginge. Leider habe ich mich getäuscht.

Nun zu Deinem Diskussionsbeitrag: Es war natürlich dumm von mir, dass ich erwartet habe, Du wüsstest mehr über Poltern als eine durchschnittliche Logopädin oder eine Stottertherapeutin. Du hast mir mit Deinem Link zur dieser IVS-Seite

http://www.ivs-online.de/stottern-polte ... ltern.html

selbst demonstriert, dass Du nicht allzuviel über Poltern weißt, denn sonst hättest Du mich nicht auf diese Seite hingewiesen, ohne einige kritische Anmerkungen dazu zu machen. Diese Seite kenne ich nämlich und ich hatte auch einmal mit derjenigen Dame, die für das Gebiet Poltern bei der IVS zuständig ist, Kontakt. Diese Seite wollte ich eigentlich beim Thema „Poltern – Suche Polterer“ auch ansprechen, aber nun bist Du mir zuvorgekommen.

1. Also Jaspis, wenn Du von Poltern soviel Ahnung hast, wie Du meinst, dann sage mit bitte, welche zwei Stellen auf der hier in Frage stehenden IVS-Seite sehr fragwürdig bzw. falsch sind. Wenn Du diese zwei Stellen benennen und die jeweilige Problematik erläutern kannst, glaube ich Dir gerne, dass Du über Poltern gut informiert bist.

Daneben habe ich noch einige Fragen, die wir hier erörtern sollten, denn Dir ist leider nicht klar, dass es nicht reicht, einfach nur ein paar Internetseiten über Poltern zu lesen und dann zu meinen, man wüsste über Poltern gut Bescheid.

Auf Deine Fragen gehe ich hier nicht ein, denn die Antworten ergeben sich aus unserer Diskussion über die IVS-Seite und meine Fragen hier an Dich:

2. Ist Poltern genauso gut erforscht wie Stottern?
3. Sind Logopäden und Stottertherapeuten bezüglich Poltern genauso gut informiert und therapeutisch kompetent sind wie sie es bezüglich Stottern sind?
4. Gibt es eine allgemein anerkannte (pathophysiologische) Definition des Polterns, so dass immer klar ist, wovon man ausgehen muss, wenn man über Poltern spricht?
5. Was weißt Du über die alltägliche bzw. „normale“ Diskriminierung von Polterern? Welche Nachteile haben Polterer?
6. Die letzte allgemein gehaltene Frage möchte ich an einem konkreten Beispiel illustrieren: Bei Krankenkassenpatienten ist es nach der Heilmittelverordnung so, dass Stotterer grundsätzlich mehr als die doppelte Anzahl von Therapieeinheiten (Stunden) verschrieben bekommen als es bei Polterern der Fall ist. Konkret gelten bei Stotterer 50 Einheiten als „Gesamtverordnungsmenge des Regelfalls“ und bei Polterern nur 20 Einheiten. Anders formuliert, kann man sagen, dass Krankenkassen bei Polterern im Vergleich zu Stottern weniger als die Hälfte der Therapiestunden übernehmen.
Was weißt Du darüber, welche Folgen diese formelle Diskriminierung von Polterern in der Heilmittelverordnung hat? Um die Frage auf den entscheidenden Punkt zu konkretisieren: Es geht nicht nur und nicht so sehr um die Folgen für den einzelnen betroffenen Polterer, sondern die allgemeinen Folgen.

Wenn Du diese Fragen beantwortet hast, ist Dir die Antwort auf eine Deiner Fragen schon klar. Außerdem wird Dir dann vielleicht deutlich, warum Polterer wie ich sehr froh wären, wenn sie Stotterer wären, denn dann wäre vieles einfacher und das Leben wesentlich leichter, weil viele Probleme wegfielen.

Herzliche Grüße

Silas
Zuletzt geändert von Silas am 12. November 2014 12:52, insgesamt 1-mal geändert.

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