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RechtsamWald
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Beitrag von RechtsamWald » 19. Oktober 2017 12:53

Hallo Leute,
ich bin am verzweifeln und bräuchte dringend Rat.
Ich stottere nun seitdem ich 5 bin. Ich kann sagen, dass das Stottern mein ganzes Leben und meinen beruflichen Werdegang negativ beeinflusst hat. Mein Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen sind komplett im Keller. Ich habe damals eine Ausbildung als Tischler gemacht, weil ich mir einen Beruf ausgesucht habe, indem man wenig reden muss.
Heute quäle ich mich jeden Tag aus dem Bett um auf die Arbeit zu fahren, die mir absolut keinen Spaß macht.
Ich habe schonmal vor 3 Jahren mit dem Gedanken gespielt die Fachhochschulreife nachzuholen und studieren zu gehen. Aber die Vorträge und mündliche Prüfungen haben mich davon abgeschreckt.
Ich bin jetzt 28 und habe wieder den selben Gedanken wie vor 3 Jahren. Ich dachte mir, vorher eine weitere Therapie zu machen. Aber je mehr ich mich da reindenke, desto mehr Horrorszenarien male ich mir aus.
Ich weiß nicht mehr was ich tun soll. Aber langsam ertrage ich diese Situation nicht mehr.
Habt ihr einen Rat für mich?

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Torsten
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Re: Beruf

Beitrag von Torsten » 20. Oktober 2017 20:37

Hallo,

und willkommen im Forum. Du wärst nicht der erste Stotterer, der ein Studium absolviert. Das haben vor dir schon viele andere geschafft – warum also solltest du es nicht schaffen?

Du überlegst, ob du eine weitere Therapie machen solltest. Was für Therapien hast du denn schon gemacht, und haben sie dir geholfen?

Ich finde, du solltest die beiden Fragen – Therapie ja oder nein / Studium ja oder nein – nicht miteinander verknüpfen. Wenn du eine Therapie findest, von der du glaubst, dass sie dir helfen kann, dann solltest du sie machen. Und wenn du studieren willst, dann solltest du das anstreben, auch wenn sich an deinem Stottern nichts ändert.

Was für Horrorszenarien kommen dir in den Sinn? Dass dich jemand auslacht? Das ist sehr unwahrscheinlich. Aber natürlich werden Vorträge und mündliche Prüfungen für dich anstrengender sein als für die meisten anderen – da musst du durch. Ich hab mich als Abiturient und Student oft geärgert, wenn ich einen tollen Vortrag erarbeitet hatte und ihn dann nur übelst stotternd halten konnte. Oder wenn ich in der mündlichen Prüfung alles wusste, mich aber extrem anstrengen musste, es herauszubekommen. So ist das eben.

Es gibt bei der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe ein spezielles Projekt „Stottern und Beruf“. Du kannst einfach mal dort anrufen und fragen, ob dich jemand berät – ist kostenlos: 0221-1391106.

Gruß. Torsten
www.stottertheorie.de

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Re: Beruf

Beitrag von Roland Pauli » 22. Oktober 2017 13:29

Hallo RechtsamWald,

mache deine Fachhochschulreife und studiere. Ich hatte mit meinem früheren extrem starken Sottern auch studiert und es hat mich nicht wirklich beeinträchtigt. Wenn du täglich ungern zur Arbeit gehst, wirst du nicht glücklich werden und eine Therapie wird weniger Aussicht haben, als wenn du das Studium als Ziel vor Augen hast. Es gibt auch stotternde Professoren, also pack es an. LG Roland

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PetraS
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Re: Beruf

Beitrag von PetraS » 22. Oktober 2017 18:21

Hallo,
auch von mir noch einmal ein herzliches Willkommen hier im Forum!
RechtsamWald hat geschrieben:
19. Oktober 2017 12:53
Ich habe schonmal vor 3 Jahren mit dem Gedanken gespielt die Fachhochschulreife nachzuholen und studieren zu gehen. Aber die Vorträge und mündliche Prüfungen haben mich davon abgeschreckt.
Ich denke, mal sollte sich durch nichts in der Welt seine Ziele kaputtmachen lassen.
Wir können von Glück reden, dass wir hier in Deutschland den Nachteilsausgleich haben, mit dem du - solltest du dich vor Vorträgen und mündlichen Prüfungen scheuen - eine Ersatzleistung erbringen kannst.
Dies erfordert natürlich deinerseits einen offenen Umgang mit dem Stottern.
Also wenn es eine Hürde für dich ist, dass du mündliche Leistungen erbringen musst (sei es in der Abendschule, sei es später auf der FH), dann brauchst du lediglich mit den Dozenten zu reden, sie sind gesetzlich dazu verpflichtet, dir dieses Recht zu gewähren.
Damit wäre eine Hürde genommen.
RechtsamWald hat geschrieben:
19. Oktober 2017 12:53
Ich bin jetzt 28 und habe wieder den selben Gedanken wie vor 3 Jahren. Ich dachte mir, vorher eine weitere Therapie zu machen. Aber je mehr ich mich da reindenke, desto mehr Horrorszenarien male ich mir aus.
Ich sehe es genau wie Torsten, dass du deine schulische / berufliche Laufbahn nicht von einer Therapie abhängig machen solltest.
Eine Therapie kann aber sehr sinnvoll sein, auch wenn sie dir nur einen besseren Umgang mit dem Stottern beschert.
Vielleicht kombinierst du ja beides, und wenn du durch eine Therapie mehr Sicherheit bekommst, kannst du auch in der Schule / FH dich zunehmend sprachlichen Herausforderungen stellen. So habe ich es bei anderen Stotternden auch erlebt.

Ich rate dir in jedem Fall, eine Form der Intensiv-Gruppentherapie zu wählen, das ist im Erwachsenenalter (auch jüngsten Studien zufolge) die effektivste Form, um am Stottern zu arbeiten. Therapien werden in aller Regel von der Krankenkasse bezahlt, also solltest du dir diesen Luxus gönnen.

Sinnvoll ist es in jedem Falle auch, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen, falls es eine in deiner Nähe gibt. Dort findest du Gleichgesinnte, die ähnliches wie du erlebt haben und vielleicht schon ein Stückchen weiter im Leben sind.
Ich weiß, dass der erste Schritt oft sehr schwer fällt. Aber wenn man erst einmal dabei ist - mit einem geringen Stottern genauso wie mit einem ausgeprägten - dann stellt man fest, dass der Austausch mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen haben, unendlich wertvoll ist.
Ich hoffe, dir ein klein wenig geholfen zu haben.
Gruß
Petra

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Re: Beruf

Beitrag von RechtsamWald » 22. Oktober 2017 21:17

Danke für eure aufmunternden Worte. Es ist alles leichter gesagt als getan.
Es gibt da ein Problem mit der Krankenkasse bezüglich der Kostenübernahme. Da ich Grenzgänger bin und in Luxemburg arbeite, bin ich auch über die luxemburgische KK versichert.
Ich hatte bereits vor einigen Wochen einen Antrag auf Kostenübernahme für eine Therapie gestellt. Diese wurde jedoch abgelehnt.
Könnt ihr mir eine Therapie empfehlen, wo ihr selber schon gute Erfahrungen hattet? Ich dachte da evtl. an Del Ferro in Amsterdam...

Schöne Grüße

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Re: Beruf

Beitrag von PetraS » 23. Oktober 2017 19:34

Hallo,
das mit der Krankenkasse ist natürlich ein Problem.
Aber wenn du bereit bist, Geld hinzulegen, dann würde ich auf keinen Fall mein Geld an Del Ferro geben.
Du findest hier im Forum zahlreiche Beiträge, die das Für und Wider von Del Ferro beleuchten.

Das entscheidende, was mich gegenüber Del Ferro skeptisch macht - nicht aus eigener Erfahrung, aber von Leuten, die ich kenne, und die dort waren - sind folgende Punkte:
  • Die angebliche Ursache des Stottern sei ein flatterndes Zwerchfell (diese Behauptung lässt sich mit keiner wissenschaftlichen Studie vereinbaren)
  • Es wird eindimensional an der Atmung gearbeitet (was einen kurzzeitigen Besserungseffekt nach sich ziehen kann, aber nicht von Dauer ist)
  • Es wird eine Heilung versprochen, ein erneut auftretendes Stottern wird der mangelnden Disziplin des Stotternden angelastet
  • Außerdem weiß ich von einem Teilnehmer unserer SHG, dass Frau Del Ferro nicht zimperlich mit den Leuten umspringt, also sie auch anbrüllt, sie sollen nicht mehr stottern etc...
All dies sind Dinge, die einer fundierten Stottertherapie diametral entgegenstehen.

Wenn du eine glaubwürdige Bezahltherapie anstrebst, würde ich mich nach McGuire erkundigen. Ich kenne mittlerweile eine Reihe von Leuten, die dieses Programm (das aus wiederkehrenden Therapiephasen besteht und eine intensive Nachsorge beinhaltet) durchlaufen haben und sehr, sehr zufrieden mit ihrem Sprechen und der Therapie selbst sind. Dies ist eine persönliche Meinung und stellt keine Empfehlung der BVSS dar.
Aber wenn du Geld in die Hand nehmen musst, dann ist das sicher eine gute Investition in die Zukunft - das versichern mir alle McGuire-Teilnehmer, die ich kenne.
McGuire ist ein Programm VON Stotternden FÜR Stotternde, keiner ist Therapeut, aber die Coaches sind langjährige Teilnehmer, mehr Info findest du hier: viewtopic.php?f=12&t=4315#p26436
Gruß
Petra

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Re: Beruf

Beitrag von RechtsamWald » 24. Oktober 2017 16:19

Hey Petra,
das hört sich interessant an. Ich war eben mal auf der Webseite. Leider ist dort alles auf englisch.

Wird diese Therapie auch deutschsprachig angeboten?

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Re: Beruf

Beitrag von PetraS » 24. Oktober 2017 16:59

Hallo,
diese Therapie wird, soweit ich weiß, immer noch nur auf Englisch angeboten.
Dies hat jedoch den Vorteil, dass man zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt: schlechtes bis mäßiges Englisch aufzupolieren und gleichzeitig etwas gegen sein Stottern zu tun.
Außerdem kommen Menschen unterschiedlichster Nationen zusammen, das heißt es reisen häufig auch Stotternde aus dem Ausland an, und alle bilden eine große Familie. (Ich kenne einige, die diese Zusammenkünfte in den höchsten Tönen loben)
Ich könnte mir auch vorstellen, dass Emmet O'Connell, der die deutsche Sektion leitet, mittlerweile auch bereits Coaches in Deutsch ausgebildet hat, die mit dir die Nachsorge durchführen könnten.
Gruß
Petra

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Re: Beruf

Beitrag von Emmet O'Connell » 24. Oktober 2017 18:08

Hallo,
Emmet O'Connell hier, ich leite das McGuire Programm in Deutschland. Unsere 3-tägigen Intensiv-Kurse sind nach wie vor auf Englisch. Schulenglisch ist hier jedoch völlig ausreichend. Wie Petra schon sagte sind wir ein internationales Programm. Wir haben zahlreiche Teilnehmer, die aus ganz Europa und auch von außerhalb der EU an unseren Kursen teilnehmen. Dieses internationale Flair möchten wir uns auch weiterhin beibehalten, denn das ist etwas was unsere Teilnehmer und auch ich sehr schätzen. Wir haben mittlerweile mehrere deutschsprachige Coaches, die nach den Kursen neue Teilnehmer betreuen. Gern stellen wir hier einen Kontakt her, sodass du weitere Fragen stellen kannst, wenn du möchtest.
Viele Grüße,
Emmet

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Re: Beruf

Beitrag von RechtsamWald » 24. Oktober 2017 19:55

Ich bin mir nicht sicher ob mein Schulenglisch da ausreicht. Ich werde es mir aber überlegen.

Kennt jemand vielleicht noch ähnliche Therapien?

Grüße

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Re: Beruf

Beitrag von PetraS » 25. Oktober 2017 09:16

Hallo,
RechtsamWald hat geschrieben:
24. Oktober 2017 19:55
Kennt jemand vielleicht noch ähnliche Therapien?

Grüße
Mir fällt da Roland Pauli ein, er liest hier in diesem Forum mit und könnte dich genauer beraten. (Er hat dir bereits eine Antwort geschrieben)
Er hat eine Methode entwickelt, die sich ROPANA nennt. Er ist kein Therapeut, dafür aber Stotterer, der mit seiner eigenen Methode sein einstmals schweres Stottern in den Griff bekommen hat und anderen Leuten hilft.
Du findest auch unter dem Begriff ROPANA einige Artikel hier im Forum, kannst aber auch im Internet recherchieren.
Gruß
Petra

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Re: Beruf

Beitrag von RechtsamWald » 25. Oktober 2017 16:49

Gibt es eine Therapie, wo unter anderem das Selbstbewusstsein aufgebaut wird? Wo man z. B. Vorträge vor fremden Leuten hält und sich seinen Ängsten stellen muss oder ähnliches?

Denn ich denke Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen ist der Schlüssel zum Erfolg.

Schöne Grüße

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Re: Beruf

Beitrag von PetraS » 25. Oktober 2017 20:01

Alle seriösen Therapien beziehen auch das Selbstvertrauen mit ein. Aber Selbstvertrauen kannst du auch in einer Selbsthilfegruppe wunderbar aufbauen. Bei der BVSS wird man dir sagen, wo die nächste für dich erreichbare Gruppe ist. SHG‘s sind in aller Regel kostenlos und ich kenne viele Leute, die nach zahlreichen erfolglosen Therapien ihre wahren Fortschritte in der Selbsthilfe gemacht haben.

annika
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Re: Beruf

Beitrag von annika » 25. Oktober 2017 20:31

Hallo RechtsamWald,
RechtsamWald hat geschrieben:
25. Oktober 2017 16:49
Denn ich denke Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen ist der Schlüssel zum Erfolg.
Das sehe ich genauso. Aber dafür bedarf es eigentlich keiner Therapie. Letztendlich ist jede Situation, die du aktiv suchst und in der du dich damit konfrontierst, vor fremden Menschen zu sprechen, ein Training für dein Selbstwertgefühl. Allein schon die Bereitschaft, dich deiner Angst zu stellen und den Schritt in unvertraute Situationen zu wagen, wird dich stolz machen. Und unabhängig davon, wie erfolgreich genau du in einer Sprechsituation warst, wirst du mutiger werden.

Auch ich plädiere dafür, dass du deinem Ruf nach einem Studium folgen solltest. Es besteht zwar durchaus die Möglichkeit, dass du während des Studiums stottern wirst, aber dann machst du das wenigstens bei einer Tätigkeit, die dir Freude macht. Ich selbst habe auch jahrelang den Fehler gemacht, einen Beruf anzustreben, bei dem ich „möglichst wenig reden muss“. Dabei bin ich ein kommunikationsfreudiger und geselliger Mensch. Es ging mir nicht gut dabei. Und auch beim Studium gab es durchaus einige, die mit meiner damals noch sehr starken Symptomatik nicht zurechtkamen und mich deshalb mieden. Es gab Situationen, die mich stark gefordert haben. Die Namen der Spötter habe ich allerdings inzwischen vergessen. Die Freunde und mein Diplom jedoch sind geblieben.

Kopf hoch und Brust raus! Es gibt so viele „Normalsprecher“ auf dieser Welt, die herzlich wenig zu sagen haben. Lass dich nicht von anderen beurteilen!

Ich wünsche Dir den Mut, Dich herauszufordern!

LG,
Annika

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