Stottern im Vorstellungsgespräch/ Beruf

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ravensburg_m25
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Stottern im Vorstellungsgespräch/ Beruf

Beitrag von ravensburg_m25 » 15. Dezember 2009 23:51

Hallo Leute,

weiß einer von euch ob es Pflicht ist bevor ein Arbeitsverhältnis zustande kommt, dass man sein Stottern angeben muss, auch wenn es bei einem Vorstellungsgespräch nicht aufallen würde?
Weil ich berwerbe mich gerade für eine Stelle als Ingeniuer und habe Angst, dass jetzt alles klatt läuft, die mich einstellen, aber dass dann später bei einem vortrag oder so mal rauskommt dass ich stottere, ob der Vertrag dann gekündigt werden darf, da ich das vorenthalten habe.

Des Weiteren würde mich interessieren, wie eure Erfahrungen im Job sind. Ich wollte immer Karierre machen. Aber wie geht das, wenn man bei Vorträgen Teamsitzungen Probleme und Hemmungen hat seine Meinung durchzusetzen. Man wird doch voll schwer akzeptiert, seis von Mitarbeitern oder Kunden?

Danke für eure Antworten :D

Gruss Markus

2412

Re: Stottern im Vorstellungsgespräch/ Beruf

Beitrag von 2412 » 16. Dezember 2009 02:40

Hallo Markus,

dein Anliegen umfasst zwei Seiten: die rechtliche und die therapeutische.

Rechtlich: Natürlich kannst du Stottern verschweigen. Es gibt kein Gesetz, das dich dazu zwingt. Und wo kämen wir denn hin, wenn man Stotterer entlassen könnte, aufgrund ihres Stotterns? Abgesehen davon, dass das neue Antidiskriminierungsgesetz das verbietet, würde kein halbwegs normaler Arbeitgeber jemanden kündigen, bloß, weil er stottert. Jedes Arbeitsgericht kassiert so eine Kündigung ruck-zuck.

Therapeutisch: Deine Ausführungen lassen darauf hindeuten, dass du dich niemals mit deinem Stottern auseinander gesetzt hast. Du empfindest Stottern als ein Kainsmal, etwas das du auf Gedeih und Verderb verstecken musst, da die Menschen sich sonst von dir abwenden und du schlimmstenfalls um einen Job gebracht wird. Lüge ist immer der schlechteste Ratgeber, so auch hier. Dein Stottern ist bestimmt recht mild, so dass du es mit den allseits bekannten Tricks einigermaßen gut verstecken kannst und dich so durchs Leben lavierst. Wie alle Lügen wird auch diese irgendwann fallen. Natürlich werden deine Kollegen und Chefs irgendwann merken, dass du Stotterer bist. Das wird für dich zwar keine arbeitsrechtlichen Konsequenzen, aber womöglich doch menschliche und karrierebezogene haben. Die könnten sich denken: "Er versucht es ja immer zu verstecken, kann also damit nicht umgehen, spricht nie mit uns darüber, ist labil und für höhere Aufgaben kaum geeignet."

Es ist nicht schlimm, eine Schwäche zu haben. Die hat jeder Mensch. Schlimm ist es, sie nicht einzugestehen. Nur, wenn du von vornherein die Flucht nach vorne antrittst, wenn du beim Bewerbungsgespräch sagst, dass du Stotterer bist, damit offen umgehen kannst und trotz dessen sehr kommunikativ bist, verschaffst du dir Respekt und punktest. Andernfalls wird dieses Geheimnis auf deiner Seele wie ein Stein lasten, tagtäglich mit der Angst in die Arbeit gehend, enttarnt und durchschaut zu werden. Karriere machen nur jene, die zu ihren Schwächen stehen und dadurch aus ihnen Stärken machen.

Apropos Karriere in der Ingenieurbranche als Stotterer: Der Leiter meiner Selbsthilfegruppe ist Elektroingenieur in einer Führungsposition eines großen Energiekonzerns. Der erzählt jedem, dem er begegnet, dass er stottert und wird von Arbeitskollegen hoch geschätzt. Der Landesvorsitzende der BVSS meines Bundeslandes ist Konstrukteur in einem großen deutschen Unternehmen, ebenfalls in Führungsposition und geht ebenfalls sehr offen mit seinem Handicap um.
Du siehst also, nicht das Stottern verhindert Karriereträume, sondern der eigene Umgang damit.

Ich würde dir also raten, eine Therapie zu absolvieren, die auf Desensibilisierung ausgelegt ist. Eine sehr empfehlenswerte ist jene, die von den sog. Stotterpäpsten Rauschan/Welsch angeboten wird: http://www.intervalltherapie.de/konfrontation.html
Die Kasse übernimmt alle Kosten.

Grüße,
Jonny

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Re: Stottern im Vorstellungsgespräch/ Beruf

Beitrag von SummerWalker » 18. Dezember 2009 09:29

Hallo Markus,

erst mal: keine Panik! Wenn dein Stottern so leicht ist, dass es bei einem Vorstellungsgespräch vielleicht gar nicht auffällt, dann bist doch schon mal in einer ganz guten Ausgangsposition.

Zur rechtlichen Situation: Du müsstest dein Stottern nur angeben, wenn du einen Behindertenausweis hättest. Ansonsten ist es die Aufgabe des Personalchefs, sich während des Vorstellungsgespräches ein Bild über deine Stärken und deine Schwächen so machen. Wenn er von deinem Stottern nichts merkt, ist das erst mal nicht dein Problem, und dein Arbeitgeber kann dir nur aufgrund des Stotterns nicht kündigen.

Soweit die Theorie. In der Praxis gibt es allerdings einen kleinen Haken, der sich "Probezeit" nennt. In dieser Zeit wird dein Arbeitgeber natürlich versuchen, sich ein möglichst realistisches Bild von dir zu machen, insbesondere auch von deinem Verhalten in schwierigeren Situation oder unter Stress. Auch das ist kein Grund zur Panik, es ist völlig normal, dass man als Neuling Fehler macht, und über solche Fehler sieht auch jeder Arbeitgeber hinweg, wenn du im Großen und Ganzen gute Arbeit leistest. ABER: Wenn dein Arbeitgeber im Verlauf der Probezeit dein Stottern als Problem erkennt, und sich irgendwie hintergangen fühlt, dann wird er auch Wege finden, um dich doch irgendwie rauszukicken. Entweder, indem er dir wirklich am Ende der Probezeit sämtliche fachlichen Fehler vorhält (bei denen er sonst beide Augen zugedrückt hätte), oder indem er dir einfach attestiert, dass dir die "exzellenten Kommunikationsfähigkeiten", die in der Stellenausschreibung gefordert waren, fehlen. Gleiches kann dir natürlich auch passieren, wenn du dein Stottern verstecken willst und daher soweit wie möglich jegliche Kommunikation vermeidest...

Daher meine Empfehlung für das Vorstellungsgespräch: Offensiver Umgang mit dem Stottern! Wenn dein Gesprächspartner im Vorstellungsgespräch etwas davon gemerkt hat, wird er es ohnehin von sich aus ansprechen (jedenfalls, wenn er an dir ernsthaft interessiert ist) - in diesem Fall solltest du auch bereitwillig Auskunft geben und nicht ausweichen. Falls er nichts gemerkt hat, dann sprich du das Thema an - vor allem kannst du jetzt nämlich auch das Top-Argument bringen, dass du gerade in Stress-Situationen weniger stotterst (denn speziell das Vorstellungsgespräch ist ja eine solche Situation). Auf jeden Fall weiß danach dein Arbeitgeber Bescheid und kann dir nicht mehr vorwerfen, ihn nicht informiert zu haben.

Was Meetings und Vorträge angeht: Ich würde dir als wichtigsten Tip empfehlen, dich gut vorzubereiten. D.h. bei Meetings dir also vorher zu überlegen, welche Fragen du stellen möchtest und welche dir gestellt werden können, oder wie du auf mögliche Kritik reagierst. Und Vorträge sollte man immer daheim üben, und zwar unter möglichst "realistischen" Bedingungen: d.h. auf die Zeit achten, während des Probe-Vortrags alle Störungen wie Telefon aus dem Zimmer verbannen, und im Idealfall auch mit Zuhörern (ein erfahrener Kollege, die Partnerin, oder notfalls auch einfach das eigene Spiegelbild oder das Lieblings-Stofftier. Auch mit den zwei letzteren kann man hervorragend den Blickkontakt trainieren :) )

Viel Erfolg! Du schaffst das schon!

Viele Grüße
SummerWalker

P.S. Ich selbst bin übrigens Informatiker und als Consultant im IT-Bereich tätig, überwiegend vor Ort in Projekten bei unseren Kunden. Bisher haben alle nur meine hervorragende Arbeit gelobt; über mein Stottern beschwert hat sich noch keiner. (Vor 10 Jahren, nach meinem Studium, hätte ich mir übrigens NIEMALS zugetraut, dass ich jemals so etwas machen könnte. Man kann also auch ganz hervorragend mit der Zeit in seine Aufgaben hereinwachsen...)
Now I'm still here with the eyes of a child - the wonder never grows old. (Runrig)

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Re: Stottern im Vorstellungsgespräch/ Beruf

Beitrag von Jaspis » 18. Dezember 2009 14:24

Hallo Markus,
SummerWalker und JonnyHell haben schon fast alles gesagt, aus meinen Erfahrungen heraus, ich arbeite auch als Ingenieurin, möchte ich aber noch folgendes ergänzen:
Man sollte sich mit einem "Outing" in einem Vorstellungsgespräch nicht unter Druck setzen. Sogar der selbst stotternde Bewerbungstrainer Stephan Hansen (http://www.bewerbungstraining24.de , s.a. Handicap&Beruf) schlägt leicht Stotternden nicht unbedingt vor, das Stottern zum Thema in einem Vorstellungsschreiben bzw. -gespräch zu machen.
Denn, wenn man es anspricht, muß man mit Gegenfragen rechnen. Für mich ergab sich dadurch mal ein Eigentor, als der Personaler auf mein Statement "Ich stottere" antwortete "Ach, meine Frau ist Logopädin, damit kenne ich mich aus. Welche Therapie haben Sie denn gemacht?" Damals hatte ich mich überhaupt nicht auf mögliche Fragen vorbereitet und saß entsprechend bedröpfelt da, was sich auch auf das weitere Gespräch auswirkte.

Wenn man stärker und auffälliger stottert, macht es natürlich schon Sinn, es auch gleich zu erklären.
Ich denke, wichtiger sind aber die fachlichen Qualifikationen bei einem Bewerber. Wenn man sich da sicher ist, kann man sich ja auch noch auf stotterspezifische Erklärungen vorbereiten, aber nicht umgekehrt.

In meiner Firma ist es auch so, dass geeignete Kandidaten 2x eingeladen werden, das erste Gespräch dient eher dem Kennenlernen und wird hauptsächlich von der Personalabteilung geführt, erst beim 2.Gespräch geht es wirklich detailiert um die zukünftige Arbeit. Ich denke, in so einem ersten Gespräch muß man sich noch nicht vollständig "offenbaren".
In ein 2.Gespräch mit den wirklich zukünftigen Vorgesetzten passen persönlichere Themen wie das Stottern schon eher rein. Denn dann sollte sich wirklich klären, ob man zueinander paßt.

Als Bewerber fühlt man sich ja immer eher in einer Bittstellerposition und verspührt eine gewisse Bringschuld, sich auch ja gut und auch noch ehrlich zu präsentieren. Aber - man sollte dabei nicht vergessen, dass eine Firma, die ein Bewerbungsprozedere durchführt, wirklich dringend Fachleute sucht. Und dass es dabei neben guten fachlichen Fähigkeiten auch sehr darum geht, ob jemand Neues in ein Team reinpaßt. Ob man mit ihr/ihm gut zusammenarbeiten kann, die/der Neue schnell zu einer Unterstützung werden kann. Ob man Dinge selbst gut erklären kann (gute Skizzen, klare Flow Charts!) und ob man sich Dinge erklären lassen kann (kann man Hinweise, auch mal Kritik annehmen?).
Ob man halbwegs flüssig sprechen kann und retorisch was drauf hat, spielt auch eine Rolle, sicher, aber eben nicht die wichtigste im Ingenieurbereich. Auch für einen Chef nicht!
Deshalb denke ich, Erwähnen des Stotterns im Vorstellungsgespräch - Ja, wenn es paßt, für einen selbst und in das Gespräch. Aber keinen übertriebenen Fokus darauf, das Fachliche und der Gesamteindruck, besonders beim ersten Gespräch, sind wichtiger!

Gruß, Karen

P.S.: Apropos Fachkräftebedarf: Eine Firma in der Nähe Frankfurt a.M. sucht eine/n Ingenieur/in der Technischen Informatik oder Elektrotechnik für hardwarenahe Softwareentwicklung (in C) in der elektrischen Antriebstechnik. Bei Interesse bitte PN an mich! ;-)

Marco.WS
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Erfahrungen mit Zeitarbeitsfirmen

Beitrag von Marco.WS » 18. Dezember 2009 18:14

Vor vielen Jahren (als ich noch stärker gestottert habe als heute) hatte ich mich mal bei einer Zeitarbeitsfirma vorgestellt. Der Firmeninhaber sprach mich sofort auf mein Stottern an. Er sähe das Problem, dass ich mich "vernünftig vorstellen" müsste, wenn er mich irgendwo zu einem Kunden schickt. Das könnte ich ja mit meinem Stottern gar nicht.

Außerdem würde er grundsätzlich keine Schwerbehinderten einstellen, denn gegenüber Schwerbehinderten hätte er eine besondere Fürsorgepflicht. Diese Fürsorgepflicht könnte er als Arbeitgeber gar nicht wahrnehmen, da er mich ständig irgendwo anders hinschicken müsste und gar nicht kontrollieren könnte, zu welchen Bedingungen ich dort eingesetzt werde. Nach knapp fünf Minuten war das Gespräch vorbei und ich wurde wieder nach Hause geschickt. Was ich über mich zu erzählen hatte, hat den Firmeninhaber gar nicht interessiert. Das einzig Positive: Der Mann war wengistens ehrlich! Trotzdem war es eine ziemlich verletztende Form von Ehrlichkeit.

Hat jemand ähnliche Erfahrungen mit Zeitarbeitsfirmen gemacht? Müsste man sich so etwas heute in Zeiten des Antidiskrimierungesgesetzes überhaupt noch gefallen lassen? Ich habe mir jedenfalls geschworen, dass ich mit Zeitarbeitsfirmen heute nichts mehr zu tun haben möchte. Auch nicht, falls ich - was nicht hoffe - noch einmal arbeitslos werden sollte.

2412

Re: Stottern im Vorstellungsgespräch/ Beruf

Beitrag von 2412 » 18. Dezember 2009 18:18

Hallo SummerWalker,

erlaube mir auf einen Schönheitsfehler an deinem ansonsten hervorragenden Beitrag hinzuweisen:
SummerWalker hat geschrieben: Zur rechtlichen Situation: Du müsstest dein Stottern nur angeben, wenn du einen Behindertenausweis hättest.
Dies ist eine urban legend, die sich leider hartnäckig hält und viele Stotterer davon abhält, sich einen Behindertenausweis ausstellen zu lassen.

Tatsache ist, dass die Frage des Arbeitsgebers nach einem Schwerbehindertenausweis nach Auffassung der Fachliteratur und der obergerichtlichen Rechtsprechung rechtswidrig ist und daher auch dann ohne Rechtsfolgen verneint werden darf, wenn eine Schwerbehinderung vorliegt (sog. "Recht auf Lüge" im Arbeitsrecht).


Der Bewerbungstrainer Stephan Hansen rät übrigens dazu, ausschließlich im Anschreiben zwischen starker und milder Stottersymptomatik zu differenzieren. Im Vorstellungsgespräch hingegen empfiehlt er allen Stotterern, das Handicap offen und offensiv anzusprechen.

@ Marco.WS: Nach Inkrafttreten des neuen AGG würde den besagten Chef der Zeitarbeitsfirma jedes deutsche Arbeitsgericht zu einer saftigen Schadensersatzzahlung verurteilen.

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Re: Stottern im Vorstellungsgespräch/ Beruf

Beitrag von Jaspis » 18. Dezember 2009 20:33

JonnyHell hat geschrieben:Der Bewerbungstrainer Stephan Hansen rät übrigens ... Im Vorstellungsgespräch hingegen empfiehlt er allen Stotterern, das Handicap offen und offensiv anzusprechen.
Ja, wenn man das schon kann, sein Hanicap offen und offensiv anzusprechen, dann sollte man es tut, keine Frage. Dann wird man es auch tun, eben weil man schon soweit ist.
Wenn man aber noch wenig darin geübt ist, mit Fremden über sein Stottern zu sprechen (und das betrifft oft "leichte" Stotterer, auch weil sie sich selten erklären müssen), dann sollte man vielleicht nicht gerade beim Vorstellungsgespräch damit beginnen.
Wenn man den Job dann erst mal bekommen hat, kann das auch sehr motivierend wirken, sich nun endlich mehr mit seinem Stottern zu beschäftigen und unter echten Praxisbedingungen ("Learning by Job" ;-)) daran zu arbeiten.
Gruß, Karen

Marco.WS
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Stottern und Beruf

Beitrag von Marco.WS » 19. Januar 2010 17:41

JonnyHell hat geschrieben:Marco hat meine Ansicht im Wesentlichen bereits ausgeführt, auch wenn ich die Beeinträchtigungen, die aus dem Stottern resultieren, nicht so weit fassen würde. Ich teile etwa seinen Aspekt nicht, dass Stotternde für bestimmte Berufe ungeeignet seien. Mir fällt wirklich kein Beruf ein, auf den dies zuträfe.
Das kommt natürlich immer darauf an, wie gut jemand seine Symptomatik im Griff hat, aber könntest du dir einen stotternden Nachrichtensprecher vorstellen? Einen stotternden Polizeibeamten? Einen stotternden Grundschullehrer? Einen stotternden Simultan-Dolmetscher oder einen stotternden Telefonberater an der Kunden-Hotline?

Ich nicht!

Jeder Mensch hat seine Einschränkungen, und für jeden gibt es Berufe, für die er aus irgendwelchen Gründen nicht geeignet ist. Warum sollte das ausgerechnet für Stotterer anders sein? Ich bin auch nicht dafür, dass man Stotternde von vornherein in Berufe abschiebt, in denen das Sprechen (angeblich) keine Rolle spielt. Jeder soll einen Beruf ausüben, der seiner Qualifikation und seinem Intellekt entspricht, jeder soll sich und seine Neigungen verwirklichen, so gut es geht. Aber immer im Rahmen des Möglichen. Wer unrealistischen Zeilen nachjagt, tut sich keinen Gefallen.

Nimm es bitte nicht persönlich, Jonny, aber dieses trotzige: "Wir können grundsätzlich alles, was Nicht-Stotternde auch können!", was man aus der Szene immer wieder hört, hat für mich nichts mit echtem Selbstbewusstsein zu tun, sondern mit kindlich-naiver Selbstüberschätzung. Einen jungen Rollstuhlfahrer, der unbedingt Dachdecker werden will, würde man mit diesem Wunsch wohl auch nicht ernst nehmen, sondern ihm helfen, nach realistischen Alternativen zu suchen.

2412

Re: Ist Psychotherapie wirklich machtlos?

Beitrag von 2412 » 19. Januar 2010 18:12

Hallo Marco,

ich habe vor einigen Jahren auch so gedacht wie du. Einige Jahre und hunderte Stotterer später kann ich nur sagen: Das stimmt weitestgehend nicht. Natürlich gibt es stotternde Grundschullehrer und stotternde Polizeibeamte - en mass. Ich habe zB im Sommer beim Treffen junger europäischer Stotterer in England einen dänischen Grundschullehrer kennengelernt, der sehr stark stottert. Er wurde von seinen Kollegen (!) zum Pressesprecher der Schule gewählt und hatte noch nie Probleme mit Eltern oder Schülern. In Deutschland existiert auch gar keine Handhabe, stotternde Lehrer zu verhindern. Wer Lehramt erfolgreich studiert und mit einer bestimmten Mindestnote abschließt, muss eingestellt werden. Ich habe in meiner Selbsthilfegruppe auch eine, die Lehramt studiert. Ich selbst gebe seit Jahren Nachhilfe in drei Fächern und musste mich schon vielen Vorstellungsgesprächen in kommerziellen Nachhilfezentren, aber auch privat bei Eltern stellen - ich habe noch nie eine Absage bekommen. Es gibt viele stotternde Lehramtsstudenten (besuche doch mal einen Bundeskongress der BVSS). Gleiches gilt für Polizeibeamte (hier fällt sogar die Mindestnote weg). Ich habe an meiner Uni einen schwer stotternden Mathe-Professor und ein guter Freund von mir, der Informatik in Aachen studiert, hat einen stotternden Informatik-Professor. Während meines Gerichtspraktikums erzählte mir ein Staatsanwalt von einem bekannten stotternden Richter in Baden-Württemberg und das frisch gewählte Vorstandsmitglied der Grünen (hier bei seiner Bewerbung vor gefülltem Saal) ist ebenfalls Stotterer:


Natürlich sind Tagesschau-Sprecher und Simultan-Dolmetscher Extremfälle, aber gleichzeitig Berufe, die auch für 99% der Normalsprechenden versperrt bleiben.

Marco.WS
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Re: Ist Psychotherapie wirklich machtlos?

Beitrag von Marco.WS » 19. Januar 2010 18:43

Hallo Jonny,

es mag ja sein, dass es immer auch Extrembeispiele gibt, wo jemand als Stotterer ein berufliches Ziel erreicht hat, das man ihm normalerweise nicht zugetraut hätte. Ich bin aber sicher, dass das die absoluten Ausnahmefälle sind, die du hier präsentiert, die mit Sicherheit nicht auf den "Durchschnittsstotterer" zu übertragen sind.

Die Frage ist doch: Warum sollte man sich als Stotterer ausgerechnet in Berufen profilieren, in denen das Sprechen übermäßig stark m Vordergrund steht? Das wäre doch nicht nur für mich, sondern auch für die Mitmenschen nur eine unnötige Belastung. Wenn ich z. B. weiß, dass ich große Schwierigkeiten habe beim Telefonieren, warum soll ich mich dann ausgerechnet in einem Call-Center bewerben? Oder als telefonischer Kundenberater? Ganz davon abgesehen, dass man mich in derartigen Berufen sowieo nicht einstellen würde: Es wäre doch für mich und für meine Gesprächspartner am Telefon nur eine unnötige Qual.

Ich habe absolutes Verständnis dafür, das man auch als Stotterer so normal und so uneingeschränkt wie möglich leben möchte. Das möchte ich ja auch. Glücklich und zufrieden kann man aber nur werden, wenn man seine Grenzen kennt und im Einklang mit diesen Grenzen lebt. Das bedeutet für uns als Stotterer: Berufe,in denen die Sprechfähigkeit von überdurchscnnittlicher Bedeutung ist, sollte man - im eigenen Interesse - lieber meiden. Es gibt andere Möglichkeiten sich zu profilieren als ausgerechnet über die Sprache.

2412

Re: Ist Psychotherapie wirklich machtlos?

Beitrag von 2412 » 21. Januar 2010 22:26

Marco.WS hat geschrieben:Hallo Jonny,

es mag ja sein, dass es immer auch Extrembeispiele gibt, wo jemand als Stotterer ein berufliches Ziel erreicht hat, das man ihm normalerweise nicht zugetraut hätte. Ich bin aber sicher, dass das die absoluten Ausnahmefälle sind, die du hier präsentiert, die mit Sicherheit nicht auf den "Durchschnittsstotterer" zu übertragen sind.
Was ist denn der Durchschnittsstotterer deiner Meinung nach? Müllmann? Hartz4-Empfänger? Page?

Ich habe in meinem Leben mehrere hundert (wenn nicht gar mehr) Stotterer kennengelernt und sicherlich weit über 70% waren/sind Akademiker. Wenn du mir das nicht glaubst, empfehle ich dir, den Bundeskongress diesen Herbst in Berlin zu besuchen und dich mal selbst ins Getümmel zu stürzen.
Marco.WS hat geschrieben:Die Frage ist doch: Warum sollte man sich als Stotterer ausgerechnet in Berufen profilieren, in denen das Sprechen übermäßig stark m Vordergrund steht?
Das ist für mich nicht die Frage. Vielmehr sollte man sich durch das Stottern nicht in seiner Berufswahl beeinflussen lassen. Man sollte den Beruf ausüben, den man auch ohne Stottern ausgeübt hätte. Warum sollte ein Jura-Student mit hervorragenden Staatsexamina nicht Richter werden können? Warum sollte jemand, der seine Schulzeit gerne Nachhilfe gibt, nicht Lehrer werden sollen? Es ist doch nicht so, dass Stotterer in bestimmte Sprechberufe drängen, weil sie stottern, sondern, weil sie etwas machen wollen, das ihrer Eignung entspricht trotz des Handicaps.

Marco.WS hat geschrieben:Berufe,in denen die Sprechfähigkeit von überdurchscnnittlicher Bedeutung ist, sollte man - im eigenen Interesse - lieber meiden. Es gibt andere Möglichkeiten sich zu profilieren als ausgerechnet über die Sprache.
Kommunikation spielt in fast allen Berufen eine wichtige Rolle. Ich stimme dir zu, dass Stotterer nicht Call-Center-Agents, Tagesschausprecher oder Synchron-Übersetzer werden sollten. Aber gerade bei Lehrern, Polizisten etc. bin ich ganz anderer Meinung. Man sollte da differenzieren.

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