Absage nach Vorstellungsgespräch wegen Stottern

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darrt
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Absage nach Vorstellungsgespräch wegen Stottern

Beitrag von darrt » 27. Februar 2011 10:09

Hallo, als neuer User, aber nicht neuer Leser, in diesem Forum habe ich mal eine Frage an Euch alle.
Die Frage richtet sich mehr an Eure persönliche Einschätzung, wen aber jemand eine (unverbindliche) juristische Einschätzung geben möchte, so ist auch diese herzlich willkommen.

Zum Sachverhalt:
Ich habe seit rund 45 Jahren eine Behinderung im Redefluss (Stottern). Ich habe seit über 30 Jahren einen MdE von 30%, bin nicht gleichgestellt, ergo auch keinen Schwerbehindertenausweis.
Vor wenigen Tagen hatte ich aufgrund meiner Bewerbung als Arbeitsvermittler ein Vorstellungsgespräch (öffentlicher Arbeitgeber).
Ich habe in den letzten beiden Jahren bereits erfolgreich in diesem Bereich gearbeitet, davon etwa 13 Monate als Arbeitsvermittler und die restliche
Zeit als Dozent in Maßnahmen für arbeitslose Menschen.
Eine Beeinträchtigung meiner fachlichen Leistungen und persönlichen Akzeptanz seitens der Vorgesetzten und/oderTeilnehmer durch mein Stottern war zu keiner Zeit gegeben.
Auch habe ich im Laufe meiner beruflichen Laufbahn bereits über 15 Jahre Führungs- und Schulungserfahrung gesammelt.

Bereits wenige Stunden nach diesem Gespräch, erhielt ich per Email die schriftliche Absage. Hierzu das Original-Zitat des Geschäftsführers:

"Leider haben uns andere Bewerber/innen mehr überzeugt, insbesondere waren diese .......... kommunikationsstärker."

Das Gespräch verlief sehr positiv und meine fachliche Eignung wurde mir im Gespräch ausdrücklich bestätigt und so beziehe ich die Absage,
insbesondere die Formulierung „kommunikationsstärker“ auf meine Behinderung.

Was haltet Ihr davon ?

schon mal vorab ein herzliches DANKE für Eure Antworten.
Dieter

---***---
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Re: Absage nach Vorstellungsgespräch wegen Stottern

Beitrag von ---***--- » 27. Februar 2011 14:22

Hallo Dieter, herzlich willkommen!
Eine Absage ist natürlich immer bitter, bitter auch, wenn Stottern eine Rolle gespielt hat oder das nicht auszuschließen ist.

Wie hast Du Stottern im Interview angesprochen? Habt Ihr über Stottern gesprochen?
Ich denke, man muss die Arbeitgeber/Entscheider aktiv überzeugen, dass Stottern kein Handicap ist, sondern eher eine Ressource. Wobei ich sicher nicht behaupten möchte, dass ein stotternder Bewerber es völlig in der Hand hat, ob das gelingt.

Eigenartig finde ich, wie schnell die Absage gekommen ist, eigenartige Begründung und dann noch per Mail.
Ich würde Deinen Verdacht erstmal teilen, dass mit "Kommunikationsschwäche" Stottern gemeint ist.

Welche Möglichkeiten hast Du?
- direkt nachfragen, was man als "Kommunikationsschwäche" gesehen hat (uU ein hilfreiches Feedback, vielleicht Material für eine juristische Auseinandersetzung)
falls Stottern als Grund genannt wird
- aufklären, dezent auf Benachteiligung hinweisen (kommunikationsstark!), sich die Tür offen halten, um ein weiteres Gespräch bitten, um das mit dem Stottern klarzustellen (hängt davon ab, ob es dort weitere Arbeitsmöglichkeiten für Dich gibt, würde Stotternden insgesamt helfen)
- Klage einreichen; kostet Zeit, Energie, Geld, könnte erfolgreich sein, mE, würde Dir aber die Stelle nicht einbringen, oder?
- alles unter "Erfahrung" verbuchen und rasch zu neuen Herausforderungen weitergehen; nicht an einer möglichen Kränkung festhalten, man weiß nie, wofür eine Absage gut ist

Viel Kraft, Freude und Erfolg!

darrt
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Re: Absage nach Vorstellungsgespräch wegen Stottern

Beitrag von darrt » 27. Februar 2011 14:41

Hallo und Danke für Deine ausführliche Antwort.

Ich habe das Thema Stottern kurz zu Beginn des Gespräches angesprochen, und auf die bisherige Resonanz seitens der "Kunden" verwiesen.
Das wurde mit einem kurzen "Ja" quittiert und ich bin davon ausgegangen, auch akzeptiert.
Eigenartig finde ich, wie schnell die Absage gekommen ist, eigenartige Begründung und dann noch per Mail.
Ich würde Deinen Verdacht erstmal teilen, dass mit "Kommunikationsschwäche" Stottern gemeint ist.
Genau diese Punkte (Formulierung und Umgang mit den Dingen) sind mir auch aufgestossen.
:G Man könnte die Frage nach "Kommunikationsstärke" an dieser Stelle auch dem Verfasser der Mail stellen. :wink:
Welche Möglichkeiten hast Du?
- direkt nachfragen, was man als "Kommunikationsschwäche" gesehen hat (uU ein hilfreiches Feedback, vielleicht Material für eine juristische Auseinandersetzung)
falls Stottern als Grund genannt wird
- aufklären, dezent auf Benachteiligung hinweisen (kommunikationsstark!), sich die Tür offen halten, um ein weiteres Gespräch bitten, um das mit dem Stottern klarzustellen (hängt davon ab, ob es dort weitere Arbeitsmöglichkeiten für Dich gibt, würde Stotternden insgesamt helfen)
- Klage einreichen; kostet Zeit, Energie, Geld, könnte erfolgreich sein, mE, würde Dir aber die Stelle nicht einbringen, oder?
- alles unter "Erfahrung" verbuchen und rasch zu neuen Herausforderungen weitergehen; nicht an einer möglichen Kränkung festhalten, man weiß nie, wofür eine Absage gut ist
Die Stelle wird es mir ganz sicher nicht einbringen, und ehrlich gesagt denke ich nicht dass ich mir das antuen würde.
Juristische Schritte .... naja, so ganz hab ich das noch nicht durchdacht.
Grundsätzlich sind die Erfolgschancen in Prozessen rund um das AGG (Allgemeiner Gleichheits Grundsatz) für die Kläger sehr gut, aber für die Entscheidung ob ich mir das antue brauch noch was.
Also wenn ich den Klageweg beschreiten würde, kann es nur darum gehen den Verantwortlichen incl. Ihren Vorgesetzten die Grenzen aufzuzeigen.
Die mögliche finanzielle Entschädigung (Schadensersatz und Schmerzensgeld) spielen für mich keine Rolle!

Gruß Dieter

F.J.Neffe
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Konditionierungen

Beitrag von F.J.Neffe » 6. Juli 2011 11:09

Es ist doch ganz normal, dass jemand ja oder nein zuerst einmal aufgrund seiner eigenen persönlichen Befindlichkeit sagt und nicht aufgrund Deiner persönlichen Befindlichkeit. Warum also machst Du Dir ein Problem aus seinem Problem?
Ihm haben in seiner Befindlichlichkeit andere besser gefallen.
Warum konditionierst Du das an "Deine Behinderung"? Du könntest auch Deine Augen- oder Haarfarbe, Dein Hemd, Deine Plattfüße oder Dein Lächeln dafür verantwortlich machen. Mein alter Musikdozent, bei dem ich die Lehrerprüfung ablegte, gestand mir einmal: "Da sitzt einer in meinem Seminar, der grinst immer so, dass ich ihm ständig in die Fresse hauen möchte. Ich weiß, dass er nichts dafür kann, aber dieses Grinsen reizt mich so." Was wissen wir schon über die Konditionierungen und Abhängigkeiten in anderen Menschen? Und obwohl wir nichts wissen, beziehen wir ihre Entscheidungen auf uns? Und schaffen so neue Konditionierungen in uns.
Wenn Du künstig kommunikationsstärker sein willst, dann werde schwächer und lass Dein Gegenüber öfter gewinnen! Gerade in gehobenen Positionen treffen wir oft auf Menschen, die eher über ein gesenktes Niveau ihrer sensiblen Talente & Kräfte verfügen und sich gar nicht wohl fühlen, wenn wir es besser machen als sie.
Wir dürfen es besser machen als sie - mit ihren vernachlässigten Kräften.
Guten Erfolg!
Franz Josef Neffe
[i]"Nicht der Wille ist der Antrieb unseres Handelns sondern die Vorstellungskraft." [/i] Émile Coué

darrt
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Re: Absage nach Vorstellungsgespräch wegen Stottern

Beitrag von darrt » 8. Juli 2011 13:48

Erstmal Danke für Deine Meinung.
Die aber gleichzeitig nie meine Meinung werden kann, einfach erschreckend was man mit einer solchen Argumentation alles rechtfertigen könnte.

In beruflichen Auswahlverfahren, über die wir hier ausschließlich reden, besteht der Anspruch das vorrangig eine fach- und sachbezogene Beurteilung der Bewerber erfolgt.
Da dies auch nur durch Menschen geschieht bleibt trotz aller fachlichen und damit objektiven Kriterien immer auch eine subjektive Komponente.
Das ist auch soweit in Ordnung, darf aber nicht dazu führen das persönliche Befindlichkeiten zu Diskriminierungen führen.
Weil der Gesetzgeber dies genauso sieht sind solche Fälle inzwischen auch strafbewehrt.

Nix für ungut.
Dieter

2412

Re: Absage nach Vorstellungsgespräch wegen Stottern

Beitrag von 2412 » 8. Juli 2011 16:18

@ darrt:

Grundsätzlich gilt in diesem Forum: Franz-Josef Neffe ignorieren und weiterscrollen. Sobald man seine Beiträge liest, hat man im Grunde schon verloren.

Zum Thema:

Ich habe erst kürzlich in einem ähnlichen Fall ein Verfahren vor dem Arbeitsgericht gewonnen. Da ging es allerdings "nur" um einen studentischen Nebenjob. Ich bekam die vom Gesetzgeber vorgesehene Entschädigung in Höhe von drei Monatsgehältern. Allerdings griff die Gegenpartei so tief in der Trickkiste der Unwahrheiten und Verleumdungen, dass man gewiss starke Nerven benötigt, um so ein Verfahren mit der nötigen Souveränität zu überstehen.

Da ich selbst vom Fach bin, kann ich dir sagen, dass dein Sachverhalt außerordentlich erfolgsversprechend vor Gericht gewesen wäre. Insbesondere die E-Mail spricht ja Bände. Allerdings dürfte mittlerweile die zweimonatige Frist zur Geltendmachung der Ansprüche verstrichen sein.

Tipp: Empfehlenswert könnte auch sein, bereits im Vorstellungsgespräch fallen zu lassen, dass eine behinderungsbedingte Ablehnung das AGG berühren könnte. Dies könnte sich in etwa so anhören: "Wie Ihnen bereits aufgefallen sein dürfte, stottere ich. Ich gehe sehr offen und selbstbewusst mit dieser Behinderung um, so dass sie mich weder im Alltag noch im Arbeitsleben in irgendeiner Weise einschränkt. Da ich einen ungemein positiven Eindruck von Ihrem Unternehmen/Ihrer Behörde habe, bin ich fest davon überzeugt, dass sie das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz kennen und Ihre Entscheidung unabhängig von meiner Behinderung treffen werden."

Das mag zwar frech sein, könnte aber bei jenen, die Gerichtsgänge scheuen, eine Alternative sein.

darrt
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Re: Absage nach Vorstellungsgespräch wegen Stottern

Beitrag von darrt » 8. Juli 2011 17:24

Ich hab vergessen den Beitrag fortzuführen / aktuell zu halten. Sorry dafür.

Ich hatte zur Frist- und Anspruchswahrung fristgerecht eine Geltungmachung eingereicht. Momentan bin ich nochmal am überlegen, ob ich die (schon vorbereitete) Klage bis zum Ende diesen Monats einreiche. Ich habe das Gefühl mit RA Jansen aus Bad Hersfeld einen in diesem Rechtsgebiet sehr beschlagenen Anwalt gefunden zu haben.

Sobald es Neuigkeiten gibt werde ich diese hier zeitnah einstellen.

DANKE für Deine aufmunternden Worte, ich weiß Prozesse kosten Nerven.

Gruß Dieter

F.J.Neffe
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Danksagung

Beitrag von F.J.Neffe » 8. Juli 2011 17:53

JonnyHell hat geschrieben:@ darrt:

Grundsätzlich gilt in diesem Forum: Franz-Josef Neffe ignorieren und weiterscrollen. Sobald man seine Beiträge liest, hat man im Grunde schon verloren.
.
Lieber JonnyHell,
wie schlecht wäre es doch um die Grundsätze in dieser Welt bestellt, wenn Du nicht immer wieder einmal in Deiner so herzerfrischend dezenten Art daran erinnern würdest!
Du erweist wirklich allen einen unschätzbaren Dienst, wenn Du ihnen in so hell erleuchteter Weise vorgibst, was man sich denken soll.
Du hast recht: Ob man sich das, was ich schreibe, nun genau anschaut oder nicht, ist letztlich egal, denn ich habe das Problem ja nicht.
So bleibt mir nur, Dir für Deine immer wieder so wichtigen Hinweise zu danken und Dich herzlich zu grüßen.
Franz Josef Neffe
[i]"Nicht der Wille ist der Antrieb unseres Handelns sondern die Vorstellungskraft." [/i] Émile Coué

2412

Re: Absage nach Vorstellungsgespräch wegen Stottern

Beitrag von 2412 » 8. Juli 2011 21:38

@ darrt:

Ich meinerseits kann dir nur empfehlen, die Klage einzureichen. Ich habe bei meiner Klage nicht nur an mich, sondern auch an etwaige andere Stotterer gedacht, die sich bei dem Arbeitgeber künftig bewerben könnten. Dies hat mich ermutigt.

darrt
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Re: Absage nach Vorstellungsgespräch wegen Stottern

Beitrag von darrt » 9. Juli 2011 11:06

@JonnyHell

Ich hatte ja bereits meine Motivation für eine eventuelle Klage beschrieben:
Also wenn ich den Klageweg beschreiten würde, kann es nur darum gehen den Verantwortlichen incl. Ihren Vorgesetzten die Grenzen aufzuzeigen.
Die mögliche finanzielle Entschädigung (Schadensersatz und Schmerzensgeld) spielen für mich keine Rolle!
In Deinem Fall würde mich besonders die Argumentation des Gerichts interessieren. Aber auch warum das Gericht von den Schadensersatzregelungen aus dem AGG abgewichen und die Regelungen des BGB angewandt hat. Dies deutet für mich darauf hin das der Arbeitgeber nachweisen konnte das andere Bewerber über eine bessere fachliche Eignung verfügten. Richtig? Hat das Gericht denn weitere Erklärungen und Argumente des Arbeitgebers zugelassen oder ausschließlich nach den im Bewerbungsprozeß vorliegenden Fakten entschieden? (Was eigentlich so im AGG festgelegt ist).

einen lieben Gruß
dieter

2412

Re: Absage nach Vorstellungsgespräch wegen Stottern

Beitrag von 2412 » 9. Juli 2011 17:15

darrt hat geschrieben: In Deinem Fall würde mich besonders die Argumentation des Gerichts interessieren. Aber auch warum das Gericht von den Schadensersatzregelungen aus dem AGG abgewichen und die Regelungen des BGB angewandt hat. Dies deutet für mich darauf hin das der Arbeitgeber nachweisen konnte das andere Bewerber über eine bessere fachliche Eignung verfügten. Richtig? Hat das Gericht denn weitere Erklärungen und Argumente des Arbeitgebers zugelassen oder ausschließlich nach den im Bewerbungsprozeß vorliegenden Fakten entschieden? (Was eigentlich so im AGG festgelegt ist).
Nein. Also in meinem Fall waren Schadensersatzansprüche alleine schon deshalb entfallen, weil ich kurz darauf für einen anderen studentischen Nebenjob eingestellt worden war. Da ich in dem Job sogar mehr verdient habe als ich bei dem beklagten Arbeitgeber verdient hätte, war mir durch die nicht diskriminierungsfreie Ablehnung kein Vermögensschaden entstanden.

Die Entschädigung ist die andere Rechtsfolge einer unzulässigen Diskriminierung. Sie soll gewissermaßen psychischen Unbill ausgleichen, eine Art Schmerzensgeld für das erlittene Unrecht sein. Das AGG sieht dabei höchstens drei Monatsgehälter vor, wenn der Bewerber bei diskriminierungsfreier Auswahl auf jeden Fall nicht eingestellt worden wäre. Gelingt der Nachweis dem Arbeitgeber nicht, dass der Bewerber auch bei diskriminierungsfreier Auswahl nicht eingestellt worden wäre, ist die Entschädigungshöhe zwar theoretisch nach oben offen. Jedoch sind wir hier in Deutschland und nicht in den USA, wo horrende Schmerzensgeldzahlungen an der Tagesordnung sind. Das Gericht hat nach Art und Schwere der Diskriminierung zu beurteilen, wie schwer die Persönlichkeitsrechtsverletzung durch die Diskriminierung wog. Dabei sind nach Studium der Rechtsprechung drei Monatsgehälter durchaus im oberen Rahmen der Urteilspraxis. Auch dann, wenn dem Arbeitgeber der Nachweis, dass der Bewerber auch ohne Diskriminierungsmerkmal auf jeden Fall nicht eingestellt worden wäre, nicht gelungen ist.

Zu meinem Fall: Die beklagte Seite, die sofort einen sehr unbequemen Fachanwalt für Arbeitsrecht mandatiert hatte, fuhr in ihrem Vorbringen zweigleisig: Einerseits stand die Ablehnung in keinem Zusammenhang mit der Behinderung. Die Personalchefin sei im Bewerbungsgespräch vielmehr zur Überzeugung gelangt, dass ich keine gefestigte Persönlichkeit sei. Ich sei nicht souverän etc. pp. Die Ablehnung sei also einzig aus charakterlichen Gesichtspunkten ergangen. Andererseits allerdings trug die Gegenseite vor, dass, selbst, wenn das Gericht zur Auffassung gelangte, dass dies ein Ablenkungsmanöver sei, die Diskriminierung nach § 8 I AGG ohnehin gerechtfertigt gewesen wäre. Denn ein Stotterer sei ersichtlich nicht in der Lage, Krisensituationen schnell und effizient zu meistern (es war eine Einrichtung für entwöhnte Drogen-und Alkoholabhängige) und gegenüber den Bewohnern ungemein wichtige Ansprachen zu halten.

Ersteres konnte die Personalchefin vor Gericht auf meine eindringliche Nachfrage hin nicht überzeugend dartun. Sie konnte nicht erklären, welche Anhaltspunkte sie dazu veranlasst hätten, die behauptete Charakterschwäche bei mir anzunehmen. Und Letzteres schloss das Gericht mit den Worten aus: "Zur Überzeugung des Gerichts ist Herr S. sehr wohl dazu in der Lage, trotz seiner Sprachbehinderung, schnelle, dynamische und obendrein rhetorisch beachtenswerte Ansprachen zu halten und seine Erwägungen deutlich und schlüssig mitzuteilen. Dass er dabei stottert, ist unerheblich."

Du müsstest überdies damit rechnen, dass die Gegenseite dich mit allen Mitteln zu diffamieren versuchen wird. Auch gehe ich davon aus, dass § 8 I AGG eine große Rolle in ihrer Argumentation spielen dürfte. Darauf sollte sich dein Rechtsanwalt einstellen, die Kommentierungen zu dieser Vorschrift gründlich studieren und vor Gericht konfliktfreudig Paroli bieten. Außerdem solltest du dich gerade kommunikationsstark vor Gericht präsentieren. Höflich, aber bestimmt deine Ausführungen vortragen und so viel wie möglich sprechen. Das Gericht muss zur Überzeugung gelangen, dass du trotz des Stotterns kommunikationsstark bist.

Als Beweismittel ist ein Gedächtnisprotokoll des Bewerbungsgesprächs von enormer Bedeutung. Je ausführlicher, desto besser. Damit sich die Beweislast nämlich zum Nachteil des Beklagten umkehrt, muss der Kläger erst sog. Vermutungstatsachen beibringen, die eine Diskriminierung nahe legen. Die Absage per E-Mail ist recht eindeutig. Jedoch verhalten sich die Chancen günstiger, je mehr Vermutungstatsachen du beibringen kannst. Dafür wäre ein detailliertes Gedächtnisprotokoll Gold wert.

Wie hat übrigens, wenn überhaupt, die Gegenseite auf dein Schreiben zur Geltendmachung der Ansprüche geantwortet?

Viele Grüße,
Jonny

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