Stottern beim Vorstellungsgespräch - Tipps & Hilfen?

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Neyla
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Stottern beim Vorstellungsgespräch - Tipps & Hilfen?

Beitrag von Neyla » 3. Mai 2016 11:08

Ich bin zwar neu hier, hätte aber gleich mal eine Frage und hoffe auf unterstützende Meinungen.
Ab und zu werde ich doch mal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Meistens sitzen 3 oder 4 Leute aus dem Unternehmen vor mir und jeder stellt seine Fragen. Mit Freunden oder der Familie kann ich halbwegs normal reden, weil ich auch viel ruhiger bin. Es gibt zwar auch Phasen, wo ich fast kein Wort richtig rausbringe, aber im privaten Bereich klappts trotzdem viel besser. Bei Vorstellungsgesprächen ist es leider so, dass ich natürlich mega aufgeregt und nervös bin. Wenn mich dann mehrere fremde Personen anstarren und mir Fragen stellen, kämpfe ich richtig mit dem Sprechen. Es strengt mich an und kostet viel Kraft. Entweder komme ich ins Stocken und kann die Wörter gar nicht mehr aussprechen oder ich wiederhole sie zig Mal. Ich brauche manchmal 5 Minuten für einen Satz. Bisher verläuft jedes Vorstellungsgespräch genau so. Gibt es irgendwelche Tricks oder Hilfen, die man anwenden kann, damit ich ruhiger werde (bitte keine Arzneimittel o.ä.) oder damit ich die Sätze flüssiger ausspreche. Was unternehmt ihr, wenn ihr plötzlich mitten im Satz ins Stocken geratet und kein Wort mehr rausbekommt. Ich verkrampfe dann richtig und breche den Satz ab und fang nochmal von vorne an. Jedes Vorstellungsgespräch ist für mich ein Hindernis und ich gehe schon mit einem miesen Gefühl dort hin, weil ich weiß, welcher Kampf auf mich wartet.

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PetraS
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Re: Stottern beim Vorstellungsgespräch - Tipps & Hilfen?

Beitrag von PetraS » 4. Mai 2016 12:25

Liebe Neyla,
ich möchte gerne auf deine Fragen eingehen, brauche aber vielleicht noch einige Informationen über dich.
Vorab erstmal: Stottern ist so individuell wie es Stotternde gibt. Allerdings gibt es Dinge, die alle Stotternden ähnlich oder gleich erleben, und das ist nun mal die Tatsache, dass die Heftigkeit und Häufigkeit der Stotterereignisse schwankt. Den meisten geht es so, dass sie unter Stress MEHR stottern, nur wenige berichten, dass es genau umgekehrt ist (z.B. ich, aber das war nicht immer so).

Was Vorstellungsgespräche im allgemeinen angeht, ist es völlig normal, dass man da aufgeregt ist. Personalchefs wissen so etwas, sie rechnen vielleicht sogar bei Normalsprechern damit, dass diese mal verkorkste Sätze produzieren oder sich vor Nervosität wiederholen, weil sie nach einem Wort suchen... Auch das ist noch im Rahmen des Normalen und wird nicht gleich mit Stottern identifiziert.

Kommen wir jetzt zu dir: du versuchst anscheinend, wie ein Normalsprecher wirken zu wollen und verkrampfst dich total, wenn du dann wirklich ins Stottern kommst. Das Problem ist nur: es dauert ziemlich lange, bis Normalsprecher überhaupt auf die Idee kommen, dass ihnen ein Stotternder gegenübersitzt, wenn er nicht gleich wie ein Maschinengewehr zu stottern anfängt. Und die wenigsten Stotternden, die ich kenne, haben von Natur aus eine so klassische Symptomatik, dass sie jeder sofort als Stotternder identifiziert.

Es hängt also vom Typ bzw. der eigenen Symptomatik ab, wann und wie man das Stottern anspricht. Eines ist unbestritten: Wenn man das Stottern anspricht, nimmt man sich einen ungeheuren Druck, weil man ja nun nicht mehr versucht, sich als Normalsprecher zu verkaufen.
Für viele ist das so erleichternd, dass sie dann in dem Gespräch gar nicht mehr stottern. Auch nicht in jeder Situation das Ratsamste, denn dann fragen sich die Gesprächspartner zwangsläufig: "Was wollte der/die denn mit der Nummer erreichen?"

Meine persönliche Devise ist daher: Ich behalte mir vor, mein Stottern jederzeit ansprechen zu können, es muss nur die passende Gelegenheit da sein. Zum Beispiel wenn ich das erste mal auffällig hängen bleibe und das Gefühl habe, der Gesprächspartner kann mein Stocken / die Wiederholungen nicht richtig zuordnen. Also: "Kleine Erklärung: ich stottere ab und zu mal, wie Sie sehen!" Und dann weiter machen. Das nimmt genauso den Druck und sorgt dafür, dass der Gesprächspartner eben keine dummen Einwürfe macht wie: "Nun mal ganz ruhig... Holen Sie erst mal tief Luft..."

Wenn allein die Tatsache, dass meine innere Bereitschaft, das Stottern jederzeit ansprechen zu können, mein Sprechen derart positiv beeinflusst, dass ich gar nicht stottere, dann bleibt immer noch die Option, das Stottern dann anzusprechen, wenn man auf besondere Stärken / Schwächen angesprochen wird. Ich würde dann den eigenen Umgang mit dem Stottern als Stärke präsentieren und dazu sagen, dass es mich zu einem guten Zuhörer macht und bewirkt, dass ich sehr feinfühlig und empathisch bin.
Neyla hat geschrieben:IWas unternehmt ihr, wenn ihr plötzlich mitten im Satz ins Stocken geratet und kein Wort mehr rausbekommt. Ich verkrampfe dann richtig und breche den Satz ab und fang nochmal von vorne an. Jedes Vorstellungsgespräch ist für mich ein Hindernis und ich gehe schon mit einem miesen Gefühl dort hin, weil ich weiß, welcher Kampf auf mich wartet.
Ich habe Erinnerungen an Situationen, in denen ich völlig verzweifelt war, weil ich genau das Wort, das ich sagen wollte / musste, ums Verrecken nicht sagen konnte. Es war ein Ausnahmezustand meiner Gefühle, ich war nur auf dieses eine Wort fixiert und vergaß in dem Moment Raum und Zeit...
Seit ich mir sage: Das kann und darf jederzeit passieren, im schlimmsten Falle erkläre ich es den Leuten, passiert es mir nicht mehr in der Heftigkeit. Die Momente, in denen ich tatsächlich hängen bleibe, ziehe ich durch. Meistens. Entweder ich stottere zu Ende oder ich setze neu an, was meistens klappt, Dazu gehört aber eine innere Haltung, die das Stottern jederzeit zulässt. Sowas erreicht man meistens mit einer guten Therapie, die ich jedem raten würde, der allein damit nicht klar kommt.

Vielleicht erzählst mal du ein bisschen von dir, welchen Beruf du gelernt hast und wie alt du bist? Auf was für Jobs hast du dich beworben? Dann kann ich dir aus meiner Lebenserfahrung vielleicht noch konkretere Ratschläge geben.

Gruß
Petra

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Re: Stottern beim Vorstellungsgespräch - Tipps & Hilfen?

Beitrag von dosi » 4. Mai 2016 20:47

Du wirst nicht umhin kommen, dich als Stotternde zu outen! Das ist verdammt schwer, aber wenn man es getan hat, macht es die Situation und vor allen Dingen das Sprechen leichter. Man muß das lernen und man muß das üben. Beim ersten Mal erscheint das wie eine unüberwindbare Hürde, aber die muß überwunden werden. Ich habe in den Lebenslauf immer geschrieben "Leiterin der Stotterer-SHG". So waren die Leute schon mal ein wenig vorab informiert, dass ich aller Wahrscheinlichkeit mit dem Sprechen Probleme haben könnte. Andererseits wirkte das auch mutig, dass es gleich mitgeteilt wurde. So in die Richtung, dass ich offen damit umgehe und kein so problemgeladenes Menschenkind zu sein scheine. Bei meinem letzten Vorstellungsgespräch habe ich gleich im ersten Satz gesagt, dass ich stottere und das besonders in solchen Situationen (Vorstellungsgespräch) und am Anfang mehr Stottern zu erwarten sei. Dies relativiert sich aber bald und ich traue mir trotzdem alles zu (Telefonate, Gespräche mit Bewohnern, angehörigen, Ärzten). Das bringt eine große Erleichterung beim nachfolgenden Gespräch. Auch dein Gegenüber ist dann nicht so irritiert und weiß Bescheid. Wenn du die Möglichkeit hast, gehe in eine Selbsthilfegruppe und übe so eine Situation dort im Rollenspiel. Dann kannst du zum nächsten Gespräch gut vorbereitet gehen. Es ist sehr schwer, aber es lohnt sich!

Dosi
Nicht jeder Zwerg wird ein Feldherr und nicht jeder Stotterer ein Großmeister der Sprache. Aber Stotterer und Zwerge sind stärker als Schöne und Gesunde motiviert, eine geniale Begabung in die geniale Leistung umzusetzen.“

Wolf Schneider

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Sich vorstellen beim Vorstellungsgespräch - Tipps & Hilfen?

Beitrag von F.J.Neffe » 11. November 2016 20:23

Schaun wir uns das Geschehen einmal genau miteinander an?
Stottern ist nur die ÄUSSERE Erscheinungsform eines starken INNEREN Problems.
Innen beginnt es mit Angst und Anspannung, mit Fluchttendenzen und Selbstüberwindung, Du schämst dich für dich und deine schwachen Kräfte, Du stehst nicht zu deinen Kräften in Not, Du möchtest am liebsten nichts mit ihnen zu tun haben. Statt zu ihnen zurückzufinden, sie um Verzeihung für deinen Verrat zu bitten, dich mit ihnen auszusöhnen, suchst Du nach Tricks gegen sie.
Das bringt Dich so sehr in Stress, dass Dir gar nicht mehr bewusst wird, wie sehr Du Dich wie einen Feind behandelst.
Es ist hoch erstaunlich, dass Du unter solchen Bedingungen nur stotterst.
Stell Dir vor, wir spielen die Szene mit Dir und deinen Sprech- und Sprach- und weiteren Persönlichkeitstalenten mit deinen Mitschülern, die die Talente darstellen. Wie würden sie sich fühlen, wenn Du sie so behandelst?
Du spürst doch recht gut, wie unwohl sich deine Talente so mit Dir fühlen, und Du spürst auch, dass Du das ändern und sie erlösen kannst.
Behandle deine Kräfte doch endlich als FREUNDE. Dass sie deine Freunde sind, müsstest Du ja schon daran erkennen, dass sie Dir nicht davongelaufen sind.
Schau mal wie unendlich wichtig Du das Stottern nimmst und wie bevorzugt Du deine Probleme behandelst und wie schäbig Du mit deinen Talenten umgehst!
Dabei hast Du so feine, feinfühlige, geniale Talente! Sie bräuchten dringend, dass Du an sie glaubst - das würde sie stärken und zum Wachsen bringen.
Damit würdest Du a) über Dich und b) schließlich auch über deine Probleme hinauswachsen.
Nur durch Wachsen wird man dem Leben gewachsen, also mache Dich und deine Talente wachsen!
Ich freue mich auf deinen Erfolg.
Franz Josef Neffe
[i]"Nicht der Wille ist der Antrieb unseres Handelns sondern die Vorstellungskraft." [/i] Émile Coué

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Re: Sich vorstellen beim Vorstellungsgespräch - Tipps & Hilfen?

Beitrag von PetraS » 12. November 2016 16:13

Hallo Leute,
F.J.Neffe hat geschrieben: Stottern ist nur die ÄUSSERE Erscheinungsform eines starken INNEREN Problems.
Das stimmt, und zwar einer Fehlleistung im Gehirn (wahrscheinlich beim Zusammenspiel der Gehirnhälften), die ein NICHT-STOTTERER überhaupt nicht kennt.
Daher kann dies auch nur ein Stotterer oder ein ausgebildeter Stottertherapeut beurteilen.
Gruß
Petra

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Re: Sprechen beim Vorstellungsgespräch - Tipps & Hilfen?

Beitrag von F.J.Neffe » 12. November 2016 17:25

Liebe Petra,
deine Interpretation könnte als Dogma das Gegenteil von Lebenshilfe werden.
Wir wissen inzwischen aus der Forschung, dass das Gehirn vieles nicht alleine macht, was wir ihm alleine zuschreiben.
Es gibt unzählige weitere "Fehlleistungen des Gehirns", die ganz ähnlich wirken wie das Problem Stottern.
Dass ausgebildete Stottertherapeuten aufgrund ihrer Ausbildung etwas beurteilen können, ist einfach ein Wahrnehmungsfehler.
Sie können es aufgrund ihres Einfühlungsvermögens. Wenn sie das nicht haben, hilft alle Ausbildung nichts. Und Einfühlungsvermögen haben mehr Menschen, als wir meinen.
Ich könnte mich auch auf meine Ausbildung herausreden; ich bin ja als Sonderschullehrer zur Sprachtherapie an die Schulen gefahren. Aufgrund meiner Ausbildung konnte ich die Probleme nicht lösen.
Ich habe a) genau beobachtet und b) im Experiment nachgeprüft, dass die Einteilung in Stotterer und Nichtstotterer nicht der Realität gerecht wird. Ich kenne durchaus ehemalige Stotterer wie z.B. meinen verst. Freund Erwin Richter, der über sich und sein Problem durch Coués Autosuggestion hinausgewachsen ist. Es wäre schlicht eine Beleidigung, ihm zu sagen: "Einmal Stotterer, immer Stotterer", wie ich es öfters zynischerweise gehört habe.
Ich weiß auch, wie man einen Flüssigsprecher zum Stottern bringen kann. So beginnen ja viele "Stotterer-Karrieren" schon in der Kindheit.
Ich finde, wir sollten gegenseitig unsere Eitelkeiten und ängstlichen Vorbehalte loslassen und uns gegenseitig bei der Erprobung des Möglichen dienen.
Mit guten Wünschen
Franz Josef Neffe
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Re: Sprechen beim Vorstellungsgespräch - Tipps & Hilfen?

Beitrag von PetraS » 15. November 2016 13:18

Hallo F.J.Neffe,
ich bin durch und durch Realist und habe die Erfahrung gemacht, dass es realistische Einschätzungen sind, die die Menschen weiterbringen, auch wenn sie vielleicht im ersten Moment wehtun können.

Beim Stottern kommt die Erfahrung dazu, dass tatsächlich eine Besserung eintritt, wenn man aufhört, dem unrealistischen Ziel der dauerhaften Sprechkontrolle hinterherzulaufen und sich stattdessen einfach gehen lässt.
F.J.Neffe hat geschrieben: Ich habe a) genau beobachtet und b) im Experiment nachgeprüft, dass die Einteilung in Stotterer und Nichtstotterer nicht der Realität gerecht wird. Ich kenne durchaus ehemalige Stotterer wie z.B. meinen verst. Freund Erwin Richter (...)
Ich glaube, wir gehen jeweils für uns von einer völlig unterschiedlichen Definition von Stottern und Stotterer aus. Ich von einer realistischen und Sie von etwas, das ich noch nicht verstanden habe.

Nur zu meiner Definition: ein Stotterer ist ein Mensch, der die Tendenz hat - aufgrund einer vererblichen oder sonst wie entstandenen Fehlleistung im Gehirn - zu stottern. Es ist dabei egal, ob er stottert oder nicht, aber er kennt diese Erfahrung, die ein Nicht-Stotterer nicht hat. Oder mit den Worten meiner Tochter ausgedrückt:
Mama, ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass man ein Wort, das man weiß, nicht sagen kann.
Erwin Richter kann ich nicht mehr fragen, wenn er denn verstorben ist. Aber ich kann Andreas Starke, Roland Pauly, Emmet O'Connell, Martina Wiesmann und zahlreiche andere Personen, die in der Stottertherapie tätig UND Stotterer sind, fragen, und KEINER von ihnen wird sich als ehemaliger Stotterer bezeichnen, auch wenn sie dauerhaft flüssig sprechen.

Ich habe keine Ahnung, warum Sie in die Kerbe der Eltern, Mitschüler und sonstigen Autoritäten hauen, die uns Stotternden in der Kindheit versucht haben weiszumachen, dass Stottern etwas SCHLIMMES wäre, das man ablegen müsste. Mit dieser Aufforderung waren wir stets auf der Seite der Verlierer, der Versager, der Unfähigen, weil ich einfach nicht etwas abschalten kann, was nicht abschaltbar ist.

Es ist einfach, mit kleinen Mitteln und Tricks einen Stotterer vorübergehend zu einem Flüssigsprecher zu machen. Und das geht auch sicher mit Autosuggestion. Er ist dadurch aber immer noch kein Ex-Stotterer. Er weiß und fühlt, wann das Stottern da ist. Und dann ist es an ihm, seine ihm zur Verfügung stehenden Tricks und Sprechtechniken anzuwenden oder nicht. Das ist aber etwas, das ein Nicht-Stotterer oft nicht nachvollziehen kann - auch wenn er Einfühlungsvermögen hat.

Vor allem - was habe ich davon, mich als Nicht-Stotterer oder Ex-Stotterer zu bezeichnen, wenn es doch nicht wirklich stimmt. Es geht doch nicht um die Definition, wie viele gestotterten Silben ich pro X Wörtern produziere, sondern einfach um die Tendenz, dass ich stottern könnte! Denn die ist da, nach wie vor!

Was soll denn bitte schön daran eine Beleidigung sein, wenn man sagt:
Einmal Stotterer, immer Stotterer
Wie Sie das ausdrücken, kommt es mir ja fast vor wie "Einmal Kinderschänder, immer Kinderschänder", "Einmal Mörder, immer Mörder".

Stottern ist und war noch nie ein Verbrechen, sondern eine Eigenschaft wie viele andere auch. Und es ist die Aufgabe eines seriösen Therapeuten, einen Stotterer von dem durch die Umwelt vermittelten falschen Weltbild herunterzuholen, dass Stottern mehr als eine Eigenschaft sein könnte; ein Makel, ein Verbrechen oder was auch immer.
F.J.Neffe hat geschrieben:Ich weiß auch, wie man einen Flüssigsprecher zum Stottern bringen kann. So beginnen ja viele "Stotterer-Karrieren" schon in der Kindheit.
Diese Tricks, mit denen man Nicht-Stotterer angeblich zu Stotterern macht, haben nichts mit dem tatsächlichen Stottern zu tun. Und Stotterer-Karrieren entstehen auch nicht nach dem Motto "das Stottern des Kindes beginnt im Ohr der Eltern". Diese These ist längst und durch zahlreiche Studien und die Hirnforschung widerlegt.
Nichts für ungut, aber das konnte ich nicht ungeschrieben stehen lassen.
Petra

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Re: Stottern beim Vorstellungsgespräch - Tipps & Hilfen?

Beitrag von F.J.Neffe » 15. November 2016 15:10

Liebe Petra,
ich arbeite nie mit Tricks. Wenn ich jemand zeige, dass es einen Weg aus dem Problem heraus gibt, mache ich das immer mit 100 % Risiko und vollem Einsatz meiner Person.
Wenn ich damit schaffe, dass jemand glücklich ist und infolgedessen nicht nur zu stottern vergisst sondern in diesem Zustand nicht stottern kann und erst einige Minuten braucht, um sich wieder selbst zu blockieren, macht er das dann auch mit einem Trick??? Wir sollten doch mit gleichem Maß messen und die Schaffung und ständige Erneuerung des Problems als normal ansehen und die Lösung als Trick abtun. Das würde der Realität nicht gerecht.
Einmal Stotterer - immer Stotterer. // Einmal Rechtschreibversager - immer Rechtschreibversager. // Einmal Bettnässer, immer Bettnässer. //...... Ich mache da nicht mit, so etwas als "Eigenschaft" schönzureden. Wenn es nur eine Eigenschaft ist, dann könnte ich dich ja auch ohne weiteres auf der Straße als Bettnässerin öffentlich begrüßen. Damit würde ich dich aber niedermachen, schwächen, kränken, ..... und das steht niemand zu.
>Einmal Stotterer -immer Stotterer< ist ein wirksame Suggestion, die - das können wir im Experiment zeigen, das Problem noch größer macht. Die Leid schafft, also als Be-Leid-igung wirkt.
Warum nur willst du /wollen Stotterer das Stottern nicht einfach mal loslassen? Ihr könnt doch alle sprechen/reden. Warum seht und fühlt Ihr Euch nicht einfach mal SELBST als Sprecher/Redner? Es geht doch gar nicht darum, ein Ex-Stotterer.
Mein Vater z.B. hat viel geraucht und dann damit ganz aufgehört. Er hat sich niemals im Leben als Ex-Raucher gesehen, gefühlt, gedacht.
Warum dieses Verhaftetseinwollen mit Stottern?
Natürlich stimmt es nicht, wenn du dich als Ex- oder Nichtstotterer bezeichnest; es stimmt aber vor allem deswegen nicht, weil schon die Bezeichnung Stotterer nicht stimmt. Du hast meinetwegen eine Sprechbehinderung, aber du bist sie nicht.
Du hast ein Problem vom Leben präsentiert bekommen, damit du lernst, es zu lösen, aber du bist nicht das Problem.
Nach deiner Sichtweise müssten sich alle Menschen als Stolperer bezeichnen, weil sie irgendwann stolpern könnten, alle müssten sich als Kranke bezeichnen, weil sie irgendwann krank werden könnten usw.
Wenn man nach deiner Ansicht jemand einfach durch Tricks vorübergehend zum Flüssigsprecher machen kann, dann muss doch konsequenterweise auch dafür gelten: Einmal Flüssigsprecher - immer Flüssigsprecher.
Du misst mit zweierlei Maß.
Kommen wir auf die Realität zurück: Wir können immer wieder ganz konkret überprüfen, ob wir auf dem Weg, den wir eingeschlagen haben, immer tiefer in das Problem hin oder heraus kommen, ob es uns immer besser oder immer schlechter geht.
Ich beobachte ja nicht ein starres, immer gleich bleibendes Stottern bei Betroffenen sondern ich erkenne Bedingungen, unter denen es besser oder schlechter wird. Und dann beobachte ich, wie sich der Betroffene selbst die Bedingung wählt und gibt, und ich sehe, wie er sich im Problemfall noch seine Bedingungen SELBST verschlechtert, und das bedeutet aber doch ganz praktisch, dass es hilfreich für ihn wäre, einen anderen Umgang mit sich zu lernen.
Das geht zum Beispiel mit Autosuggestion und wir wissen durch Coué schon hundert Jahre, was ihm ein New Yorker Arzt und Sprachtherapeut schrieb: a) dass er den Betroffenen (mit der üblichen Sichtweise) nicht helfen konnte, dass diese aber b) nach Coués Autosuggestion fehlerfrei sprechen und c) nicht rückfällig geworden sind.
Das hat Klaus Dieter Ritter auch schon öfters mit Betroffenen demonstriert - sie haben es ihm nicht leicht gemacht. Das ist auch der Grund, weshalb ich allenfalls zu ihnen gehe, wenn sie mich einladen; ich mache nur etwas mit ihnen wenn sie zu mir kommen. Damit sind beide Seiten zufrieden.
Ich habe ja mit dem Sprechen nicht nur kein Problem, es geht immer besser und besser - wiewohl ich auch schon gestottert und gestammelt habe und Sprechschwierigkeiten hatte, z.B. als ich mich intensiv damit befasst und das übernommen habe.
Ich bin ja nun Lehrer und weiß, dass viele Kinder zu stottern anfingen, als sie in der Schule bloßgestellt wurden. Ich müsste mich doch schämen, wenn ich da Stottern auf Vererbung schieben würde! Wir Lehrer haben da für unsere Kollegen viel gutzumachen.
Das geht aber nicht, wenn mir jemand wie A. Starke mit "Einmal Stotterer - immer Stotterer" in den Arm fällt. Damit lenken wir von der Ursache ab und von denen, die die Kinder früh schockiert und dadurch die Ursache gesetzt haben. Solche Aussagen belasten die Opfer und schützen die Täter. Da mache ich nicht mit.
Wir könnten uns doch einmal konkret hineindenken und hineinfühlen und es dann auch noch weiter untersuchen und prüfen, was uns programmiert hat und zwingt, uns einschränkend und gefangen haltend weiterzuprogrammieren.
>Einmal Stotterer - immer Stotterer< suggeriert: "Wenn du da nicht mitmachst, gehörst du nicht mehr zu uns.
Merken wir nicht mehr, wie sehr wir andere ausschließen, weil man uns ausgeschlossen hat?
Warum kämpfen viele mit soviel Energieeinsatz für die Probleme, auf die man sie programmiert hat, und warum verwenden wir so wenig Energie FÜR UNS selbst und die Entwicklung der blockierten und geschwächten Kräfte?
Ich finde das fantastisch, dass Du erkannt hast, was geschieht, wenn man sich gehen lässt: Man kommt endlich vom Fleck weg.
Unsere päd. Grundkonditionierung heißt aber: Du darfst dich nicht gehen lassen.
Das ist uns nicht bewusst, und deshalb nehmen wir es als natürlichen Prozess hin, dass wir dadurch durch uns selbst ausgebremst werden.
Das ist aber kein natürlicher Prozess.
Es ist ein künstlich gesetzter Prozess, eine künstliche Weichenstellung - die jeder jederzeit ebenso einfach korrigieren kann.
Im Grunde müssten wir nur uns selbst und unserer Wahrnehmung treu bleiben, wie Du das schon begonnen hast, und uns von ihr immer noch mehr zeigen lassen.
Wir sind ja alle LEBEwesen = LEBEN.
Leben arbeitet nie gegen sondern immer für sich, also auch für uns.
Auch für unser Sprechen.
Und für die Entwicklung unserer Persönlichkeit.
Auch wenn wir durch und durch Realist sind, haben wir manchmal noch nicht alles von unserer Großartigkeit und unseren großartigen Möglichkeiten erkannt. Dann spielt uns das Leben den Ball immer wieder zu.
Ich wünsche Dir ein gutes Spiel.
Franz Josef Neffe
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Re: Sich vorstellen beim Vorstellungsgespräch - Tipps & Hilfen?

Beitrag von Roland Pauli » 17. November 2016 23:58

F.J.Neffe hat geschrieben:Schaun wir uns das Geschehen einmal genau miteinander an?
Stottern ist nur die ÄUSSERE Erscheinungsform eines starken INNEREN Problems.
Innen beginnt es mit Angst und Anspannung, mit Fluchttendenzen und Selbstüberwindung, Du schämst dich für dich und deine schwachen Kräfte, Du stehst nicht zu deinen Kräften in Not, Du möchtest am liebsten nichts mit ihnen zu tun haben. ...
Ich freue mich auf deinen Erfolg.
Franz Josef Neffe
Hallo Franz Josef, du hast gute Gedankenansätze, was mögliche Lösungsansätze betrifft. Über viele Jahre lese ich deine Beiträge und frage mich, wie du Gedanken und Gefühle interpretierst, obwohl du nicht stotterst. Wer sagt dir denn, dass wie du, schreibst Stottern nur die ÄUSSERE Erscheinungsform eines starken INNEREN Problems sei?

Ich würde keiner Frau empfehlen, wie sie bei einer Entbindung atmen sollte, um diese Situation besser bewältigen zu können. Gibt es eigentlich männliche Hebammen?

Der fragende Roland

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Re: Atmen ergibt sich ganz von selbst mit etwas Humor

Beitrag von F.J.Neffe » 18. November 2016 01:03

Deine Berichte habe ich auch immer mit viel Freude gelesen, lieber Roland, weil du nach meiner Wahrnehmung den Finger am Puls des Lebens hast.
Stottern ist doch nur der äußeren Erscheinungsform nach anders als andere Probleme.
Ich habe selbst manche Probleme bis an die Existenzgrenze durchlitten und sie konnten nur deswegen so groß werden, weil ich zur Lösung verkehrten pädagogischen Vorgaben gefolgt bin: Streng dich an! Lass nicht locker! Gib dir Mühe, überwinde dich usw.
Damit kann ich auch beim Sprechen die Probleme sehr schnell sehr viel größer machen.
Ich kenne durchaus heftige Probleme mit dem Sprechen aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, mir ein Etikett dafür zu besorgen, um aller Welt demonstrieren zu können, was ich leide.
Vor allem kenne ich aber ziemlich viele verschiedene Probleme und lerne immer wieder weitere dazu kennen und - das macht mich dann auch so sicher und zuversichtlich - sie sind a) alle lösbar (auch wenn ich das manchmal nicht selbst schaffe) und die Lösung funktioniert bei allen noch so verschiedenen Problemen, wie ich erlebt habe b) zuverlässig und gesetzmäßig nach Gesetzen, die man beobachten und durch kleine Experimente prüfen und bestätigen kann.
Wir können es ja gerne in jedem Einzelfall nachprüfen. Ich sehe natürlich oft starke Einwirkungen von außen und nicht selten fingen Probleme wie das Stottern mit einer solch starken Einwirkung von außen an. Dass diese fremdbestimmte Weichen(ver)stellung ewig beibehalten werden muss, ist nicht der Fall.
Jeder Mensch kann selbst seine inneren Einstellungen ändern. Er muss nur erst einmal wissen, dass dies möglich ist und - hat Coué deutlich gesagt - das wissen die wenigsten, und weiter muss man das Mittel kennen, mit dem man es zuwege bringt.
Dass man es heute weniger kennt denn je, dafür hat man gesorgt durch eine weltweite Manipulation zu Tabuisierung der Autosuggestion. (Ich habe die Hintergründe dazu für meine Diplomarbeit recherchiert und belegt.) Noch besser funktioniert das Ganze aber durch einen Trick: Man verbreitet ein falsches Bild von Coué und der Autosuggestion, und dieses Bild wird zurecht von allen abgelehnt - aber das ist nicht Autosuggestion.
Wer es konkret nachprüft, der findet die Details und die praktischen Erfolge - siehe z.B. Klaus Dieter Ritter, der regelmäßig Spontanheilungen erlebt bei seinen Vorträgen, und das mit demselben einfachen Mittel bei allen noch so verschiedenen Problemen.
Viele Leute sagen: "Wenn das stimmen würde, dann würde es ja im Fernsehen kommen und in jeder Zeitung stehen."
Das ist aber eine Verdrängung der eigenen Wahrnehmung; wir erleben doch gerade überdeutlich, was berichtet wird und was nicht. Und viele wollen offensichtlich nicht wahrhaben, wie stark sie konditioniert sind und wie stark ihre Konditionierung durch Konditionierung vor Wahrnehmung und Änderung blockiert ist.
Das zeigt andererseits jedem, der wirklich genau prüft, umso deutlicher wo und wie er die Lösung findet.
Ich empfehle auch nicht, wie man atmen soll. Bei der Dorn-Methode halten manche Betroffenen total die Luft an und viele Kollegen üben mit ihnen dann das Aus- und Einatmen. Ich sage einfach: "Auf keinen Fall atmen!", dann explodiert das Lachen und das Atmen ergibt sich ganz von selbst.
Ich wünsche Dir weiterhin viele gute Erfolge auf deinem Weg.
Franz Josef Neffe
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