Neue Arbeitsstelle - Outing?!

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M.J.
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Neue Arbeitsstelle - Outing?!

Beitrag von M.J. » 23. Oktober 2017 17:57

Hallo ihr Lieben,

die Situation ist wie folgt:
Ich trete in Kürze eine neue Arbeitsstelle an und freue mich im Prinzip sehr darauf! Ich habe es auch geschafft, mein Stottern im Bewerbungsgespräch anzusprechen, dies blieb jedoch leider ohne nennenswerte Reaktion. Vielleicht lag es daran, dass ich während des Gesprächs eigentlich nicht gestottert habe (was größtensteils den Ersatzwörtern zu verdanken ist), und dadurch das Thema einfach nicht weiter präsent war. Im Nachhinein wünschte ich mir, ich hätte das Stottern zugelassen oder zumindest hier und da mal mit voller Absicht ein wenig Stottern eingebaut. Nun ja - die Situation ist geschehen und nun geht es weiter zu nächsten: der erste Arbeitstag.
In der Vergangenheit habe ich es erfolgreich geschafft, wann immer ich etwas Neues begonnen habe, mein Stottern zu verstecken. Der Preis dafür war hoch und der psychische Druck wurde immer stärker, so dass letztlich selbst schon auf körperlicher Ebene, bedingt durch den Druck und die Anspannung, Symtpome auftraten, die mir eindeutig sagen wollen, ich solle endlich Schluss machen mit diesem Selbstbetrug.
Es ist nun so, dass ich mich selbst derzeit in einem starken Entwicklungsprozess erlebe, jeden Tag aufs Neue gelingt es mir, dass Stottern ein bißchen mehr zu akzeptieren, ein bißchen mehr zu zeigen und einfach offen und selbstbewusster zu werden. Es ist jedoch klar, dass sich 15 Jahre intensive Vermeidung nicht einfach so in Luft auflösen und die alten Muster in mir immer noch sehr dominant sind. Im Hinblick auf meine neue Stelle habe ich mir nun ganz fest vorgenommen, es diesmal anders zu machen, es diesmal zu schaffen und endlich ganz offen mit dem Stottern umzugehen! Die kurze Bemerkung im Vorstellungsgespräch war ja schon ein erster Schritt dahin, ich befürchte nur, dass das nicht ausgereicht hat, um den Kollegen die Problematik bewusst zu machen bzw. dort war ja auch nur ein kleiner Teil vom Team mit dabei und leider habe ich das Stottern dort ja auch nur benannt, es aber nicht wirklich gezeigt. Daher habe ich mir nun als Ziel gesetzt, zu Beginn ein kleines Outing zu machen, denn ich spüre, dass ich weder psychisch noch physisch eine weitere Zeit ertragen kann, in der ich das Stottern tagtäglich und mit aller Anstrengung zu verstecken versuche. (Ganz davon abgesehen, dass dadurch stets ein vollkommen falscher Eindruck von meiner Person entsteht, was zusätzlich eine große Belastung für mich ist).

Daher nun meine Fragen:
Wie würdet ihr so ein Outing gestalten? Soll ich es in Form eines kleinen Vortrags machen? Wie gestalte ich am besten die Ankündigung? Indem ich meinem Vorgesetzten jetzt schon schreibe, dass ich gerne zu Beginn ein Thema, dass mir sehr wichtig ist, im Team besprechen will? Wirkt das nicht irgendwie aufdringlich, wenn man ganz neu ist und gleich die Geduld und Aufmerksamkeit der Kollegen in Anspruch nimmt? Darf ich das überhaupt?! Und was ist, wenn es die Kollegen gar nicht interessiert, ob ich stottere oder nicht?

Da ich schon sehr oft an diesem Punkt war, mir fest vorgenommen zu haben, bei einem Neuanfang (Schule, Studium, Praktikum...) endlich mein "wahres Ich" zu präsentieren und es bisher nie gelungen ist, habe ich nun wieder große Ängste davor, es ein weiteres Mal nicht zu schaffen, selbst wenn ich mittlerweile eine viel größere Portion Mut und einen noch stärkeren Willen mitbringe. Ich weiß aus Erfahrung auch, dass es mir umso schwerer fällt, wenn der erste Eindruck einmal geschehen ist - also wenn ich am ersten Tag dort, unter größter Anstrengung, als eine vermeintlich normalsprechende Person auftrete. Dann bin ich in dieser Rolle drin und daraus nochmal auszubrechen gelingt dann erst recht nicht mehr.

Wie würdet ihr euch in dieser Situation verhalten?
Habt ihr Tipps aus euren eigenen beruflichen Erfahrungen, wie geht ihr mit dem Stottern im Job um?

Liebe Grüße,
M.J.

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Re: Neue Arbeitsstelle - Outing?!

Beitrag von PetraS » 23. Oktober 2017 19:53

Hallo M.J.,
Hier findest du meine Meinung zu deiner Frage:
M.J. hat geschrieben:
23. Oktober 2017 17:57
Wie würdet ihr so ein Outing gestalten?
Gerade, wenn man nicht auffällig stottert, ist es oft schwierig, den richtigen Dreh zu finden.
Vergiss nicht, dass die meisten Leute überhaupt nicht wirklich wissen, was Stottern ist. Solange du nicht "i-i-i-i-ich h-h-h-h-heiße XXX" sagst, sondern vielleicht "ich heiße ähm... also ähm... also XXX" denken die Leute alles andere, nur nicht, dass es Stottern ist.

Und wie du bereits gesagt hast, sie bekommen einen falschen Eindruck von dir.

Ich habe für mich die Form gefunden, dass ich abwarte, bis ich in ein Stotterereignis hineingerate. Ich stoppe mich dann auch nicht selber, sondern lasse es einfach geschehen. Dann öffne ich eine Parenthese und sage: "Übrigens, das kann öfter mal vorkommen - ich stottere nämlich."

Damit wissen die Leute meistens, was sie erwartet und können dann damit umgehen. Und wenn sich dann noch in einer ruhigen Minute ein Gespräch ergeben sollte (z.B. in der Kantine), dann kann man ja mal näher drauf eingehen und weitere Dinge dazu erklären.
M.J. hat geschrieben:
23. Oktober 2017 17:57
Soll ich es in Form eines kleinen Vortrags machen? Wie gestalte ich am besten die Ankündigung? Indem ich meinem Vorgesetzten jetzt schon schreibe, dass ich gerne zu Beginn ein Thema, dass mir sehr wichtig ist, im Team besprechen will? Wirkt das nicht irgendwie aufdringlich, wenn man ganz neu ist und gleich die Geduld und Aufmerksamkeit der Kollegen in Anspruch nimmt? Darf ich das überhaupt?! Und was ist, wenn es die Kollegen gar nicht interessiert, ob ich stottere oder nicht?
Aus den oben genannten Gründen würde ich - bei mäßigem Stottern - keinen Vortrag halten. Nur eine Info geben und die aus gegebenem Anlass.
Unabhängig davon würde ich es mit dem Vorgesetzten vielleicht doch etwas direkter besprechen und dabei auch erwähnen, welche Ängste und Probleme (das Unverständnis der Umwelt etc.) damit verbunden sind.

Aufdringlich finde ich es auf keinen Fall, wenn mir jemand so eine wichtige Info gibt. Wenn jemand sehbehindert ist und deshalb vielleicht bestimmte Arbeiten nicht machen kann, möchte ich es auch gerne vorher wissen, damit ich ihn nicht kompromittiere, wenn ich ihm Dinge abverlange, die er nicht gut kann.
Oder wenn es dir schwer fällt, in einem Großraumbüro zu telefonieren und du dafür lieber die Privatsphäre suchst, dann ist es wichtig, dass die Kollegen nicht tuscheln, du telefonierst sicher gerade mit deiner Freundin, sondern dass du ihnen erklärst, dass dich die Anwesenheit von andern Menschen noch mehr verunsichert und du befürchtest, dann mehr zu stottern.

Ob die Kollegen interessiert sind oder nicht, ist natürlich schwer zu sagen.
Meine Erfahrung zeigt, dass der offene Umgang mit dem Stottern und zwar mit erhobenem Haupt und ohne einen verschämten Eindruck zu machen, noch nie negativ angekommen ist.
Tatsache ist allerdings, dass sich Stotternde viel mehr einen Kopf machen als Nicht-Stotternde. Was dir zunächst enorm schwer fällt, nämlich dich zu outen, empfinden die anderen als eine vielleicht hilfreiche, aber doch eher nebensächliche Info.
Und dann ärgerst du dich und denkst, "wieso habe ich mir so einen Kopf gemacht, wenn die das so einfach abtun."
Aber genau deshalb ist es wichtig, die Info zum Stottern in einen Zusammenhang mit einem Stotterereignis zu bringen. Das wirkt glaubwürdiger und führt meistens dazu, dass die Info auch richtig ankommt.
Ich hoffe, dir ein wenig geholfen zu haben.
Gruß
Petra

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