Lieblingsgedichte

Alles ohne Bezug zum Stottern: zum Blödeln, für Kochrezepte, über Gott und die Welt
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Die Kirschblüte
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Lieblingsgedichte

Beitrag von ---***--- » 24. Februar 2008 00:05

Deine Welt

Trudele dahin! Verkehre bei Ingenieuren!
Laß dich als Redakteur von Staatsanwälten verhören!
Sei eingeladen bei Snobs, die wichtigtuende Diplomaten
schnurrend umschleichen, besonders die aus den kleinern Staaten!
Entflieh der Familie! Rutsch die soziale Leiter hinauf und hinab –:
es spielt sich alles unter zweihundert Menschen ab.

Wohn an der Weser, der Oder, der Weichsel, der Elbe –
deine Gesellschaft bleibt immer, immer dieselbe.
Immer dieselben Fahrt- und Leidensgenossen,
wie mit Gittern sind dir die andern Gärten verschlossen.
Freunde sind Schicksal, aber nicht zu knapp.
Es spielt sich alles unter zweihundert Menschen ab.

Fahr nach Amerika! Wer steht im Hotel auf den Herrentoiletten?
Rosenfeld. Und er spricht: »Was machen Sie in Manhattan?«
Flieh zu den Eskimos, in des Eises kreischende Masse:
der Dicke im Pelz ist bestimmt ein Kind deiner Klasse.
Jag durch die Welt vom nördlichen bis zum südlichen Kap –:
es spielt sich alles unter zweihundert Menschen ab.

Unsere Welt ist so klein. Dies mußt du wissen:
Ganze Klassen und Völker sind nur deines Lebens Kulissen;
du weißt, dass sie sind. Aber sei nicht verwundert:
du lebst ja doch nur inmitten deiner zweihundert.
Und hörst du auch fremde Länder und Kontinente erklingen:
du kannst ja gar nicht aus deinem Kreise springen!
Von Stund an, wo sie dich pudern, bis zum gemieteten Grab
spielt sich alles und alles und alles unter zweihundert Menschen ab.


Theobald Tiger
Die Weltbühne, 17.04.1928, Nr. 16, S. 599,

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Michael13
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Beitrag von Michael13 » 24. Februar 2008 03:00

Danke, für das Gedicht, Mechthild ...
All jenen, denen "Theobald Tiger" alias "Kaspar Hauser" alias "Peter Panter" alias "Ignaz Wrobel" kein Begriff sein sollte, sei kurz mitgeteilt, dass sich hinter all diesen Pseudonymen Kurt Tucholsky verbirgt (http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Tucholsky). Ich musste auch etwas überlegen, doch dann sah ich die Jahreszahl (1928).

Da ich mich persönlich mit dem Thema "Stadtentwicklung" beschäftige, fällt mir auch noch eins von Herrn Tucholsky ein:
„Ja, das möchte ich:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Spree, hinten der Kurfürstendamm;
Mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer sind die Alpen zu sehn -
aber abends zum Kino hab ich´s nicht weit."

aus "Schnipsel" ... oder u.a. hier: http://www.garten-literatur.de/Leselaub ... ideal.html

In diesem Sinne gehe ich jetzt in mein villenmäßiges Badezimmer und dann in mein alpenländliches Schlafzimmer ... Gute Nacht, Micha.

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Lieblingsgedichte

Beitrag von ---***--- » 21. Oktober 2008 20:48

Die Krücken

Sieben Jahre wollt kein Schritt mir glücken.
Als ich zu dem Großen Arzte kam,
Fragte er: Wozu die Krücken?
Und ich sagte: Ich bin lahm.
Sagte er: Das ist kein Wunder,
Sei so freundlich, zu probieren!
Was dich lähmt ist dieser Plunder.
Geh, fall, kriech auf allen vieren!

Lachend wie ein Ungeheuer
Nahm er mir die schönen Krücken,
Brach sie durch auf meinem Rücken,
Warf sie lachend in das Feuer.

Nun, ich bin kuriert: ich gehe.
Mich kurierte ein Gelächter.
Nur zuweilen, wenn ich Hölzer sehe,
Gehe ich für Stunden etwas schlechter

Bertolt Brecht

Heinz8

Re: Lieblingsgedichte

Beitrag von Heinz8 » 24. November 2008 22:04

Ich mag "Die Krücken" von Brecht auch wahnsinnig gern. Schön zu sehen, dass ich nicht der einzige bin :D §prost

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Re: Lieblingsgedichte

Beitrag von Sir Nulpe » 27. November 2008 22:24

So hier mal mein Lieblingsgedicht...

"Nis Randers"
(Otto Ernst, 1862 – 1926) -Vertont von Achim Reichel-

Krachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd –
Ein Schrei durch die Brandung!

Und brennt der Himmel, so sieht man’s gut:
Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;
Gleich holt sich’s der Abgrund.

Nis Randers lugt – und ohne Hast
Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast;
Wir müssen ihn holen.“

Da faßt ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein!
Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,
Ich will’s, deine Mutter!

Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
Mein Uwe, mein Uwe!“

Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
„Und seine Mutter?“

Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs:
Hohes, hartes Friesengewächs;
Schon sausen die Ruder.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!
Nun muss es zerschmettern! Nein: es blieb ganz!
Wie lange? Wie lange?

Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
Die menschenfressenden Rosse daher;
Sie schnauben und schäumen.

Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
Eins auf den Nacken des anderen springt
Mit stampfenden Hufen!

Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!
Was da? Ein Boot, das landwärts hält!
Sie sind es! Sie kommen!

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt.
Still – ruft da nicht einer? Er schreit’s durch die Hand:
„Sagt Mutter, ’s ist Uwe!“
Wo de Nordseewellen trekken an den Strand, Wo de geelen Blöme bleuhn int gröne Land, Wor de Möwen schrieen hell int Stormgebrus, Dor is mine Heimat, dor bün ick to Hus.
Bild I ♥ MS. Uthlande

Stefan1111

Re: Lieblingsgedichte

Beitrag von Stefan1111 » 1. März 2009 11:22

Das sind alles wunderbare Gedichte. Ich kann mich selbst nicht so ganz entscheiden, aber die Gedichte von Herman Hesse finde ich alle atemberaubend.

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Re: Lieblingsgedichte

Beitrag von ---***--- » 8. März 2009 12:01

Menschenbeifall

Ist nicht heilig mein Herz, schöneren Lebens voll,
Seit ich liebe? warum achtetet ihr mich mehr,
Da ich stolzer und wilder,
Wortereicher und leerer war?

Ach! der Menge gefällt, was auf den Marktplaz taugt,
Und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen;
An das Göttliche glauben
Die allein, die es selber sind.

Friedrich Hölderlin (1770-1843)

Chris
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Lieblingsgedichte @ Lebensweisheiten

Beitrag von Chris » 13. Juni 2010 18:59

Mir ist eine schöne Lebensweisheit begegnet:
" Wie verwirrt, verunsichert oder ambivalent wir in der Interaktion mit anderen auch sein mögen,
wir können nie ganz die innere Stimme zum Verstummen bringen, die uns unfehlbar die Wahrheit sagt.
Vielleicht gefällt uns die Wahrheit nicht und oft nehmen wir sie nur unbewusst als leises Flüstern war,
aber wenn wir innehalten und auf sie hören, weist sie uns den Weg zu Weisheit, Gesundheit und Klarheit.
Diese Stimme ist der Schutzengel unserer Integrität.
§prost

(Susan Forward)
Jährlich näher an völliger Symptomfreiheit

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Re: Lieblingsgedichte

Beitrag von Torsten » 19. März 2011 19:18

Aus aktuellem Anlass ein paar japanische Gedichte (klassische Haiku, nachgedichtet von Dietrich Krusche):

Ich hab den Boten
unterwegs getroffen, öffne den Brief --
der Frühlingswind!
(Kito)

Der Schnee ist geschmolzen:
das Dorf läuft über
von Kindern.
(Issa)

Die Katze hat geschlafen:
Sie streckt sich, gähnt und geht
auf Liebe aus.
(Issa)

Der große Buddha,
er döst und döst
den ganzen Frühlingstag!
(Shiki)

Im Frühlingsregen
gähnt sie lang und breit,
das schöne Mädchen.
(Issa)

Ein Licht
entzündet sich am andern
in der Frühlingnacht.
(Buson)
www.stottertheorie.de

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