Übersetzungsprinzipien, Übersetzung von "covert reactions"

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paul.dest
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Übersetzungsprinzipien, Übersetzung von "covert reactions"

Beitrag von paul.dest » 27. Januar 2015 23:59

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Deine Frage und Deine Ausführungen fußen auf mehreren Fehlannahmen:
  1. Der Originaltext enthalte eine unsinnige Formulierung: covert reactions

    Dem ist jedoch mitnichten so. Unsinnig ist nicht diese Formulierung, sondern ihre "Übersetzung" als verdeckte Reaktionen, weil verdeckte Reaktionen eben keine Übersetzung von covert reactions ist, sondern eine Unsinnig-Machung davon. Mit dem gleichen Erfolg könntest Du selbstbewusst für eine korrekte Übersetzung von self-conscious halten, weil ja wörtlich - in Wirklichkeit jedoch einfach nur falsch, weil nicht bedeutungserhaltend und sogar bedeutungsumkehrend!
    • Es ist auch nicht die Aufgabe des Übersetzers, darüber zu urteilen, ob der Autor etwas richtiges oder falsches gemeint hat. Seine Aufgabe ist es lediglich, das, was der Autor gemeint hat, zu übersetzen, i.e. dem anderssprachlichen Menschen verständlich zu machen. Zu urteilen, ob das, was der Autor gemeint hat, richtig oder falsch ist, ist dem Leser überlassen, nicht dem Übersetzer.

      Und so habe ich mit dem Ausdruck subjektive Reaktionen aus covert reactions nicht etwas gemacht, was nach meiner Auffassung "richtig wäre", sondern ich habe belassen, was es in seiner Bedeutung im Original ist; ich habe lediglich die Sprache gewechselt, ohne die vom Autor gemeinte Bedeutung des Ausdrucks zu verändern. Insbesondere habe ich dabei nichts korrigiert.
      • Wie ich schon schrieb, muss subjektive Reaktionen nicht die einzige korrekte Übersetzungsmöglichkeit sein. Und in der Tat sind mir zwischenzeitlich weitere (mehr oder weniger) bedeutungserhaltende Alternativen eingefallen: innere Reaktionen, psychische Reaktionen, emotionale Reaktionen.

        Wollte man covert nicht einwortig übersetzen (was den Stil brechen würde, aber besser bedeutungserhaltend wäre), könnte man covert reactions auch mit Reaktionen, die von außen nicht unmittelbar beobachtbar sind übersetzen.

        Verdeckte Reaktionen ist dagegen keine bedeutungserhaltende Alternative und somit auch keine korrekte Übersetzung.
        • Meine Deutung, was der Autor (Charles Van Riper) mit covert reactions gemeint hat, ist keineswegs selbständig, sondern gänzlich an den Erklärungen des Autors ausgerichtet. Charles Van Riper eröffnet das "phenomenology: covert reactions" betitelte Kapitel wie folgt:
          Charles Van Riper in The Nature Of Stuttering hat geschrieben:This chapter describes feelings, reactions, and attitudes of those who stutter. There is an immense array of these responses to the fear and experience of stuttering. Moreover, their precise definition and measurement would require an objectivity that is impossible because they are covert and hidden. Research deals with them obliquely since the the instruments for measuring emotional states are far from satisfactory.
          Es geht also um Gefühle und innere Einstellungen - das wird im Deutschen mit den Adjektiven emotional, psychisch oder innerlich wiedergegeben. Es geht um etwas, was Van Riper der Objektivität gegenüberstellt ("an objectity that is impossible") - das Gegenteil zu objektiv ist im Deutschen subjektiv oder inner(lich).
          • Es ist auch nicht so, dass Van Riper mit dem Ausdruck covert reactions für die von ihm gemeinte Bedeutung aus dem Rahmen fällt und ich dieses Aus-dem-Rahmen-Fallen durch meine Übersetzung eliminieren würde. Die im obigen Punkt beschriebene Bedeutung von covert reactions ist eine für die englische Sprache übliche Bedeutung dieses Ausdrucks. Und genau deswegen ist covert an dieser Stelle nicht mit verdeckt zu übersetzen.

            Durchsucht man die einschlägige Fachliteratur nach dem Ausdruck covert reactions findet man sogar oft die Ausdrücke internal or covert reactions, implicit or covert reactions und sogar subjective covert reactions.

            Auch findet man oft genug explizite Klarstellungen davon, was covert in dem Ausdruck covert reactions meint.

            Zum Beispiel bei Paul Fogle in "Essentials of Communication Sciences and Disorders":
            Von diesem Beispiel ausgehend könnte man covert reactions also mit emotionale und kognitive Reaktionen übersetzen.

            Oder aber bei Jerry S. Wiggins in "Paradigms of Personality Assessment":
            Jerry S. Wiggins hat geschrieben:Respondents were asked to imagine themselves in the company of each of these characters and to record their covert reactions using the stem "He makes me feel ...".
            Von diesem Beispiel ausgehend könnte man covert reactions übersetzen als
            Womit sich der Satz "Es veranlasst mich dazu, folgendes zu fühlen: ..." vervollständigen lässt
            • covert reactions ist weder ein Ausdruck, der auf Joseph Sheehan zurückgeht, noch ist der Ausdruck stotterspezifisch. Der Ausdruck hatte sich etabliert, da ging der zukünftige Professor Sheehan noch aufrecht unter dem Esstisch spazieren, ohne sich den Kopf an der Tischplatte anzustoßen. Auch ist der Ausdruck keinesfalls veraltet. Das Recherchieren überlasse ich Dir.
              • innere Reaktionen oder innere Symptome ist die übliche Übersetzung von covert reactions ins Deutsche.
                Siehe diese Google-Suche und ihre Ergebnisse.
              ...

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              Re: Übersetzungsprinzipien, Übersetzung von "covert reaction

              Beitrag von PetraS » 28. Januar 2015 20:19

              Lieber Andreas und lieber Paul,
              an der Stelle mit den covert/overt reactions bzw. behaviour möchte ich mich doch noch mal zu Worte melden, weil ich hier nicht mehr ganz folgen kann.
              Als Basis für mein derzeitiges Verständnis der Begriffe sehe ich den von Andreas verlinkten Artikel, den ich sehr beeindruckend fand, zumal er vollkommen in den Stotterkontext passt.
              Damit wären wir aber wieder bei der Übersetzung.
              Nun beschreiben sowohl Andreas, als auch Paul ihre Prinzipien, nach denen sie einen Begriff übersetzen und beiden ist zu bescheinigen, dass sie wissen, wovon sie reden. So oder so ähnlich habe ich es seinerzeit gelernt und das sind auch genau die Prinzipien, nach denen wir unsere Nachwuchsübersetzer in der staatlichen Prüfung befragen. Etwas Streit um diese oder jene Übersetzung hat es schon immer gegeben und wird es immer geben.

              Wenn ich in meiner beruflichen Arbeit als Übersetzerin tätig bin, dann ist ein Wörterbuch die letzte Quelle, die ich konsultiere. Voraussetzung natürlich ist, in beiden Sprachen exzellentes Wissen zu haben.
              1.) Ich vergewissere mich, den Ausgangstext richtig verstanden zu haben (setzt Fachwissen voraus)
              2.) Ich übersetze den Text in der von mir gedachten Weise (dem Fachgebiet adäquat)
              3.) Ich suche im Internet nach (verlässlichen) Referenzen, die die von mir angedachte Formulierung bestätigen
              4.) Ich übersetze so, dass ich jederzeit die "Richtigkeit und Vollständigkeit" bescheinigen kann, das schließt auch Nuancen und Kleinigkeiten mit ein
              5.) Ich setze entsprechende Fußnoten, wenn Erklärungsbedarf besteht oder ein Begriff in einer Sprache nicht etabliert ist (kommt bei Englisch Deutsch sicher nicht so oft vor, dafür aber jede Menge falsche Freunde)

              Für mich ist bei der Wahl eines Begriffs entscheidend, dass der Begriff beim Leser in der Zielsprache dieselben Assoziationen hervorruft, wie sie bereits beim Leser in der Ausgangssprache hervorgerufen wurden.
              Als kompetente Sprecherin des Deutschen (für die ich mich halte) möchte ich mal ausformulieren, welche Assoziationen bei mir im Stotterkontext bei den möglichen Übersetzungen "verdeckte Reaktionen" und "subjektive Reaktionen" ausgelöst werden.

              Verdeckte Reaktionen: Reaktionen, die nicht sichtbar oder hörbar sind; Reaktionen, die ein Sprecher mitbringt, die ihm jedoch selbst womöglich gar nicht bewusst sind; die sich ggf. so automatisiert haben, dass sie vom Therapeuten UND vom Stotterer erst einmal erkannt und aufgedeckt werden müssen, um sich ihrer bewusst zu werden. Gegensatz: offen(sichtlich)

              Subjektive Reaktionen: Reaktionen, die nicht objektiv (von außen) erkennbar sind, dem Subjekt (Sprecher) aber sehr wohl bekannt sein dürften, die er womöglich bewusst einsetzt, um etwas zu vertuschen. Subjektiv hat ferner die Konnotation, dass sie individuell einzigartig sein können. Gegensatz: objektiv

              Dies sind nun nur meine subjektiven :D Assoziationen, damit meine ich das, was mir ohne Konsultation eines Wörterbuches sofort in den Sinn kommt.
              Der entscheidende Unterschied ist meines Erachtens, dass der Begriff "verdeckt" für mich etwas gänzlich Unbekanntes, Verstecktes darstellt, während der Begriff "subjektiv" die Wahrscheinlichkeit nahelegt, dass zumindest der Person selbst (dem Subjekt) die Reaktion bekannt sein dürfte.

              Welche der beiden Bedeutungen ist denn nun die, die im Ausgangstext gemeint und damit auch bei der Übersetzung assoziiert werden sollte?
              Englisch ist nicht meine Arbeitssprache, darum lass ich mich gerne von Leuten belehren, die es besser wissen!

              Im Grunde genommen kann ja beides möglich sein. Ich jedenfalls entdecke heute noch immer wieder verdeckte Verhaltensweisen, also subjektive Reaktionen, zu denen ich durch mein Stottern getrieben wurde und derer ich mir selbst nie bewusst war.
              Also bitte, erklärt es mir!
              Gruß
              Petra

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