Ist in-vivo-Arbeit immer auch gleich Desensibilisierungsarbeit?

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PetraS
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Ist in-vivo-Arbeit immer auch gleich Desensibilisierungsarbeit?

Beitrag von PetraS » 14. April 2017 14:22

Hallo an alle Therapieerfahrenen,
mich treibt seit einiger Zeit die Frage um, ob man eigentlich jede in-vivo-Arbeit auch als Teil der Desensibilisierungsarbeit betrachten kann, oder gehört zur Desensibilisierung immer auch zwangsläufig das Pseudo-Stottern?

Mir kam der Gedanke, weil z.B. die Kasseler Stottertherapie den Baustein "Desensibilisierung" ja nicht zu seinem Konzept zählt, das Ziel ist ein flüssiges (gebundenes) Sprechen (mit weichem Stimmeinsatz), ohne sich MIT DEM Stottern zu präsentieren. Dennoch wird viel in-vivo-Arbeit gemacht.

Vielleicht kann sich ja jemand äußern, der beide Therapien, Van Riper (MIT expliziter Desensibilisierung) und Kassel (ohne Desensibilisierung aber mit in-vivo-Übungen) durchlaufen hat.
Würde mich ernsthaft interessieren.
Petra

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Re: Ist in-vivo-Arbeit immer auch gleich Desensibilisierungsarbeit?

Beitrag von Nina 1999 » 16. April 2017 11:20

Hallo Petra.

Bei einer Therapie nach Van Riper gehört die In-Vivo-Arbeit zu einem wesentlichen Bestandteil. Die erlernten Desensibilisierungs- und Sprechtechniken (Pseudostottern und das Preparatory-Set) werden mit Hilfe des Therapeuten in der Öffentlichkeit trainiert, um so einen Transfer in den Alltag der Betroffenen zu erleichtern.

Ich glaube, das In-Vivo-Training kann man schon als eine Art "Desensibilisierungsarbeit" bezeichnen. Die Desensibilisierung beinhaltet die Absicht, die Stärke der begleitenden emotionalen Erregung (beim Auftreten von Stottern) weitgehend zu reduzieren (beispielsweise, wenn man in der Bäckerei mit Pseudostottern etwas bestellt). Dadurch wird es dem Patienten möglich, neue Mittel und Wege zu erlernen, mit dem Stottern umzugehen.

Ob es zwangsläufig das Pseudostottern ist, kann ich leider nicht beantworten - nur berichten, welche Erfahrungen ich bisher damit gemacht habe:

Meine Therapeutin arbeitet sowohl mit In-Vivo-Übungen, als auch mit dem Einsatz des Pseudostotterns am Sprechen. Meist benutzen wir das absichtliche Stottern bei Realsituationen - um die Angst vor einem Stotterereignis weiter abzubauen.

Wie es bei der Kasseler Therapie abläuft, weiß ich nicht. Jeder Therapieansatz hat seine individuellen Schwerpunkte. So ist das Fluency-Shaping auch kein Teil der Therapie nach Van Riper bzw. des Non-Avoidance-Ansatzes (= Nicht-Vermeidungs-Ansatz).

Nachfolgend eine kurze Erläuterung beider Behandlungsmöglichkeiten:

Beim Fluency-Shaping wird die Sprechweise grundlegend verändert. Ähnlich, wie beim Singen im Chor, soll Stottern dabei erst gar nicht auftreten. Das kann mit einem weichen Stimmeinsatz - am Anfang des Wortes - oder mit dem gezielten Dehnen von Vokalen erreicht werden.

Ziel der Stottermodifikation (auch "Blocklösetechnik" oder "Dysfluency-Shaping" genannt) ist die Veränderung der eigenen Reaktion beim Auftreten von Sprechunflüssigkeiten. Der Patient lernt, in sein Stottern einzugreifen - er lernt, eine akute Situation, in der Stottern bei ihm auftreten kann, frühzeitig zu erkennen und abzuwenden oder sie mit HIlfe von speziellen Techniken (z. B. dem Preparatory-Set) zu mildern. Statt unwillkürlich und unvermeidbar zu sein, wird Stottern somit beherrschbar und weniger angstbesetzt.

... entschuldigung, für die kleine Abschweifung vom eigentlichen Thema... :sry: :grinundwe:

Schöne Ostern wünscht

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Re: Ist in-vivo-Arbeit immer auch gleich Desensibilisierungsarbeit?

Beitrag von julius » 16. April 2017 18:04

Interessante Frage! ich hatte unter D(esensibilisierung) in der Stottertherapie immer absichtliches/kontrollierteres Stottern in zunehmend "schwierigeren" Situationen verstanden, aber mir nie Gedanken darüber gemacht, worauf sie die D genau bezieht. Ich sehe es wie Nina, dass es v.a. um assoziierte (negative) Emotionen geht, z.B. Schamgefühl oder Angst vor (vermuteten/gefürchteten) Reaktionen. Es geht darum, diesen Gefühlen weniger ausgeliefert zu sein, was erst einmal unabhängig vom Auslöser ist. Wenn die Therapie darauf abzielt, eine neue - möglicherweise künstlich klingende - Sprechweise zu erlernen, beinhaltet das In-Vivo-Training in jedem Fall auch D, ob das nun explizit gemacht wird oder nicht (ich denke, es ist hilfreich, das explizit zu machen).

Ich denke, dass jede Therapie, die nicht die vollständige Beseitigung des Stotterns zu Ziel hat (in meinen Augen also: jede seriöse Therapie!), den Teilenehmer/inne/n helfen sollte, auch gegenüber Stotterereignissen "unempfindlicher" (d.h. weniger emotional ausgeliefert) zu sein. Mir erscheint dabei der Einsatz von absichtlichem Stottern als sehr sinnvoll, aber vielleicht haben sich auch andere Ansätze bewährt? Z.B. indem man bewusst versucht, spontan auftretendes Stottern zuzulassen (nicht zu vermeiden). Das ist dann kein absichtliches Stottern, aber es hätte trotzdem einen D-Effekt. VIelleicht ist das sogar noch wirkungsvoller, weil absichtliches Stottern möglicherweise gar nicht so viel mit echtem Stottern zu tun hat.

Fände es spannend, mehr Erfahrungen, gerne auch von den Stottertherapeut/inn/en hier, zu hören!

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Re: Ist in-vivo-Arbeit immer auch gleich Desensibilisierungsarbeit?

Beitrag von Nina 1999 » 17. April 2017 14:31

Hallo julius.

Du schreibst, dass jede gute Therapie seriös ist und eine nicht vollständige Heilung möglich ist.

Ich bin derselben Meinung. Bei Kindern bzw. Jugendlichen sind die Chancen, dass Stottern vollständig behoben werden kann, etwas besser, als bei Erwachsenen. Unseriöse Therapien versprechen eine schnelle und dauerhafte Heilung des Patienten - auch bei Erwachsenen.

Eine seriöse Therapie wirbt mit einer Linderung der Symptomatik, indem man lernt, das "Problem" nicht (mehr) als solches wahrzunehmen, sondern möglichst locker damit umzugehen. Dieser Prozess braucht viel Zeit, aber vor allem Mut...

Weiter schreibst Du, dass eine gute Therapie den Teilnehmer/innen helfen sollte, gegenüber Stotterereignissen "unempfindlicher" zu werden. ... und dass Dir der Einsatz des sogenannten "Pseudostotterns" als sehr sinnvoll erscheint. Auch da schließe ich mich Dir gerne an. Anfangs kostet es zwar jede Menge Mut, der Verkäuferin (z. B. beim Bäcker) in die Augen zu schauen und ganz bewusst (!) zu sagen "Hallo. Ich mö-möchte ge-gerne eine Lau-Laugenstange kaufen."

Man denkt, dass sein Gegenüber vielleicht negativ auf das Stottern reagieren könnte. Da kann ich Dich beruhigen. Keine Verkäuferin reagierte jemals merkwürdig - weder bei meiner Logopädin, noch bei mir.

Es kann sein - wenn man im Satz häufig stottern möchte - dass eventuelle Fragen (ob man das Gesprochene noch einmal wiederholt) auftauchen. Aber, das passiert bei Nicht-stotternden auch - alles halb so wild... :)

Du berichtest auch von anderen Ansätzen - z. B. indem man versucht, die echten Symptome zuzulassen und nicht "angenehmer" zu machen (siehe Vermeideverhalten und/oder Pseudostottern). Das ist ein Interessantes Thema. Warum hat Van Riper das Pseudostottern als Desensibilisierung gewählt und nicht den Stotternden (vorerst) in seinem alten Muster belassen? Vielleicht, weil das Stottern durch das lockere Imitieren bewusst gesteuert werden kann und man dem "Kontrollverlust" nicht hilflos ausgeliefert ist?

Viele Grüße

Nina 1999
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Re: Ist in-vivo-Arbeit immer auch gleich Desensibilisierungsarbeit?

Beitrag von PetraS » 17. April 2017 17:18

Hallo Nina 1999, hallo Julius,

um sich der Dimension von Desensibilisierung in einer Stottertherapie bewusst zu werden, macht man am besten für sich folgenden Test. http://www.desensibilisierungsfragebogen-stottern.de
Dann weiß man auch gleich, was man noch für Defizite hat.
(Für mich persönlich war es z.B. der Aspekt Stottern bei näheren Angehörigen anzusprechen, aber genau das sieht man dann ja und kann es bearbeiten.)
Da sieht man dann auch, dass diese Ziele nicht alle ausschließlich mit Pseudo-Stottern erreicht werden können. Um z.B. mit meinem Arbeitgeber offen über mein Stottern zu reden, brauche ich nicht zu pseudo-stottern. Wäre natürlich wünschenswert, wenn ich dabei überhaupt stottere, weil die Erfahrung zeigt, dass einem niemand glaubt, dass man stottert, wenn man es - auch nur streckenweise - nicht tut.

Wir sehen daher, dass die Schnittstelle zwischen in-vivo-Arbeit und Desensibilisierung mittels Pseudostottern nur den Teil betrifft, wo ich unter Leute gehe. In einer Van-Riper-Therapie habe ich also die in-vivo-Arbeit (zum Bäcker/zur Apotheke gehen, Leute auf der Straße ansprechen, Interviews führen) als Mittel, mich zu desensibilisieren indem ich mich - salopp ausgedrückt - gegen mein Stottern abhärte.
Nina 1999 hat geschrieben:
16. April 2017 11:20
Wie es bei der Kasseler Therapie abläuft, weiß ich nicht. Jeder Therapieansatz hat seine individuellen Schwerpunkte. So ist das Fluency-Shaping auch kein Teil der Therapie nach Van Riper bzw. des Non-Avoidance-Ansatzes (= Nicht-Vermeidungs-Ansatz).
Die Kasseler Stottertherapie IST eine Fluency-Shaping-Therapie und steht an dieser Stelle auch nur beispielhaft für den Ansatz Fluency-Shaping.
Dennoch wird explizit nicht an den emotionalen Begleitaspekten des Stottern gearbeitet (bitte korrigiere mich jemand, wenn ich das falsch sehen sollte), der Patient wird allerdings
  • realistisch darüber beraten, dass Stottern im Erwachsenenalter nicht heilbar ist
  • darüber informiert, dass er MIT der erlernten Sprechtechnik flüssiges Sprechen erreichen kann
  • unter die Leute geschickt, wo er die Technik üben soll, Interviews führen kurzum: in-vivo-Arbeit machen soll
Und genau an dieser Stelle frage ich mich: Wenn die in-vivo-Arbeit lediglich das Ziel verfolgt, eine Sprechtechnik perfekt anzuwenden und somit Stottern (gewolltes oder ungewolltes) gar nicht zur Debatte steht, erreicht man dann damit vielleicht direkt oder indirekt eine Desensibilisierung oder vielleicht sogar das Gegenteil?
Frage 1:
Erreiche ich ggf. eine Desensibilisierung für mich gegen meine verfremdete Sprechweise (die ich ja zeigen soll), die dann zwar verfremdet, aber flüssig ist? Erreiche ich vielleicht eine Desensibilisierung gegen Situationen, die ich bislang vermieden habe (Leute ansprechen, Bestellungen aufgeben, telefonieren)?

Frage 2:
Erhöhe ich vielleicht sogar noch meinen Grad an Sensibilität gegenüber dem Stottern, weil das Therapiekonzept ja eben gerade NICHT-Stottern zum Ziel hat und das um den Preis, dass ich mich nicht mehr wie ich selber fühle. Ich bekomme also implizit die Botschaft ausgesprochen, Stottern sei etwas Schlechtes, das ich gegen diese verfremdete Sprechweise austausche, die wiederum gut ist, weil sie flüssig ist.

Man kann im Prinzip resümieren: Wenn in einer Van-Riper-Theraie von in-vivo-Arbeit die Rede ist, meint dies immer auch Desensibilisierung.
Wenn in einer ausschließlich auf dem Fluency-Shaping basierenden Therapie von in-vivo-Arbeit die Rede ist, meint dies nur das Üben der erlernten Techniken in "freier Wildbahn".
Kann dies jemand nachvollziehen bzw. entsprechende Erfahrungen einbringen (zu den aufgeführten Fragen)?
Petra

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Re: Ist in-vivo-Arbeit immer auch gleich Desensibilisierungsarbeit?

Beitrag von Nina 1999 » 19. April 2017 19:48

Hallo Petra.

Die Umfrage zur Desensibilisierung habe ich auch gemacht. Das Thema im Familien- und Verwandtenkreis anzusprechen, fällt mir schwer. Auf der Arbeit weiß es bis jetzt nur eine vertraute Kollegin - weder den anderen Mitarbeitern, noch meinem Vorgesetzten habe ich vom Stottern und der laufenden logopädischen Behandlung erzählt. Dazu fehlt mir einfach der Mut, obwohl sich durch die Therapie meine Sichtweise zum "Problem" verändert hat.

... was das klärende Gespräch mit Kollegen und dem Arbeitgeber angeht: natürlich wäre es wünschenswert - wie Du schon geschrieben hast - dass (wenn ich mein Stottern anspreche) auch Symptome auftreten. Du hast es auf den Punkt gebracht: wenn man selten - und "nur" in bestimmten Situationen - mit dem Sprachfehler kämpft, können es Außenstehende nur schwer glauben, dass dieser auch wirklich vorhanden ist. Durch die entstandene jahrelange Angst und das ständige Vermeiden entsteht ein Teufelskreis, der sich (leider) nicht von heute auf morgen auflösen lässt.

Meine Logopädin meint, dass mit Hilfe von In-Vivo-Situationen die Angst vor dem Stottern verschwindet. Ich habe zu ihr großes Vertrauen und möchte an der gewählten Therapiemethode keinesfalls zweifeln - zumal es mein sehnlichster Wunsch war, mich nach Van Riper therapieren zu lassen.

Petra, ich versuche, Deine beiden Fragen zu beantworten:
Frage 1:
Erreiche ich ggf. eine Desensibilisierung für mich gegen meine verfremdete Sprechweise (die ich ja zeigen soll), die dann zwar verfremdet, aber flüssig ist? Erreiche ich vielleicht eine Desensibilisierung gegen Situationen, die ich bislang vermieden habe (Leute ansprechen, Bestellungen aufgeben, telefonieren)?
Meine Frage an Dich: Was verstehst Du unter "verfremdeter Sprechweise?" Phasenweise das Pseuostottern anzuwenden oder dann doch eher bei "schwierigen" Wörtern auf das weiche Sprechen zurückzugreifen? Ziel ist, dass man mit weniger Angst und der offenen Symptomatik (Deine Beispiele wie) Leute ansprechen, Bestellungen aufgeben oder telefonieren kann.
Frage 2:
Erhöhe ich vielleicht sogar noch meinen Grad an Sensibilität gegenüber dem Stottern, weil das Therapiekonzept ja eben gerade NICHT-Stottern zum Ziel hat und das um den Preis, dass ich mich nicht mehr wie ich selber fühle. Ich bekomme also implizit die Botschaft ausgesprochen, Stottern sei etwas Schlechtes, das ich gegen diese verfremdete Sprechweise austausche, die wiederum gut ist, weil sie flüssig ist.
Das ist eine gute Frage, die Du mir und den anderen Forum-Mitgliedern stellst. Auch hier knüpft mein (weiter oben) Geschriebenes an. Durch die - im besten Fall wiederkehrenden Situationen in der Öffentlichkeit - und die Gewöhnung daran, ist die "fremde Sprechweise" vertraut. Ich glaube nicht, dass Van Riper die Botschaft vermitteln möchte, dass Stottern etwas Schlechtes sei - er versucht zu vermitteln, wie man OHNE vermeiden ein ziemlich flüssiges Stottern erlernen kann. Dabei spielt die Akzeptanz der Störung eine große Rolle.

Viele Grüße

Nina 1999
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Re: Ist in-vivo-Arbeit immer auch gleich Desensibilisierungsarbeit?

Beitrag von PetraS » 19. April 2017 20:33

Hallo Nina 1999,
offenbar hast du mich ein klein wenig missverstanden oder ich habe ich einfach undeutlich ausgedrückt.
Nina 1999 hat geschrieben:
19. April 2017 19:48
Meine Frage an Dich: Was verstehst Du unter "verfremdeter Sprechweise?" Phasenweise das Pseuostottern anzuwenden oder dann doch eher bei "schwierigen" Wörtern auf das weiche Sprechen zurückzugreifen?
Meine zwei Fragen zielten auf die Fluency-Shaping-Ansätze ab, nicht auf die Modifikation.
Mit verfremdeter Sprechweise meine ich das weiche, gebundene Sprechen, was zum Beispiel in Kassel erlernt wird. Dieses wird ja nicht nur beim Auftreten eines Symptoms eingesetzt, sondern quasi vorsorglich. Viele Stotternde fühlen sich damit allerdings nicht authentisch und meinen, "das bin doch nicht ich". Wobei es sicherlich eine individuelle Entscheidung ist, ob man sich diese Sprechweise zu eigen machen kann oder sich mit dem natürlichen Stottern eher authentisch fühlt.

Das Pseudostottern ist eben nicht unbedingt eine "verfremdete" Sprechweise, im Gegenteil, es kehrt das nach außen heraus, was man bisher immer versucht hat zu verbergen: die eigentliche Art, wie man sprechen würde, und man setzt sogar noch einen drauf und übertreibt es. Dabei gibt es natürlich ganz verschiedene Ansätze, entweder ein völlig übertriebenes aber flüssiges Pseudostottern, eine der eigenen Symptomatik ähnliche oder gleiche Art zu stottern etc. pp. Damit kann man sicherlich viel spielen. Und während das Pseudostottern für viele nur eine Phase innerhalb einer Therapie ist, durch die man nun mal "durch muss", behalten einige das flüssige Stottern lieber bei als die - vielleicht unauffälligeren - Modifikationstechniken wie Pull-out oder die sog. Stotterkontrolle (s. Bonn).
Nina 1999 hat geschrieben:
19. April 2017 19:48
Ich glaube nicht, dass Van Riper die Botschaft vermitteln möchte, dass Stottern etwas Schlechtes sei - er versucht zu vermitteln, wie man OHNE vermeiden ein ziemlich flüssiges Stottern erlernen kann. Dabei spielt die Akzeptanz der Störung eine große Rolle.
Nein, Van Riper vertritt auch so eine These nicht. Auch hier meinte ich den Ansatz Fluency Shaping. Denn durch das Ziel "flüssiges Sprechen" wird Stottern an sich implizit verteufelt. Ich desensibilisiere mich auch nicht gegen mein eigenes Stottern, das heißt ich konfrontiere mich gar nicht erst mit dem Stottern, sondern lerne gleich, wie ich NICHT stottern kann. Darum stellt sich mir die Frage, ob dies nicht ggf. die ohnehin schon vorhandene - aber unbehandelte - Sensibilität noch weiter erhöht. Und dann eben auch bei einem eventuellen - und häufig erlebten - Rückfall die Frustration noch größer ist.
Schönen Abend noch.
Petra

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Re: Ist in-vivo-Arbeit immer auch gleich Desensibilisierungsarbeit?

Beitrag von Nina 1999 » 22. April 2017 19:07

Hallo Petra,

ich glaube dass ich Dich etwas missverstanden habe...

Leider habe ich mit den Fluency-Shaping-Techniken (wie sie beispielsweise bei der Kasseler Stottertherapie angewendet werden) keine Erfahrung und kann daher nicht mitreden. Ich dachte eher an die Modifikationstherapie nach Van Riper.

Gruß

Nina 1999
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Re: Ist in-vivo-Arbeit immer auch gleich Desensibilisierungsarbeit?

Beitrag von PetraS » 23. April 2017 10:04

Hallo Nina 1999,
Nina 1999 hat geschrieben:
22. April 2017 19:07
Leider habe ich mit den Fluency-Shaping-Techniken (wie sie beispielsweise bei der Kasseler Stottertherapie angewendet werden) keine Erfahrung und kann daher nicht mitreden. Ich dachte eher an die Modifikationstherapie nach Van Riper.
Genau für die ist es ja eigentlich klar - in-vivo-Arbeit dient immer (oder nicht immer?) der Desensibilisierung. Also könnte man die beiden Begriffe fast synonym verwenden (?)

Ich danke dir dennoch für deine Ideen, weil ich es sehr schätze, dass du hier aus eigener Erfahrung berichtest. Du machst diese Therapie / hast sie gemacht, das macht deine Aussagen umso glaubwürdiger.
Ich habe immer nur Selbst-Therapie gemacht, wohl wissend, worauf die gängigen Therapien fokussiert sind. Das heißt ich weiß, dass das, was ich gemacht habe, immer eher Van Riper war als irgendeine verflüssigende Sprechtechnik, die man vorsorglich anwendet.

Wie gesagt, jede Methode hat ihre Daseinsberechtigung. Und jeder Jeck ist anders, wie es bei uns hier in Köln immer so schön heißt. Darum möchte ich keine Methode über die andere stellen, solange es Menschen gibt, die damit glücklich sind.
Dennoch bleiben meine beiden oben gestellten Fragen weitestgehend unbeantwortet. Schade.
Schönen Sonntag!
Petra

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Re: Ist in-vivo-Arbeit immer auch gleich Desensibilisierungsarbeit?

Beitrag von Torsten » 23. April 2017 11:09

Hallo,
PetraS hat geschrieben:
14. April 2017 14:22
...mich treibt seit einiger Zeit die Frage um, ob man eigentlich jede in-vivo-Arbeit auch als Teil der Desensibilisierungsarbeit betrachten kann, oder gehört zur Desensibilisierung immer auch zwangsläufig das Pseudo-Stottern?
Wie der Name schon sagt, hat „Desensibilisierung“ das Ziel, die Sensibilität (Empfindlichkeit) für das Stottern herabzusetzen – also die Angst oder Aufregung wegen der Symptome als auch wegen der Reaktion von Zuhörern. „In-Vivo-Arbeit“ hingegen bedeutet einfach, dass man etwas im Leben, im Alltag übt. Begrifflich sind Desensibilisierung und In-Vivo-Arbeit also zwei verschiedene Sachen.

In-Vivo-Arbeit ist Bestandteil der meisten Stottertherapien, aber das Ziel der In-Vivo-Arbeit hängt vom jeweiligen Therapiekonzept ab. In der Kasseler Stottertherapie geht es hauptsächlich darum, die Sprechtechnik – nachdem sie in geschützter Umgebung gründlich erlernt worden ist – in Alltags-Situationen zu üben – es soll dabei also idealerweise kein Stottern auftreten.

In der Van-Riper-Therapie dagegen wird In-Vivo-Arbeit (auch) vor dem Erlernen von Techniken eingesetzt, mit dem Ziel, das eigene Stottern besser zu akzeptieren und gelassener damit (und den Reaktionen von Zuhörern) umzugehen. Hier soll also Stottern auftreten, und Desensibilisierung ist der einzige Zweck. Dabei kann auch Pseudostottern eingesetzt werde – muss aber nicht, wenn genug echtes Stottern auftritt.

Mit dem Pseudostottern soll noch etwas anderes erreicht werden: Man will den Betroffenen durch das absichtliche Stottern ein Gefühl der Kontrolle über das Stottern vermitteln, um dem Erlebnis des Kontrollverlustes beim echten Stottern entgegenzuwirken.

Gruß, Torsten
www.stottertheorie.de

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Re: Ist in-vivo-Arbeit immer auch gleich Desensibilisierungsarbeit?

Beitrag von PetraS » 23. April 2017 18:28

Hallo Torsten,
Torsten hat geschrieben:
23. April 2017 11:09
„In-Vivo-Arbeit“ hingegen bedeutet einfach, dass man etwas im Leben, im Alltag übt. Begrifflich sind Desensibilisierung und In-Vivo-Arbeit also zwei verschiedene Sachen.

In-Vivo-Arbeit ist Bestandteil der meisten Stottertherapien, aber das Ziel der In-Vivo-Arbeit hängt vom jeweiligen Therapiekonzept ab. In der Kasseler Stottertherapie geht es hauptsächlich darum, die Sprechtechnik – nachdem sie in geschützter Umgebung gründlich erlernt worden ist – in Alltags-Situationen zu üben – es soll dabei also idealerweise kein Stottern auftreten.

In der Van-Riper-Therapie dagegen wird In-Vivo-Arbeit (auch) vor dem Erlernen von Techniken eingesetzt, mit dem Ziel, das eigene Stottern besser zu akzeptieren und gelassener damit (und den Reaktionen von Zuhörern) umzugehen. Hier soll also Stottern auftreten, und Desensibilisierung ist der einzige Zweck. Dabei kann auch Pseudostottern eingesetzt werde – muss aber nicht, wenn genug echtes Stottern auftritt.

Mit dem Pseudostottern soll noch etwas anderes erreicht werden: Man will den Betroffenen durch das absichtliche Stottern ein Gefühl der Kontrolle über das Stottern vermitteln, um dem Erlebnis des Kontrollverlustes beim echten Stottern entgegenzuwirken.
Du hast die Sache noch einmal sehr gut zusammengefasst. Und zwar die technische Dimension, die ich ganz genauso sehe.

Was mich aber interessiert, ist die tatsächliche emotionale Dimension.
Also: in der Van-Riper-Therapie sind in-vivo-Training UND Desensibilisierung nach meinem Verständnis untrennbar miteinander verbunden. Ich gehe in die große weite Welt hinaus, konfrontiere mich mit meinem Stottern (echt oder gekünstelt) und lerne, all die Dinge zu ertragen, die ich vorher unerträglich fand. Damit härte ich mich gegenüber meinem Stottern ab. Erst hinterher erlerne ich Techniken, um mich elegant aus einem Block herauszuziehen.

Mich interessiert aber die emotionale Dimension von in-vivo-Arbeit, die nicht unter dem Stern der gewollten Desensibilisierung (durch gewolltes Stottern) steht. Also:
  1. Ist Desensibilisierung vielleicht ein Nebeneffekt, der - auch ohne explizit angestrebt zu sein - als Nebenwirkung auftritt, wenn ich mit einer erlernten Sprechtechnik, die darauf abzielt, gerade KEIN Stottern auftreten zu lassen (aber halt verfremdet klingt) von selbst entsteht?
  2. Oder ist es genau umgekehrt, dass in-vivo-Arbeit mit einer Sprechtechnik, die KEIN Stottern beinhaltet, die Sensibilität gegen das Stottern nur noch weiter steigert, weil das angestrebte Ziel ja stotterfreies Sprechen ist, was sicher nicht immer gelingen wird.
Es geht mir hier wirklich um ein Detail, das am besten jemand kennen wird, der diesen Prozess durchgemacht hat.
Und ist es vielleicht gerade der Dreh- und Angelpunkt, warum viele Stotternde, die eine auf Nicht-Stottern abzielende Therapie durchlaufen haben, so häufig berichten, sie fühlten sich NACH der Therapie, nämlich beim Wiederauftreten alter Symptome, schlechter als VOR der Therapie.
Petra

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Re: Ist in-vivo-Arbeit immer auch gleich Desensibilisierungsarbeit?

Beitrag von Torsten » 23. April 2017 21:23

Hallo Petra,
PetraS hat geschrieben:
23. April 2017 18:28
Also: in der Van-Riper-Therapie sind in-vivo-Training UND Desensibilisierung nach meinem Verständnis untrennbar miteinander verbunden. Ich gehe in die große weite Welt hinaus, konfrontiere mich mit meinem Stottern (echt oder gekünstelt) und lerne, all die Dinge zu ertragen, die ich vorher unerträglich fand. Damit härte ich mich gegenüber meinem Stottern ab. Erst hinterher erlerne ich Techniken, um mich elegant aus einem Block herauszuziehen.
Ja. Aber auch nach dem Erlernen von Modifikations-Techniken ist In-Vivo-Arbeit möglich – die dann nicht mehr vorrangig der Desensibilisierung dient, sondern dem Üben der Techniken im alltäglichen Sprechsituationen.
PetraS hat geschrieben:
23. April 2017 18:28
Mich interessiert aber die emotionale Dimension von in-vivo-Arbeit, die nicht unter dem Stern der gewollten Desensibilisierung (durch gewolltes Stottern) steht. Also: Ist Desensibilisierung vielleicht ein Nebeneffekt, der - auch ohne explizit angestrebt zu sein - als Nebenwirkung auftritt, wenn ich mit einer erlernten Sprechtechnik, die darauf abzielt, gerade KEIN Stottern auftreten zu lassen (aber halt verfremdet klingt) von selbst entsteht?
Wenn du in vivo eine Sprechtechnik übst, die komisch klingt und die dir peinlich ist, dann hat das Anwenden dieser Technik im Alltag auch einen Desensibilisieungs-Effekt: Man gewöhnt sich daran, dass das eigene Sprechen etwas sonderbar klingt, und man macht die Erfahrung, dass die Zuhörer das tolerieren. Das wäre dann aber keine Desensibilisierung gegenüber dem Stottern, sondern gegenüber der Sprechtechnik.
PetraS hat geschrieben:
23. April 2017 18:28
[*]Oder ist es genau umgekehrt, dass in-vivo-Arbeit mit einer Sprechtechnik, die KEIN Stottern beinhaltet, die Sensibilität gegen das Stottern nur noch weiter steigert, weil das angestrebte Ziel ja stotterfreies Sprechen ist, was sicher nicht immer gelingen wird.
Man kann das nicht ausschließen, aber ich halte diese Gefahr für gering. Wenn man mit einer Sprechtechnik nicht erfolgreich ist, dann wird man eher Enttäuschung über die Technik empfinden.
PetraS hat geschrieben:
23. April 2017 18:28
Und ist es vielleicht gerade der Dreh- und Angelpunkt, warum viele Stotternde, die eine auf Nicht-Stottern abzielende Therapie durchlaufen haben, so häufig berichten, sie fühlten sich NACH der Therapie, nämlich beim Wiederauftreten alter Symptome, schlechter als VOR der Therapie.
Ja, natürlich, man empfindet Enttäuschung hinsichtlich der Therapie, fühlt sich vielleicht auch als Versager. Aber das muss nicht bedeuten, dass man sensibler gegenüber dem eigenen Stottern – den Symptomen – ist als vor der Therapie – dass man sich also mehr als vor der Therapie darüber ärgert, aufregt, sich davor fürchtet oder sich deswegen schämt.

Torsten
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Re: Ist in-vivo-Arbeit immer auch gleich Desensibilisierungsarbeit?

Beitrag von Nina 1999 » 24. April 2017 08:31

Hallo Petra, hallo Torsten,

ich habe zu Beginn erstmal eine Frage, die sich nicht mit dem Thema "Stottern" beschäftigt: Wie kann ich in meinen Antworten das Geschriebene von Mitgliedern zitieren (etwa, wie Petra und Du es gemacht haben)? Oben, in der Bearbeitungsleiste meiner Nachricht, habe ich vor Längerem schon die vierte Funktion von links - die Anführungszeichen - ausprobiert. Leider kam ich dabei nicht zu meinem gewünschten Ergebnis. Danke, für Deine/Eure Hilfe.

Nach der technischen Frage komme ich jetzt zum Stottern:

Petra, Du meinst, dass Desensibilisierungsphase und In-Vivo-Arbeit bei der Therapie nach Van Riper unmittelbar miteinander verbunden sind. Thorsten, ich sehe es genauso wie Du: meine Logopädin lehrte mir zuerst die Modifikationstechnik bzw. das weiche Sprechen (oder wie es Therapeuten nennen) das Preparatory-Set auf verschiedenen sprachlichen Ebenen, bevor sie mit dem Anwenden in Realsituationen begonnen hat.

Viele Grüße

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PetraS
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Re: Ist in-vivo-Arbeit immer auch gleich Desensibilisierungsarbeit?

Beitrag von PetraS » 24. April 2017 09:57

Hallo Nina 1999,
deine erste Frage beantworte ich dir hier: viewtopic.php?f=5&t=4510
Nina 1999 hat geschrieben:
24. April 2017 08:31
Petra, Du meinst, dass Desensibilisierungsphase und In-Vivo-Arbeit bei der Therapie nach Van Riper unmittelbar miteinander verbunden sind. Thorsten, ich sehe es genauso wie Du: meine Logopädin lehrte mir zuerst die Modifikationstechnik bzw. das weiche Sprechen (oder wie es Therapeuten nennen) das Preparatory-Set auf verschiedenen sprachlichen Ebenen, bevor sie mit dem Anwenden in Realsituationen begonnen hat.
Die Diskussion kam auf, als ich mich neulich mit einer Logopädin, die nach Van Riper arbeitet, darüber unterhielt, wie ich Leuten gegenüber, die sich NICHT auskennen, das reine in-vivo-Training inhaltlich von Desensibilisierungsarbeit abgrenzen kann.
Sie stutzte eine Weile und sagte dann, das sei eine gute Frage, weil bei ihr beides so eng miteinander verbunden sei, dass man es kaum trennen könne.
Auf meinen Einwand, dass in Kassel ja in-vivo-Training gemacht werde, eine Desensibilisierung aber nicht auf der Agenda steht, war sie zunächst überfragt.
Darum habe ich die Frage in die Runde gestellt. (Dies nur zum Hintergrund, warum ich überhaupt frage).

Ich gebe ebenfalls Torsten recht, dass es auch noch in-vivo-Arbeit bei der Modifikationsphase gibt, und diese hat dann nicht mehr das primäre Ziel zu desensibilisieren, sondern die erlernten Modifikationstechniken anzuwenden.

Damit käme ich auf die klare Abgrenzung:
  • Desensibilisierungsarbeit beinhaltet IMMER das gewollte (echte oder imitierte) Stottern
  • Reine in-vivo-Arbeit ist lediglich Anwendung von geübten Techniken in Realsituationen
Dennoch gibt es sehr viele Schnittstellen, denke ich, wo beides untrennbar miteinander verknüpft ist.
Petra
Zuletzt geändert von Moderation am 25. April 2017 17:02, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Link aktualisiert

Nina 1999
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Re: Ist in-vivo-Arbeit immer auch gleich Desensibilisierungsarbeit?

Beitrag von Nina 1999 » 24. April 2017 18:38

Hallo Petra,

auch in diesem Beitrag möchte ich mich für Deine Hilfe bedanken. Nun versuche ich mich auch einmal...
PetraS hat geschrieben:
24. April 2017 09:57
Hallo Nina 1999,
deine erste Frage beantworte ich dir hier:viewtopic.php?f=5&t=4510

Damit käme ich auf die klare Abgrenzung:
  • Desensibilisierungsarbeit beinhaltet IMMER das gewollte (echte oder imitierte) Stottern
  • Reine in-vivo-Arbeit ist lediglich Anwendung von geübten Techniken in Realsituationen
Dennoch gibt es sehr viele Schnittstellen, denke ich, wo beides untrennbar miteinander verknüpft ist.
Petra
Auch ich verstehe unter Desensibilisierungsarbeit "echte" bzw. "imitierte" Symptome. Der Betroffene soll lernen, mit dem unterbrochenem Sprechen, ohne Angst- und Schamgefühle, zu leben und die Störung dadurch zu akzeptieren.

Bei In-Vivo-Situationen werden die Sprechtechniken geübt und der Transfer in den Alltag ermöglicht. Aber: das braucht Zeit...

Viele Grüße

Nina 1999
Jedes Problem durchläuft bis zu seiner Anerkennung drei Stufen:
In der ersten wird es lächerlich gemacht.
In der zweiten bekämpft,
in der dritten gilt es als selbstverständlich.
(Arthur Schopenhauer)

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