Berufswahl - Diskriminierung?

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A. Wimmer

Berufswahl - Diskriminierung?

Beitrag von A. Wimmer » 6. Februar 2012 16:07

Guten Tag,

ich habe beim Polizeipräsidium angefragt, ob sich mein stark stotternder Sohn für den Polizeidienst bewerben kann.

Folgende Antwort habe ich bekommen:

Sehr geehrte Frau Wimmer,

leider kann sich Ihr Sohn mit einer Sprachbehinderung nicht bei der bayer. Polizei bewerben. Dieser Beruf lebt von der Kommunikation mit dem Bürger. Deshalb wäre ein Beamter, welcher stark stottert, bei verbalen Auseinandersetzungen benachteiligt.

Mit freundlichen Grüßen

....
Jetzt frage ich mich, wo Diskriminierung anfängt. Und ob nicht jeder Beruf - oder gar das Leben - mehr oder weniger von der Kommunikation mit den Mitmenschen lebt....

Vielen Dank für einen Rat, wie ich mich weiter verhalten kann.

Bettina
Fachberatung der BVSS
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Re: Berufswahl - Diskriminierung?

Beitrag von Bettina » 7. Februar 2012 00:06

Guten Tag Frau Wimmer,

wir vom Fachberatungsteam haben Ihre Forumanfrage (die doppelt eingestellt wurde und da der Wortlaut der gleiche war, habe ich sie ein mal gelöscht) erhalten und werden uns in einigen Tagen mit einer Antwort hier im Forum melden.
Mit besten Grüßen,
Bettina

Bettina
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Re: Berufswahl - Diskriminierung?

Beitrag von Bettina » 9. Februar 2012 09:19

Sehr geehrte Frau Wimmer,

immer wieder beschäftigt sich die Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe (BVSS) mit dem Thema Stottern und Beruf. Immer wieder ist es auch Thema bei uns in der Fachberatung.
Unter Betroffenen und in Fachkreisen wird oft über die Berufsfindung und Berufsausübung mit der Sprechbehinderung Stottern diskutiert und nicht selten gehen Meinungen auch auseinander – z.B. dahingehend ob es angebrachter ist, sich gleich von vorneherein als stotternder Mensch zu „outen“ oder das Thema Stottern so lange nicht anzusprechen bis der Arbeitgeber es thematisiert.
Letztendlich denke ich: in dieser Frage gibt es den Königsweg nicht – jeder sollte sein Vorgehen von der individuellen Situation und von seinem Naturell abhängig machen. Sicherheit können Gespräche mit anderen Betroffenen, z.B. im Rahmen einer Selbsthilfegruppe, bringen.

Aber diese Zeilen sind nur als kleine Einführung gedacht – Ihr Anliegen ist ja etwas anders gelagert.
Es geht um die Wahl des Berufs – und Sie haben es treffend beschrieben: jeder Beruf - und somit natürlich auch das Leben – hängt von der Kommunikation mit den Mitmenschen ab.
Es gibt schlicht keinen Beruf mehr, bei dessen Ausübung man nicht zu sprechen braucht und in der Regel begrüßen wir es sehr, wenn sich junge Menschen in der Berufswahl wenig durch das Stottern beeinflussen lassen. Schauspieler zu werden wie der vom Stottern betroffene Bruce Willis? Warum nicht? Stotternde sprechen meist flüssig, wenn sie in andere Rollen schlüpfen. Sprachtherapeut sein obwohl man selbst unflüssig spricht? In Amerika und immer mehr in Europa schon nichts Besonderes mehr – denn von Stottern Betroffene können sich am besten in die Lage stotternder Menschen versetzen und leisten dadurch in der Therapie besondere Hilfe.

Im Grundgesetz steht, dass kein Mensch aufgrund seiner Behinderung benachteiligt werden darf und Sie haben durch den negativen Bescheid nun eine Art Benachteiligung erfahren.
Wir von der BVSS und der Fachberatung möchten an dieser Stelle klar ausdrücken, dass es wegen eines Stotterns keine Diskriminierung geben darf – aber wir wissen auch, dass es leider bestimmte Berufe gibt, in denen unflüssiges Sprechen oder Blockaden im schlimmsten Fall sehr unangenehme / gefährdende Auswirkungen auf stotternde und nicht-stotternde Menschen hätten. Dazu gehört auch der Polizeidienst.
Es gibt spezielle Arbeitsbereiche, die sich auch beim besten Willen und dem größten Wunsch nach null Diskriminierung nicht mit bestimmten Behinderungen in Einklang bringen lassen. So kann beispielsweise ein Blinder kein Busfahrer sein.
Aber auch nicht jeder „Gesunde“ wäre ein guter Busfahrer – aufgrund seiner Ausbildung und vor allem aufgrund seiner Talente / seines Charakters ist nicht jeder Arbeitssuchende für den Beruf eines Busfahrers geschaffen.

So viel zur jetzigen Situation – aber lassen Sie uns auch gemeinsam einen Blick in die kommende Zeit werfen, denn es geht ja um einen Beruf für Ihren Sohn.

Jedes Job-Center (Arbeitsamt) hat auch einen so genannten Integrationsfachdienst. Dort gibt es Ansprechpartner, die dafür Sorge tragen, dass Menschen mit Behinderungen in der Wahl ihres Berufes einen guten Weg gehen. Ihr Sohn kann sich auch an diesen Integrationsfachdienst wenden. Da nicht jeder Betreuer, der dort arbeitet, schon mal mit Stotternden zu tun hatte, ist es sinnvoll, Flyer und Broschüren der BVSS mitzubringen. So kann man gewährleisten, dass ein gemeinsamer Nenner bezüglich der neuesten Informationen rund ums Stottern besteht. Es wäre die Broschüre zu den am häufigsten gefragten Fragen (FAQ), der Flyer für jugendliche Stotternde, der Flyer für Lehrer (Abschlussklasse, Berufsschule!) und der Flyer zu Stottern und Arbeit. Der Link zur Bestellung ist www.bvss.de/infomaterial

Der BVSS ist kein Musterprozess bekannt, in dem ein Stotternder einen Ausbildungsplatz erklagt hat.

Des Weiteren gibt es noch die so genannte Antidiskriminierungsstelle ( www.antidiskriminierungsstelle.de ) des Bundes. Dort hin kann sich jeder wenden, der das Gefühl hat, in irgendeiner Weise diskriminiert zu werden.

Und zum Schluss noch etwas, was mir sehr am Herzen liegt. Ihr Sohn ist jetzt ein Jugendlicher auf dem Weg, erwachsen zu werden. Viel ist in dieser Zeit im Umbruch, die Jugendlichen haben recht viele „Baustellen“, an denen sie permanent arbeiten: Freunde, Clique, Schulabschluss, Zukunftsplanung, immer mehr Loslösung vom Elternhaus,....sehr viel gutes Entwicklungspotential! Das spreche ich deshalb an, weil das auch für das Stottern gilt: Stottern ist in jeder Phase eines Lebens veränderbar und auch verbesserbar! Wann immer man möchte, kann man daran arbeiten. Ich kenne viele Jugendliche, die in der Zeit des Heranwachsens immer mal wieder etwas gegen ihr Stottern (in Form von sinnvoller Therapie) getan haben – aber manchmal wollte der Plan eines bessern Sprechens nicht so richtig aufgehen, Rückfälle nervten und waren schwer auszuhalten, auch viele andere „Baustellen“ (siehe oben) wollten bearbeitet werden. Doch ich bin mir sicher, das ist ein Problem, das vorüber geht und dann ist die Kraft für einen Therapieerfolg eben später da, vielleicht mit 19 oder 20 oder 21 Jahren. Dann klappen die Sprechtechniken vielleicht besser, man organisiert sich in einer Selbsthilfegruppe, die Erfahrungen von unschätzbarem Wert ermöglichen und dann versucht man es mit dem Traumjob noch mal – und die Karten werden neu gemischt, die Chancen verbessert!

Mit der Hoffnung, dass wir Ihnen mit diesen Infos und Impulsen helfen konnten, verbleibe ich mit freundlichen Grüßen,

Bettina

P.S. Falls wir von der BVSS und der Fachberatung in nächster Zeit von weiteren Fakten erfahren, die in dieser Sache weiterhelfen könnten, werden wir uns erneut mit einer Forumantwort über dieses Forum bei Ihnen melden. Sie erkennen das, wenn in der Beratungsrubrik des Forums bei Ihrer Anfrage in der Spalte „Antworten“ eine „3“ oder „4“ steht.
Auch Sie können uns wieder kontakten. Am einfachsten geht das, wenn Sie eine erneute Anfrage ins Forum stellen.

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